ARCH+ 173

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Erschienen in ARCH+ 173,
Seite(n) 52-55

ARCH+ 173

Schneller Wohnen

Von ifau /  Beuermann, Karin /  Burandt, Mathis /  Heinemann, Christoph /  Heiss, Susanne /  Horst, Barbara /  Schmidt, Christoph /  Schultze, Simon-Martin /  Realarchitektur /  Casper, Jens /  Kreis, Bernadette /  List, Wolfgang /  Peterson, Petra /  Strickland, Andrew

Komfortabel und billig leben in der Stadt

Ein Wunsch kann sich erfüllen – billig und komfortabel leben, mitten in der Stadt: Bauen und Wohnen an privilegierten Orten, außergewöhnlich und luxuriös, in immer wieder neuen Situationen. Schneller Wohnen ist angewandter Lifestyle und erweitert das Spektrum der Einflußnahme auf den städtischen Alltag.

In der gegenwärtigen Produktion von Stadt erzeugen Rezession und Stagnation eine große Anzahl von ungenutzten und vorübergehend untergenutzten Flächen. Schneller Wohnen verwertet das Potential brachliegender innerstädtischer Grundstücke und erschließt diese als Alternative zum herkömmlichen Siedlungsangebot “vor der Stadt”.  

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Das Angebot an Flächen ist besonders in schrumpfenden Städten ausreichend vorhanden. Auch die Nachfrage ist da. Bisher scheiterte eine kostengünstige Nutzung innerstädtischer Flächen durch Wohnbebauungen niedriger Dichte jedoch an den an historischen Margen orientierten Spekulationswerten. Man hoffte weiterhin auf klassische Lösungen, Dichte, Dividende. So liegen Grundstücke in guten Lagen und in Erwartung gewinnbringender Investititionen auf Jahre hin brach. Die Besetzung vakanter Parzellen tut Not, da die Zersiedlung und Erosion der von Schrumpfungsprozessen betroffenen Städte durch immer neue Flächenausschreibungen im Umland weiter voranschreitet. Denn nur dort wird die eigentliche Nachfrage befriedigt. Die Auswirkungen sind stadträumlich, strukturell und sozial verheerend. Um zu neuen Lösungen zu gelangen, ist es notwendig, gerade in strukturschwachen Gebieten mehr Freiheiten zu gewähren, somit Angebot und Nachfrage abzugleichen und den Markt zu öffnen. Man braucht neue Deals, zumindest für eine Zwischenzeit.

Prototyp für ein „schnelles Wohnen“ Prototyp für ein „schnelles Wohnen“

Lifestyle

Die durch Schneller Wohnen angesprochene Nutzergruppe ist jung und urban, das heißt risikofreudig und mit begrenzten finanziellen Mitteln. Charakteristisch für den gegenwärtigen Lebensstil ist ein hohes Maß an Selbständigkeit und die Erfahrung mit räumlichen Umnutzungs- und Aneignungspraktiken. Das ideale Wohnen ist eine Verbindung aus Komfort und Unabhänigigkeit mitten in der Stadt. Auf leeren innerstädtischen Flächen kann das Verhältnis von Wohnund Außenraum neu definiert werden. Hier wird es möglich, spezifische Wohnvorstellungen einfach umzusetzen.

Der Prototyp kann umziehen: von Brache zu Brache, zum Ferienort, oder in eine andere Stadt, und kann der jeweiligen Situation angepaßt werden. Der Prototyp kann umziehen: von Brache zu Brache, zum Ferienort, oder in eine andere Stadt, und kann der jeweiligen Situation angepaßt werden.

Prototyp

Um diese Bedingungen und Potentiale von Schneller Wohnen direkt und konstruktiv in einen Planungsprozeß zu integrieren, werden lokale Akteure und zukünftige Projektpartner an einen Tisch gebracht: potentielle Nutzer, Grundstückseigentümer, Immobilienmakler, Vertreter der Stadt, der Wohnungsbaugenossenschaften und der Bauindustrie. In Planungs- und Entwurfswerkstätten werden spezifische Konditionen für die temporäre Besetzung von freien Grundstücken ausgehandelt. Interessenten wird hier die Möglichkeit gegeben, direkten Kontakt zu Entscheidungsträgern aufzunehmen und die offene Verhandlungssituation zu nutzen.

Unterschiedliche Orte und besondere Wünsche benötigen flexible, verhandelbare Strukturen. Unterschiedliche Orte und besondere Wünsche benötigen flexible, verhandelbare Strukturen.

Zur Besiedlung von Brachen propagiert Schneller Wohnen eine Architektur, die es ermöglicht, spezifische Wohnvorstellungen und größtmögliche Freiheiten vor Ort umzusetzen und auszuleben. Ein Modell, bestehend aus zwei zueinander kontrastierenden Raumideen, bildet den Ausgangspunkt: Das typische Wochenendhaus dient als Vorbild für eine minimierte Wohneinheit, die eine freie Besetzung und Einbindung des umgebenden Außenraumes erlaubt. Das Pendant dazu bildet die einfache Werkstatthalle, die als Hülle ein maximales Volumen umfaßt und so eine großzügige Ausnutzung des Innenraums ermöglicht. Beide Bautypen erfüllen den Wunsch, mit geringstem Aufwand eine komfortable Aneignung der zur Verfügung stehenden Fläche zu realisieren. Die Hülle wird zur Erweiterung des Kernhauses oder auch Wohn- und Arbeitsraum, der von mehreren Parteien genutzt werden kann. In gegenseitiger Ergänzung ergeben sich diverse Möglichkeiten, individuelle wie auch gemeinschaftliche Wohnformen zu etablieren, die den sozialen Komfort verbessern und die Finanzierung erleichtern.

In Zusammenarbeit mit einem Fertighaushersteller soll ein Prototyp entwickelt werden, dessen Komponenten einzeln verwendet oder auch mit vorfabrizierten Raummodulen anderer Hersteller kombiniert werden können. Kundenwünsche, Verhandlung und Entwurf von gemeinschaftlich genutzten Räumen sowie bauliche Vorgaben von Seiten der Stadt werden während der Entwurfswerkstatt aufgenommen und eingearbeitet. Das Modell wird personalisiert.

In der Zwischennutzung ergibt sich der Wert eines Grundstücks nicht aufgrund einer spekulativen Prognose, sondern aus dem unmittelbaren Gebrauch. Gebrauch ist der eigentliche Wert, von dem Nutzer und Eigentümer gleichermaßen profitieren. In diesem Zusammenhang wird Architektur zu einer direkten Sprache in Kohärenz zu real vorhandenem Anspruch.

173_052-055__05.gif von links nach rechts: privates Wohnen mit eigenem Garten; gemeinschaftliches Wohnen mit gemeinsamem Freiraum; privates Wohnen mit teilöffentlichem Bereich; gemeinschaftliches Wohnen mit großem, gemeinsamen Innenraum; privates Wohnen mit gemeinsamer Halle
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