ARCH+ 173

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Erschienen in ARCH+ 173,
Seite(n) 76-77

ARCH+ 173

Migrations

Von Hawley, Cathy /  Riches, Annalie /  Hawley, Patricia

Parallel zum sich verändernden globalen Gefüge menschlicher Ansiedlungen und Wanderungen existiert ein weiteres fragiles Netz von Migration. Scheinbar bleiben die durch menschliche Migrationen entstandenen Lücken im Stadtgefüge als verrottende Brachflächen ohne Obhut zurück – doch wenn die Menschen gegangen sind, zieht neues Leben ein und nimmt die Leerstellen in Beschlag.

Gegenwärtig konzentriert sich die Artenvielfalt im urbanen Raum auf verwahrloste Gebäude und Brachflächen. Selbst städtische Parks, die allgemein als Lebensräume wahrgenommen werden, weisen demgegenüber infolge städtischer Verordnungen relativ wenige Arten auf. Brachflächen sind eine wertvolle ökologische Ressource und so artenreich wie manche erstrangige Biotoplandschaften Großbritanniens, Heide- oder Dünenlandschaften etwa. Brachflächen sind die vielleicht einzigen wirklich “wilden” Stadträume, sie sind die Naturreservate, aus denen eines Tages eine lebendige Stadtlandschaft erwachsen könnte.

Manchester und Liverpool liegen an einem Knotenpunkt der Wanderbewegungen von Zugvögeln; Vögel, die den Sommer in der arktischen Tundra von Rußland, Grönland und Island verbringen, überwintern in diesen Städten. Sommergäste aus Afrika und Südeuropa suchen allherbstlich mildere Klimata auf. Zirkumpolare Langstreckenzieher wie der Steinschmätzer und die Küstenseeschwalbe legen hier einen Aufenthalt ein. Viele Arten nutzen das Mersey-Tal, das die beiden Städte verbindet, als visuelle Orientierungsmarke für ihre Flugrouten (darunter 10% der Weltpopulation der Kurzschnabelgänse). Von den 120 dargestellten Vogelarten, die in Manchester vorkommen, sind 70 Standvögel, 19 sind Sommergäste, 23 Wintergäste und 18 Durchzieher.

Die Ausweisung von Naturschutzgebieten erfolgt nach internationalen Standards in drei Phasen: Erstens: Ermittlung vorhandener artenreicher Gebiete und deren Unterschutzstellung als Naturreservate. Zweitens: Unterstützung und Ausbau des Reservats. Drittens: Einrichtung von Naturkorridoren zwischen den geschützten Gebieten.

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Dieses Konzept von Inseln und Korridoren ist als zukunftsweisendes Modell auch auf die Stadt übertragbar. Einzelne Brachflächen können quer durch Manchester und Liverpool miteinander verbunden und aufgrund der auf ihnen vorhandenen Bestände geschützt werden. Lineare Räume wie Strassenränder, Eisenbahntrassen, Flüsse und Kanäle lassen sich als Naturkorridore umdefinieren, die größere Gebiete miteinander verknüpfen, so daß ein mit der urbanen Lebenswelt koexistierendes Netz verwilderter Räume entsteht. Die Stadt Austin, Texas, hat sich zum Vogelschutzgebiet erklärt. Manchester und Liverpool wären dazu ebenfalls in der Lage.

Der Wert von brachliegendem Land wird für gewöhnlich unter finanziellem Gesichtspunkt diskutiert; oftmals erkennt man ihm dabei mangels aktueller Entwicklungsmöglichkeiten gar keinen Wert zu. Schlimmer noch: Kontaminiertes Gelände kann Haftungsansprüchen unterliegen und sein Besitz sich negativ auf die Bilanz auswirken. Unsere Entscheidung darüber, was wir wertschätzen, kann unsere Beschreibung und daher auch unsere Wahrnehmung derartiger Räume verändern. Vielleicht liegt die Zukunft der Stadt in den nebensächlichen Gegebenheiten seiner Gegenwart. Unsere Vorgehensweise, nicht Menschen, sondern Vögel zu zählen, kann vielleicht dabei helfen, ein neues Verständnis für den Schrumpfungsprozeß zu entwickeln.

Ist Sehen etwas Aktives oder Passives? Das Projekt Migrations konzentriert sich auf die erste Phase der Ausweisung von Naturschutzgebieten. Dabei verbindet es ein menschliches mit einem natürlichen Netzwerk und deutet an, daß eine solche Beziehung zu beiderseitigem Vorteil sein kann. Der Überalterungsprozeß der Bevölkerung, die über vermehrte Freizeit verfügt, hat dazu geführt, daß das Interesse an der Vogelbeobachtung explosionsartig angestiegen ist. Die Aktivitäten eines rührigen Netzwerks von Vogelbeobachtern, die in ihren Hintergärten auch selbst zum Erhalt urbanen Lebensraums für Wildtiere beitragen, ergänzen dabei die Vorhaben großer staatlicher Organisationen wie der Forestry Commission und der Newlands Initiative, die hohe Beträge in die Begrünung und Urbarmachung großer brachliegender Gebiete investieren.

Über ganz Manchester und Liverpool verteilt werden eine Reihe von Vogelkästen angebracht. Eingebaute Kameras machen das darin verborgene Leben sichtbar. In dem kleinen Kastenraum brodelt “wildes” Leben in Mitten der Stadt; eine Kamera blickt durch einen Wanderfalkenkasten auf die sich wandelnden Landschaften stillgelegter Industrien. Indem wir im Kontext einer Auseinandersetzung über urbanistische Fragen ein solches Detail sichtbar machen, möchten wir auch verdeutlichen, daß Großstrategien eng mit den kleinen Gegebenheiten des Lebens verknüpft sind und daß darin Werte und Potentiale verborgen liegen, die oftmals übersehen werden. Die urbane Landschaft der schrumpfenden oder vielleicht auch sich zersiedelnden Stadt kann sodann als ein neuer Typus von Lebensraum beschrieben werden, der gleichzeitig Vögel und andere Tiere wie auch Menschen beherbergt.

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