ARCH+ 134/135

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Erschienen in ARCH+ 134/135,
Seite(n) 14-16

ARCH+ 134/135

Editorial: Wohnen zur Disposition

Von Häußermann, Hartmut /  Krausse, Joachim /  Kuhnert, Nikolaus /  Schnell, Angelika

Hartmut Häußermann und Joachim Krausse im Gespräch mit Nikolaus Kuhnert und Angelika Schnell

ARCH+: Der funktionalistische Wohnungsgrundriß für die Kleinfamilie dominiert nach wie vor den Wohnungsbau. Als bevorzugtes Analyse- und Entwurfsinstrument erfaßt er aber nicht solche räumlichen und sozialen Veränderungen, die ihn grundsätzlich in Frage stellen. Deshalb sucht 'Wohnen zur Disposition' nach Perspektiven, die über den funktionalistischen Grundriß hinausgehen, und gruppiert sie um einen bereits 1978 im Englischen veröffentlichten Grundsatzartikel von Robin Evans (s.S. 85) zur Geschichte der modernen Distribution, die weniger eine Erfindung von Architekten als vielmehr der bürgerlichen Gesellschaß war. Die Erschließung der einzelnen Zimmer durch einen Korridor identifiziert er als ein Phänomen, das bereits aus dem 17. Jahrhundert datiert und das eine soziale Entsprechung hatte in der zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Privatperson das Privatzimmer hervorgebracht hat oder das Privatzimmer die Privatperson. Die dreidimensionale 'Matrix der miteinander verbundenen Räume' (jeder Raum hat mehr als eine Tür), die für die Renaissance noch typisch war, weicht dem zweidimensionalen Verkehrsdiagramm zugewiesener Funktionen. Evans plädiert deshalb für die Wiederaufnahme dessen, was der funktionalistische Grundriß zerstört hat, nämlich die Nähe und den Kontakt unter den Menschen.

Häußermann: Gegenüber dem architektonischen Zwang, sich gegenseitig kennenzulernen, bin ich hochgradig mißtrauisch. Es ist wirklich eine Errungenschaft der großstädtischen Zivilisation, daß man für sich bleiben kann, nicht beobachtet und kontrolliert wird. Die Abgeschiedenheit, die Anonymität, das ist Großstadt. Sonst kann ich doch auf dem Land leben.

Um Zwang geht es gerade nicht. Alle Beispiele in diesem Heft wollen das Gegenteil: Optionen offerieren, ohne festzulegen.

H.: Mein Mißtrauen ist begründet. Wir haben in unserem Buch, 'Die Soziologie des Wohnens'," auch gefragt: wie verändern sich Grundrisse, welche wohnungspolitischen und -reformerischen Ziele gab und gibt es etc? Wir versuchten, einen Nenner für die Wohnungspolitik und die dazugehörige Architektur zu finden. Der Nenner ist Pädagogik. Immer wurde den Leuten erklärt, wie sie wohnen sollen. Immer wurde versucht, Gesellschaft durch Grundrisse zu formieren. Beim Neuen Bauen wird es regelrecht autoritär. Die Reformer wollten der Kleinfamilie und den Proletariern mal beibringen, wie man lebt, wie man richtig wohnt etc. Sie wollten diese irgendwie fluktuierende Masse in der Stadt sortieren und strukturieren.

Krausse: Das sozialpolitische Ziel im 19. Jahrhundert war aber ein ganz anderes als in den 20er Jahren oder heute. Damals wollte man Kommunikationen verhindern und nicht sie ermöglichen.

H.: Der Architektenfetisch 'Kommunikation' ist ebenfalls ein pädagogischer Zwang. Wenn man immer sehen und hören kann, was die Leute treiben, finde ich das furchtbar. Die Möglichkeit, sich den anderen zu öffnen, muß da sein, sie darf aber nicht erzwungen werden. Letztlich haben die Leute gegen diese Pädagogik der Wohnungspolitik und der Architekten immer angewohnt. Denn die Dynamik steckt in den Lebensformen, während das Bauen eingrenzt, kanalisiert, standardisiert. Die Leute sollen nicht in Kommunen wohnen, sie sollen nicht alleine wohnen, sie sollen Kinder kriegen und Familie gründen. Die Architektur war dazu immer das geeignete Instrument. Wenn Architekten ihren pädagogischen Anspruch aufgeben und die Wohnungspolitik das zuläßt, ist das bereits ein riesiger Fortschritt. Dann erst bauen wir nicht für eine bestimmte Gesellschaftsform, für eine Sozial- und Lebensform, sondern Räume, die von verschiedenen Personen genutzt werden können: von Kollektiven, von Individuen, von Paaren.

Das pädagogische Zeitalter ist in der Architektur vorbei. Es gibt kaum noch Architekten, die vorgefaßte gesellschaftliche Modelle haben.

H: Dann darf man nicht mit staatlichen Förderungen arbeiten.

K.: Die staatlichen Förderungen kann man aber aufweichen, indem man z.B. auf konkrete, positive Erfahrungen wie die Umnutzungen von Fabriketagen, Lofts, Ateliers etc. aufmerksam macht. Die nichtdeterminierende Architektur von Gewerberäumen und Lofts wurde als Freiraum begrüßt, weil man sie individuell und flexibel gestalten konnte. Das ist ein positiver Einfluß der Fabrikarchitektur auf das Wohnen und wird zunehmend als Qualität auch bei Neubauten gewünscht.

H.: Das gilt aber nur für einen Teil der Bevölkerung - die Masse ist eher konservativ und träge. Deshalb setzen sich Neuerungen auch nur langsam durch. Tatsächlich verschränken sich hier zwei Probleme oder unterschiedliche Interessen: Erstens die der Architekten. Sie können zwar Bücher lesen und so tun, als ob sie auf dem Mond leben und auf uns herunterschauen wie auf Exoten, aber sie sind immer noch Teil dieser Gesellschaft. Zweitens die der Bewohner. Durch die Reformkultur der letzten 100 Jahre (die einzig sozial und moralisch richtige Wohnform ist die abgeschlossene Familienwohnung) hat sich diese Gleichsetzung fest in ihren Köpfen verankert. Der Konservativismus ist so groß, daß die Vorstellung, undeterminierte, unausgefüllte Wohnungen nutzen zu müssen, den meisten Leuten Angst macht. Das wird nur von Minderheiten wahrgenommen. Das heißt, man kann den Leuten grundsätzlich nicht vorschreiben, wie sie wohnen sollen, auch nicht mit dem Argument, das ist offen, das ist flexibel, das ist innovativ.

Dann ist ja jeder Architekturentwurf pädagogisch. Manche der hier vorgestellten - vornehmlich der österreichischen - Architekten haben aus früheren Zeiten Erfahrung mit dem partizipatorisehen Bauen, das ihrer Meinung nach (das beschreibt auch Peter Allison) gescheitert ist. Sie suchen deshalb nach Modellen, bei denen es weder um die Beteiligung noch um Reglementierung der Bewohner geht. Sie entwerfen Grundrisse, die mehrere Optionen der Nutzbarkeit, der Schaltbarkeit oder der Erschließung zulassen (im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus). Und das ist etwas anderes, als alles festzulegen oder alles offen zu lassen. Schließlich müssen die Optionen nicht wahrgenommen werden. Es handelt sich aber um einen Schritt aus der Uniformität und der festgelegten Welt standardisierter Regeln im Wohnungsbau hinaus.

H: Das ist auf jeden Fall ein Fortschritt, wenn man wegkommt von Festlegungen, Normierungen und Vorschriften, von Zuteilungen nach Altersgruppen, nach Geschlechterrollen, nach Lebensformen wie Kleinfamilie, Ehepaar, Single. Trotzdem scheinen mir manche der hier gezeigten Projekte noch zu stark zugeschnitten auf eine bestimmte Lebensweise. Ich frage mich, ob die Tatsache, daß sich heute die Identifikation der Lebensform Kleinfamilie mit der Bauform Wohnung zunehmend auflöst, überhaupt bewußt genug ist, um etwas anderes als die Kleinfamilienwohnung anzubieten. Wir wissen heute, daß sich die Wohnformen - und damit auch die Lebensformen - vor allem im Laufe einer Biographie ändern. Wir unterscheiden nicht mehr zwischen dem Alleinstehenden, der Familie und dem Ehepaar, sondern nach dem Alter: bis 25 ist man alleinstehend, dann wohnt man in einer Wohngemeinschaft, dann heiratet man, dann hat man Kinder oder wohnt wieder alleine. Mit diesen Brüchen oder Sprüngen in der Biographie, die eine große Wahlfreiheit implizieren, ändern sich auch die Zugehörigkeiten zum Milieu und damit auch der Wohnstandort. Statt Wände zu verschieben, zieht man einfach um. Singles wohnen am liebsten in der Stadt, Eltern mit Kindern vor der Stadt im Häuschen mit Garten, nach der Scheidung zieht man wieder woanders hin oder man entscheidet sich nach dem Arbeitsplatz etc. Die Idee, daß man an einem Standort alle Lebensphasen durchläuft, greift nicht mehr -jedenfalls nicht mehr für alle.

Man muß die Möglichkeit, daß an verschiedenen Standorten in einer Stadt verschiedene Lebensstile in verschiedenen Wohnungstypen ausprobiert werden, mitbedenken. Gegenwärtig ist das schwierig, weil man nur die Wahl hat zwischen Alt- und Neubau, und immer sind es Familienwohnungen: in den Neubauten sind die Wohnungen für Kleinfamilien konzipiert, in den Altbauten für Großfamilien. Diese werden deshalb auch bevorzugt. Die Zimmer sind neutraler, größer und leichter aufzuteilen. An die Variabilität, das VerschiebenKönnen von Wänden oder Fassaden, glaube ich wenig. Innerhalb einer Wohnperiode wird das nicht genutzt, nur wenn ein Mieterwechsel stattfindet. Alle Erfahrungen mit variablen Grundrissen zeigen, daß die Leute sich das einmal zu Beginn definitiv einrichten, weil jede weitere Veränderung viel zu mühselig ist. Außerdem kann man Durchbrüche o.a. auch mit Altbauten machen. Falls man die Erlaubnis hat, sind die Altbauten gar nicht so unflexibel. Insofern sehe ich an diesen Beispielen zwar eine vorbildliche Intention. Man will die Leute nicht in spezialisierte Räume zwingen, man maßt sich nicht mehr an, zu wissen, wie das Leben sei. Ich finde aber, daß sie nicht weit genug gehen. Es sind ja noch einige Festlegungen da wie Größe, Zuschnitt etc. Letztlich ist doch nur der frei, die Wohnung dem Lebenszyklus, der Größe der Familie und der Verteilung der Geschlechterrollen anzupassen, der sich ein eigenes Häuschen baut.

Also doch: Im Geschoßwohnungsbau neutrale Räume extrem großen Zuschnitts. Aber solche Freiheiten scheint ja nicht jeder zu mögen, bzw. kann sich nicht jeder leisten.

H.: Eine andere Antwort auf die zunehmende Variabilität in den Lebensstilen wäre, viele verschiedene Wohnungstypen für viele verschiedene Standorte anzubieten. Das Paradox ist, daß sowohl der Wunsch nach Flexibilität als auch der nach Spezialisierung befriedigt werden will.

Nichts anderes tun die hier vorgestellten Projekte. Denn sowohl der neutrale unspezifische Raum als auch die funktionalistische Wohnung mit unßexiblen Festlegungen sind obsolet. Darüber hinaus schlägt keines der Projekte vor, ganze Wände zu verstellen oder den Grundriß komplett neu zu organisieren. Angeboten werden ganz einjache Mechanismen: Schiebewände, Klappläden, transitorische Räume mit Mehrfachnutzung, die ohne viel Mühe den räumlichen Charakter der Wohnung verändern können - die Lichtverhältnisse, die Bewegungsmöglichkeiten, die Kombination und Verschaltung von bestimmten Räumen und Funktionen, fest oder temporär, je nach Bedarf'. Erst wenn die Wohnung zu groß oder zu klein wird, zieht man um.

H.: Ich kann mir vorstellen, daß solche Mechanismen viele Vorteile bringen, wenn jemand alleine wohnt. Ohne Schallschutz ist das Trennen und Zusammenlegen von Zimmern kein Problem, weil man sich mit niemandem einigen muß. Anderenfalls nehme ich jemand anders den Raum weg, wenn ich mir selber einen dazunehme. Die erhöhte Mobilität gilt nur für den Bereich außerhalb der Wohnung. Innerhalb der Wohnung engen soziale Zwänge immer noch ein und machen räumliche Konstellationen stabil. Man kann zwar technisch einiges leichter machen, aber sozial wird es dadurch nicht leichter. Wenn man sich die Geschichte des Wohnens von der Renaissance bis heute in den Funktionalismus hinein anschaut, ist die Entwicklung geprägt von einer zunehmenden Spezialisierung, Privatisierung und Intimisierung innerhalb der Wohnung. Früher haben die Könige — auf dem Stuhl scheißend ihre Audienz gehalten. Es gab keine Peinlichkeits- und Schamschwellen gegenüber Körperlichkeit, Gerüchen etc. Dieser 'Prozeß der Zivilisation', wie Elias das nennt, hat eminenten Einfluß auf die Grundrisse gehabt. Jede körperliche Verrichtung braucht plötzlich ihren eigenen Ort...

K.: ... das 'closet' ...

H.: Und die Entdifferenzierung der Sozialstruktur führt zum selben Ergebnis, daß nämlich jede Person einen eigenen Raum braucht. Das beschreibt auch Robin Evans in seinem Artikel. Daß die Feudalen durchlaufende Zimmerfluchten hatten, war für sie deshalb kein Problem, weil die Domestiken für sie gar keine Menschen waren. Deren Anwesenheit haben sie ignoriert, weil sie gar nicht gestört haben. In dem Moment, wo diese Domestiken zu Menschen werden, wo sich das Bewußtsein für Individualität herausbildet, muß man sich abtrennen, weil sich die Menschen gegenseitig stören — und nicht nur bei intimsten Tätigkeiten. Von da an müssen Wände gezogen werden, die Zimmer müssen einzeln betretbar sein, es muß angeklopft werden... Diesen Prozeß haben wir im Funktionalismus weiter getrieben, nämlich standardisiert und normiert. Das Resultat ist die vollständige Identifizierung von Familie und Wohnung, also einer Sozialform mit einer Bauform. Aber die lösen sich heute zunehmend voneinander, worauf viele Architekten überhaupt nicht reagieren.

K.: Das ist sicher richtig, aber die Lösung kann auch nicht darin liegen, Sozialform und Bauform als völlig getrennte Einheiten zu behandeln, die unabhängig voneinander existieren können. Was uns fehlt, ist ein vermittelnder Begriff, sonst unterliegt man der Suggestion, daß sich individuelle und veränderliche Lebensstile nur in der Designer-Einrichtung manifestieren. Man will doch einerseits aus den Standardisierungen, den deterministischen Grundrissen als Folge des Funktionalismus heraus. Deshalb muß man die Gleichsetzung von Wohnung und Familie aufbrechen (das passiert ja sowieso). Andererseits kann man sie nicht vollständig voneinander trennen, weil die Bedingungen des Wohnens auch in der postmodernen Gesellschaft nicht beliebig sind. Um die Interferenz von Bauform und Lebensform zu verdeutlichen, muß man einen neuen Begriff einführen, der eigentlich ein ganz alter ist: nämlich den Haushalt. Dieser ist das raum-zeitliche Konstrukt des Lebensstils - er ist der Brennpunkt der sozialen, der ökonomischen und der architektonischen oder technischen Fragen. Die großen Qualitäten dieses Begriffs liegen in der Tatsache, daß er einerseits als abstraktes Modell, das die Beziehung zwischen dem Wirtschaften und dem Wohnen beschreibt, ein stabiler Bezugspunkt bleibt über die Jahrhunderte, also die Möglichkeit impliziert, zeitlich weit auseinanderliegende Lebensformen miteinander zu vergleichen. Andererseits können Veränderungen in den Lebensformen dann exakt benannt werden, wenn die konkrete Haushaltsform sich ändert.

Das heißt, bezogen auf die Gegenwart, selbst wenn sich die Deckungsgleichheit zwischen Wohnung und Familie auflöst, verliert der Begriff des Haushalts nicht seine Gültigkeit. Denn er repräsentiert immer eine Ganzheit, auch wenn der Haushalt nur eine Person umfaßt, die zwar in ihren sozialen, ökonomischen und räumlichen Beziehungen anders organisiert ist als noch vor 100 Jahren, aber auf diese Beziehungen auch nicht verzichten kann. Denn die Wohnung ist immer der Ort, wo auch gewirtschaftet wird. Und Veränderungen in diesen Beziehungen beeinflussen unmittelbar die Architektur. Z.B. kann man auf diese Weise erklären, warum zu Beginn dieses Jahrhunderts sich nicht nur der Grundriß, sondern auch das ganze Raumvolumen durch Senkung der Deckenhöhe von ca. 4,20 m auf 2,50 m minimiert hat. Zwischen 1917 und 1923 gab es in Deutschland eine Kohlenkrise, die im Winter von vielen durch abgehängte Decken kompensiert wurde. Das verkleinerte Raumvolumen war besser zu beheizen. Diese Erfahrung ist offenbar so essentiell gewesen, daß sie eine conditio sine qua non wurde und für die Architektur habituell. Der konkrete Haushalt ist also immer das Veränderliche oder Veränderbare, als abstraktes Modell jedoch bleibt er gültig, weil er auf dieser Ebene kein festes Bild ist (vom Haus als Einheit), sondern der Knotenpunkt in einem Netz von unterschiedlichen Beziehungen. Er ist der Ort der Interferenz mehrerer Netze oder Beziehungen, oder umgekehrt der Bezugspunkt, der in mehreren Netzen auftaucht. Die Aufgabe der Architektur ist es, diese Netze mit den atomisierten Haushalten in Beziehung zu setzen.

H.: Das entscheidende Problem beim Wohnungsbau ist doch heute die Fläche. Wir haben heute einen Flächendurchschnitt pro Kopf von 39 m2. Denn die (inzwischen in der Anzahl gestiegenen) Einpersonenhaushalte verbrauchen das Doppelte wie Familienhaushalte oder Wohngemeinschaften, gerade weil sie als Haushalt ähnlich oder genauso wie die Familienhaushalte organisiert sind, wo die Verkehrsflächen und die funktionalen Räume wie Küche und Bad von mehreren Personen genutzt werden. Deshalb entsprechen z.B. die Kleinstwohnungen der Moderne genau der Fläche, die ein Single heute bewohnt: 60 m2. Das reichte vor etwa 60 Jahren für eine vierköpfige Familie.

Wir glauben, daß die im Heft vorgestellten Projekte auf ein ganz anderes soziales Problem reagieren als auf das der individuellen Ausdehnung und Privatisierung. Der Wunsch nach Privatheit wird in einer postmodernen Gesellschafi sowieso vorausgesetzt. Was aber von vielen (nicht nur von Architekten) als entscheidend empfunden wird, ist die Frage der möglichen Kollektivität. Sämtliche Projekte können als Kritik an zwei historisch gesehen – Extrempositionen gelesen werden, die sich als Sackgasse erwiesen. Zum einen als Kritik an dem Dogma des Funktionalismus der Moderne, der aus der deterministischen Wohneinheit die entsprechende Stadtplanung ableitete: Hilberseimer u.a. gingen davon aus, zu planen gelte es nur die einzelne Wohneinheit und den Stadtorganismus (der eine Addition der Wohneinheiten ist). Dieses Aufeinanderprallen von Wohnung und Stadt ist vor allem in den Siedlungen der 60er Jahre ablesbar, wo bereits unmittelbar vor der pappdünnen Wohnungstür die feindliche' Außenwelt beginnt. Fälschlicherweise als anonymes Wohnen diskriminiert, geht es doch eigentlich um das fehlende 'Wohnumfeld', um die Pufferzone, eine schützende Membran. Dieser Zwischenbereich als mehrfach nutzbarer oder lesbarer Raum taucht in allen Projekten in irgendeiner Form auf.

Zum anderen werden aber auch die z.T. als Gegenbewegung zur Moderne entstandenen partizipatorischen oder kommuneartigen Projekte inzwischen als Sackgasse empfunden. Erzwungene Kollektivität - noch dazu durch Architektur - kann in einer Stadt nicht funktionieren. Dort mischen und überlagern sich mehrere Bereiche sozialen Zusammenlebens, weshalb homologe und einseitige Projekte wie Identifizierung durch Beteiligung oder Kommunen fast immer gescheitert sind. Deshalb verzichtet keines der hier gezeigten Projekte auf den privaten Rückzugsbereich. Gewünscht wird heute beides: Privatheit und irgendeine Form von Kollektivität — ein Bereich, in dem Kontakt und Austausch mit anderen möglich ist, ohne Zwang. Dabei gibt es unterschiedliche Strategien. Manche übersetzen das Thema der Pufferzone ganz wörtlich, indem sie eine (oft verglaste) Hülle um das ganze Wohngebäude spannen, aber mit Abstand, so daß zwischen dem privaten Bereich und dem öffentlichen Bereich dieser Puffer entsteht, der gleichzeitig zu den psychologischen Funktionen auch klimatische übernehmen kann (Nouvel, Coop Himmelb(l)au). Andere wiederum entwerfen eine Art labyrinthische Landschaß, bestehend aus einem Arsenal unterschiedlich abgestufter öffentlicher, halb-öffentlicher und intimer Räume, die miteinander verzahnt, überlagert und kontrastiert werden, so daß sich der Übergang zwischen Innen und Außen verschleift. Dabei werden in der Regel alle Räume oder Einheiten — Wohnungen, Büros, Atrien, Patios, Straßen etc. — wie gleichwertige Module behandelt, die wie bei einem Spiel nach einer bestimmten Regel aleatorisch durcheinander gewürfelt werden. Manchmal wird diese Regel durch statistische Vorgaben diktiert (MVRDV), manchmal durch einen Transformationsprozeß (Kollhoff) oder durch eine angenommene, imaginäre Bewegung (van Berkel, Hadid). Oder es wird versucht, den Bewohnern des Gebäudes Optionen anzubieten, indem sie diesen Bereich zwischen Innen und Außen selbst in die Hand nehmen können. In diesen Fällen arbeiten die Architekten mit Schiebe- oder Faltelementen, allgemeiner mit beweglichen Elementen, die zwar nicht die ganze Wohnorganisation auf den Kopf stellen, aber die Belichtung, Belüftung, den Aus- und Einblick, die Durchwegung und die Nutzbarkeit für die Bewohner steuerbar machen (Riegler/Riewe, Henke/Schreieck).

H.: Die Tendenz von immer mehr Leuten ist tatsächlich die, zugleich Privatsphäre und Nähe zu anderen zu haben. Ich will meine eigene kleine Wohnung haben, und wenn ich rausgehe, kann ich bei jemandem klingeln, den ich gut kenne. Das heißt aber auch, daß die Nachbarschaften immer schärfer sozial segregieren. Denn ich will natürlich nicht den Nachbar, der mit Unterhemd und Bierflasche vor dem Fernseher sitzt. Alle partizipatorischen Projekte zeigen, daß solche Gemeinschaften sozial sehr feinkörnig zu strukturieren sind. Die Privatheit kann man sich überall sichern, aber die Offenheit gegenüber den Nachbarn findet man nur bei Gleichgesinnten. Wenn man z.B. gemeinsam mit ihnen die Kinder erzieht, will man ja nicht, daß sie die Kinder schlagen.

Von segregierenden Prozessen sind sämtliche Projekte in diesem Heft weit entfernt. Sie erzeugen nicht eine süßliche Nähe über architektonische Symbolik, noch zwingen sie zu irgendeinem Miteinander. Aber sie bieten über die Planung der einzelnen Zelle, die gestapelt und gereiht wird, noch zusätzlich so etwas wie Instrumente des Austauschs an. Das können konkrete Räume, abstrakte Muster oder Spielregeln sein, die mehr Freiheiten ermöglichen, aber trotzdem spezifisch bleiben, so daß Identifikation möglich ist.

K.: Das Zeitalter der radikalen Lösungen ist wirklich vorbei. Es mag solche Formen immer noch geben - von der homogenen und autoritären Gemeinschaft bis hin zum vollkommen freien Nomadentum. Doch wichtig sind die Mischformen. Deshalb sind Wohnbauprojekte (oder noch besser: gemischte Gebäude mit Wohnen und Arbeiten) mit aleatorischen Elementen die Antwort der Architekten auf die beiden Sackgassen des standardisierten Grundrisses, der immer in dem tödlichen Zweispänner endet, und des vollkommen neutralen und unspezifischen Grundrisses. Das Einführen von Aleatorik in die Architektur ist nichts anderes als das Verlagern des Entwerfens auf die Ebene des Programmierens. Denn nichts anderes ist die aleatorische Technik, artistisch ausgedrückt. Durch Zufallselemente macht man klar, daß das Haus oder die Wohnung auch anders aussehen könnte, trotzdem gibt es eine stochastische Regel, die determiniert. Diese Regel steuert aber nur ein bestimmtes Verhältnis, nämlich das zwischen Einheitlichkeit und Vielfalt, das auch von den Bewohnern selbst vorgenommen werden kann. Das heißt, das Fixierte und Feste ist dem Entwurf des Architekten entzogen, aber er hat es bestimmt. Überhaupt muß man sich klar machen, daß das Interessanteste an der Computertechnologie gar nicht die neuen Rationalisierungsoder Darstellungsmöglichkeiten sind, sondern die Ebene des Programmierens, die als eine Art Denkmodell in die Architektur einfließen kann. Dadurch gewinnen Begriffe wie Verschalten, Verknüpfen, Überlagern, Fließen eine doppelte kulturelle Bedeutung.

1) Hartmut Häußermann, Walter Siebel: Soziologie des Wohnens, Weinheim 1996

 

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Befreiende Festlegungen

Ich erinnere mich an einen Besuch des Schröderhauses ... als Frau Schröder noch lebte. Es war unsagbar beeindruckend, anrührend und ergreifend. (...) Das Schröderhaus kann man als erhaben interpretieren, aber man kann es auch als ein überladenes Genrestück aus dem 17. Jahrhundert betrachten. Das Schröderhaus ist voll. Das Schröderhaus ist voller Entdeckungen, voller großer und kleiner Bedeutungen, voller Wünsche, voller Dinge, voller Farbe oder wenigstens Anstrich, es ist voll von abstraktem Getute und erhabenem Geklingel, das Gartenbänkchen, die Teekanne, die Löffelchen, die Lämpchen. Man kann sich fragen, ob es tatsächlich so befreiend ist, wie der Mythos der niederländischen Moderne suggeriert. Genausogut kann man spüren, daß es mit anderen Mitteln erstickt. Am besten vielleicht verdeutlicht für mich folgende Frage den Unterschied zwischen Rietveld und Mies: Gibt es so etwas wie Freiheit, die festlegt, und Festlegung, die befreit? Das erste wäre Rietveld, das zweite Mies. Im allerübellaunigsten Fall muß ich bekennen, daß ich das Schröderhaus mit einer gewissen Böswilligkeit auch für die sublimste Version eines Zigeunerwagens halten kann. Rem Koolhaas

 

 

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