ARCH+ 123

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Erschienen in ARCH+ 123,
Seite(n) 22

ARCH+ 123

Editorial: Megalopolis Tokyo

Von Kraft, Sabine

"Man braucht Regelmäßiges und Bizarres, Entsprechungen und Gegensätze, Zufälligkeiten, die Abwechslung ins Bild bringen, eine große Ordnung in den Einzelheiten, im Ganzen aber Verwirrung, Durcheinander und Tumult." Laugier, Observations 1753

Die Begeisterung für die Kultur des fernen Ostens hat Europa seit den Tagen Marco Polos in gewisser Zyklizität überrollt. Die letzte Welle transportierte die neue japanische Architektur. In einer Flut von Hochglanzveröffentlichungen breitet sich das "japanische Architekturwunder" vor dem staunenden Auge des europäischen Architekten aus, der - behindert von DIN-Normen, Baukosten und konservativen Bauherren - von solcher Formenentfaltung nur träumen kann. Laut Kisho Kurokawa, Altmeister und Architekturpapst, deutet sich hier in einer Amalgamierung von Ost und West die neue universelle Architektur des 21. Jahrhunderts an.

Ein solcher Anspruch muß sich messen lassen: zweimal in diesem Jahrhundert hat Japan die westliche Architekturentwicklung nachhaltig beeinflußt:

• Die Moderne der 20er Jahre ist ohne das Studium des traditionellen japanischen Hauses nicht denkbar. Sowohl die Standardisierung, als auch das Konzept nutzungsflexibler, verwandelbarer Räume haben hier ihren Ursprung.

• Der Metabolismus hat zwar in seinen biologischen Analogien das westliche Denken in den 60er Jahren nur wenig beeinflußt, aber die elementierte Bauweise und die Zusammensetzung von Großformen aus genormten Einzelelementen sind direkte Abkömmlinge des zellulären Konzepts.

Ähnliche Innovationen sucht man bei der neuen japanischen Architektur vergebens, wenn auch die Hemmungslosigkeit, mit der die postmoderne Requisitenkammer architektonischer Masken geplündert wird, ein Faszinosum bleibt. Es scheint, als ob die entfesselte formale Phantasie in einen Krieg der Bilder verwickelt ist - miteinander und gegen die alles überwuchernde sekundäre Zeichenstruktur der japanischen Stadt (vgl. dazu Vladimir Krstic). Der östliche Beitrag zu diesem fin de siede Eklektizismus entschlüsselt sich erst auf den zweiten Blick in der 'handwerklichen' Liebe zum Detail und der sinnlichen Vielfalt der Materialien.

Trotzdem bietet Japan für den Westen eine Fülle von Anregungen, aber die Innovation ist weniger in der Architektur als auf der Ebene der Stadt zu suchen. Seit Roland Barthes' Beschreibung 'eines Landes, das er Japan nennt', die Architekten elektrisierte und seit die Chaostheorie in der städtebaulichen Diskussion den Gegenpol zu idealisierten Ordnungskonzepten bildet, gilt Tokyo - nach Paris, Berlin und New York - als das Stadmodell der Zukunft. Was ist dran?

• In Europa gewinnt, offensichtlich in direkter Relation zum Umbau der Gesellschaft und dem Verfall tradierter Wertsysteme, die Konservierung der historischen Struktur der Stadt an Bedeutung - und eine, wie auch immer interpretierte, Fortsetzung der baulichen Tradition. Diese 'Erstarrung' war Thema des letzten Heftes über Berlin. Die japanische Stadt spiegelt die Dynamik urbaner Prozesse ohne ein solches Korsett unmittelbar wider. Sie wird ständig umgebaut und ist so wandlungsfähig wie ein Chamäleon. Hier haben die Schnellebigkeit des Kommerz und die in der japanischen Tradition verwurzelte Wertschätzung des Temporären eine neue Symbiose gefunden - wahrscheinlich einer der Gründe, warum die kapitalistische Wirtschaft in Japan so reüssieren konnte. Auf jedenfall ist es für die anpassungsfähige japanische Kultur ein absurder Gedanke. Stabilität im Schutz und in der Unveränderlichkeit materieller Strukturen zu suchen, sie liegt in den sozialen Beziehungen (vgl. dazu Kaye Geipel in diesem Heft).

• Das moderne Phänomen der Individualisierung in der 'Privatsphäre' ist in Japan wenig ausgeprägt und auch räumlich kaum möglich. Es wird nicht nur zuhause, sondern in der Stadt "gewohnt1, die daraufhin eingerichtet ist - in ihrer Zeitstruktur und mit den vielfältigen Angeboten für Konsum und Kultur, Erholung, Sport und Unterhaltung. Tokyo ist eine 'wohnliche' Stadt, die sich anstrengt, den Stadtbewohner in seiner rastlosen Bewegung zufriedenzustellen und die in immer neuen Angebotskombinationen hybride Strukturen hervorbringt (vgl. dazu Wilhelm Klauser in diesem Heft).

• Das häufig beschriebene visuelle Chaos täuscht. Tokyo hat seine Ordnung, aber sie ist der europäischen Stadterfahrung so fremd, daß sie 'verborgen' zu sein scheint. Es ist ein nicht hierarchisches System von Teilordnungen, topographischer und topologischer Art, die keinem universalen Plan unterliegen. Der einzelne Ort behauptet seinen Stellenwert gegenüber dem Ensemble (vgl. dazu Augustin Berque). Das ist sehr verschieden von dem überholten europäischen Modell abgestufter Zentralität, das in den großräumig agglomerierenden städtischen Landschaften der Peripherie - wenig demokratisch einen untergeordneten Platz zuweist.

• Der Großraum Tokyo bildet einen an amerikanische Verhältnisse erinnernden urbanen sprawl. der sich allerdings in einem wesentlichen Punkt vom amerikanischen Beispiel unterscheidet: die Erschließung der Region beruht nicht allein auf dem Auto. Anders auch als in Europa, das mit seiner unentschiedenen Haltung zwischen Auto und öffentlichem (Nah-)Verkehr letzterem vielfach die wirtschaftliche Basis entzogen hat, wird der 'öffentliche' Verkehr in Japan von privaten Gesellschaften seit je her erfolgreich betrieben.

• Die Stationen und Knotenpunkte dieses Verkehrsnetzes stärken die dezentrale Struktur der Tokyoter Agglomeration. Hier haben sich, ebenfalls unter der Regie der privaten Gesellschaften, städtische Nutzungen in breiter Vielfalt angelagert (vgl. dazu Luc Nadal, Kaye Geipel) und einen neuen Typus des 'fließenden' öffentlichen Raums hervorgebracht, der in seiner sozialen Dichte die europäischen Zentren wahrscheinlich übertrifft.

Toyo Ito beschreibt die städtische Dynamik der modernen Großstadt mit dem Bild des ständigen Fließens und Strömens von Energie, Informationen, Menschen und Objekten. Was im Fall von Tokyo hinzugefügt werden muß, ist die frappierende 'Naturhaftigkeit' dieses Prozesses: die sich im Rahmen der ökonomischen Logik selbstregulierenden Veränderungen der Stadt, das quasi natürliche Wachsen und 'Absterben' der räumlichen Strukturen. Inwieweit der europäische Versuch, der planerischen Beeinflussung der ökonomischen Eigendynamik jemals zu den gewünschten Resultaten geführt hat, sei hier dahingestellt. Ein Vergleich der städtischen Qualitäten des selbstregulierenden und des planerischen Modells würde aber wahrscheinlich nicht zu Ungunsten von Tokyo ausfallen.

In Japan wird eine sehr gelassene Haltung zur wachsenden Artifizialisierung unserer Lebenswelt eingenommen. Jenseits jeder romantisierenden Vorstellung von Natur, die sich vor allem in Deutschland großer Beliebtheit erfreut, wird unbefangen am 'natürlichen' Charakter des Künstlichen gearbeitet. Vor allem aber herrscht ein durch nichts gebrochener Glaube an die technische Machbarkeit der Zukunft, der sich in technologischer Gigantomanie - ob nun ernst gemeint oder Muskelspiel - niederschlägt (vgl. Gold/Suzuki). Ökologische Töne sind bisher - wenig überraschend für ein Land mit langanhaltender ökonomischer Prosperität - nur vereinzelt zu hören (vgl. dazu Kiyonori Kikutake).

Die Auswahl der Projekte für dieses Heft ist nicht typisch für den oben beschriebenen main stream. Sie zeichnen sich dadurch aus, daß sie einen eigenen Weg der Weiterentwicklung der Moderne suchen und in ihrer Wandlungsfähigkeit für den Charakter der Stadt einen adäquateren Ausdruck gefunden haben als der postmoderne Formentanz.

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