ARCH+ 164/165

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Erschienen in ARCH+ 164/165,
Seite(n) 24-29

ARCH+ 164/165

Editorial: Das Arsenal der Architektur

Von Kittler, Friedrich /  Kluge, Alexander /  ARCH+

Friedrich Kittler im Gespräch mit Alexander Kluge und ARCH+

Über moderne Kriegsführung

Alexander Kluge: Ein GI in Afghanistan zu Pferde, offenkundig ist auch das Pferd aus der Luft gekommen, angetan mit Elektronik, mit der er über den Orbit mit einem B-52-Bomber verkehrt, und dieser Reiter von General Custer leitet jetzt eine Bombe auf eine nur zwei Meter große Tunnelöffnung. Das ist ein neues Kriegerbild, das ist der neue Soldat von Valmy, der Einzelkämpfer sozusagen, den man nicht mehr divisionsweise dirigieren kann. Wenn Sie mir dieses Bild einmal deuten.

Friedrich Kittler: Das Bild haben Sie gesehen?

AK: Ja, es ist abgebildet.

FK: Das ist vielleicht die allerletzte Zuspitzung des Krieges, der ja im Lauf seiner, ich glaube gar nicht so langen Geschichte, wie die Prähistoriker ihn immer machen, sondern neolithische Revolution heißt Krieg, und da fängt das ja erst an, etwa 10.000 vor Christus. Bis heute, bis ins mittlere 20. Jahrhundert, um genau zu sein bis ins Jahr 1941, hat der Krieg ja immer mehr Massen unterworfen, hat sich sozusagen totgelaufen, mit diesen Massenheeren in den Steppen von Astrachan – 3,5 Millionen hat die Wehrmacht draufgebaut in ihrem Unternehmen “Barbarossa”, das, wie ich Ihnen als erstem Menschen verraten darf, ursprüng lich, in der Planung, “Aufbau Ost” hieß.

AK: “Aufbau Ost”?

FK: Ja. Das will ich noch publizieren, das ist skandalös.

AK: Und erst dann kommt die Kyffhäuser-Sage?

Ab Januar 1941 kommt die Kyffhäuser-Sage hinein, aber in der ersten, geheimsten Phase hieß es “Aufbau Ost”. Ich denke, die Massenheere sind dann eben einfach tot, die Bundeswehr ist die letzte, die in Europa noch krampfhaft an der allgemeinen Wehrpflicht festhält ...

AK: Als Übungs- und Ausbildungsarmee ...

FK: ... als Initiationsarmee für jeden Mann, und es klappt ja nicht mehr ...

AK: Nein.

FK: ... und dann wird der Krieg immer kleiner, und am Ende steht der einsame Reiter von General Custer, wie Sie sagten, scheinbar allein.

AK: Aber elektronisch vernetzt mit der ganzen Welt.

FK: Er kann aus 12.000 Kilometer Entfernung geleitet werden. Das heißt, der Mann ist ein Personal Computer im engsten Wortsinn. Die Operation Desert Storm bestand ja schon im wesentlichen darin, daß bis auf die Ebene des Einzelkämpfers in der arabischen Wüste jeder Mann mit dem GPS, dem Global Positioning System, vernetzt war. Jeder amerikanische GI hatte einen direkten Draht zum GPS und wußte ganz genau, wo er ist - damals war es wahrscheinlich eher passives Wissen. Ich glaube, der Fortschritt jetzt – wenn Fortschritt noch das passende Wort ist, das Walter Benjamin an dieser Stelle vielleicht lieben würde – der Fortschritt also wäre, daß eben dieser Mann jetzt in Afghanistan aktiv steuert, nicht mehr nur passiv vom GPS erfährt, wo er gerade steckt und wie weit die Feinde sind; er kann jetzt selbst lenken, und das Pferd ist eine Allegorie dessen, daß der Krieg von den Nomaden kam und wieder zu den Nomaden zurückkehrt.

AK: Für den Zweck, den er hier verfolgt, nämlich etwas hineinzulenken, braucht man sicher eine menschliche Intelligenz, diese Flexibilität, die Anpassungsfähigkeit, die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Fehlern auszusuchen.

FK: Noch sind unsere Computerprogramme “abandoned", Fehlern ausgesetzt, “abandoned" ist eher “ausgesetzt" als “behaftet", es gibt kein Computerprogramm ohne Fehler, Microsoft-Programme sind berüchtigt in dieser Hinsicht, und sie entscheiden halt starr, das kann man diesen neuen Tieren nicht abgewöhnen, sie entscheiden starr.

AK: Aber die alten Tiere, der Mensch ...

FK: Wir sind listig, wir haben ...

AK: ... Synapsen, die über schlechte Wegstrecken miteinander verkehren.

FK: Und deshalb diese reflektierende Urteilskraft, wie das bei Kant heißt, dies muß in den Soldaten eingebaut werden. Kant sagt ja an einer tollen Stelle, der gemeine Soldat braucht die bestimmte Urteilskraft, er muß also Befehle befolgen können und, wenn er die Landschaft sieht, sich entsprechend bewegen, der Offizier muß sich etwas überlegen, und der Generalstäbler muß über ein selbständiges Urteilsvermögen verfügen.

AK: Auftragsweise Kampfführung.

FK: Ja. Das Pentagon hat endlich gelernt, daß die MacNamaraIdeologie, man könne einen Krieg führen wie die Ford-Werke in Detroit, schief geht. Vor Ort müssen Facharbeiter stehen, wie Heiner Müller das einst nannte. Jetzt gibt es den Begriff der Elitetruppe. Sie haben in einer sehr interessanten Arbeit, anknüpfend an Michael Geier, die Truppe der Arditi, eine italienische Elitetruppe, charakterisiert. Wenn Sie das einmal beschreiben würden. Diese Arditi, diese vor Mut und Wildheit im Krieg “Brennenden”, waren eine aus der Not der festgefahrenen Schützengräben im Ersten Weltkrieg selbst geborene Rettungsaktion. Millionenheere standen einander gegenüber, machten Trommelfeuer-Offensiven, also die Erde platt statt den Feind anzugreifen, und dann entwickelte die Front selber, zur Verblüffung und später zum Entzücken der Generalstäbe, neue Taktiken: Infanterie, Artillerie und Pioniere nicht mehr streng unterschieden, sondern jeder ein-zelne Soldat in ausgesuchten, jungen Einheiten, keiner darf älter sein als 25 Jahre, übt eben “Sprung auf! Marsch! Marsch!”, auch unter den schwersten Bedingungen, die Ernst Jünger in seinen Erste-WeltkriegBüchern so gequält haben. Das heißt, der Infanterist trägt jetzt eine kleine Kanone bei sich, einen sogenannten Mörser, der gerade noch tragbar ist, oder leichte Maschinengewehre zu zweit, und man geht eben nicht mehr in Schützenreihen vor, wie das in Koalitionskriegen üblich ist, sondern gestaffelt ...

AK: ... als Team in einer gefügeartigen Zusammenarbeit.

FK: Team ist das Wort, und das Team rundet sich, wie Michael Geier gezeigt hat, nicht mehr um einen Führer, sondern um die Werkzeuge des Kriegs, und das Maschinengewehr ist die kleinste taktische Einheit.

AK: Aber zunächst einmal entstand im Umkreis von Gabriele D’Annunzio, einem italienischen Dichter, einem narzißtischen Menschen, Liebhaber der Eleonora Duse, der großen Schauspielerin ...

FK: … und vieler Frauen …

AK: ... und vieler Frauen, eine poetische Idee und ein heiß brennendes Motiv junger Menschen verbindet sich hier mit der Technologie und schafft diese neue Form von Zusammenarbeit, die letzte, bevor die Chips erfunden werden, die letzte neue Assoziation von Kleingruppe.

FK: Die Arditi – ihre Geschichte ist fast noch spannender als die der deutschen Sturmtruppen, die gleichzeitig entstehen und aus denen dann später fälschlicherweise Begriffe wie SA und SS resultieren -, die Arditi also sind flammender, eben Italiener, als die Deutschen, die technisch, als Sturmtruppen, vielleicht begabter waren; bei den Arditi findet sich das futuristische Motiv der Verschmelzung von Stahl und Fleisch zum ersten Mal ausgesprochen. […] Der Soldat in Afghanistan ist vielleicht die einzige Stelle, wo die Industrie selber an dieser Verschmelzung forscht, ansonsten ist es geradezu toll, daß die Technologie sich nicht um das menschliche Fleisch kümmert. Wenn sie das täte, dann müßte sie ständig die Langsamkeit dieses Fleisches ins Kalkül mit einbeziehen.

AK: Das Fleisch ist zu groß.

FK: Diese Explosionsrate, also alle 18 Monate Verdoppelung exponentiell, das kann ein Menschenkind nicht brauchen.

AK: Die Arditi hier hören ja am Ende des Kriegs nicht auf zu brennen. Unter D’Annunzios Führung besetzen sie Fiume, d.h. sie machen Beute für Italien auf Kosten von Jugoslawien.

FK: Sie schaffen den Balkankonflikt, der bis zum Kosovo reicht, sozusagen …

AK: ... und dort sitzen sie jetzt zu Weihnachten und werden von den eigenen italienischen Kriegsschiffen und Truppen überwältigt. Sie sind wie Prätorianer, ganz schwer zum Anhalten zu bringen, der Sturmlauf geht weiter.

FK: Das ist fast wie eine Allegorie, wie ein Symbol dieses fundamentalen heutigen Konflikts zwischen Massenheeren einerseits – der allgemeinen Domestizierung der Menschheit, vor allem in Amerika – und diesen Spezialisten, die darauf getrimmt werden, das Gesetz zu übertreten. Natürlich tut D’Annunzio mit seinen Arditi etwas Verbotenes, das die Regierung in Italien schon seit eineinhalb Jahren bekämpfte.

AK: Ein Krieg aus eigener Hand.

FK: Er macht Krieg auf eigene Faust, ein Condottiere des idealen Italien, das in D’Annunzios Augen von der Regierung der Mitte in Roma aeterna verraten wird. Man könnte sich ja heute vorstellen, ich erlaube mir die Phantasie, daß die Spitzenkonzerne der Hard- und Software-Entwicklung manchmal, vielleicht in Bälde, das Gefühl bekommen: ach, es lohnt sich eigentlich gar nicht mehr, diesen mittelgroßen Markt zwischen Panamakanal und Eismeer zu beliefern, wir machen jetzt auf eigene Faust Condottiere im Namen des sozusagen idealen Staates, statt uns an reale Staaten anzuschmieden. Sie kennen die Condottiere in der Renaissance?

AK: Vorhin kontrastierten Sie die Arditi mit den Sturmtruppen. Das ist ja eine Idee, die kommt direkt aus dem Generalstab. Der deutsche Generalstab hat von oben nach unten diese Idee einer Elitetruppe entwickelt, die Flammenwerfer und Minenwerfer hat, also speziell bewaffnet ist. Da wird eine Truppe heraus gelöst aus dem Trommelfeuer, an den Kaiserstuhl versetzt, in eine Weinbaugegend, hier wird jetzt geübt, wird ein Schlachtfeld virtuell errichtet. Was lernen die da?

FK: Zuallererst – das fand ich toll von dem Rheinmetall-Prokuristen, der mir immer die waffentechnischen Details geliefert hat für diese Story – erst einmal wurde nur die russische Armee, die relativ gut mit kleiner Feldartillerie ausgerüstet war, systematisch beraubt, und all diese schönen kleinen niedlichen Waffen, die die großen Ruhrbarone in Deutschland nicht gebaut haben, weil sie zu hübsch und klein und elegant waren, die wurden zum Kaiserstuhl geschickt.

AK: Die Industrie war auf teure, schwere Waffen, sozusagen auf viel Metall orientiert.

FK: Das kam aus dem Ruhrgebiet. Und der Generalstab begreift nach einem Jahr gescheiterter Schlieffen-Offensive, daß das nicht so geht, so daß man von oben herab, zum erstenmal in der kaiserlichen bzw. überhaupt deutschen Geschichte, das Prinzip durchbricht, daß alle Infanteristen die gleiche Bewaffnung haben. Die bekommen jetzt all die wunderbaren kleinen Beutewaffen, nach denen sich die ganze Infanterie sehnt, die sie aber nicht bekommt, und die werden abgeschickt in die Lößberge des Kaiserstuhls. Da ist so leicht zu graben, der Kaiserstuhl ist so weich, da ist afrikanischer Löß, vom Wind von Süden hergeweht, die wärmste Gegend Deutschlands. Ich kenne die Gegend gut, da kann man graben, da sind überall Hohlwege, die Hohlwege sind schon von der Natur ...

AK: Es ist vulkanisch, ein Gelände wie in Afrika, in dem die Menschheit entstand, ein sehr altes Gelände, und dort wird der neue Krieg erprobt?

FK: Ja.

AK: Das werden die Springer in den Fabriken des Kriegs?

FK: Ja. Die Deutschen wollten der Armeeführung in den Vogesen etwas beweisen. Der Schwerpunkt des Schlieffen-Planes lag ja eigentlich am rechten Flügel, und die Vogesen waren der linke, der bei Basel dann neutral auslief. Aber die lokale Armeeleitung wollte auch etwas bringen, und da war in den Vogesen ein hoher Gipfel, von den Franzosen besetzt. Zwei Tage vor Weihnachten, wenn ich mich recht entsinne, tritt dieses Sturmbataillon Rohr, so hieß es, an, und nach dem 17. Schuß kapitulierte der Feind, weil die offenbar wie junge Pferde oder eben wie Springer durch die schönen Wälder des Elsaß springen und all diese Tarn- und Waffentechniken vorführen, wahrscheinlich sind die bis unmittelbar vor die kleinen Feldbefestigungen vorgestoßen.

AK: 23 Spezialisten, und die konnten wiederum das, was sie aufgebaut hatten an Motivation, und das Können, das sie erworben haben, nicht einfach aufgeben nach Kriegsende, sie gehen in die Freikorps. Alle. Die Freikorps entsprechen dieser neuen Kriegstaktik. Nach den Sturmtruppen sind nicht nur die Freikorps, sondern auch die SA, die SS benannt. Zu diesen Leuten, die dafür Spezialisten, Offiziere waren, gehörte beispielsweise auch Felix Steiner, die letzte Hoffnung Hitlers 1945?

FK: Genau, und Ernst Jünger von der kaiserlichen Armee ist auch so ausgebildet worden, und noch ein paar andere. Erwin Rommel hat es bei der Isonzo-Offensive von 1917 entdeckt. Er hat das Springen durch die Dolomiten gelernt, durch die Karstberge.

AK: Das ist die Waffe des Blitzkriegs.

FK: Ja, der auf elitärer Ebene im Ersten Weltkrieg geübt wurde und dann im Zweiten Weltkrieg – was unglaublich ist – auf der Ebene des gesamten Heeres durchgezogen werden sollte, was natürlich schief gehen mußte.

AK: Es ist die Methode der Flucht nach vorne?

FK: Ja.

AK: Ich bin unerreichbar für die Befehlshaber hinten, aber auch für den Feind und gehe irgendwie nachts durch die Lücke von 20 Metern durch. Am nächsten Tag bin ich 200 Kilometer im Hinterland des Feindes.

FK: Und jetzt überlegt sich zum Beispiel Heinz Guderian, der Panzergeneral von 1940, beim Unternehmen Frankreich, wie komme ich wo am besten so durch, daß ich auf keinen treffe. Er gewinnt die Operation Sichelschnitt, indem er die Franzosen umfährt und bei Sedan, wo kein Mensch ihn erwartet, aus den schmalsten Straßen auftaucht, die jemals zu einem Aufmarsch benutzt worden sind. Es gab Staus, aber die hat er mit seinen eigenen Panzern verursacht. Kein einziges anderes Problem in der ersten Hälfte des Blitzkriegs des Zweiten Weltkriegs; ich erröte fast, das zu sagen, aber die Form des Kriegs war fast ein Roman, denn die Verluste auf beiden Seiten waren minimal.

AK: Die deutschen Soldaten dort waren Menschen aus der Grafschaft Mansfeld, aus Thüringen, deren Vorfahren in der Schlacht bei Frankenberg in den Bauernkriegen geschlagen worden waren und die der Devise folgten: gehe nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst. Das heißt also, sie machten sich unabhängig vom Befehl von oben nach dem Motto: ich werde nicht geschlachtet in den Schützengräben, ich entkomme den eigenen Vorgesetzten und ich entkomme den Waffen des Feindes. Das ist die Antriebskraft, warum diese Blitzkriege funktionieren. Sie funktionieren in dem Moment nicht, in dem ein Gegner sich darauf einstellt, in dem es wieder Stellungskrieg wird.

FK: Oder in dem ein Führer und Reichskanzler, wie Speer am Ende seiner Memoiren das so gnadenlos brutal beschreibt, eben bis auf Regimentsebene persönlich durchtelefoniert. Da gelingt die Flucht vor dem eigenen Befehlshaber dann nicht mehr. Er ist allgegenwärtig wie ein Telefonspinnengangster.

AK: Sodaß man sagen kann, diese Blitzkriege sind eine hochinteressante Fluchtbewegung vor dem Krieg, daher kommt ihre Intelligenz.

FK: Vor dem Staat, dem eigenen und dem fremden. Es gibt Gerüchte aus dem Kosovokrieg, daß man aus jedem Dorf im Kosovo mit Handys hochtelefonieren und Bescheid sagen konnte. Jeder, der Lust hat, kann sich zum Nomaden machen, das heißt auch zum potentiellen Feind der Weltmacht, also braucht die Nato und die Weltmacht jetzt auch Nomaden.

AK: Aber diese zweite Eigenschaft, daß man diese Nomaden, den Barbaren und den Gegenbarbaren, den spezialisierten Kämpfer hinterher nicht anhalten kann, das gilt doch nach wie vor, man konnte auch die Prätorianer in Rom nicht anhalten, sie setzten sich an die Seite des Kaisers, sistierten ihn und wechselten ihn aus.

FK: Was sehen Sie da voraus?

AK: Ich sehe nichts voraus, ich frage: Wenn man sozusagen den Rüstungshaushalt sehr hoch schraubt und gleichzeitig diese Elitetruppen heranbildet, sie aber nicht aufhalten kann, hinterher Spezialist zu sein, tüchtig zu sein ...

FK: Aber man hat ja immer noch das ganze Internet im amerikanischen Handelsministerium in der Hand, die zentralen Hardwaredinge stehen dort, und im Moment sieht es so aus, wenn die sich frei machen würden im erotischen und militärischen Wortsinn und auf eigene Faust weiterkämpfen würden, dann ließe sich ihnen der computertechnische Hahn leicht abdrehen, sie hätten nur noch ihr Berserkertum, ihren Amoklauf. Das wird es sicher irgendwann geben, Rambo ist eine gute Figur.

AK: Der einzelne könnte sich nicht verselbständigen, Rambo, der verselbständigt sich.

FK: Wenn die Analysen in meinem Umkreis über den sogenannten Untergang des Römischen Reiches stimmen, dann ist das Reich an seinen Prätorianern nicht gestorben, sondern sozusagen einfach umgedreht worden, wie ein Handschuh. Die Idee, daß man Nomaden braucht, um Nomaden zu bekämpfen, läuft ja letztlich im heutigen Kontext darauf hinaus, daß man Afghanen kämpfen läßt.

AK: Was unterscheidet die Nomaden vom Ackerbauern? Es ist ja in jedem von uns ein Bauer versteckt seit der landwirtschaftlichen Revolution, und das macht einen großen Teil der Stabilität unseres Seelenlebens aus. Ist auch immer irgendein nomadisches Element darin oder ist das seltener?

FK: Mir kommt die grauenhafte Idee, als ob die Nomaden mit ihren Pferden oder mit ihren Reittieren verheiratet wären, und wir mit unseren Frauen – diese Bindung an die Frauen und an Mutter Erde, das ist unsere Religion, das Christentum, Maria. Bei den Nomaden dagegen, glaube ich, ist bis in die Erotik hinein das Verhältnis zu diesen Fellen von weichen Tieren dominant, auf denen sie reiten, und die Frauen sind nicht so wichtig. […]

Daher kommen wir ja letztlich. Im 14. (vorchristlichen) Jahrhundert bevölkerten friedliche Ackerbauern Kreta und Athen, und plötzlich brennt alles, die Schrift verschwindet, Linea B, die erste europäische Schrift, die Paläste werden nicht durch Erdbeben zerstört, wie immer behauptet wird, sie verbrennen, und es kommen Leute, nicht wie in Homers Ilias auf einem von Pferden gezogenen Wagen und edel kämpfend, sondern die auf ihren Pferden hocken wie später die Hunnen und Mongolen, an die Mähnen gefesselt. [...] Das sind unsere Ahnen, denn die griechische Kultur kommt aus diesem Überfall.

Krieg der Städte

ARCH+: Wir würden gerne das Gespräch mit Alexander Kluge fortsetzen. Dort beschreiben Sie, wie sich im Ersten Weltkrieg aus den verheerenden Konsequenzen des Stellungskrieges das Konzept der Elitetruppen entwickelt, die Arditi in Italien, die Sturmtruppen in Deutschland. Sie diskutieren dann die Entwicklung dieser Elitetruppen bis zu den special forces in Afghanistan. Wenn Sie anhand von Afghanistan Landschaften wie die Steppe und die Wüste als Terrain dieser Elitekämpfer umschreiben, dann haben wir in dieser Ausgabe, ausgehend von den Ereignissen der letzten zwei Jahre, die Stadt als den Schauplatz des Krieges verstanden.

Friedrich Kittler: Das gehört dialektisch zusammen. Das war ja die These in diesem Gespräch: Keine Nomaden ohne Städte, keine Städte ohne Nomaden. Alles Gebaute bedroht der Nomade.

ARCH+: Was verstehen Sie unter dem Begriff des Nomaden? Um zwei Beispiele aus diesem Heft aufzugreifen: Diejenigen, die etwa im World Trade Center gearbeitet haben, lebten doch z.T. weitaus nomadischer als Menschen in palästinensischen Flüchtlingslagern, vermeintlich unverwurzelt, die jedoch kaum eine Chance haben, die Flüchtlingslager je zu verlassen.

FK: Das ist sicher richtig, aber ich glaube, daß es einen Unterschied gibt zwischen seßhaften Nomaden mit Bankkonto, Telefon und e-mail, und Nomaden, die wirklich nomadisieren. Ich zum Beispiel nomadisiere durch die halbe Welt und halte Vorträge, aber das ist ein abgeleitetes Nomadentum. Die amerikanischen Elitetruppen, die heute in Basra sind und übermorgen anderswo, die mit großer Geschwindigkeit disloziert werden, das sind vielleicht Nomaden. Bei ihnen kann man schon mit größerem Recht von Nomaden reden.

ARCH+: Was bedeutet es nun, wenn nicht mehr der glatte Raum der Wüste das Terrain des Krieges bildet, sondern die Stadt zunehmend zum Kriegsschauplatz wird, mehr noch, selbst Kriegsformen annimmt, so wie es Eyal Weizman im Gespräch mit Philipp Misselwitz anhand des israelisch-palästinenschen Konflikts entwickelt [siehe S. 64-71]? Die Kombattanten passen sich nicht mehr einer Landschaft an, sondern verbergen sich in der Stadt und wenden die Uneinsehbarkeit eines Hauses, die Nichtüberschaubarkeit eines Flüchtlingslagers und die Anwesenheit von Zivilisten in einen militärischen Vorteil. Wären das für Sie Gründe, den Übergang von der Wüste zur Steppe zur Stadt auch als einen Wechsel in der Einschätzung des Krieges anzusehen?

FK: Lassen Sie mich mit einer der schönsten Erzählungen von Jorge Luis Borges anfangen, “Die zwei Könige und die zwei Labyrinthe”.[1] Der König der Araber besucht den König der Inseln von Babylon. Der Herrscher von Babylon hat ein Labyrinth erbauen lassen und macht sich nun den Spaß, seinen Gast aus der Wüste in dieses Labyrinth zu setzen, natürlich um ihn umzubringen. Aber der König der Araber findet aus dem Labyrinth heraus, tut so, als sei nichts gewesen, und bittet seinen Gastgeber, ihn nächstes Jahr in Arabien zu besuchen. Und im folgenden Jahr kommt der Herrscher von Bagdad geritten, und auf dem Weg zur angeblichen Hauptstadt, die es gar nicht gibt, da es sich nur um ein kleines Zelt handelt, sagt der König der Araber: Du hast mir letztes Jahr ein großartiges architektonisches Labyrinth gezeigt. Nun zeige ich Dir mein Labyrinth. Darauf läßt er den König von Babylon in der Wüste zurück und reitet weiter.

Ich glaube, der Krieg oszilliert immer zwischen den Polen Stadt und Land. Im Mittelalter ging es um die Einnahme von Städten, offene Feldschlachten waren die große Ausnahme. Mit den Condottieris und den Nationalheeren verlagerte sich der Krieg jedoch vor die Städte, aufs Land, und es stellte sich die Frage, ob es noch ratsam sei, Städte überhaupt einzunehmen – Moltke scheute sich, in die Commune einzumarschieren, hungerte sie 1871 einfach aus, vor allem auch, weil Haussmann Paris militärtechnisch ausgelegt hatte.

Und im Zweiten Weltkrieg war es nicht Feigheit, daß die Deutschen, als der Blitzkrieg noch Blitzkrieg war, also in den ersten zwei Jahren, Kiew nicht eroberten, sondern umfuhren. Die beiden Panzergruppen Kleist und Guderian sind 700 km östlich von der Frontkampflinie und 300 km östlich von Kiew, die einen von Norden nach Süden und die anderen von Süden nach Norden, gefahren – die deutsche Infanteriefront lag noch 600 km zurück – und haben einfach den Sack zugemacht: zwei Millionen Gefangene. Die berühmte Todesgefangenschaft. Und es war doch schlau, Sedan nicht einzunehmen, sondern zu umgehen – die berühmte Maasüberquerung, Städte sind immer feindliche Konzentrationen, die umfährt man besser. Ob die Amerikaner nun Bagdad einnehmen oder nicht: ich möchte meinen Kopf nicht darauf verwetten, ob sie die GIs nach Bagdad hinein schicken. Weizman deutet doch an, daß man eine Stadt auch erobern kann, indem man sie infrastrukturell kontrolliert.

ARCH+: Aber Weizman weist auch darauf hin, daß bei der Eroberung Jenins in der letzten Phase auch amerikanische Truppen beteiligt waren. Sie wollten als Vorbereitung auf die Einnahme Bagdads den Häuserkampf studieren.

FK: Die Israelis führen einen Kolonialkrieg, sie müssen die Palästinenser unterdrücken, schon aus demographischen Gründen. Die Israelis müssen Stadtkriege führen .... Diese Stadtkriege sind schlecht übertragbar auf Basra oder Bagdad. Sharons erklärte Politik ist es doch, die Lebensbedingungen der Palästinenser, die technische Infrastruktur, zu zerstören, so daß die Palästinenser “freiwillig” nach Jordanien fliehen. Insofern ist dies eine Vertreibungspolitik. Das ist nicht, was die Amerikaner im Irak wollen oder können: sie wollen den Irak nicht kolonialisieren, sie wollen die Ölfelder ausbeuten. Und diese werden nicht so ernsthaft bewacht, wie Bagdad uneinnehmbar zu sein scheint.

ARCH+: Sie würden also diese These, daß die Stadt zunehmend wichtiger wird in den gewaltsamen Auseinandersetzungen – den Kriegen, den Bürgerkriegen – eher bestreiten. Sie würden sagen, daß es aus der Logik des Krieges folgt, die Einnahme von Städten zu vermeiden.

FK: Das würde ich eigentlich denken, es sei denn, es geht darum, auf “eigenen" oder angemaßten Territorien Aufstände niederzuschlagen. Die Niederschlagung der Aufstände in Watts, Los Angeles im August 1965 hatte wahrscheinlich ähnliche städtebauliche Folgen für Downtown L.A. wie die englische “Operation Anker" in Jaffa vom 16. 6.1936 [siehe S. 68-69].

Ich denke auch, daß Herfried Münkler [siehe S. 30-31] und andere Diagnostiker recht haben, wenn sie behaupten, daß die neuen Kriege den Unterschied zwischen Innen und Außen einebnen. Aber zumindest für uns besteht dieser Unterschied noch, deshalb müssen wir darüber sprechen. Wir dürfen Militär und Polizei nicht völlig identisch behandeln.

Fortifikation der Städte

ARCH+: In einem zweiten Komplex dieses Heftes haben wir den Wettbewerb für die Neubebauung des Areals des World Trade Center aufgegriffen, um zu zeigen, daß diese Vorschläge einen Wandel des Hochhauskonzepts einleiten. Standen in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts Fragen der Hoch-Technologie, des high-tech, in den neunziger Jahren Fragen der Nachhaltigkeit im Vordergrund, so hat der 11. September die Aufmerksamkeit auf die Sicherheit des Hochhauses gelenkt. Sicherheit wird dabei auf drei Ebenen thematisiert: Bündelung der Türme statt Einzeltürme, Dispersion der Fluchtwege statt Konzentration und “sacrificial facades” statt Vorhangfassaden. Mit diesen Entwicklungen holt der Hochhausbau auch nach, was der Automobilbau seit den achtziger Jahren praktiziert, Knautschzone, nicht splitternde Frontscheibe, sprich: es handelt sich bei diesen Entwicklungen im Hochausbau um nachholende Rationalisierungsschritte.

Bei der Recherche zu diesem Thema hatten wir jedoch mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen. Zum einen hat das Thema “Architektur und Krieg" befremdet, die meisten Büros wollten nicht in diesen Zusammenhang gebracht werden. Zum anderen akzentuieren sie anders: Nicht Fragen der Sicherheit noch Fragen der Nachhaltigkeit werden öffentlich diskutiert, sondern Fragen der Höhe. So heißt etwa die kommende Ausstellung von Norman Foster, mit der er seine Arbeiten aus dem letzten Jahrzehnt, vom Milleniumtower bis zu dem Twinned Tower für die Neubebauung des WTC-Areals, resümiert, nicht ohne Grund: “Sky high”, “himmelhoch". Dieser Titel wirft ein bezeichnendes Licht auf das, worum es bei der kommenden Generation von Hochhäusern geht: um himmelstürmende, fast babylonische Höhen.

FK: Ich finde diese Hochhauskonzepte sehr irritierend. In den sechziger Jahren hat das Pentagon mit dem “Strategic Atomic Command" in Cheyenne, North Dakota, in 500 m Tiefe einen Riesenbunker gebaut, der fast atombombensicher war. In den späten achtziger Jahren, als Reagan das “Star Wars"-Konzept entwickelte, ging man dagegen davon aus, daß diese Form von Sicherheit nicht mehr anzustreben sei. Statt dessen setzte man auf Redundanz. So wurden 26 oder 27 bescheidenste Bungalows über ganz Amerika verteilt, die so wunderbar vernetzt waren, daß, sollten 25 von ihnen getroffen werden, die letzten beiden weiterhin funktionieren würden. Redundanz scheint mir auch in diesem Fall eine sinnvollere Strategie zu sein, als auf Hochhausmonolithe zu setzen, selbst wenn sie horizontal vernetzt sind. Hochhäuser bleiben doch phallische Machtsymbole. Angesichts des 11. September war meine These ja auch: Nachrichtentechnisch war er ein Schlag ins Wasser. Die Deutsche Bank z.B. hatte ihre Daten auf so viele Server verteilt, daß kein einziger Datenverlust eingetreten ist.

ARCH+: Ludwig Hilberseimer hat in den fünfziger Jahren versucht, Siedlungen zu entwerfen, die atombombensicher, weil dezentralisiert sind. Die Dezentralisierung der Stadt, das war die Hoffnung, im Prinzip also die Idee, die auch dem APARNET und später dem Internet zugrundeliegt: etwas zu schaffen, das sich selbst organisiert und von daher weniger verletzlich ist. Wie Sie sagen, nachrichtentechnisch war der Anschlag auf das WTC ein Schlag ins Wasser.

FK: In einem sehr schönen Film hat der Mathematiker Claude Shannon das Denken in Netzen zum ersten Mal vorgeführt. Er hat sich mit eigenen Lötkolbenhänden und Metallscheren ein Labyrinth gebaut, das er beliebig konfigurieren kann. Und dann schickt er eine elektrische Maus in das Labyrinth und sagt lächelnd in die Kamera: “Schauen Sie, die Maus kann sich aus dem Labyrinth immer noch befreien." Doch dann macht er etwas ganz Gemeines: Er setzt vier Wände rund um ein Feld, schließt die Maus ein und sagt dann: “Jetzt kommt die Maus nicht mehr raus. Wir aber auch nicht." Sehr ironischmelancholisch. Wenn nicht alle Ausgänge geschlossen sind, wenn das Labyrinth fair ist, dann hat die Maus noch eine Chance. Das ist auch die Idee des Internet, und diese Idee ist in jedem Computer-Aided-Computer-Design enthalten. Kein Ingenieur ist heute noch in der Lage, hunderttausend, hundertmillionen Transistoren zu vernetzen, also muß das Routing, das Layout der Schaltungen durch Rechner gemacht werden. Und so könnte man sich eine sich selbst verteidigende Stadt vorstellen: in der soviel verteilte Computerintelligenz auftritt, daß zerbombte U-Bahnhöfe eben umfahren werden. Man könnte sich vorstellen, daß U-Bahnen und ähnliche Systeme in Zukunft genauso intelligent werden, wie es das Internet heute schon ist. Wenn im Netz eine Zwischenstation ausgefallen ist, dann sucht sich das Pocket Switching eben einen anderen Weg.

ARCH+: Grundlage all dessen ist der Rechner.

FK: Und damit ändert sich der Begriff dessen, was eigentlich die arché, der Anfang, der Architektur ist. Der Architekt ist ja derjenige, der den Anfang setzt oder baut. Und der Anfang ist heute der Computer, aus dem heraus sich sowohl der Krieg, was das Pentagon und seine Feldzüge betrifft, wie auch die Struktur von neuen Gebäuden entfaltet.

Neu ist in der Architektur zunächst einmal nur, komplexere Strukturen überhaupt berechnen zu können. Es gibt einen qualitativen Sprung in dem, was Konstrukteure heute machen können, was überhaupt zu berechnen ist. Man kann nicht mehr mit der Hand zeichnen oder rechnen, um zu entscheiden, was stabil oder instabil ist. Und die Berücksichtigung von Fragen der Sicherheit erhöht ja auch die tragenden Lasten, also die “unangenehmen" Lasten. Sie muß man wegrechnen können, damit die Nutzlast nicht gegen Null geht. 1942 bestand die erste V2 aus 14 Tonnen Treibstoff, einschließlich Aggregat, und einer knappen Tonne Sprengstoff. Die Rechnung, das KostenNutzen-Verhältnis war grauenhaft schlecht. Und da denke ich schon, daß die Computeroptimierung etwas am Begriff der Architektur verändern wird.

Trotzdem sollten wir uns dem Problem der Architektur anders nähern. Wir sollten das Denken in Netzen als eine neue Form der Mathematik begreifen, so wie Balthasar Neumann das Ellipsoid in Vierzehnheiligen behandelt hat, als größtes, eben nicht mehr sphärisches, sondern ellipsoidisches Grundprinzip aller architektonischen Einzelteile, so gibt es heute eben den Computer. Den Computer kann man, wie Frank Gehry es tut, dazu benutzen, Shakespeares gesammelte Werke von hunderttausend Schreibmaschinenaffen schreiben zu lassen, grauenhaft, oder man kann den Computer benutzen, um eine neue Komplexität in die Gebäude einziehen zu lassen. All die vorhin angesprochenen Sicherheitsmaßnahmen sind computerberechnete Optimierungsmaßnahmen, und diese sind genauso militär- oder sicherheitstechnisch präzise wie Balthasar Neumanns artilleristische oder differenzialanalytische Berechnungen.

Sacrificial facades

ARCH+: In einem Bericht von Herbert Muschamp zum Wettbewerb für die Neubebauung des WTC-Areals in der New York Times sind wir auf den Begriff der “sacrificial facade" gestoßen.[2] Damit werden “Lufttaschen" in der Fassade umschrieben, die das Gehäuse “vor den Druckwellen von Autobomben schützen sollen". Gemeint sind also zweischalige Fassaden mit einer gewissen Tiefe.

FK; Das ist ein zweideutiges Wort: man kann es sowohl als Opferfassade, aber auch als heilige Fassade lesen.

ARCH+: Bei der weiteren Recherche zu “sacrificial facades” haben wir diesen Begriff ausschließlich in den Überlegungen zum Schutz von Computernetzen gefunden.[3] Dort beschreibt er die Strategie, einen bestimmten Server dem Angriff von Viren zu opfern, um damit das Netz am Leben zu erhalten. Blumige Begriffe werden für diesen eher prosaischen Tatbestand verwandt, wie “sacrificial lambs”:“Opferlamm” und eben auch “sacrificial facades”: “Bauernopferfassaden”.

FK: Mein Vater hat, als ich zehn war, über den sächsischen Festungsarchitekten Georg Rimpler gearbeitet, der 1683 Wien gegen die Türken befestigt hat.[4] Seit Vauban und Rimpler konnte die Verteidigung nicht mehr allein darin bestehen, die Stadt gegen feindliche Artillerieangriffe zu verteidigen. Das Problem war, daß feindliche Pioniere durch unterirdische Minen kamen, und auch wenn die aus ihren Maulwurflöchern drei Meter vor der Stadtmauer auftauchten, dann durfte es nirgendwo einen einzigen toten Winkel geben. Deswegen sind die geschlossenen Fortifikationen aufgelöst und lauter Bastionen völlig isoliert vor die Stadt gesetzt worden, die dann automatisch, das heißt geometrisch, optimiert wurden. Die Kanonen und die Musketen mußten so angeordnet werden, daß der Feind an jeder Stelle unter Beschuß genommen werden konnte. Diese vorgeschobenen Bastionen mußten unterirdisch versorgt werden, da sie oberirdisch keine Verbindung zur Stadt haben durften, das war der technologische Durchbruch, das war schlachtentscheidend vor Wien. Diese vorgeschobenen Bastionen waren eben nicht autark, es geht also um ein zu opferndes Interface.

ARCH+: Wir haben den Begriff der “sacrificial facade" aber nicht festmachen können. Er geisterte von Anfang an durch die Diskussion. Er legte einen Zusammenhang zwischen Militärstrategie und Baukonstruktion nahe, der uns brennend interessierte, weil er unterstellte, daß Fragen, die bisher auf der Oberfläche abgehandelt wurden, nunmehr in die Tiefe der Konstruktion eindringen. Anders ausgedrückt: die Camouflage der Oberfläche wird ersetzt durch strategisches Denken im Umgang mit der Konstruktionstiefe. Ingenieure wie Werner Sobek [siehe S. 52-53] oder Schlaich, Bergermann und Partner [siehe S. 46-47] weisen unterschiedlichen Teilen der Konstruktion unterschiedliche statische Wertigkeiten zu – primäre Elemente, die zu schützen sind, sekundäre Elemente, die geopfert werden können – oder sie sprechen von “inhärenter Redundanz" und meinen damit ein Denken in Netzen, das ebenfalls erlaubt, zwischen den Teilen des Netzes zu differenzieren. Sie verfolgen damit fast dieselbe Vorstellung von strategischem Denken, wie es ihre militärischen Vorläufer taten [siehe Seite 50, Ove Arup].

FK: Der Verlorene Haufen ist dafür ein schreckliches Beispiel aus der Militärgeschichte. Der Erste Weltkrieg besteht im wesentlichen aus der tiefsinnigen Idee, daß man nicht einen einzigen Schützengraben hat, sondern ein gestaffeltes System entwickelt und den Verlorenen Haufen in den ersten Schützengraben legt Dieser Verlorene Haufen ist bei jedem Angriff des Feindes zu 80-90% tot, und die Verteidigung entwickelt sich dann aus der Tiefe. Es gab drei, vier Schützengräben hintereinander, und kaum einer kam durch dieses System hindurch – vor der Erfindung der Sturmtruppen. Die Ludendorff-Offensive war die einzige, die auf 70 km durchgebrochen ist. Eine Sensation, aber dann blieb der Nachschub aus, zu wenige LKWs, und die deutschen Soldaten waren zu ausgehungert.

ARCH+: Wenn wir die Fragen der Sicherheit auf Konstruktion und Fluchtwege beziehen, ist das alles etwas abstrakt. Wenn wir sie aber auf die Fassade beziehen, dann gewinnen Sicherheitsfragen eine ganz andere Dynamik. Der Zusammenhang von Ökologie und Sicherheitstechnik liegt einfach auf der Hand.

FK: Denken Sie an die Commerzbank in Frankfurt. Die ökologische Idee von Norman Foster wird militarisiert, zehn Jahre danach.

ARCH+: Das war genau unsere Vermutung, aber sie ließ sich nicht belegen. Denn wenn die Fassade mehrschichtig sein, Tiefe haben muß, dann bieten doch die Wintergärten, mittels derer Foster zum Beispiel die Commerzbank organisiert hat, genau den Raum, den man für die Lufttaschen von Bauernopferfassaden braucht. Genau das also, was einmal “grün" konzipiert wurde, bietet sich heute für die Militarisierung an.

FK: Vielleicht ist es keine kausale oder plagiatstechnische Beziehung, obwohl das schön wäre. Aber wenn ich mich von meinem ewigen Historismus befreie und überlege, was Schutz ist, denke ich, daß Schutz bei der Haut anfängt. Die Haut ist ja wahnsinnig kompliziert aufgebaut, mit unzähligen Schichten, sie ist ja auch eine Opferschicht. Wir stoßen alte Haut ab, weil wir sie nicht mehr brauchen. Aber ich glaube, daß der Fehler, den viele Architekten im Laufe der Geschichte gemacht haben, ist, die geometrische, absolute euklidische Fläche, die ja keine Tiefe hat, mit einer baubaren Fläche zu verwechseln. Aber alles was anständig ist, ist natürlich ein Interface, das Tiefe hat und porös ist wie ein Schwamm und Raum gibt, Zwischenraum. Und das wissen die Ärzte genauso gut wie die Biologen oder die Ökologen. Ich habe mir erklären lassen, wie die Biologen heute die Zellmembrane beschreiben, die ebenfalls eine Trennung von Innen und Außen ist. Man kann sie nicht als Blase oder Sack oder Luftballon beschreiben: Sie muß durchlässig und undurchlässig sein, sie muß ausschließen und einschließen. Und diese Funktionen erfüllt sie durch ein geometrisch wahnsinnig komplexes System. Und je dynamischer diese Systeme sind, desto intelligenter. Bei Foster regelt sich ja der Grad von Licht- und Wärmeeinfall nach Tages- und Jahreszeit. Trotzdem frage ich mich noch ein bißchen am Ende: warum dieser Riesenaufwand? Sie wollen das fait accompli der Niederlage nicht hinnehmen.

Totenkult

ARCH+: Bleiben wir bei dem Wettbewerb zur Wiederbebauung des WTC-Areals. Fosters Vorschlag, der sachlich am stichhaltigsten war und sich dem Problem stellte: was heißt heute ein Hochhaus, das hoch, grün und sicher ist, schied schon in der ersten Runde des Wettbewerbs aus [siehe S. 40-43], während die Beiträge von Think [S. 44-47] und von Daniel Libeskind Fragen der Memorialkultur akzentuieren [S. 38]. Daniel Libeskind hat damit auch den Wettbewerb gewonnen.

FK: Totenschächte auf neue Weise. Das können wir nur beklagen, aber nicht erklären. Der Todeskult gehört offenbar zu solchen etwas gefährdeten Imperien wie Amerika. Es würde mich nicht wundern, wenn es noch einen Ruinenwertwettbewerb gäbe, frei nach Albert Speer.

Hans-Dieter Wunderlich, die deutsche Koryphäe unter den Geologen für den östlichen Mittelmeerraum, hat über Knossos 1972 das entscheidende Buch geschrieben, Wohin der Stier Europa trug. Darin belegt er, daß Knossos eine Totenstadt gewesen ist, in der keiner gewohnt hat – außer wenigen Priestern, die die Mumien ständig neu mumifiziert haben. Die Türschwellen sind aus Alabaster – ein Skandal für Geologen, weil sie nach einem Jahr abgetreten sind; die Badewannen sind viel zu klein, es passen nur geschrumpften Leichen hinein, die toten Priester und Könige lagen darin. Kreta war im ganzen Mittelmeerraum bis nach Ägypten berühmt für die besten Harze, Öle und Honige zum Mumifizieren. Die Archäologen haben getobt, denn sie bestanden auf ihrem Sir-ArthurEvans-Kreta, mit nackten Brüsten, fröhlichen Menschen und Stierkampf.

Deshalb glaube ich manchmal, daß die städtische Architektur viel mehr mit Tod zu tun hat, als wir annehmen. Und das paßt auch zum Memorialcharakter von Libeskinds Projekt. Es hat etwas mit Totenkult zu tun.

ARCH+: Die Entwürfe für das WTC-Areal sind mindestens 100-200 Meter höher als bisher in New York. Was die Sicherheit betrifft, sind sie eine Reaktion auf den Anschlag vom 11. September, was die Frage der Höhe betrifft, sind sie gleichzeitig eine Provokation, eine Machtdemonstration.

FK: Das ist zu allen Zeiten so gewesen. In Jericho gab es einen Ahnenkult, tote Ahnen, die bemalt waren und Augen aus Edelsteinen hatten. Aber Babylon, der Turmbau von Babel, ist das klassische Modell einer provozierenden Stadt, mit dem Zikkurat, dem höchsten Turm der Welt. Allein der Anblick sollte die Nomaden einschüchtern, sie unterwerfen. Das war der Zweck dieses Wunders. Und es ist ja nicht wahr, daß Gott eingegriffen und den Turm hat zusammen brechen lassen, wie die Bibel so idiotisch behauptet, er wurde ja gebaut. Und das ist das aufregendste: Wir kommen nach Bagdad zurück. Das war die erste Stadt und wird die letzte sein.

 

Das Interview Friedrich Kittler/Alexander Kluge ist ein Nachdruck von “Über moderne Kriegsführung“ (2002), in: Friedrich Kittler, Short Cuts, herausgegeben von P. Gente, H. Paris, M. Weinmann, Zweitausendeins, Frankfurt 2002, S. 211—226.

Das Gespräch zwischen Friedrich Kittler und Nikolaus Kuhnert, Achim Pietzcker und Susanne Schindler fand im März 2002 in Berlin statt.

 

Anmerkungen

[1] Jorge Luis Borges, "Die beiden Könige und die beiden Labyrinthe", in: Das Aleph. Erzählungen, Frankfurt am Main 2001, S. 117.

[2] Herbert Muschamp, The Memorial Would Live in the Architecture, in: New York Times, 22.9.2002.

[3] Vgl. beispielsweise: Recourse Technologies, The Evolution of Deception Technologies as a Means for Network Defense, o.D., in: www.nwfusion.com/ whitepapers/recoursetech/evolution.pdf

[4] G.A. Kittler, Georg Rimpler. "Kaiserlicher Obristlieutenant und Oberingenieur im Türkenkriege. Eine Untersuchung", in: Zeitschrift für oberrheinische Landeskunde, 1953, S. 139-243.

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