ARCH+ 122

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Erschienen in ARCH+ 122,
Seite(n) 12-13

ARCH+ 122

Kritik: Die Stadt braucht Regeln, die Architektur Phantasie

Von Hoffmann-Axthelm, Dieter

Es hat der Anfang einer Diskussion stattgefunden. Die großen Medien sind mit dieser Diskussion überfordert bzw. fürchten, ihr Publikum zu überfordern. Die Fachmedien sind also gefordert. Die Aufforderung in der Bauwelt, den Säbel einzustecken und das Florett zu ziehen, ist allerdings kein guter Anfang - als wenn es um Taktfragen ginge. Man sollte wenigstens zugeben, daß die diskutierten Themen intellektuell und politisch höchst brisant sind und in einem Maße an den Rand des Berufsverständnisses der Architekten stoßen, wie das m. E. seit der Wiederaufbaudiskussion Schwarz - Gropius keine Architckturdiskussion mehr getan hat. Ich versuche also, noch einmal auf die fünf Hauptpunkte zurückzukommen, um die es bei meiner Attacke gegen Lampugnani ging.

1. Der "Berliner Architektenstreit" ist ein typisches Architektenmißverständnis - der zur modernen Architektur unverbrüchlich zugehörige Reflex, Gesellschaftsfragen mit Designantworten zu verwechseln. Es geht gerade nicht um die soundsovielte querelle des anciens et des modernes. Die Alternative: Klassik oder Moderne, Steinarchitektur oder HighTech, ist, auf den Erscheinungsreichtum heutiger Architektur gesehen, geradezu fahrlässig, lenkt aber gut von der eigentlichen Problemebene ab. In einer Situation, wo das soziale Instrument Stadt nach allen Himmelsrichtungen auseinanderfliegt, kann es nicht bloß darum gehen, wie die rücksichtslosen Einzelteile architektonisch dekoriert werden, mit Glas oder Stein. In diesem Streit habe ich mich folglich geweigert, Partei zu ergreifen. Ist das so schwer zu begreifen?

Statt dessen plädiere ich für städtebauliche Ordnungsfiguren, die die auseinanderfliegenden Teile und Interessen auf ein gemeinsames Zentrum rückorientieren könnten, und halte es demgegenüber für sekundär und jedenfalls nicht öffentlich normierbar, mit welcher Architektur die Teilinteressen sich in der Stadt bemerkbar machen. Daß ganze Stadtbereiche mit Büroraum vollgestopft werden und andererseits immer mehr städtische Funktionen in Standorte draußen auf der grünen Wiese ausweichen, das ist das Problem. An dieser Doppelbewegung sterben unsere Städte. Die Frage, ob ein Entwickler seiner stadtzerstörenden Investition eine klima-aktive HighTech-Fassade oder eine hinterlüftete Steinfassade vorblendet, kann man demgegenüber vernachlässigen.

2. Der zweite Grund, warum diese Diskussion geführt werden muß, ist genau der Machtaspekt. Lampugnani geht es nur um die Theorie? Ich habe hinreichend oft die Erfahrung gemacht, daß Leute, die Macht akkumulieren, peinlich berührt sind, wenn von Machtfragen die Rede ist. Aber die Architektur ist kein Feuilleton. Mit ihr kann man, anders als mit dem Schreiben, Geld verdienen (ich weiß, wovon ich rede), und wer von Amts wegen oder als Museumsdirektor oder als Professor, Juror, Gutachter usw. mit der Normierung und Auswahl von Architektur zu tun hat, hat folglich ein interessantes Stück Macht in Händen.

Es geht also weniger um Fassaden als um Aufträge, Professuren und Meinungsführerschaft. Um beim Nächstliegenden zu bleiben: Eine Professur an der ETH Zürich ist, so wie unsere Welt beschaffen ist, ebenso eine Bastion wie das Direktorat des Frankfurter DAM, und daß das eine zum andern führt, auch das ist strategisch nicht bedeutungslos. Nicht, weil der Geist in unserer Welt so mächtig wäre. Vielmehr war es ja gerade der Kern meines Protestes, daraufhinzuweisen, daß die Legitimierung der konservativen Architektur der zwanziger bis vierziger Jahre einschließlich NS keine akademische Debatte ist, sondern auf eine fatal nützliche Weise eingeht in die Ausscheidungskämpfe, die in Berlin unter Architekten, Verwaltungen und Investoren ausgetragen werden.

Es ist der besondere Gebrauchszusammenhang, der diese bestimmte architekturtheoretische Position zur Zeit mächtig macht. Es wird scheinbar nur über Ästhetik diskutiert - aber darüber wird real die Scheidelinie hergestellt, an der sich ergibt, wer in Berlin (oder Hamburg) bauen darf und wer nicht. Ist das so abwegig?

3. Lampugnani glaubt, es reiche demgegenüber aus, seine übrigen Kritiker zu umarmen und mich isoliert vom Platz zu weisen. Der rhetorische Trick ist überdeutlich: hier der konstruktive Kritiker Pehnt, dort der - als Architekt! - unverantwortliche Libeskind, und dahinten, nicht recykelbar, ich, der Undemokratische.

Da ist dann doch immerhin daran zu erinnern, daß der Protest von Libeskind (er wurde vom SPIEGEL abgewiesen, dann, gekürzt, in der FR veröffentlicht und ist jetzt in ARCH+ 122, S. 14, nachzulesen) nicht minder schroff ausgefallen ist als der meine - mit dem bedeutsamen Unterschied, daß Libeskind zugleich implizit auch mich kritisiert.

Denn Libeskind argumentiert gegen Regelhaftigkeit und Alltäglichkeit überhaupt. Ich dagegen halte ein starkes städtebauliches Regelwerk für unumgänglich - aber eben nicht als Architekturprogramm, sondern als städtebauliche Vorgabe: Mischung und Differenziertheit der Nutzungen, klare Obergrenzen, hochdifferenzierte Dichte.

Haben Lampugnani und ich scheinbar das Insistieren auf einem gesellschaftlichen Regelwerk gemeinsam, so haben nun aber Lampugnani und Libeskind in der Tat gemeinsam, daß sie als Architekten reden und zwischen Architektur und Städtebau nicht unterscheiden. Nur meint jeder, seine Architekturauffassung sei die richtige. Man sieht, die Dinge sind nicht gerade einfach, und mit der Parole 'Einfachheit und Tradition' ist dagegen wenig auszurichten.

Im übrigen halte ich es für wenig hilfreich, wenn Libeskind einmal mehr in einer Auseinandersetzung, die um Architekturauffassungen und Marktanteile geht, gleich wieder die Nazi-Keule bemüht: Das heutige Berlin ist ganz gewiß nicht das von 1940, dessen architektonischer Qualität Lampugnani im SPIEGEL nachtrauerte, und der Senatsbaudirektor Stimmann ist von seinen Zielen und politischen Zusammenhängen her nun wahrhaftig mit Albert Speer nicht zu vergleichen.

4. Es ist rhetorischer Kitsch, wenn Lampugnani mit frommem Augenaufschlag fragt, ob ich denn wüßte, wieviel Schweiß es koste, eine gute Fassade zu entwerfen. Ich wäre immerhin bereit, ihm zu zeigen, wie es geht - ein traditionelles Haus entwirft sich auf der Basis der Arbeit der Väter und Vorväter quasi von selbst, nur ist das leichte Einfache halt nicht jedem gegeben.

Die Frage ist vielmehr, was das wichtigtuerische Reden von Fassaden überhaupt soll. Denn nicht nur ist das, was in Berlin prämiert und gebaut wird, ästhetisch von einmaliger Armut, vor allem ist, wie immer man das ästhetische Debakel einschätzen mag, das Thema Fassade im hier vorgetragenen Sinne von gestern. Die Trennung von technischer Gebäudehülle und auswechselbarem Design für das, was von dieser Umhüllung sichtbar wird, ist nicht mehr rückdrehbar. Was sichtbar wird, sagt nicht nur zu wenig über die Hülle, es sagt noch viel weniger über das Gesamtgebäude. Wenn ein Großteil der Kubatur unter der Erde liegt, wenn die eigentlich modernen Leistungen gar nicht mehr sichtbar werden und großenteils nicht einmal mehr im Gebäude stecken, sondern in der Optimierung seiner Herstellung, dann ist die altmeisterliche Rede vom Fassadenzeichnen entweder Finte oder, in dubio pro reo, Elfenbeinturm.

5. Schließlich: Kein Beifall von der falschen Seite. Es wäre nicht das geringste damit gewonnen, die augenblickliche Berliner Architektur durch eine andere, experimentellere zu ersetzen. Das Problem ist nicht die Architektur, sondern die Fähigkeit einer Stadt, städtebauliche Ordnungsvorstellungen zu entwickeln.

Es gibt in Berlin noch einen weiteren Grund, warum es schwerfällt, eine Alternative zur Arbeit des Stadtbaudirektors Stimmann zu sehen. Gäbe es ihn nicht, würde das nämlich keineswegs den Weg für planerische Vernunft freimachen, sondern nur für die übliche Stadtzerstörung. In vielen Stadtbereichen gerade der Peripherie hängt es alleine an Stimmann, wenn dort überhaupt noch von Städtebau die Rede ist und nicht von bloßem Marketing oder Wohnungsbauquantitäten.

Man kommt sowieso keinen Schritt weiter, wenn man der Welt diese oder jene oder noch eine andere Architektur empfiehlt. Die Splitterstadt, die Rem Koolhaas oder Daniel Libeskind vorschwebt, ist so bodenlos wie die Stadt der Steine. Beides sind ästhetische Strategien. Es kommt aber darauf an, die Stadt als soziale Form zu retten, als Willen zum Zusammenleben. Wo es diesen Willen nicht mehr gibt, ist für Architektur sowieso die Zeit vorüber.

Wir müssen uns also erst einmal darüber streiten, wofür die Architektur gebraucht wird. Sind das weiter Stadtzentren aus Büroetagen, Kaufhäusern, Diskos und Pornoläden, dann kann man das Thema Stadtzentrum, überhaupt das Thema Stadt, abschreiben. Welche Architektur gerade die Dekoration besorgt, ist dann für Außenstehende, Theoretiker oder die normale kulturelle Öffentlichkeit kein Grund, um sich mit irgend jemandem in die Haare zu geraten. Also: Entweder wir machen uns an die Grundlagenarbeit (und respektieren einstweilen jedwede Architektur, Hauptsache, sie baut mit am neuen Konsens), oder die weitere Diskussion über Stadt wie Architektur erübrigt sich in der Tat.

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