ARCH+ 122

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Erschienen in ARCH+ 122,
Seite(n) 70-71

ARCH+ 122

Das grüne Hochhaus

Von Sauerbruch, Matthias /  Hutton, Louisa

GSW-Hauptverwaltung

Berlin ist ein sichtbares Palimpsest verschiedenster Ideologien, dessen Struktur in Ermangelung eines besseren Begriffes als chaotisch beschrieben wird. Planer betrachten dieses "Chaos" als Feind, möglicherweise deswegen, weil sie in seiner "Unplanbarkeit" eine Bedrohung ihrer eigenen Existenz sehen; möglicherweise aber auch, weil sie nicht gewillt oder in der Lage sind, sich auf komplexere Ordnungssysteme einzulassen. Positiv ausgedrückt sind die "chaotischen" Strukturen in Berlin Spiegelbild einer relativ jungen pluralistischen/sozialistischen Gesellschaft, die auf den Ruinen einer totalitären Vergangenheit nach ihrer eigenen Identität sucht.

Das Projekt für die GSW setzt sich mit der Erweiterung eines Bürohochhauses aus den 50 Jahren auseinander. Das bestehende "Graphische und Gewerbezentrum" (GGZ) ist eines der ersten Wiederaufbauprojekte in diesem Stadtteil. Es war als das neue Zentrum des alten Zeitungsviertels konzipiert. In seiner bewußten Ablehnung der Stadt des 18. und 19. Jahrhunderts versuchte es, einen äußerlichen und innerlichen Neuanfang zu demonstrieren: Die funktionalistische, "demokratische" Stadt sollte an die Stelle von Tradition und Geschichte treten. Es verkörperte die Hoffnung des Anfangs einer modernen Kapitale, die aus der Asche der zerstörten Reichshauptstadt auferstehen sollte. Durch den Bau der Mauer blieb diese "optimistische Initiative" unvollendet, die Gebäude blieben isoliert, die Stadtplanung ohne Sinnzusammenhang. Anstelle der geplanten Nutzung als Verlagszentrum übernahm die Gemeinnützige Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft dann das Gebäude als ihre Hauptverwaltung.

Der Bereich an der Mauer blieb bis in die siebziger Jahre ein Bereich, der nicht oder nur ungern angetastet wurde. Der Entwurf flechtet die Fäden der unterschiedlichen und fragmentierten Stadtentwicklung zu einem dreidimensionalen Gebilde zusammen und integriert damit nicht nur den Neubauteil in das Gefüge der Stadt, sondern rundet auch die historische Situation ab und mildert "Affront" der fünfziger Jahre nachträglich, ohne die ehrenwerten und aus der Zeit heraus durchaus verständlichen Absichten des bestehenden Gebäudekomplexes zu untergraben. Der Erweiterungsbau geht eine Verbindung mit dem Bestand ein, der das Konglomerat unterschiedlicher Elemente als Wachstumsmodell einer Stadt nicht nur akzeptiert, sondern zum Ürdnungsprinzip erhöht. Das neue Ensemble reagien auf die barocke Logik des Stadtgrundrisses ebenso wie auf die Regeln der Verdichtung im 19. Jahrhundert. Es absorbiert die Objekthaftigkeit des Gebäudes aus den fünfziger Jahren und registriert das Motiv des "Dialoges über die Mauer" – der Konfrontation von Hochhäusern über den Raum der Mauer hinweg, der ein direktes Resultat des Antagonismus der beiden Stadthälften war.

 

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