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ARCH+ 109/110

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Erschienen in ARCH+ 109/110,
Seite(n) 20-21

ARCH+ 109/110

Kritik: was architektur sein könnte

Von Aicher, Otl

arbeit hängt ab vom arbeitsklima. das kann im übertragenen sinn die stimmung in einem unternehmen bedeuten, aber auch sehr praktisch das physiologische und psychologische klima, das durch sonne und schatten, durch licht, frische oder verbrauchte luft oder durch räumliche transparenz der architektur bestimmt wird, einmal abgesehen von der büroeinrichtung und dem technischen equipment, welches die quälitat des arbeitsplatzes maßgeblich auszeichnet.

vor allem intellektuelle tätigkeit braucht eine entsprechende physiologische und psychologische Stimmung, der bauer geht auch bei schlechtem werter aufs feld und die bauarbeiter hören höchstens auf, wenn das dach noch nicht gedeckt ist und sie im regen stehen.

schon zu einem brief wünscht man sich ein psychisches umfeld, das die ausdrucksweise freier und gezielter macht, es wird nicht nur bestimmt durch die raumtemperatür, von den möbeln, die herumstehen, die bilder, die an der wand hängen, sondern auch vom tageslicht, vom stand der sonne oder vielleicht von den blättern des baumes, die ein spiel von schattenpunkten erzeugen.

heute – das ist die arbeitsthese – ist es möglich, dieses physiologische und psychologische klima weitgehend selbst zu erzeugen und zu steuern, und architektur ist nicht weniger und nicht mehr, als ein solch selbstbestimmbares lebens- und arbeitsklima zu erstellen, sie soll ein instrumentarium schaffen, das dazu da ist, unsere physiologischen lebensräume so zu inszenieren, daß wir mit ihnen übereinstimmen.

nicht nur ein morgenspaziergang in einem maiwald ist besonders stimulierend, manchmal ist es das licht bei einem heraufziehenden gewitter, manchmal die dämmerstunde des Winterabends. architektur ist heute in der läge, ja es ist ihre eigentliche aufgäbe, solche Szenerien zu ermöglichen, dies als Selbststeuerung, architektur ist nicht so sehr dazu da, stil zu haben, stile sind vergänglich, architektur ist ein lebensgerät. (anstelle von Stilen haben wir heute auf der einen seite eine instrumenteile architektur, auf der anderen eine demonstrative, welche das geschäft der macht durch ästhetik betreibt.)

eine instrumenteile architektur wird benötigt für ein büro mit hochqualifizierten mitarbeitern, von denen man intellektuelle kreativität, kollegiales handeln und führung durch argument erwartet.

die fassade

angenommen, es scheint die pralle sonne, dann sollte die technische ausstattung der fassade es ermöglichen, eine markise herabzulassen, markisenlicht gibt dem räum ein sommerliches halbdunkel, das ihn mit wärme und mit frische erfüllt, die markise sollte vom arbeitsplatz aus zu bedienen sein, wie im übrigen alle mechanischen prozesse, die man von einer flexiblen fassade heute verlangen kann.

dazu gehört das öffnen der fenster. am schönsten wäre eine außenwand von unten bis oben aus glas mit der möglichkeit, wenigstens ein drittel so zu öffnen, daß man fast den eindruck hat, im freien zu arbeiten, manches fenster muß heute im sommer und im winter immer geschlossen bleiben, aber wo ein paar bäume vor dem haus stehen, ist es ein vergnügen, die in ihrem schatten gekühlte luft zu atmen.

die qualität des tageslichtes im innenraum sollte in einer weise steuerbar sein wie in der natur. es gibt sonnenlicht, schleiriges licht, dämmerlicht, das licht von regentagen, das silberlicht des winters, in der natur regeln das die wölken, die haustechnik stellt uns dafür den lamellenstor zur Verfügung, mit ihm läßt sich zwischen hell und dunkel jede lichtstimmung einstellen, die dem eigenen gemüt entspricht und es unterstützt, der lamellenstor kann hochgezogen sein, halb herabhängen oder ganz, er kann eingestellt sein zur fast völligen abschirmung des lichts oder er kann auf voll transparent fixiert sein, ganz wie man will, er gibt dem räum seine seele. er schirmt zudem ab. wie wichtig ist das gefühl von innen und außen für die eigene existenz? manche arbeit erlaubt kein flüstern und keine ablenkung durch ein Wölkchen, andere wieder fließt coram publico. schließlich gehen wir ins theater, um uns einem abendfüllenden spiel von hell und dunkel hinzugeben.

die lamellenstore geben uns zudem die chance, uns von unserer umweit abzuzirkeln, sie regeln unseren sichtschutz und gestatten es sogar, uns am hellichten tag in die innerste einsamkeit zurückzuziehen.

also hat ein architekt, der uns ein haus baut, zuerst darauf zu achten, daß sich seine fassade als lichtgerät verstehen läßt, sie muß in ihren markisen, in ihren lamellenstoren und in ihren fensterfeldern beweglich und dabei so programmiert sein, daß sie in notfällen wieder ihren normalzustand herstellen kann, im übrigen ist sie steuerbar, die servomotoren der kleinen leistungen, die wir heute bei autos vorfinden, finden auch einzug in die fassade.

die entdeckung des lichts

das licht ist ein medium, das wir eben erst entdecken, in die kathedrale von chartres ging man einst um ein farbiges glasfenster zu bewundern, heute ist gotik lichtarchitektur. das aufregendste am pantheon ist, wie ein loch im zenit der kuppel den räum erhellt, dagegen dürfte die lichtarchitektur le corbusiers in ronchamps etwas bemüht dastehen, auch gegenüber den originalen in der nordsahara, die ihn zu dieser kirche inspirierten.

licht ist am sonntagmorgen anders als am Samstagabend, unsere zeit- und raumerlebnisse verbinden wir, ausgesprochen oder nicht ausgesprochen, mit licht. Wand hat ein anderes licht als griechenland. die akropolis steht nach einem klärenden gewitter anders da, als wenn die sonne kaum noch durch den smog einer kulturlosen autostadt durchzuscheinen vermag.

zehn uhr morgens hat ein anderes licht als elf uhr morgens, die arbeit läuft anders mittags um drei als morgens um halb neun, eine wohnung ist ein lichtgerät, es gibt wohnungen in alten gemäuern mit kleinen Öffnungen, aber auch wenn ganze wände sich in glas aufgelöst haben, erhält die wohnung zu jeder stunde ein anderes licht, die fenster sind die objektive einer kamera, die eine kommunikation von außenkosmos und innenkosmos herstellt.

wie vieles in unserem verhalten, kann man unseren umgang mit licht aus der entwicklungsgeschichte des menschen ableiten, wir waren einmal wald- und baumwesen ehe wir in die savanne heraustraten, und der wald hat eine dimension mehr als licht, er hat schatten, lichtschatten, dies vorausgesetzt und die existenzbasis des lichtes für arbeiten und wohnen, für denken und fühlen anerkannt, könnte man sagen, daß die architektur nun dabei ist, dieses leben in licht und lichtschatten verfügbar zu machen, es der eigenen kontrolle bereitzustellen, die technik ist da, zumindest als rohmaterial. was daraus wird, ist eine bewußtseinsfrage. vor hundert jähren wußte man nicht was psyche ist. wir haben unsere lektionen gelernt, bei gott nicht in der schule, die uns ja nur für den beruf vorbereitet, aber in einem gesellschaftlichen und kulturellen lernprozeß, der es uns erlaubt, unsere eigene psychische existenz und die anderer, wenn auch nicht besser zu verstehen, so doch in weitere, größere, tiefere zusammenhänge einzuordnen, licht, das ist das thema der heutigen architektur. das ist gleichbedeutend mit transparenz, steuerbarer transparenz.

licht, luft und sonne als motiv des neuen bauens waren hygienetechnische simplifikationen gegen die Stadt der rigorosen profit-architektur.

nicht die physiologie ist das eigentliche problem. manchmal brauchen wir licht, manchmal brauchen wir nacht, das haus wird mehr und mehr zu einem psychologischen gerät, uns das licht oder den schatten geben zu können, den wir nach dem prinzip hunger und durst haben möchten.

dies gilt im übrigen für das tageslicht, wie für das künstliche licht.

man hat die menschwerdung definiert als entwicklung von der rohkost zur gekochten speise, als leben in der eigenen haut, das sich weiter entwickelt zur bekleidung, zu hemd, rock und hose, in beiden fällen kommt es zu einer Selbstbestimmung, zu einer Steuerung und damit zu mehr ich, wenn nicht zu mehr freiheit. ein nichtfreies wesen wie ein haustier, muß ja nicht unbedingt unglücklich sein, und ein freies wesen, das sich selbst seine wege aussucht, kann höchst unglücklich sein, aber vorrangig sind wir bemüht, uns selbst, als Subjekt, als person zu entscheiden, wir wollen das essen, was wir mögen und nur wir selbst mögen.

licht ist keine so habhafte sache wie ernährung und bekleidung. es hat zeit gebraucht, bis wir licht als stoff, als medium erkannt haben und es hat zeit gebraucht, bis wir gelernt haben, oder eben erst lernen, licht verfügbar zu machen, es zuzubereiten, zu ändern, zu kontrollieren, zu steuern.

bei einer kultur der mehr mechanischen arbeit, bei handwerkern und fabrikarbeitern, mochte es ausreichend sein, daß licht den arbeitsprozessen zu dienen hatte, arbeitsplatzbeleuchtung war ein nicht unwichtiges thema. die natur der arbeit ändert sich, zunehmend wird sie eine intellektuelle auseinandersetzung mit einem wissenspartner, dem computer. arbeit ist der dialog zwischen problemherstellern und lösungswissern. der rechner weiß alles und er weiß nichts, er hat keine probleme. bei uns werden sie mehr und mehr.

in dieser auseinandersetzung hat licht eine nährstoffbedeutung, weil schon die spräche zeigt, daß licht und denken aus einem stoff sind, denken ist erhellen, ist einsieht, ist manchaml ein blitz, ist: ein licht aufgehen, wer denkt, braucht sein eigenes licht, es muß ihm etwas dämmern können, es muß ihm etwas erscheinen können, denken ist scheinbares definieren, dunkles erhellen.

in unserer architekturkultur ist das fenster etwas zum hinaussehen, ein haus hat dann eine gute läge, wenn es eine gute aussieht hat. thomas mann wohnte in los angeles in den beverly hills, in zürich auf dem kilchberg. der ausblick war demonstration des bürgerlichen status.

in einer etruskisch angelegten altstadt in Italien, mit engen gassen und engen höfen, muß man nicht schlechter existieren, nicht schlechter denken, nicht schlechter arbeiten können.

wahrscheinlich geht es heute eher darum, vor aussichten zu schützen, die weit ist nicht mehr in dem zustand, daß man sie herzeigen könnte, auch der blick auf los angeles, auch der blick auf Zürich ist nicht mehr so unproblematisch, es nimmt nicht wunder, daß der eine oder andere sich in ein lichtkloster zurückzieht, wo das fenster nicht mehr die Öffnung nach außen ist, sondern das nach innen, wir können das einfallende licht so steuern, daß es ein klima wird, das uns ohne ausblick erlaubt mit uns ins reine zu kommen.

wie gesagt die technik stünde bereit, leider ist kochen mehr als die einrichtung einer küche. und leider tut unsere industrie alles, kochgeräte und kocheinrichtungen, sogar nahrungsmittel herzustellen, aber nichts für den richtigen gebrauch, für die nutzanwendung, um deretwillen das alles hergestellt wird, was gutes essen ist, weiß sie nicht, nutzanwendung ist kein wirtschaftsgut, es läßt sich nicht bilanzieren, man kann sie dem begriff kultur zuschlagen, entzieht sich einer aufwand-nutzenanalyse. was ist ein gutes essen? was ist gutes licht?

aber selbst der, der glaubt, wir leben in einer der dümmsten aller dümmlichen welten, wofür in der tat einiges spricht, was tut er? er zieht sich zurück, stellt sich sein lichtklima ein und stellt seine phonoanlage an. die kulturen mochten einst von Philosophie und moral gelebt haben, von zielen und aussichten, die jetzige reduziert sich auf sound and light, auf son et lumiere. in sie bettet sich das subjekt so ein, daß es sich seiner gewahr werden kann, im alltag von heute wird an ihm nur gezerrt, es wird geschoben und bedrängt, gezogen und gelenkt, da das subjekt kein punkt ist, kein geist, kein absolutes, sondern mit umweit, mit natur, mit gesellschaft, kultur und weit eine balance herzustellen hat, muß es im rückzug aus der weit nochmals eine weit herstellen, es braucht eine leuchte, um licht zu erzeugen, und braucht einen Vorhang, um schatten zu schaffen, licht und schatten, selbst hergestellt, sind die medien einer neuen existenzform.

der geheimrat goethe wußte natürlich schon was geschieht, wenn er zum mittagsschläfchen den fensterladen schloß und das licht sich plötzlich umkehrte, nicht mehr von oben nach unten flutete, sondern von unten nach oben und sich also an der decke abzeichnete, und auch für kant war licht mehr als ein physikalischer gegenstand. die lichter der nacht waren ihm bedeutsamer als seine philosophie.

man kannte licht, man erforschte es und seine unterschiedliche erklärung, wie bei newton oder goethe, löste weltgewitter aus. aber eine lichtkultur im sinne einer essenskultur, also einer allgemeinen menschlichen daseins- und darstellungsweise gab es noch nicht, sie wird erkennbar in einer zeit, in der wir oft gut daran tun, die äugen zu verschließen.

licht ist nicht gleich licht.

in einem großraumbüro zu arbeiten mit gleicher allgemeiner röhren-ausleuchtung ist nicht dasselbe, wie an einem morgen am Schreibtisch zu sitzen, wenn die sonne hinter einem bäum durch die fächelnden blätter ihr licht auf den arbeitsplatz wirft.

licht hilft dem denken, in einem großbüro mit gleichem neonlicht entstehen die gedanken der verplanten Verwaltung, funktionäre sind am werk.

heute ist es möglich, auch das künstliche licht so zu installieren und zu steuern wie es die natur tut.

vor hundert jahren gab es noch keine körpergerechte kleidung. erst seit die ersten fußballspieler im trikot der unterwasche sich auch an die Öffentlichkeit wagten, ist die bekleidung bis heute auf armani, fila und lacoste so frei geworden, daß sie den körper nicht mehr zur fasson einschnürt, ihm vielmehr eine lässige hülle gibt, die ihn statt einzuengen in seinen bewegungen animiert, sich auszuleben.

ähnlich lernen wir, licht als stimulierende qualität zu unterscheiden, bewerten und in anspruch zu nehmen, die technik ist in ihren möglichkeiten so weit daß wir über sie verfügen können nach den ansprüchen, die wir allmählich erlernen, wir essen nicht mehr wie wir früher gegessen haben, wir ziehen uns nicht mehr an wie wir uns früher angezogen haben, speis und trank sind in einer eßkultur aufgegangen, die ein hellwaches bewußtsein dafür erfordert, was traditionen geschaffen haben, was qualität besitzt und was richtige ernährung sein kann.

ähnlich entsteht ein bewußtsein dafür, daß licht nicht gleich licht ist. es gibt sehr differenzierte lichtqualitäten, allein schon was das licht des morgens und das licht des abends, was allgemeines licht und punktuelles licht ist.

die malerei, die fotografie haben uns das sehen gelernt, der roman, sagt man, war die schule der freiheit. vielleicht wächst der architektur heute eine neue aufgäbe zu: sie verhilft uns zu einer kultur des lichts.  

 

Auszug aus einem längeren Beitrag, den Otl Aicher noch kurz vor seinem tragischen Unfall für die Schweizerische Rückversicherung unter dem Titel: „Was Architektur sein könnte. Beschreibung einer Ausschreibung“ fertigstellte.

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