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Wider den modernefeindlichen Architekturpopulismus

Geschrieben am 02.05.2018
Kategorie(n): ARCH+ news, Rechte Räume, Offener Brief

Ein Offener Brief der ARCH+ anlässlich der Diskussion um die rechtsradikalen Ursprünge der Neuen Frankfurter Altstadt. Über 50 namhafte Persönlichkeiten unterstützen als Erstunterzeichner_innen das Statement. Sie können auf change.org den Brief mitunterzeichnen. 

Unser Autor und Beiratsmitglied Prof. Dr. Stephan Trüby publizierte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 8. April 2018 einen wichtigen Beitrag zur „Urszene“ der rekonstruierten Neuen Frankfurter Altstadt. Trüby hat darin nachgewiesen, dass es der rechtsradikale, völkische und geschichtsrevisionistische Autor Dr. Claus Wolfschlag war, der mit seinem nicht minder radikalen politischen Weggefährten Wolfgang Hübner im September 2005 jenen Antrag Nr. 1988 der „Freien Wähler BFF (Bürgerbündnis für Frankfurt)“ formulierte, der zur Blaupause dessen wurde, was ab 2006 auf den parlamentarischen Weg gebracht und heute nun in Frankfurt gebaut steht: die „Neue Altstadt“ mit 15 rekonstruierten Altstadthäusern zwischen Dom und Römer. Die Website des Pro Altstadt e.V. benennt noch heute Wolfschlag und Hübner als „Väter der Wiederaufbau-Initiative“.

Nach Veröffentlichung ließ der Angriff der rechten Szene, der auch und vor allem ein Angriff auf moderne und zeitgenössische Architektur insgesamt ist, nicht lange auf sich warten. Im rechtsradikalen Blog Politically Incorrect schreibt Wolfgang Hübner Sätze, die ob der historischen Unkenntnis jüngerer Architekturentwicklungen nicht der Rede wert wären, jedoch in ihrer toxischen Vermischung mit dem Jargon der Neurechten das politische Projekt vieler Rekonstruktionsvorhaben deutlich vor Augen führen: „Trüby, Luxusantifaschist des Jahrgangs 1970, bekennt sich mit solch wutschnaubender Polemik als überzeugter Anhänger einer aus dem verbreiteten ‚Schuldkult‘ resultierenden ‚Sühnearchitektur‘, die viele deutsche Städten mit Betonbrutalismus und Traditionsverachtung verschandelt.“

Der Brutalismus als Architekturrichtung wird kurzerhand mit einem angeblichen „Schuldkult“ verknüpft – einem beliebten Kampfbegriff der Szene, der zuletzt durch die infame Rede des AfD-Politikers Björn Höcke über das Gedenken an die Shoah einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Es geht also mitnichten lediglich um eine Architekturdebatte, wie es die Protagonisten dieser Szene weismachen wollen. Es geht eindeutig um Politik. Um eine Politik, die die Entfesselung eines wütenden Mobs bewusst miteinkalkuliert, wie zahllose Drohbotschaften an unseren Autor bezeugen. Diese Angriffe sollten all jene aufwühlen, die sich zeitgenössischer Architektur und einem zivilen Für und Wider der Argumente verpflichtet fühlen.

Denn um eines geht es den Kritikern Trübys sicherlich nicht: um Argumente und Rationalität. Wie anders ließe sich Hübners absurde Frage „Sind schönere Städte ‚rechtsradikal‘?“ erklären, die Trübys Rede von rechtsradikalen Akteuren in bewusst desinformierender Absicht auf Architekturen überträgt? Wie anders ließe sich Roland Tichys absurder Ausruf erklären, der – in kalkulierter Verdrehung der Argumente Trübys – in seinem neurechten Magazin Tichys Einblick aufschreit: „Jetzt sind die Fachwerkhäuser dran!“

Doch wer glaubt, dass die Arbeit mit Fake News nur rechten Blogs vorbehalten ist, der irrt. Denn auch die ansonsten seriöse Welt leistete sich in dieser Debatte am 23. April einen Beitrag, der mit argumentativen Verdrehungen und Unterstellungen sowie absurden Fragen wie „Ist Fachwerk faschistisch?“ von der erwartbar desinformierenden und agitierenden Publizistik der Neurechten kaum zu unterscheiden ist. Schlimmer noch: Der Artikel wurde zur Initialzündung einer Social-Media-Hass-Kampagne aus dem Umfeld der rechtsextremistischen, vom Verfassungsschutz beobachteten Identitären Bewegung, bei der mit dem Hashtag „#Fachwerk“ u. a. gegen „linke Abschaumjournalisten“ gehetzt wird. Ausgerechnet in der Welt, die sich stets bürgerlich gibt, wird mit verächtlich machenden Begriffen ein Angriff auf die intellektuelle Integrität eines Akademikers gestartet, ein Angriff, der sich aus dem verbreiteten Anti-Elitendenken der Neurechten speist.

Um das vermeintlich Offensichtliche zu betonen: Es geht Trüby weder darum, die gebaute Neue Frankfurter Altstadt zum gebauten Faschismus zu erklären noch darum, allen Unterstützern von Rekonstruktionen rechtes Gedankengut zu unterstellen. Jede politische Ideologie kann jeden Architekturstil beliebig instrumentalisieren. Ebenso wenig geht es ihm darum, Rekonstruktionen als solche zu skandalisieren. Rekonstruktion im Sinne von Wiederherstellung nach Katastrophen und Kriegen – das hat der Autor wörtlich in seinem Aufsatz für alle nachlesbar geschrieben –, sind „eine historische Selbstverständlichkeit“. Trüby geht es um die mehr als berechtigte Warnung davor, dass Rekonstruktionsarchitektur mittlerweile zum Schlüsselmedium der autoritären, völkischen, geschichtsrevisionistischen Rechten geworden ist. Diese These lässt sich an vielen Beispielen belegen: Nicht nur anhand der Neuen Frankfurter Altstadt, sondern auch anhand der Potsdamer Garnisonkirche, ebenso in der Architekturberichterstattung rechter Publikationsorgane und in der personellen Besetzung vieler sogenannter Stadtbild-Vereine.

Ein Rekonstruktions-Watch scheint vor diesem Hintergrund mehr als geboten: Urbane Gesellschaften, die sich erfreulicherweise für attraktive Innenstädte einsetzen, sollten sich künftig genauer darüber informieren, mit wem sie gemeinsame (Stadtbild-)Politik betreiben. Hinter einem rekonstruktionsseligen und scheinbar harmlos daherkommenden Architekturpopulismus, der ressentimentgetrieben jeglichen positiven Beitrag moderner und zeitgenössischer Architektur zur Lösung der Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft in Abrede stellt, verbirgt sich oft genug die Geschichtspolitik von Rechtspopulisten und Rechtsradikalen.

Dr. Nikolaus Kuhnert, Mitherausgeber ARCH+
Anh-Linh Ngo, Mitherausgeber ARCH+

 

Über 50 namhafte Erstunterzeichner_innen aus Lehre und Praxis unterstützen den Offenen Brief. Zeigen auch Sie Haltung. Sie können auf change.org den Brief mitunterzeichnen.

 

Prof. Dr. Marc Angélil, ETH Zürich

Prof. Thomas Auer, TU München / Transsolar, Stuttgart

Dr. Armen Avanessian, Philosoph, Berlin

Prof. Dr. Tom Avermaete, TU Delft

Marius Babias, Direktor des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.), Berlin

Prof. Markus Bader, Universität der Künste Berlin / raumlaborberlin, Berlin

Frank Barkow, Princeton University / Barkow Leibinger, Berlin

Prof. Verena von Beckerath; Bauhaus-Universität Weimar / Heide & von Beckerath, Berlin

Prof. Valentin Bontjes van Beek, Hochschule München

Stefan Behnisch, Behnisch Architekten, Boston/München/Stuttgart

Prof. Anne-Julchen Bernhardt, RWTH Aachen / BeL Sozietät für Architektur, Köln

Prof. Dr. Johan Bettum, Städelschule, Frankfurt

Prof. Dr. Friedrich von Borries, Hochschule für bildende Künste Hamburg

Prof. Arno Brandlhuber, ETH Zürich / Brandlhuber +, Berlin

Jens Casper, Casper Mueller Kneer Architects, Berlin

Hans-Jürgen Commerell, Direktor Aedes Architekturforum, Berlin

Prof. Dr. Burcu Dogramaci, LMU München

Prof. em. Dr. Werner Durth, TU Darmstadt

Oliver Elser, Kurator am Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt am Main

Prof. Dr. Dietrich Erben, TU München

Dr. h.c. Kristin Feireiss, Direktorin Aedes Architekturforum, Berlin 

Prof. Jesko Fezer, Hochschule für bildende Künste Hamburg

Laura Fogarasi-Ludloff, Ludloff Ludloff Architekten, Berlin

Prof. Marc Frohn, KIT Karlsruhe / FAR frohn&rojas, Berlin

Prof. Dr. Sokratis Georgiadis, Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart

Prof. Matthias Görlich, Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

Prof. Dr. Christoph Grafe, Bergische Universität Wuppertal

Prof. Dr. Nina Gribat, TU Darmstadt

Prof. Dr. Maren Harnack, Frankfurt University of Applied Sciences / urbanorbit, Stuttgart

Tim Heide, Heide & von Beckerath, Berlin

Prof. Dr. Jörg Heiser, Prodekan der Fakultät Bildende Kunst, Universität der Künste Berlin

Prof. Dr. Michael U. Hensel, TU Wien 

Prof. Dr. Florian Hertweck, Universität Luxemburg

Prof. Fabienne Hoelzel, Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart

Christian Holl, frei04 publizistik / Geschäftsführer BDA Hessen, Stuttgart

Prof. Bernd Kniess, HafenCity Universität Hamburg

Prof. Dr. Martin Knöll, TU Darmstadt 

Prof. Dr. Stefan Kurath, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

Prof. Jörg Leeser, Peter Behrens School of Arts Düsseldorf / BeL Sozietät für Architektur, Köln

Regine Leibinger, Princeton University / Barkow Leibinger, Berlin

Prof. Dr. Andres Lepik, TU München

Prof. Bart Lootsma, Universität Innsbruck

Prof. Jens Ludloff, Universität Stuttgart / Ludloff Ludloff Architekten, Berlin

Prof. Dr. Ferdinand Ludwig, TU München

Prof. Dr. Alexander Markschies, Dekan der Architekturfakultät der RWTH Aachen

Jürgen Mayer H., J. MAYER H., Berlin

Prof. Dr. Hans-Rudolf Meier, Bauhaus-Universität Weimar

Prof. Achim Menges, Universität Stuttgart

Prof. PhD Markus Miessen, University of Gothenburg

Prof. Philipp Oswalt, Universität Kassel

Dr. Claudia Perren, Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau

Prof. Uwe Reinhardt, Peter Behrens School of Arts, Düsseldorf

Andreas Ruby, Direktor des Schweizer Architektur Museums, Basel

Amandus Sattler, Allmann Sattler Wappner Architekten, München

Prof. Dr. Klaus Schönberger, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

Prof. Axel Sowa, RWTH Aachen

Prof. Dr. Laurent Stalder, ETH Zürich

Prof. Jörg Stollmann, TU Berlin

Prof. Andreas Uebele, Peter Behrens School of Arts, Düsseldorf

Prof. Dr. Philip Ursprung, ETH Zürich

Prof. Dr. Georg Vrachliotis, Dekan der Architekturfakultät des Karlsruher Instituts für Technologie

Prof. Ulrich Wegenast, Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, Potsdam

Prof. PhD Eyal Weizman, Goldsmiths, University of London

Prof. Dr. Ines Weizman, Bauhaus-Universität Weimar

Prof. em. Frank Werner, Bergische Universität Wuppertal

Prof. em. Dr. Karin Wilhelm, TU Braunschweig

Prof. Tobias Wulf, Hochschule für Technik Stuttgart

Prof. i.R. Günter Zamp Kelp, Universität der Künste, Berlin

Prof. Dr. Martin Zimper, Zürcher Hochschule der Künste, Zürich

 

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