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Karl Marx 200

Geschrieben am 21.09.2018
Kategorie(n): ARCH+ news, Veranstaltungsreihe

Donnerstag, 18. Oktober 2018, 19 Uhr
taz-Neubau, Friedrichstraße 21, 10969 Berlin

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ARCH+ hat die ersten Ausgaben im Umfeld der 1968-Studentenbewegung veröffentlicht und damals viel diskutierte – und praktizierte – kollektive Arbeitsformen im Entwurfsprozess propagiert. Zugleich wurden im Rahmen der universitären Ausbildung Theorieseminare initiiert, die sich zunehmend auch mit Fragen der politischen Ökonomie befassten und in diesem Kontext zu einer vertiefenden Marxrezeption unter Architekturstudierenden anregten. Wie auch an anderen bundesdeutschen Universitäten spielte dabei die intensive Lektüre der Bände des Kapitals eine zentrale Rolle, die ja nicht allein durch den 200. Geburtstag von Karl Marx wieder an Aktualität gewonnen hat, sondern – wie es die letzte Ausgabe von ARCH+ zeigt – gerade im politischen Feld heutiger Städteplanung (Bodenfrage) wieder aufgegriffen wird. Aus diesem Grund plant ARCH+ eine Veranstaltungsreihe in Berlin, die sich mit Fragen der 68er-Bewegung befassen möchte, um Themen, die damals im Architektur-und Urbanismusdiskurs eine zentrale Rolle zu spielen begannen, noch einmal aufzugreifen und zu aktualisieren.

„… diese versteinerten Verhältnisse … zum Tanzen zwingen“
Karl Marx 200. Seine Theorie, die Wohnungsfrage und die Finanzialisierung der Architektur

Eine gemeinsame Veranstaltung von ARCH+ Verein und taz 


Die Theorie von Karl Marx. Überwundene und bleibende Gedanken

Vortrag von Bertram Schefold, Wirtschaftstheoretiker

Podiumsdiskussion mit Bertram Schefold, Helga Fassbinder, Stadtplanerin und ehemalige Mitherausgeberin der ARCH+, Anne Kockelkorn, Architekturhistorikerin. Moderiert von Stefan Reinecke, taz-Redakteur

 

Mit Begrüßungen von Anh-Linh Ngo, Mitherausgeber und Chefredakteur von ARCH+, und Karl-Heinz Ruch, Mitbegründer und Geschäftsführer der taz, und Einführungen von Nikolaus Kuhnert, Mitherausgeber von ARCH+, und Karin Wilhelm, Architekturtheoretikerin und Beiratsmitglied von ARCH+

Die Rückbesinnung auf die 68er-Bewegung hat im Laufe des Jahres 2018 (also nach einem halben Jahrhundert) im Einklang mit dem 200-jährigen Geburtstagsmemorial ihres „Übervaters“ Karl Marx stattgefunden. Beide Ereignisse sind derweil in allerlei Rückbesinnungsveranstaltungen, in verschiedenen Publikationen und publizistischen Kolloquien verhandelt worden und auch ARCH+ (50 Jahre) und taz (40 Jahre) erinnern sich just in diesem Jahr ihrer Gründungsstunden. Dass sich in diesen vier historischen Eckpunkten nicht nur eine zufällige zeitliche Verschneidung zeigt, sondern dass sie auf Prägungen verweisen, die in den Aktionsimpulsen von 1968 zusammenliefen, wollen ARCH+ und taz am Ende dieses kollektiven Gedenkjahres diskursiv beleuchten.

Doch was verbindet diese vier historischen Eckpunkte? Warum ist es vernünftig, dieses vierfache, zeitlich auseinanderdriftende Jahrestagsgedenken als ein intellektuelles Gewebe zu betrachten, dessen kritische Entflechtung zeigen wird, wie das politökonomische Denken und der revoltierende Gestus der Studentenbewegung in den reflexiven Urbanitäts- und Architekturdiskurs um 1968 Einzug gehalten haben? Tatsächlich finden sich in den einzelnen Knotenpunkten dieser Anlässe jene im universitären Diskurs (Kritische Universität, KU) geprägten Theoriebausteine, die 1968 die gesellschaftspolitischen Debatten auf der Basis verdrängter, verachteter oder gar inkriminierter Texte geprägt haben und in die diskursive Praxis der Architektur und des Urbanismus Einzug hielten.

In diesem Umfeld der selbstaufklärenden Theoriesuche, sind es neben den Schriften der Kritischen Theorie vor allem einige Grundlagenwerke von Karl Marx gewesen, die die Analyse der vorgefundenen Verhältnisse und deren Bewegungsgesetze entschlüsseln halfen. So bildete die Kapitallektüre eine wesentliche Grundlage, um die ökonomischen Strukturen des Kapitalismus verstehen zu lernen. Im ersten Band des Kapital kam in diesem Zusammenhang dem Warenkapitel eine besondere Bedeutung insofern zu, als die hier durch Marx beschriebene Figur der Ware eine Eigenart offerierte, die man in der eigenen, marktorientierten Verwertungskultur der BRD derweil kulturkritisch ablehnte. Marx hatte die Waren nämlich als einen verdinglichten Komplex beschrieben, den er mit Effekten ausgestattet fand, die er als „metaphysische Spitzfindigkeiten und theologische Mucken“ charakterisierte. Mit dieser treffenden Beschreibung des „Fetischcharakters der Ware“ diagnostizierte Marx jene wundersame Wirkung der Warenwelt, die die Motorik des „Immer-mehr“, „Immer-neu“, „Immer-wieder-Kaufen“-Wollens oder Kaufen-Müssens in Gang setzte. Mit dieser Entschleierung des sakralisierten Tauschwertes hat die Kapitallektüre dann jene Konsumismuskritik der 60/70er-Jahre motiviert, die fortan auch die Debatten über den Verwertungsdruck in der Architektur- und im Städtebau beflügelte. (Sie begann im Umfeld der Frankfurter Sozialpsychologie eine zentrale Rolle zu spielen). In diesem Kontext begriff man die vielgestaltigen Strukturen der Entfremdung durch Ausbeutung, die sich im sozialen Feld aus der Lohnarbeit und der technischen Verwertung der Natur als Enteignungen vom eigenwilligen, selbstbestimmten Lebensmodell der Individuen manifestierten.

In dieser, vom universitären Diskurs geprägten Atmosphäre gediehen die ersten Ansätze kritischer Reflexionen zu Themen der Umweltgestaltung, die bereits das heraufziehende ökologische Desaster unserer Tage anklingen ließen und die in der diskursiven Praxis zur Architektur und zum Urbanismus bis heute virulent geblieben sind.

Begleitet vom Wunsch nach Veränderung dieser im Kapitalismus entfremdeten Weltaneignung begann man sich im Milieu der außerparlamentarischen Opposition mit den aktuellen Grundlagen von Herrschafts- und Gewaltstrukturen zu beschäftigen. Auch hier spielten die Schriften des Karl Marx eine handlungsbedingende Rolle, denn mit der Kapital-Lektüre entdeckte man die sogenannten philosophischen Frühschriften wieder, in denen mit der Aufklärung über die repressiven Gesellschaftsstrukturen zugleich Handlungsmaximen zu deren Verflüssigung und Aufhebung zu finden waren. So konnte man in der Einleitung zur „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“, die Marx 1843/44 verfasst hatte, jene antiautoritär gedeutete Handlungsmaxime lesen, die dazu aufforderte, die „versteinerten Verhältnisse … zum Tanzen zu zwingen“ und das eben dadurch, „daß man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt“. (Marx) Gedeutet als Entlarvungsstrategie, formierte sich auf dieser Marxschen Handlungsmaxime jener neuartige Takt des antiautoritären Straßenaktionismus, der im Umfeld der Avantgardekunst soeben das Menuett der Revolte intoniert hatte. Dieser Sound hat das Denken zur Architektur- und zum Urbanismus um 1968 begleitet, hat es durchdrungen und in Formeln des „Neinsagens“ zur herrschenden Bau- und Planungspraxis gedeutet. Dafür stehen die Situationisten ebenso wie die Aktionen der Wiener Szene, eben all jene, die sich dem bauwirtschaftlich ökonomisierten Alltag der Architektur- und Städtebaupraxis entzogen haben! (Das waren nicht wenige, u.a. Frei Otto – auf der Basis Bruno Tauts: Die Erde eine gute Wohnung, Coop Himmel(b)au: „Architektur muss brennen“, Hollein, Haus Rucker Co, u. a. Klaus Heinrich reicht 1962 „in einer Welt, die zu Protesten Anlass bietet“, eine Habilitationsschrift über den „Versuch über die Schwierigkeit, nein zu sagen“ ein. Denn: „Das Neinsagen ist die Formel des Protestes“.)

Aus dieser Gemengelage ergeben sich thematische Schwerpunkte, die unser heutiges Nachdenken mit dem von 1968 verbindet und in der Veranstaltung besprochen werden sollen. Im Fokus des Vortrags von Bertram Schefold, Wirtschaftstheoretiker und Dogmenhistoriker an der Goethe-Universität Frankfurt und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der MEGA-Ausgabe, steht die Darstellung der Marxschen Lehre als einer Variante der ökonomischen Theorie. Im anschließenden Gespräch, moderiert von taz-Redakteur Stefan Reinecke, diskutieren Helga Fassbinder, die Anfang der 1970er-Jahre als Mitherausgeberin der ARCH+ starke Impulse gesetzt und sich ausführlich mit der Bodenfrage beschäftigt hatte, und Anne Kockelkorn, Architekturhistorikerin an der ETH Zürich, die sich in ihrer Forschung mit dem neoliberalen Turn des Sozialen Wohnungsbaus und der Finanzialisierung der Architektur auseinandergesetzt hat, mit Bertram Schefold über die Frage, was wir heute von Marx (immer) noch lernen können. – Karin Wilhelm

Die Veranstaltung wurde von Karin Wilhelm in Zusammenarbeit mit ARCH+ konzipiert und organisiert.

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