Großer Kunstpreis Berlin 2019

Geschrieben am 29.01.2019
Kategorie(n): ARCH+ news, Akademie der Künste Berlin

Renée Gailhoustet wird für ihr Lebenswerk ausgezeichnet

GAILHOUSTET-3-Arnaud-Fernandez_424px.jpg Foto: Arnaud Fernandez

Die französische Architektin und Stadtplanerin Renée Gailhoustet erhält den Großen Kunstpreis 2019. Die Akademie der Künste vergibt den mit 15.000 Euro dotierten Preis jährlich und im Turnus ihrer sechs Sektionen im Auftrag des Landes Berlin. Die Preisverleihung findet am Montag, 18. März, um 19 Uhr, im Akademie-Gebäude am Pariser Platz durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, und die Akademie-Präsidentin Jeanine Meerapfel statt.

Mit der Entscheidung würdigt die Jury, der neben Irina Raud und Almut Grüntuch-Ernst ARCH+-Herausgeber Anh-Linh Ngo angehören, das Lebenswerk einer Architektin, die in den 1970er-Jahren mit ihren in Paris (Ivry-sur-Seine) errichteten begrünten Terrassenhäusern dem Massenwohnungsbau eine zukunftsweisende Alternative entgegensetzte. Was Gailhoustets Werk heute so aktuell und exemplarisch macht, sind – der Jury zufolge – neben stadtentwicklungspolitischen Themen und dem Engagement für eine soziale Architektur, vor allem auch Fragen der nachhaltigen Entwicklung, die mit der Integration begrünter Anteile des Wohnraums vorweggenommen werden: Auch 2019 geht es um Verdichtung, bezahlbare Mieten, soziale Durchmischung und urbanes Grün.

Renée Gailhoustet, 1929 in Oran (Algerien) geboren, studierte ab 1947 Philosophie an der Sorbonne und promovierte 1951. Gleich im Anschluss daran begann sie 1952 das Studium der Architektur an der École des Beaux-Arts, Paris. Von 1952 bis 1958 arbeitete sie im Atelier Lods-Hermant, von 1958 bis 1961 im Atelier Jean Faugeron. Ihr Architekturdiplom erwarb sie 1961 mit einer Arbeit über Sozialwohnungen. 1962 wurde sie Projektleiterin im Atelier Jean Dubrulle.

1964 gründete sie ihr eigenes Büro, das sie bis 1998 führte. 1969 wurde sie Chefarchitektin von Ivry-sur-Seine. Gemeinsam mit ihrem Partner Jean Renaudie (1925–1981) entwickelte sie den Masterplan zum Stadterneuerungsprogramm. Zu Gailhoustets wichtigsten Werken zählen in Ivry-sur-Seine (Val-de-Marne) der Wohnturm Raspail (1963–1968) mit Läden, Künstlerateliers und Werkstätten. Das Französische Kulturministerium kennzeichnete das Gebäude als „Patrimoine du XXème siècle“, als Kulturerbe des 20. Jahrhunderts, aus. Ein weiterer Wohnturm mit Läden und Künstlerateliers Lénine entstand zwischen 1966 und 1970.

Spinoza ist ein Ensemble, das aus einer Kinderbibliothek, einem medizinisch-psycho-pädagogischen Zentrum, einem Arbeiterwohnheim, Gewerberäumen und einer Kinderkrippe besteht und in den Jahren 1966 bis 1973 erbaut wurde. Kleine Arbeiten in diesem Zeitraum waren der Kiosk Lénine und Kiosk Raspail (1968–1970). Das durch Jean Renaudie inspirierte Ensemble aus Terrassenwohnungen und Gewerberäumen Le Liégat entstand in dem Zeitraum zwischen 1971 und 1982. Marat (1971–1986) war ein zweites Ensemble von Terrassenwohnungen mit Läden und Supermarkt. In den 1970er Jahren errichtete Gailhoustet zwei weitere Wohntürme: zum einen Casanova (1971–1973) mit Altenheim, Gewerberäumen und Künstlerateliers und zum anderen Jeanne Hachette (1972–1975) mit Läden, Gewerberäumen und Künstlerateliers.

Letzterer wurde ebenfalls als „Patrimoine du XXème siècle“ gekennzeichnet. Nach der Aufgabe ihres Büros Ende der 1990er Jahre beschäftigte sich Renée Gailhoustet mit architekturtheoretischen Schriften. Sie ist Trägerin des nationalen französischen Verdienstordens, Officier des Arts et Lettres. 2014 erhielt sie den Prix des Femmes Architectes (Besondere Erwähnung als Wegbereiterin); 2018 die Ehrenmedaille der Académie d’architecture.

In ARCH+ 231: Bodenfrage war der Preisträgerin ein umfangreiches Porträt gewidmet, mit einem Interview mit der Architektin von Florian Hertweck & Niklas Maak. 

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