bauhaus imaginista:
Ausstellung & Konferenzen
im Haus der Kulturen der Welt

Geschrieben am 11.03.2019
Kategorie(n): ARCH+ news, Bauhaus, bauhaus imaginista, HKW, Haus der Kulturen der Welt

Ausstellung bauhaus imaginista: 15. März – 10. Juni 2019.

Konferenz political imaginista: 16. März 2019, 14–21.30h.

Konferenz A New School: 11.–12. Mai 2019

Täglich (außer Di) 11–19h. Eröffnung: 14. März 2019, 19h
Eintritt: 9/7 €, inkl. Ausstellungsguide und Zweitbesuch
Gruppen ab 8 Personen: 7/5 € pro Person
Montags / bis 16 Jahre / Berlinpass / Geflüchtete: Eintritt frei
Konferenzen: Eintritt frei

bauhaus imaginista, Stlll Undead: Kurt Schwerdtfeger Reflektorische Farblichtspiele, 1922. Lichtperformance, Detailfoto des rekonstruierten Apparats von 2016 Courtesy of Microscope Gallery and Kurt Schwerdtfeger Estate © 2016 Schwerdtfeger: Reflektorische Farblichtspiele. Courtesy Microscope Gallery, Kurt Schwerdtfeger Estate © 2016

Im Jahr 2019 jährt sich die Gründung des Bauhauses zum hundertsten Mal. Von 2015 bis 2019 nimmt das projekt bauhaus – unter Mitwirkung von ARCH+ – mit einer unabhängigen internationalen Gruppe von Expertinnen und Experten aus den unterschiedlichsten Disziplinen eine kritische Inventur der Bauhausideen vor und macht den utopischen Überschuss des Bauhauses für die Gegenwart fruchtbar. 

Mit den Ausgaben ARCH+ 222 Projekt Bauhaus 1: Kann Gestaltung Gesellschaft verändern?, ARCH+ 230 Projekt Bauhaus 2: Architekturen der Globalisierung und ARCH+ 234 Datatopia haben wir je einen Kerngedanken des Bauhauses zur Diskussion gestellt und ihn auf seine Aktualität hinsichtlich der Fragestellungen und Problemlagen der Gegenwart untersucht. Das Jubiläumsjahr 2019 ist auch Anlass für weitere Diskurse:

bauhaus imaginista

Seit 2016 untersucht das Projekt bauhaus imaginista – kuratiert von Marion von Osten und Grant Watson – die internationale Verflechtungsgeschichte des Bauhauses, die nach 1933 weiterwirkte. Als Kooperation zwischen der Bauhaus Kooperation Berlin Dessau Weimar, dem Goethe-Institut und dem Haus der Kulturen der Welt (HKW) nimmt es das kosmopolitische Bauhaus zum Ausgangspunkt, um es hundert Jahre nach seiner Gründung aus einer transhistorischen und transnationalen Perspektive zu befragen. 

bauhaus imaginista wird in Zusammenarbeit mit den Forscher_innen Elissa Auther, Suchitra Balasubrahmanyan, Regina Bittner, Gavin Butt, Helena Čapková, Anshuman Dasgupta, Tatiana Efrussi, Thomas Flierl, Erin Alexa Freedman, Anja Guttenberger, Christian Hiller, Yuko Ikeda, Maud Houssais, Eduard Kögel, Toni Maraini, Mariana Meneses, Jin Motohashi, Partha Mitter, Luiza Proença, Daniel Talesnik und Hiromitsu Umemyia konzipiert und umgesetzt.

Seit ihrer Gründung 1919 stand die Schule in Kontakt mit avantgardistischen Bewegungen weltweit. Das Rechercheprojekt untersucht die transnationalen Beziehungen, die Korrespondenzen und Migrationsgeschichten, die über die Jahre des Bauhauses als Schule hinausreichen, und zeigt seine Bedeutung für die Gegenwart. Im HKW entfaltet sich nun eine Gesamtschau von bauhaus imaginista. Noch nie wurden die globalen Verflechtungen und lokalen Ausprägungen in diesem Umfang gezeigt. 

Der Titel bauhaus imaginista verweist auf den Imaginationsraum, den das Bauhaus öffnete, und die vielschichtigen Lesarten, die die Schule bis heute birgt. Zwischen Archivmaterialien und zeitgenössischen Beiträgen übersetzt das Projekt historische Perspektiven in Fragen zur Gegenwart: Wie lässt sich heute im Sinne des Bauhauses Kultur als soziales Projekt neu denken? Welche Art von Institutionen braucht ein solches Projekt? Wie regt das Bauhaus noch heute visionäre Praktiken und Diskurse an?

Die Ausstellung diskutiert avantgardistische Kunstschulen in Indien und Japan als Parallelgeschichten moderner Bildungsreformen. Sie verfolgt das Studium vormodernen Handwerks am Bauhaus und von Bauhäusler_innen im nord- und mittelamerikanischen Exil, sowie dessen Politisierung im post-revolutionären Mexiko, unabhängigen Marokko und in Brasilien. Sie zeigt Übersetzungen von Gestaltungsansätzen des Bauhauses in China, Nigeria und in der Sowjetunion, aber auch den innovativen Gebrauch von Medien am Bauhaus, der die Gegenwartskunst und die Popkultur bis heute prägt. 

Nach Ausstellungen, Symposien und Workshops 2018 in Rabat, Hangzhou, Kyoto und Tokyo, Saõ Paulo, Lagos, Delhi, New York sowie Moskau in Zusammenarbeit mit den Goethe-Instituten und Partner_innen vor Ort, werden die ersten drei Kapitel des Ausstellungs- und Forschungsprojekts im HKW zusammengeführt. Erstmalig gezeigt wird im HKW das vierte und letzte Kapitel Still Undead, das anhand von Kurt Schwerdtfegers Reflektorischen Farblichtspielen experimentelles Arbeiten mit Licht, Film, Fotografie und Sound untersucht. Zur Eröffnung von bauhaus imaginista wird der Apparat vorgeführt.

Im Haus der Kulturen der Welt werden Arbeiten von Anni Albers, Josef Albers, Arthur Amora, Gertrud Arndt, Ruth Asawa, Kader Attia, Lena Bergner, Lina Bo Bardi, Farid Belkahia, Susie Benally, Nandalal Bose, Mohamed Chabâa, Ahmed Cherkaoui, Lygia Clark, Alice Creischer, Muriel Cooper, Zvi Efrat, T. Lux Feininger, Luca Frei, Walter Gropius, Brion Gysin und Ian Sommerville, Trude Guermonprez, Sheila Hicks, George Hinchliffe und Ian Wood, Kenneth Josephson, Renchinchirō Kawakita, György Kepes, Paul Klee, Kurt Kranz, Otto Lindig, Elisa Martins da Silveira, Doreen Mende, Hannes Meyer, Takehiko Mizutani, László Moholy-Nagy, Max Peiffer Watenphul, Wendelien van Oldenborgh, Hélio Oiticica, The Otolith Group, Nam June Paik, Lygia Pape, I. M. Pei, Margaretha Reichardt, Geraldo Sarno, Oskar Schlemmer, Kurt Schwerdtfeger, Ivan Serpa, Arieh Sharon,Soft Cell, Rabindranath Tagore, Paulo Tavares, Lenore Tawney, Frank Tovey, Edith Tudor-Hart, Stan VanDerBeek, Andy Warhol, Marguerite Wildenhain, Margarete Willers, Iwao und Michiko Yamawaki und vielen anderen mehr gezeigt.

Begleitet wird die Ausstellung von einem Katalog sowie Führungen für Erwachsene und Familien, einem kostenlosen Online-Audioguide, einem Ferienworkshop (15.–18. April) und dem Students’ Day (18. Mai). Zur Langen Nacht der Ideen (6.6.) finden barrierefreie  Führungen statt. Begleitend entsteht das Schulprojekt bauhaus reloaded mit vier Berliner Schulen.

Zwei Konferenzen befragen das kritische Potenzial des  Bauhauses heute:
political imaginista diskutiert am 16. März Strategien des Widerstands gegen die neue Rechte sowie Fragen zu Internationalismus, kultureller Aneignung und der Politisierung von Kunst, Technologie und Popkultur. A New School, die zweite Konferenz am 11.–12. Mai, diskutiert das Bauhaus anhand von Beispielen aus China, Indien, Marokko, Nigeria und den USA, im Kontext der Entwicklung einer experimentellen Kunst- und Designpädagogik über zeitliche und räumliche Grenzen hinweg. 

Konferenz political imaginista
16. März 2019, 14–21.30h
Als dreijähriges Forschungsprojekt unter Beteiligung von internationalen Vertreter_innen aus zeitgenössischer Kunst und Wissenschaft angelegt, brachte bauhaus imaginista durch seine transnationale Perspektive neue historische Erkenntnisse hervor. Anlässlich aktueller Entwicklungen wie die Wahlerfolge der Ultrarechten in einer Zeit, in der Angriffe auf Demokratie, Justiz, Bürgerrechte und Presse zur Normalität geworden sind, thematisiert die Konferenz, wie diese Erkenntnisse die aktuelle politische Debatte beeinflussen könnte. Internationale Künstler*innen, Forscher_innen, Journalist_innen und Aktivist_innen erörtern politische Fragen, die sich aus den Projektrecherchen ergeben. Es geht dabei um Reflexionen zu Nationalismen und Kolonialität, um die Grenzen des Internationalismus und die Politisierung digitaler Kulturen. Die Panels thematisieren gegenwärtige Politiken und Aktionen vor dem Hintergrund der historischen Materialien und Erkenntnisse der Ausstellung.

Mit: Kader Attia, Rustom Bharucha, John R. Blakinger, Beatriz Colomina, Alice Creischer, Iris Dressler, Kodwo Eshun, Thomas Flierl, Christian Hiller, Nataša Ilić, Susanne Leeb, Sebastian de Line, Doreen Mende, Wendelien van Oldenborgh, Gloria Sutton, Mariko Takagi und Paulo Tavares

14–15.30h: Resisting the Rise of Populist Nationalism
Mit Rustom Bharucha, Iris Dressler, Mariko Takagi, moderiert von Nataša Ilić
Iwao Yamawakis 1932 entstandene Collage Attack on the Bauhaus in der Ausstellungssektion Corresponding With zeigt Nazi-Stiefel, die über die Fassade des Bauhaus-Dessau-Gebäudes marschieren. Der Faschismus zerschlug die Institution in den 1930er Jahren – wie die deutsche Zivilgesellschaft insgesamt. Yamawaki publizierte seine Collage in einer Tokioer Zeitung in einer Zeit, in der der Nationalismus auch in Japan an Boden gewann. In den Jahren seiner Existenz war das Bauhaus immer wieder das Ziel rechter Attacken. Viele Bauhäusler_innen flohen aus Deutschland, viele wurden Opfer des Regimes, andere wiederum aktive Kollaborateur_innen. Das Panel untersucht, welche Schlussfolgerungen sich aus diesen historischen Ereignissen ziehen lassen. Wie können heutige Institutionen und Kulturproduzent_innen auf das Erstarken von Nationalismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit reagieren?

15.45–17.15h: Rethinking Internationalism
Mit Alice Creischer, Doreen Mende, Wendelien van Oldenborgh, moderiert von Thomas Flierl
Mit Blick auf das Ausstellungskapitel Moving Away diskutiert das Panel das internationalistische Erbe des Bauhauses im Verhältnis zu den kommunistischen Idealen vieler seiner Schüler_innen und Lehrer_innen. Zeitgenössische Kunstschaffende erörtern die im Rahmen der Industrialisierungs- und Stadtentwicklungsprozesse in der Zwischen- und Nachkriegszeit realisierten Projekte von Bauhaus-Architekt_innen in der Sowjetunion, der DDR und den Niederlanden. Das internationalistische Erbe des Bauhauses wandelte sich auf unterschiedliche Weise: durch Stalins Fünfjahresplan, im sozialistischen Internationalismus der DDR und in den Nachkriegssiedlungen Westeuropas. Damals wie heute werden sozialistische und kommunistische Netzwerke von Aktivist_innen des Dekolonialismus und Theoretiker_innen des Postkolonialen kritisch hinterfragt. Entlang zeitgenössischer Perspektiven auf alternative Internationalismen wie den Panafrikanismus, die Blockfreien oder die Trikont-Bewegung, erörtert das Panel, ob eine neue Art von Internationalismus möglich und wünschenswert ist und wenn ja, welche Form dieser annehmen könnte. 

17.30–19h: How to Redress Practices of Cultural Appropriation
Mit Sebastian De Line, Paulo Tavares, moderiert von Susanne Leeb, mit einem filmsichen Beitrag von Kader Attia
Das Ausstellungskapitel Learning From untersucht, welche Schlüsselrolle die kulturelle Aneignung in der Gestaltungspraxis des Bauhauses spielte und wie sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den USA, Mexiko, Marokko und Brasilien fortgeschrieben wurde. Betrachtet werden die umfangreichen Studien und Anleihen westlicher Künstler_innen bei amerikanisch-indigenen und maghrebinischen Kulturen. In einer Zeit, in der die repressive Verwaltung und wirtschaftliche Ausbeutung ganze Gesellschaften und Territorien bedrohten und zerstörten, wurden diese „Anleihen“ aus ihrem originalen Kontext gelöst. Drei Künstler diskutieren eine kritische Lesart dieser Geschichten. Sie beziehen sich dabei auf ihre für bauhaus imaginista entwickelten Arbeiten.

20–21.30h: How to Politicize Art, Technology and Popular Culture
Mit John Blakinger, Beatriz Colomina, Kodwo Eshun, Gloria Sutton, moderiert von Christian Hiller
Im Kapitel Still Undead nimmt die Ausstellung die der Experimente mit neuen Medien und Technologien in den Blick, die das Bauhaus in den institutionellen, wissenschaftlichen, künstlerischen und gegenkulturellen Entwicklungen Westeuropas und der USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hervorbrachte. Dabei zeigt sich, wie kreative Experimente einerseits über institutionelle Strukturen hinausgingen, andererseits jedoch von ihnen vereinnahmt wurden. Die für das Bauhaus bereits charakteristische Verwischung der Grenzen zwischen Experiment, Institutionalisierung und Kommerz ist heute die Norm. Die allgemeine Tendenz, experimentelle Praktiken dem Konsumdenken einzuverleiben, unterstreicht die Notwendigkeit einer neuerlichen Politisierung an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Popkultur.

 

Konferenz A New School
11.–12. Mai 2019

Ausgehend von den reformpädagogischen Ansätzen des Bauhauses und internationaler Kunst- und Gestaltungsschulen im 20. Jahr­ hundert, die das Projekt bauhaus imaginista in den letzten Jahren untersucht hat, stellt die Konferenz pädagogische Konzepte und Lernumgebungen vor und fragt, inwieweit die historischen Schulneugründungen für aktuelle Entwicklungen in der Kunst- und Gestaltungsausbildung relevant sind.

Auf welchem Verständnis von Kunst und Gestaltung, Gesellschaft und Kritik fußten die Neugründungen? Können wir auch heute manuelle und kognitive Lernprozesse als ein gesellschaftliches Projekt verstehen– jenseits der Ökonomisierung der Bildung und der Elitenförderung? Welche Formen des kollekti- ven Lernens und Selbstorganisierens können im Zeitalter globaler Vernetzung gesellschaftlich relevant sein? Wie lässt sich eine Kunstschule des 21. Jahrhunderts denken, die von gestalterischen, kollektiven, forschenden und aktivis- tischen Praktiken und Wissensformen bestimmt ist?

Mit: Bayo Amole, Regine Bittner, Gavin Butt, Demas Nwoko, Toni Maraini, Partha Mitter, Robert Wiesenberger, Mark Wigley und anderen

Das aktuelle Programm: hkw.de/imaginista

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