Housing the Human: Das Festival

Geschrieben am 07.10.2019
Kategorie(n): ARCH+ news, Housing the Human, Festival, Berlin

im Radialsystem in Berlin
Freitag, 18.10.19:
19:00 Uhr: Eröffnung und Führung mit
                    Expert*innen und Forscher*innen
20:30 Uhr: ARCH+ features:
                   Anh-Linh Ngo im Gespräch mit James Taylor-Foster
21:30 Uhr: Führung mit Expert*innen und Forscher*innen
22:30 Uhr: Getränke & Musik

Samstag, 19.10.19:
10–16 Uhr: Kolloquium
17 Uhr: Führung mit Expert*innen und Forscher*innen
19 Uhr: Vorlesungs-Performance
              von Beatriz Colomina & Mark Wigley
20 Uhr: Game Night After Money
22 Uhr: Getränke & Musik

Das Festival Housing the Human präsentiert am 18. & 19. Oktober im Radialsystem in Berlin Vorschläge von Certain Measures, Mae-Ling Lokko, Simone C Niquille, Lucia Tahan und Dasha Tsapenko für ein zukünftiges gesellschaftliches Zusammenleben. Besucher*innen können die Prototypen an der Seite von internationalen Expert*innen erleben, die kritische Beobachtungen zu den jeweiligen Themen einbringen: Die Architekt*innen Tatiana Bilbao und Rahul Mehrotra, die Architekturtheoretikerin Beatriz Colomina, die Kunsthistorikerin Margit Rosen und der Designer Daniel Perlin werden durch die Installationen führen und Gespräche darüber anregen.

Der Architekturkurator und Autor James Taylor-Foster hat das Projekt über ein Jahr lang als Experte begleitet. Mit ihm sprechen wir beim ARCH+ features 93 am Freitag, den 18. Oktober um 20:30 Uhr im Radialsystem über die vorgestellten Konzepte, praktische Futurologie und transdisziplinäre Forschung.

Weitere Veranstaltungen während des Festivals sind ein öffentliches Kolloquium am Samstag, den 19. Oktober von 10 bis 16 Uhr, die Lecture Performance The 24/7 Bed: Privacy and Publicity in the Age of Social Media von Beatriz Colomina unter Mitwirkung von Mark Wigley, sowie die Game Night After Money mit Architekt*innen, Theoretiker*innen und Entscheidungsträger*innen, beide ebenfalls am Samstag.

Der Eintritt beträgt 8/6 Euro für einen Tag und 12/8 Euro für das gesamte Festival (zzgl. Servicegebühr).

Das Projekt Housing the Human ist ein transdisziplinär konzipiertes Forschungsvorhaben zur Gestaltung von zukünftigen Lebensumgebungen, Ziel ist die Entwicklung von Prototypen für neue soziale Geographien. Die Fortschritte des Projekts wurden innerhalb von eineinhalb Jahren an mehreren internationalen Institutionen sukzessive vorgestellt, um die Resonanzen des Publikums und der Expert*innen aus diesen Etappen in die weitere Arbeit zu integrieren.

Der Auftakt fand im Juli 2018 an der italienischen Adria am Strand von Senigallia auf dem Architektur-, Design- und Kunstfestival Demanio Marittimo. Km-278 statt, das unter dem Motto der Co-Existenz ausgerichtet wurde. Hier konnten die 14 im Vorfeld zur Einreichung eingeladenen Architekt*innen, Designer*innen, Künstler*innen und Projektgruppen ihre skizzierten Konzepte über Formierungen des Zusammenlebens präsentieren und diskutieren. Im Nachgang wählten die institutionellen Jurymitglieder Freo Majer (Forecast, Berlin), Jan Boelen (Z33/House for Contemporary Art in Hasselt, Belgium und Kurator der 4. Istanbul Design Biennial), Josephine Michau (Copenhagen Architecture Festival CAFx) und Pippo Ciorra (Demanio Maritimo Km-278, Senigallia und MAXXI, Rom) fünf Projekte zur Vertiefung und Realisierung aus. Schon wenige Monate später wurden diese Ansätze auf dem Forecast Festival in Berlin im Oktober 2018 und im November auf der Istanbul Design Biennial erneut der Öffentlichkeit vorgestellt und reflektiert. Bereits hier hatten sich die Arbeiten der Umsetzung von greifbaren Prototypen angenähert und wurden ein halbes Jahr später im April 2019 auf dem Copenhagen Architecture Festival CAFx erneut zur Diskussion gestellt.

Durch die Notwendigkeit, die Projekte in regelmäßigen Abständen öffentlich zu präsentieren und anhand der Reaktionen zu überprüfen und neu zu definieren, liegt die wesentliche Herausforderung des gesamten Forschungsvorhabens in der jeweils überzeugenden Kommunikation. Ungenauigkeiten sollen dabei gerade nicht verschleiert werden, sie können sich sogar produktiv so bis zum Ende der Laufzeit forttragen, dass sie das Feld bereiten für die weitere Erforschung des zukünftigen Beherbergens von Menschen, Dingen und anderen Wesen.

Das Housing the Human Festival lädt nun die Öffentlichkeit am 18. & 19. Oktober ins Radialsystem in Berlin abschließend zur Auseinandersetzung mit den ausformulierten Prototypen ein:

MAE-LING LOKKO: Agrocologies MAE-LING LOKKO: Agrocologies

Die Arbeit Agrocologies der Architekturtechnologin Mae-Ling Lokko (GH, PH, US) ist substantiell transdisziplinär orientiert. Die Forscherin hat bereits für Landwirtschaftskooperativen in Gahna, ihrem Herkunftsland, großmaßstäbliches Upcycling von landwirtschaftlichen Pflanzenresten (zum Beispiel Kokosnussschalen) zu Bau- und Transportmaterialien etabliert. Für Housing the Human übersetzt sie diese Technologie kleinmaßstäblich in den Alltag aller Menschen und thematisiert die ureigen menschlichen häuslichen Kulturformen von Kochen, Essen und Trinken. Pflanzliche Küchenabfälle werden gesammelt und mit Hilfe von Pilzorganismen erst zu einem Brei zersetzt, um diesen dann in Negativformen zu kompostierbaren Einwegschalen wachsen zu lassen, die etwa bei Picknicks oder Partys verwendet werden können. So wird die entfremdete Arbeitsteilung von Fabrikproduktion, Supermarktkonsum und Abfallwirtschaft überwunden und in neuen Ritualen für individuelle Prosument*innen an deren Wohnort in Co-Habitation mit Pilzen vereint.

Beim Berliner Festival werden diese neuen sozialen Aktivitäten des Vor- und Nachbereitens, der häuslichen Müllzucht und -ernte, in einer kollektiven Performance ritualisiert zelebriert.
 

DASHA TSAPENKO: Lovaratory DASHA TSAPENKO: Lovaratory

Die ukrainische Architektin Dasha Tsapenko (UA, NL) ergänzte ihr Studium mit dem Fach Social Design in Eindhoven und untersucht mit ihrem Projekt Lovaratory die Gestaltung von Wohnlandschaften, die mit einer Vielzahl möglicher menschlicher und außermenschlicher (Liebes)Beziehungen sowohl jenseits heteronormativer Familienstrukturen als auch innerhalb von Dingverhältnissen korrespondieren. Ihre Auseinandersetzung ist dabei systematisch, humorvoll und sinnlich zugleich. Tsapenko involviert sich, um abstrakte Erkenntnisse über Distanz, Zuneigung und Nähe durch vielzahlige Elementen in flexibel arrangierbaren Konstellationen von körperkomfortablen Möblierungen auszudrücken. Die Polyandrie der Möbel gibt den Körpern der Menschen, Wesen und Dinge polyamorische Entfaltungsmöglichkeiten wie sie gleichermaßen die Vielfalt der Liebesformen auch figurativ verkörpern.

Im Oktober 2019 in Berlin werden verschiedene Beziehungsszenarios mit den jeweiligen charakterlichen Individualräumen in Überlappung mit den gemeinschaftlichen Soziotopen inszeniert.
 

SIMONE C NIQUILLE / TECHNOFLESH: homeschool SIMONE C NIQUILLE / TECHNOFLESH: homeschool

Die US-Firma BostonDynamics ist eine Ausgründung des MIT, die sich auf die Entwicklung von Laufrobotern spezialisiert hat. Deren serienreifes Produkt eines vierbeinigen Lasten- und Kontrollhundes bildete die Grundlage für die Forschungsarbeit Regarding the Pain of SpotMini der Grafikdesignerin und visuellen Strategin Simone C Niquille (CH, NL). Sie bearbeitet die Frage, wie Menschen in Zukunft mit autonom-aktiven Geräten co-existieren werden. Die dabei angewandten parametrischen Entwurfsabläufe und Datenbestände beziehen sich auf Klassifizierungs- und Messsysteme, die bereits im Europa des 16. Jahrhunderts etabliert wurden. So wie sich im Humanismus der Renaissance eine optimale Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten durch die Verbindung von Wissen und Tugend erhofft wurde, wird dies heute von der Anwendung der künstlichen Intelligenz erwartet. Durch die Auseinandersetzung mit Bildern und 3D-Elementen, die erzeugt werden, um die KI zu trainieren, offenbart Niquilles Arbeit die Grenzen dieses Wissenstransfers. Sie betreffen den Menschen durch eine exklusive und hyperstandardisierte posthumane Architektur, in der Mobiliar und andere Dinge ebenso wie menschliche oder tierische Körperformen den Lehrdatensätze entsprechen müssen, damit die Maschinen unfallfrei navigieren können. Die Grenzen liegen aber auch auf Seiten der Intelligenz des Roboters, da die raumlogisch-funktionale Ableitung Esszimmer>Tisch>Stuhl ihm noch nicht erklären kann, ob das Element Stuhl anhand von einer Sitzfläche und Rückenlehne identifiziert oder ob jedes Sitzelement als Stuhl klassifiziert wird, und was dann eine Toilette darstellt. Nicht nur absurd, sondern gefährlich kann es werden, wenn das Element Mensch als aufrecht stehend, gehend oder geknickt sitzend registriert ist, es aber schlafend auf dem Boden liegt.

Das Ergebnis dieser Forschung wird den Besucher*innen im Radialsystem in Berlin im Oktober 2019 als animierter 3D-Film Homeschool vermittelt, der uns in eine Trainingssitzung entführt, die die Chancen und Tücken dieser Verständnisbildung verdeutlicht.

 

CERTAIN MEASURES: Home Is Where the Droids Are CERTAIN MEASURES: Home Is Where the Droids Are

Eine optimistische Vision der Zukünfte wird von Certain Measures (DE, US) entworfen, sie bezeichnen sich als „ein hypothesengetriebenes Büro für Gestaltung, Strategie und Technologie“. Das Team verwendet neue, in Zukunft ambulant verfügbare autonome Service-Objekte einerseits zur Erforschung des Minimalraums je Person, der sich dann nicht mehr anhand der Anzahl der zu behausenden Funktionen definiert, sondern entlang den Zeiten der Nutzungszugriffe, so dass in ein und demselben Raum verschiedene Szenarieren in unterschiedlichen Szenografien realisiert werden können. Andererseits richten sie ihren Blick auf die Hybridisierung von Funktionen, um herauszufinden, wie Möbel uns, den Menschen, mehr als nur eine Nutzung anbieten können. Im Idealfall ergeben sich sogar Nutzungszwitter, die wir uns ohne den technischen Blickwinkel nie hätten einfallen lassen.

Für Berlin werden sie eine Auswahl dieser heteronomen Objekte bauen und einen Tanz der Maschinen und Menschen choreografieren.

 

LUCIA TAHAN: Cloud Housing LUCIA TAHAN: Cloud Housing

Ebenfalls in der Welt der Datentechnologie ist das von der Architektin und Produktdesignerin Lucia Tahan (ES, DE) erarbeitete Projekt Cloud Housing angesiedelt. Ausgangspunkte sind der Markterfolg von Airbnb, der Lebensstil von globalen Nomaden und die Etablierung von Datenzucht und -erntenfarmen, die sie zu einer neuen gig-wirtschaftlichen Plattform überzeichnet. Dieser Service soll stilbasiertes Wohnen auf Zeit und ein Umziehen innerhalb von 24 Stunden mit Preisfindung je Marktnachfrage anbietet. Der Einrichtungsstil soll in einer je Person auf 100 Möbelstücke limitierten Anzahl erfasst und angeboten werden. Die Autorin verweist damit ebenso auf die kürzlich publizierte, großangelegte Fotostudie zum Wohnungsinhalt weltweit wie auch auf das typisch deutsche Wohnzimmer, mit dem die Werbeagentur Jung von Matt regelmäßig den Wohngeschmack des Durchschnittsbürgers bebildert. Der Aspekt des Gig-Marktes wird durch die Möglichkeit des 24-Stunden-Umzugsservices und der Zubuchung von spontanen Extras wie etwa einer Esszimmergarnitur nebst Catering für ein vielköpfiges Dinner oder eines Gästebetts mit Bring- und Holdienst integriert. Die Datenbank wird so als selbstlernend entwickelt, dass automatisch die stilistisch passenden Mietangebote angezeigt werden. Analog zu Internet-Dating-Plattformen kann diese Auswahl dann durch Subdefinitionen wie Lage, Nachbarschaft, ÖPNV et cetera spezifiziert werden. Die Arbeit schwankt zwischen Optimismus, Ironie und Dystopie, je nachdem, wie weit man sich der Offenbarung von intimen Informationen bewusst sein will oder nicht.

Beim Abschlussfestival in Berlin wird die Attraktivität und Bedrohung dieser Dienstleistung in der Augmented Reality einer solchen Wohnumgebung präsentiert. Man darf gespannt sein, wann und wie welche Kaufprodukte, Einkaufs- und Servicemöglichkeiten – beim Blick in den Spiegel die nächstgelegenen Friseure oder Botox-Studios – oder gar die zur Möblierung passenden Sexualpartner*innen eingeblendet werden und ab wann das System wie oft an die Erneuerung der Lizenz erinnert oder die Buchung eines Upgrades empfiehlt.

 

Housing the Human: öffentliches Kolloquium

Im Rahmen des Festivals gibt es die Möglichkeit, mit Expert*innen und Fachleuten drei relevante Hauptthemen zu erörtern. Das Kolloqium findet am Samstag, 19. Oktober von 10 bis 16 Uhr statt. Begrenzte Anzahl von Sitzplätzen, bitte melden Sie sich vor dem 16. Oktober an unter forecast-platform.com/housing-the-human-rsvp

I: Methodologische Reibungspunkte 10–11:30 Uhr

In den unterschiedlichsten Bereichen gibt es ein ausgeprägtes Streben danach, quer zu Disziplin- und Themenfeldern oder außerhalb jeglicher Fachgrenzen zu arbeiten. Was ist das Versprechen eines solchen inter-, trans- oder, wie Forecast es ausdrückt, nichtdisziplinären Ansatzes? Ist es mehr als eine belebende Crossover-Kur, die hochspezialisierten Fachleuten von Zeit zu Zeit frisches kognitives Material liefert? Wenn ja, wie könnte eine sinnvolle und sogar florierende Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Partner*innen organisiert werden, die häufig nicht einmal eine gemeinsame Sprache sprechen?
Mit
. Pippo Ciorra (MAXXI, Rom; Demanio Marittimo Km-278, Senigallia)
. Mae-ling Lokko (Rensselaer Polytechnic Institute, New York)
. Martina Schraudner (Fraunhofer Center for Responsible Research and Innovation, acatech)
. Jörg Stollmann (Professur Städtebau und Urbanisierung, TU Berlin)
Moderation und Zusammenfassung: Matthias Mohr (Radialsystem)

II: Nützlichkeit 11:30–13 Uhr

Eine weit verbreitete Art und Weise der Bewertung von kreativer Arbeit betont deren soziale Relevanz, was häufig die konkrete Anwendbarkeit impliziert. Die Frage, ob der moralische Antrieb dazu beitragen könnte, die Bedingungen, in denen wir leben, zu beeinflussen oder sogar zu verändern, und wozu das Ergebnis gut ist, verstellt aber den Blick auf ein übergeordnetes Herangehen. Wir möchten mehr darüber erfahren, wie das Streben nach sozialem oder politischem Nutzen die Art und Weise beeinflusst, wie Kreative und Institutionen ihre Arbeit konzipieren und produzieren und welchen Wert eine „nutzlose“ Kreativität haben kann oder nicht. Ist ein anwendungsbezogener Ansatz wertvoller als eine Arbeit, die sich eher auf ästhetische oder formale Fragen konzentriert?
Mit
. Tatiana Bilbao (Architektin, Mexiko-Stadt)
. Matevž Čelik (Museum of Architecture and Design, Ljubljana)
. Rahul Mehrotra (Graduate School of Desing, Harvard University, Cambridge)
. Josephine Michau (Copenhagen Architecture Festival CAFx)
. Judith Seng (Designerin, Berlin)
Moderation und Zusammenfassung: Daniel Perlin

III: Prophezeiungen 14–15:30 Uhr

Housing the Human hat – wie viele andere experimentelle Plattformen – den Anspruch, Konzepte zu erarbeiten, die zukünftige Entwicklungen widerspiegeln. Vorstellungen von „Innovation“, „Zukunft“ oder gar „Utopie“ können jedoch abgenutzt und sogar missbraucht wirken, insbesondere wenn sie zu einem Unternehmensbranding beitragen sollen. Warum und wie kann ein Blick auf mögliche Zukünfte sinnvoll sein, und welche Konzepte von Innovation können es wert sein, genauer untersucht zu werden?
Mit
. Jan Boelen (Z33, Hasselt; HfG Karlsruhe)
. Beatriz Colomina (Princeton University, New Jersey)
. Jürgen Howaldt (Experte für soziale Innovation, TU Dortmund)
. Daniel Perlin (Designer, New York City)
. Margit Rosen (Kunsthistorikerin, ZKM, Karlsruhe)
Moderation und Zusammenfassung: James Taylor-Foster

 

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!