Das Morgen im Jetzt

Geschrieben am 11.11.2019
Kategorie(n): ARCH+ news, Film

Filmreihe kuratiert von Florian Wüst im Rahmen von bi'bak in der Hansabibliothek, Altonaer Str. 15, 10557 Berlin

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Nach 1945 bestand eine der größten Herausforderungen des Wiederaufbaus Deutschlands in der Schaffung von Wohnraum. Die auf neuen rationellen Bauweisen basierenden Leitbilder der Vorkriegsmoderne lieferten die Vorlage für die „Stadt von morgen“: die radikale Abkehr von der alten Industriestadt mit ihren Mietskasernen, dunklen Hinterhöfen und engen Straßen. Die Modernisierung des „Stadtkörpers“ wurde als ein Heilungsvorgang beschrieben, der Autorität und Anleitung von oben benötige. Spätestens ab Mitte der 1960er Jahre setzte jedoch die Auflehnung gegen die in immer größerem Maße praktizierte sogenannte Kahlschlagsanierung ein. Das Verhältnis von Teilhabe und intransparenten Planungsprozessen, von teurem Neubau und bezahlbaren Bestandswohnungen ist weiterhin umkämpft – heute mehr denn je. Vor diesem Hintergrund präsentiert die zweiteilige Filmreihe Das Morgen im Jetzt eine Auswahl an historischen und zeitgenössischen Kurzfilmen, die vor allem mit künstlerischen Mitteln auf die Wirklichkeit der modernen Stadt sowie beispielhafte Ansätze alternativer Architektur- und Lebensmodelle blicken.

Mittwoch, 13. November 2019, 19 Uhr
Anschließendes Publikumsgespräch mit Kathrin Peters und Florian Wüst

Die Brücke, Haro Senft, BRD 1957, 15 Min.
Großbaustelle Hansaviertel, Eberhard Riske, BRD 1959, 10 Min.
Die Stadt, Herbert Vesely, BRD 1960, 36 Min.

Der erste Teil der Filmreihe kombiniert Großbaustelle Hansaviertel, einen vom Senator für Bau- und Wohnungswesen beauftragten Film über den Bau des Hansaviertels von 1959, mit Haro Senfts Die Brücke (1957) und Herbert Veselys Die Stadt (1960). Senft und Vesely verfassten 1957 mit „filmform – das dritte programm“ einen ersten Aufruf zur Etablierung einer explizit kulturellen Filmproduktion innerhalb der westdeutschen Filmindustrie, später gehörten sie zu den Unterzeichnern des Oberhausener Manifests von 1962. Die Propagierung eines vom sozialen und technischen Fortschritt geprägten Städtebaus steht in diesem Programm den widersprüchlichen Gefühlszuständen der Nachkriegszeit gegenüber, symbolisiert im Nebeneinander von modernen Hochhäusern, hell erleuchteten Schaufenstern, verwaisten Brachen und Ruinen.

Kathrin Peters ist Professorin für Geschichte und Theorie der visuellen Kultur an der Universität der Künste Berlin.
Florian Wüst lebt als freischaffender Filmkurator, Künstler und Verleger in Berlin. Er ist Mitgründer der Berliner Hefte zu Geschichte und Gegenwart der Stadt und Film- und Videokurator der transmediale.
 

Mittwoch, 4. Dezember 2019 19 Uhr
Anschließendes Publikumsgespräch mit Margarita Tsomou und Florian Wüst

Das zweite Filmprogramm zeigt aktuelle Filme, die nach der Realisierbarkeit von Utopien fragen. Der heute 96-jährige Architekt Yona Friedman erläutert in 60 Elephants. Episodes of a Theory. Improvisation #1 von Michael Klein und Sasha Pirker (2018) seine auf Selbsthilfe aufbauende Architekturtheorie sowie die Bedeutung des scheinbar Beiläufigen und Alltäglichen für die Praxis eines anderen städtischen Zusammenlebens. Heidrun Holzfeinds zweiteiliger Film the time is now (2019) porträtiert das japanische Künstlerpaar Toshio und Shizuko Orimo, bekannt unter dem Namen IRO, die musikalisches Experiment, politischen Aktivismus und nachhaltiges Leben auf das Engste miteinander verbinden. Holzfeind inszeniert eine Performance von IRO rund um das Inter-University Seminar House des Architekten Takamasa Yosizaka in Hachioji bei Tokyo: einem herausragenden Beispiel zivilisationskritischer Architektur der Moderne.

60 elephants. Episodes of a Theory. Improvisation # 1, Michael Klein, Sasha Pirker, AT / FR 2018, 22 Min.
the time is now I + II, Heidrun Holzfeind, AT / JP / SE 2019, 48 Min.

Margarita Tsomou ist Kulturwissenschaftlerin in Berlin. Sie ist Kuratorin für Theorie und Diskurs am HAU Hebbel am Ufer, Professorin für Zeitgenössische Theaterpraxis in Osnabrück sowie Mitbegründerin des Missy Magazins.
Florian Wüst lebt als freischaffender Filmkurator, Künstler und Verleger in Berlin. Er ist Mitgründer der Berliner Hefte zu Geschichte und Gegenwart der Stadt und Film- und Videokurator der transmediale.


bi’bak (Türkisch: Schau mal) ist ein Projektraum mit Sitz in Berlin, mit einem Fokus auf transnationale Narrative, Migration, globale Mobilität und ihre ästhetischen Dimensionen. Das interdisziplinäre Programm von bi’bak bewegt sich an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Gemeinschaft und umfasst Filmvorführungen und Ausstellungen, Workshops sowie musikalische und kulinarische Exkursionen. bi-bak.de

 

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