ARCH+ features 96: Rechte Räume – Reaktionen

Geschrieben am 12.11.2019
Kategorie(n): ARCH+ news, Rechte Räume, Stephan Trüby

Diese separat erhätliche Broschüre umfasst 24 Seiten, sie ist ausschießlich über uns beziehbar via unseren Webshop

Einleitung von Verena Hartbaum, Anh-Linh Ngo und Stephan Trüby

Rund ein halbes Jahr ist es nun her, dass am 24. Mai 2019 die vom Institut für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen (IGmA) der Universität Stuttgart in Kooperation mit der ARCH+ herausgegebene Ausgabe Rechte Räume – Bericht einer Europareise erschienen ist und im Rahmen einer öffentlichen Heftpräsentation an einem frühsommerlichen Freitagabend an der Berliner Volksbühne präsentiert wurde. Kaum mehr als 24 Stunden nach der Präsentation folgte bereits Niklas Maaks erster enervierter Artikel „Kann Raum rechts sein?“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 26. Mai 2019, und nun, nach Dutzenden von Zeitungs- und Magazinartikeln in deutschsprachigen und internationalen Medien, nach Hunderten von Zuschriften und Tausenden von Online-Kommentaren, ist die Debatte noch immer nicht abgeflaut. So erschien etwa pünktlich zum Redaktionsschluss am 20. Oktober 2019 im Berliner Tagesspiegel ein langer Artikel der Rostocker Historikerin Ulrike von Hirschhausen mit dem Titel „Alle Kultur ist Barbarei“. Wohin führt der Nerv, der mit der Rechte-Räume-Ausgabe ganz offenkundig getroffen wurde?

 

In mehrere Richtungen. Vor allem entzündete sich die „Rechte-Räume“-Debatte im journalistischen Kontext an Verena Hartbaums Artikel „Rechts in der Mitte – Hans Kollhoffs CasaPound“. Unter Bezugnahme auf einen älteren Text von Heinz Dieter Kittsteiner aus dem Jahre 2003 wirft sie darin dem Berliner Architekten Hans Kollhoff vor, auf seinem 2001 vollendeten Walter-Benjamin-Platz in Berlin ein Zitat des amerikanischen Dichters und faschistischen Mussolini-Propagandisten Ezra Pound angebracht zu haben: „Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein / die Quadern wohlbehauen, fugenrecht, / dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert.“ Bei Lichte betrachtet, entpuppt sich diese Passage aus den sogenannten Usura Cantos jedoch als antisemitische Flaschenpost. Denn bei Pound steht das Codewort „Usura“ (Wucher) für „die Juden“ beziehungsweise das „zinstreibende Judentum“, denen im Werk des Dichters die Schuld an allem möglichen Übel der Welt zugeschoben wird, nicht zuletzt – wie mit der von Kollhoff verwendeten Passage geschehen – eben auch die Schuld an schlechter Architektur ohne „guten Werkstein“. Doch Maak skandalisierte nicht etwa die Anbringung eines antisemitisch konnotierten Zitats im öffentlichen Raum von Berlin, sondern verteidigte die Architektur des Platzes: Man solle sich „fragen, warum ähnliche großzügige Plätze, gern auch mit anderer Architektur, nicht auch für Menschen mit geringerem Einkommen gebaut werden [...].“01 Wenige Tage später legte Maak in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach und warf der von ihm namentlich nicht genannten Autorin eine Diffamierung Kollhoffs vor: „[...] es ist unlauter und demagogisch, Kollhoff als Antisemiten zu denunzieren [...].“02 Doch an keiner Stelle im ARCH+-Heft Rechte Räume wird gegen Kollhoff der Vorwurf des Antisemitismus erhoben. Die antisemitische Flaschenpost, die Pound 1936 ins Meer der Literatur warf und die 2001 von Kollhoff auf dem Walter-Benjamin-Platz entrollt und in Stein gemeißelt wurde, macht aus dem Architekten nicht notwendigerweise einen Antisemiten, aber das Pound-Zitat bleibt nicht weniger problematisch.

Aber es kam noch wilder. Am 1. Juli 2019 hob Maak gar einen Artikel Arnold Bartetzkys in die Frankfurter Allgemeine Zeitung, in der dieser konservative Publizist nicht nur den „vernichtenden Verdacht“ gegen Kollhoff beklagt, sondern uns auch noch eine Verletzung „journalistischer Sorgfaltspflicht“ unterstellt, weil Verena Hartbaum Kollhoff nicht um seine Einschätzung gebeten habe. Hat sie aber, und Bartetzky selbst erwähnt sogar die E-Mail-Korrespondenz zwischen Hartbaum und Kollhoff aus dem Jahre 2012, in dem dieser eine mehr als problematische Begründung dafür liefert, weshalb er auf einem Platz, der ausgerechnet dem jüdischen Nazi-Opfer Benjamin gewidmet ist, eine Bühne für den Faschisten und Antisemiten Pound bietet: „[...] das ist ja das Schöne an der Konfrontation von Walter Benjamin und Ezra Pound, die persönlich ja nicht stattgefunden hat, dass man daran hypothetische Behauptungen knüpfen kann, die nicht selten ein grelles Licht werfen auf die fatale Geschichte des vergangenen Jahrhunderts“.03 Das ist Täter-Opfer-Relativierung par excellence, die Kollhoff jüngst auch sinngemäß wiederholte, als er Pounds Faschismus und Benjamins revolutionären Sozialismus mit folgenden Worten parallelisierte: „Beide gescheiterten Hoffnungen muss man vor allem aus ihrer Zeit heraus verstehen. Doch wir dürfen uns fragen, was wir dennoch heute damit anfangen können.“04 Die Kunsthistorikerin Annika Wienert vom Deutschen Historischen Institut Warschau kritisiert in dieser Ausgabe das kollhoffsche Pound-Zitat und die apologetische bartetzkysche FAZ-Berichterstattung mit deutlichen Worten: „Die symbolische Gewalt an Juden und Jüdinnen, welche sowohl die implizite öffentliche Ehrung des Antisemiten und überzeugten Faschisten Ezra Pound darstellt, als auch die schiere Präsenz einer antisemitischen Aussage im öffentlichen Raum, wird nicht zur Kenntnis genommen.“05 In eine ähnliche Richtung argumentiert Ulrike von Hirschhausen im bereits erwähnten Tagesspiegel-Artikel „Alle Kultur ist Barbarei“, in dem sie mit Blick auf Kollhoffs Pound-Zitat schreibt: „Wir müssen in Zeiten, in der rechtsradikale Positionen für manche einen Ausweg aus den Problemen der Globalisierung zu liefern scheinen, antisemitische Übergriffe sich häufen und die Synagoge von Halle zum Ziel eines Anschlags wird, solche Texte erst recht beim Namen nennen – und sie mit unseren Antworten konfrontieren. [...] Hilfreich wäre eine öffentliche Anhörung, zu der das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf einladen könnte. Hilfreich wäre die Kooperation mit dem Architekten des Benjamin-Platzes, Hans Kollhoff, dem das Urheberrecht über die Platzgestaltung zusteht. Doch vor allem brauchen wir den öffentlichen Protest der Stadtgesellschaft, die ein antisemitisches Zitat, so unauffällig es daherkommt, nicht akzeptiert.“06

Während sich die Debatte um die Rechte-Räume-Ausgabe im journalistischen Kontext vor allem auf den Walter-Benjamin-Platz fokussierte, wurden Teile der Fachöffentlichkeit durch einen Satz Stephan Trübys in der Einleitung erregt, in der Hans Stimmann und Harald Bodenschatz vorgeworfen wird, „das populistische und sozial neutralisierte Geschäft identitärer Stadtraumbildung [zu] betreiben (‚Berlinische Architektur“, Projekt einer Rekonstruktion der Berliner Altstadt) – und dabei keine Berührungsängste mit der patriotischen Rechten an den Tag legen“.07 Die Folge waren diverse Repliken, so etwa Kaye Geipels Kritik problematischer „Zuschreibungen“08 in der Bauwelt oder eine öffentliche Stellungnahme der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung (SRL) vom 22. August 2018, in der sich der Verband dagegen verwahrt, „unser Mitglied“ Harald Bodenschatz in den Kontext „rechter Räume“ zu stellen (was gar nicht stimmt), „nur weil er sich für kritische Rekonstruktionen einsetzt“ (was ebenfalls nicht stimmt).

Wahr ist an der Kritik Stephan Trübys an Bodenschatz Folgendes: Gewisse Ansichten des ehemaligen Professors für Planungs- und Architektursoziologie an der TU Berlin, der Autor vieler herausragender Werke wie Platz frei für das neue Berlin! Geschichte der Stadterneuerung in der „größten Mietskasernenstadt der Welt“ seit 1871 (1987) ist, sind von der Analyse der kommunistisch geprägten Stadtpolitik Bolognas um 1970 her zu verstehen, die er in seiner gerade auch heute lesenswerten Dissertation Städtische Bodenreform in Italien09 (1979) untersuchte. Darin wird beschrieben, wie die politische Linke in Gestalt der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) sich in Bologna ab Ende der 1960er radikal von der modernen Architektur abwandte und Pläne etwa für Wohnsiedlungen in Vorstädten und andere Großprojekte in die Schublade beförderte. Stattdessen sollte es künftig um die Erhaltung historischer Innenstädte gehen, und zwar mithilfe eines mutigen politischen Projekts: des Versuchs einer Synthese von Denkmalschutz und sozialem Milieuschutz via Bodenreformen und weiterer begleitender Maßnahmen. Doch das Projekt scheiterte, vor allem aufgrund des Widerstands gegen Enteignungen. Die langfristigen Folgen dieser und ähnlicher Entwicklungen wie in Bologna und anderswo zeigen sich heute in verschiedenen Biografien von Achtundsechzigern, vor allem eben in jener von Bodenschatz: Das Projekt einer Sozialpolitik der (alten) Stadt wurde weitgehend aufgegeben, um sich fortan ganz auf die – deutlich einfacher zu habende – Bildpolitik einer „alten Stadt“ zu konzentrieren. Vor diesem Hintergrund müssen die jüngsten Verlautbarungen Bodenschatz’ zu einer unkritischen Rekonstruktion der Berliner Altstadt nach Frankfurter Vorbild verstanden werden, mit denen er seinen guten Ruf als Wissenschaftler riskiert. So bemühte er vor einiger Zeit in einem umstrittenen Tagesspiegel-Artikel die Argumentation, dass es im großzügigen Freiraum des Marx-Engels-Forums in Berlin einst eine besonders hohe Dichte an Immobilien im Besitz von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern gegeben habe, dort also ein „christlich-jüdisches Symbiose-Experiment ohne Vorbild in der europäischen Geschichte“ geherrscht habe, an das man nun doch mit einer Rekonstruktion anknüpfen solle. Wenngleich Bodenschatz seinen Vorschlag im Bewusstsein einer Geschichte von „Toleranz und Intoleranz, Zerstörung und Aufbau“ formuliert, so verharmlost er damit doch eine lange Diskriminierungs- und Pogromgeschichte von Juden in Preßen zu einer „guten alten Zeit“ der Toleranz, was historisch schlicht nicht belastbar ist.10 Zudem macht er sich unfreiwillig kompatibel mit der patriotischen Rechten, die sich in Gestalt der Berliner AfD eine Rekonstruktion des Schlossumfeldes schon seit Längerem mit auf die Fahnen geschrieben hat.11 Die Entschädigung der Nachkommen ehemaliger jüdischer Eigentümer, deren Immobilienbesitz zwischen 1933 und 1945 „arisiert“ wurde und sich in Verlängerung von Inanspruchnahmen der DDR nach wie vor zu großen Teilen in staatlichem Besitz befindet, ist dringend geboten, aber nicht durch kompensatorische Stadtbildpolitik zu ersetzen.12

Während die journalistische Debatte um „Rechte Räume“ ihren Aufhänger in Kollhoffs Walter-Benjamin-Platz fand und die veröffentliche Fachdebatte mit der Skandalisierung von teils gar nicht vorgenommenen „Zuschreibungen“ bisher unter ihren Möglichkeiten dringend gebotener Kritik an reaktionären Tendenzen in der Städtebautheorie und -praxis geblieben ist, hat sich hinter den Kulissen eine architekturgeschichtliche Diskussion entfaltet, die bisher nur in zahllosen E-Mails geführt wurde und deren zarte Anfänge mit diesem Heft erstmals veröffentlicht seien. Es geht um den langfristig vielleicht explosivsten Text im Rechte-Räume-Heft, nämlich um die deutschsprachige Erstveröffentlichung von Winfried Nerdingers Aufsatz „Hans Poelzig, Paul Bonatz, Paul Schmitthenner – Die allmähliche Aufwertung, Normalisierung und Rehabilitierung der Konservativen, Opportunisten und NS-Mittäter“, der 2011 nur auf Italienisch in Casabella publiziert wurde. Die Erwiderungen der angegriffenen Autoren Wolfgang Pehnt und Wolfgang Voigt sind im Folgenden abgedruckt, ergänzt ihrerseits um eine aktualisierte Kritik von Nerdinger sowie um rahmende Beiträge von Dietrich W. Schmidt, Regine Heß und Ulrich Coenen. Es folgen Texte von Karin Wilhelm, Annika Wienert und Marc Priewe, die (die Debatte um) das Pound-Zitat auf dem Walter-Benjamin-Platz genauer untersuchen. Das Heft schließt mit einem Beitrag von Torsten Hoffmann zum Zusammenhang von rechtem Denken, Literatur und Gender sowie mit Stefan Kuraths Aufruf „Kein Architekt, keine Architektin handelt allein“.

Und es beginnt mit den Zuschriften von Frank R. Werner und Fritz Kestel, wobei Werner den Unterschied zum oft erwähnten Architekturstreit der 1990er-Jahre herausarbeitet und Kestel dringend empfiehlt, den „methodologischen Nationalismus“, der in den deutschen Reaktionen – auch und gerade in den fachlichen Reaktionen – so unangemessen im Vordergrund steht, endlich hinter sich zu lassen: „Es ist zu hoffen, dass weitere aufklärerische Hefte zu ‚Rechten Räumen‘ folgen werden. Die globalen Zeiten erfordern Reisen über Europa hinaus.“ Möge die Debatte also weitergehen, auf hoffentlich höherem Niveau.

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01 Niklas Maak: „Kann Raum rechts sein?“, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (26.5.2019)

02 Niklas Maak: „Antisemitische Flaschenpost?“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (29.5.2019)

03 Zit. nach Verena Hartbaum: Der Walter-Benjamin-Platz (Disko 26), Nürnberg 2013, S. 70

04 Hans Kollhoff, zit. nach Peter von Becker: „Spiel mit der Provokation“, Tagesspiegel (3.6.2019), www.tagesspiegel.de/kultur/berliner-architekturstreit- spiel-mit-der-provokation/24416220.html (Stand: 24.10.2019)

05 Vgl. S. 17

06 Ulrike von Hirschhausen: „Alle Kultur ist Barbarei – Ist der Walter-Benjamin-Platz ein ,rechter Raum‘? Vorschlag zur Befriedung einer Berliner Debatte“, in: Tagesspiegel (20.10.2019)

07 Stephan Trüby: „Rechte Räume – Eine Einführung“, in: ARCH+ 235 Rechte Räume – Bericht einer Europareise (2019), S. 11

08 Kaye Geipel: „Zuschreibungen“, in: Bauwelt 14 (2019), S. 13

09 Harald Bodenschatz: Städtische Bodenreform in Italien – Die Auseinandersetzung um das Bodenrecht und die Bologneser Kommunalplanung, Frankfurt a. M. 1979

10 Erst die Novemberrevolution 1918 und die Gründung der Weimarer Republik brachten für Juden in Deutschland eine völlige Gleichstellung vor dem Gesetz und damit auchim Staatsdienst mit sich. Alle Positionen im öffentlichen Dienst standen ihnen nun offen: Universitätsordinariate, Beamtenstellen, Ministerposten. Allerdings sahen sich Juden nach dem Ende des Ersten Weltkriegs auch mit einer massiven Welle antisemitischer Angriffe konfrontiert. – Vgl. Sebastian Panwitz, in: Stiftung Stadtmuseum Berlin, Franziska Nentwig (Hg.): Geraubte Mitte – Die „Arisierung“ des jüdischen Grundeigentums im Berliner Stadtkern 1933–45, Berlin 2003, S. 17

11 Vgl. afdkompakt.de/2017/05/30/stadtschloss-kuppel-und-umfeld-historisch-passend-rekonstruieren (Stand: 24.10.2019)

12 Vgl. Benedikt Goebel, Lutz Mauersberger, in: Stiftung Stadtmuseum Berlin, Franziska Nentwig 2003 (wie Anm. 10), S. 65

 

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Das 24-seitige ARCH+ features 96 Rechte Räume – Reaktionen mit Beiträgen von Ulrich Coenen, Regine Heß, Torsten Hoffmann, Fritz Kestel, Stefan Kurath, Winfried Nerdinger, Wolfgang Pehnt, Marc Priewe, Dietrich W. Schmidt, Wolfgang Voigt, Frank R. Werner, Annika Wienert und Karin Wilhelm ist für 5 Euro in unserem Webshop erhältlich.

 

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