Zamp Kelp: Luftschlosser

Geschrieben am 12.05.2020
Kategorie(n): ARCH+ news, Rezension, Karin Wilhelm, Haus-Rucker-Co

Ein Blick auf Haus-Rucker-Co / Post-Haus-Rucker
Eine Buchrezension von Karin Wilhelm

327_spector-books_luftschlosser_9783959053273_1.jpg Grafikdesign: Floyd E. Schulze


… … … da war er wieder! Der Roomscraper. Jener aufgerichtete Zeigefinger mit dem rot lackierten Fingernagel einer „Dame“, der leicht schwankend von einem PVC-Zylinder umhüllt die Leichtigkeit des Körperlichen insinuiert und dabei mit seinem Namen gleichsam als Fingerzeig auf die Aktion zur Raumerkundung hinweist. 1969 für die Ausstellung Vanille Zukunft in Wien entwickelt, war dieses Objekt zu Beginn des Jahres jetzt im Ladenlokal der Galerie am Rosa Luxemburg Platz wieder zu sehen. Zurückgekehrt war dieses Exemplar eines „Raumschabers“ aus Anlass der Buchvorstellung „Luftschlosser. Ein Blick auf Haus-Rucker-Co / Post-Haus-Rucker“, das der Mitbegründer dieser legendären österreichischen Architekten- und Künstlergruppe Günter Zamp Kelp soeben veröffentlicht hat und damit im Rückblick auf viele Arbeiten und Aktionen dieser Gruppe einen ungemein lesenswerten Einblick in die eigene künstlerisch-konzeptionelle Arbeit gibt. Die Rückwand des schmalen Berliner Galerieraums, in dem der „Luftschlosser“ Zamp Kelp das mit Ludwig Engel herausgegebene Buch in einer kurzen Lesung im März vorstellte, zierte ein Vorhang mit der digitalen Vergrößerung einer jener beeindruckenden Collagen, die die 1967 in Wien gegründeten Haus-Rucker in den Jahren bis zu der endgültigen Auflösung der Arbeitsgemeinschaft im Jahre 1992 so zahlreich erzählerisch gestaltet haben. (Ab 1967 Laurids Ortner/Günter Zamp Kelp/Klaus Pinter; seit 1972 Laurids Ortner/Manfred Ortner/Günter Zamp Kelp)

Zu sehen war hier noch einmal das Palmtree Island – jene ballonartige, durchscheinende Einhüllung einer mediterranen Idealnatur als Sehnsuchtslandschaft – deren Gefährdung eben in der künstlich-räumlichen Umhüllung ungemein anschaulich auf einen wesentlichen Aspekt in der Arbeit der Haus-Rucker hinwies: die intellektuell-künstlerische Befragung der Architektur als Raumkunst in Zeiten des Klimawandels und der forcierten Naturzerstörung. So verhieß das Zusammenspiel der Palmtree Island Collage mit dem sanft wiegenden Roomscraper schon während der Buchvorstellung ein Lesevergnügen, das die gängigen Werksmonografien von Architekten eher selten einzulösen vermögen.

Mit solchen Fingerzeigen auf das Themenfeld dieser Publikation schwingt dann im Obertitel des Buches Luftschlosser eine ironisch subversive Komponente mit, die das Architektur-Denken Zamp Kelps stets begleitet hat. Seit den 1960er-Jahren hatten die Haus-Rucker ihre Professionalisierung im Umfeld der Universitäten zu hinterfragen begonnen und ihr Berufsbild vom Selbstbild des pragmatisch realitätstüchtigen auf Beständigkeit hin orientierten Baumeisters programmatisch emanzipiert. An seine Stelle trat jetzt der Architekt als Konzeptkünstler, der zunächst kein Bauwerk aus Stein, Beton oder Holz entwickelt, sondern Architekturhüllen, die als temporär konzipierte Artefakte neue Erlebnisräume definieren. Dass diese leichten durch Innendruck getragenen PVC-Hüllen nach Prinzipien der Montageverfahren zu entwickeln seien, wie sie im Handwerk der Schlosser praktiziert werden, diese Idee, die räumliche Stabilität durch die Labilität eines unsichtbaren Mediums zu garantieren, war nicht zuletzt durch Buckminster Fullers Fotomontage des Dome over Manhattan von 1960 inspiriert worden. Entsprechend begegnet man dem amerikanischen Altmeister auf einer der Stationen, die der „Luftschlosser“ Zamp Kelp auf seiner mehr als 200 Buchseiten umfassenden Zeitreise im Gefolge der Happenings, der Fluxusbewegung und vor allem des Wiener Aktionismus hat wieder aufleben lassen. Und so dokumentiert dieses Lilly Kelp gewidmete Buch die Intentionen und den Beginn jener Entwicklung mit Klugheit und Esprit, mit der Haus-Rucker-Co den Architekturberuf ins Feld der künstlerischen, der konzeptionell-gesellschaftspolitischen Aktionsarbeit hineinkatapultiert und als Street-Art neu erfunden hat.

02d)-ENV-Trans-KopieGS450.jpg Environment Transformer, Fliegenkopf, Blickzerstäuber, Drizzler, Haus-Rucker-Co, Laurids-Zamp-Pinter, Wien, 1968
Image450.jpg Überzeichnung Environment Transformer, Zamp Kelp, 2017

Neben dieser voyage de mémoire besteht das Faszinierende dieser Publikation in den unterschiedlichen Darstellungsebenen der Textfassungen. Zamp Kelp hat sie als Überlagerungen von Informationen über historische Entwicklungsschritte seiner Haus-Rucker-Co.-Arbeit mit literarisch angelegten Geschichten und Fotografien der Aktionen, der Collagen und bestechend schönen Zeichnungen und Modellbauten kombiniert. Führt die Ebene der Chronologie ins historisch Faktische der jeweiligen Entwurfs- und Gruppenarbeit mit den jeweiligen Aktionsfeldern Zamp Kelps zwischen Linz, Wien, New York, schließlich Düsseldorfs und Berlins ein, so dringt die zweite, literarisch angelegte, in die der Fantasiewelt des utopischen Denkens vor. In der chronologisch informativen Darstellung begegnet man verschiedenen Projekten und den Orten, an denen Zamp Kelp und seine Kollegen die damals aufsehenerregenden Aktionsräume gestaltet haben, darunter den Installationen Gelbes Herz und Environment Transformer für Wien und anderswo (1968), dem Riesenbillard für Wien und New York (1970), dem Ballon für 2 in Wien und Kassel (1967/1972) oder dem erotisch aufgeladenen Mindexpander Chair für Wien und anderswo (1967). Und noch einmal sieht man das von den Aktionsarchitekten im Wiener Museum des 20. Jahrhunderts eingerichtete Wohnzimmer, das die Gruppe 1970 aus Protest gegen den Stillstand des musealen Ausstellens kurzzeitig bewohnte, um so die „Dynamik des Augenblicks“ ins Museum einzuschleusen. Ortner-Zamp-Pinter explizierten darin auf ihre Art jene aufmüpfige Formel Hans Holleins von 1967, dass „Alles Architektur“ sei. Dass sie mit diesen Arbeiten selbst für museumsreif erklärt und viele dieser Werke von international hochrangigen Häusern wie dem Museum of Modern Art in New York angekauft wurden, haben die Architekten als einen angenehmen Nebeneffekt gewiss gerne verbucht.

Parallel zu dieser Zeitreise hat der Autor Zamp Kelp dann jene zweite Textfassung geschrieben, die über den ideellen Horizont seiner brillanten Architekturkonzeptionen und deren Bezugsgrößen Auskunft gibt. In kleineren Kapiteln führt er in die Ideenwelten seines Architektur-Denkens ein, die eine Grundposition seines Gestaltungsansatzes in der Sprache der literarischen Fiktionalität offenbaren: den Horizont der technisch utopischen Imagination und deren „Funktion […], unsere Vorstellungskraft zu stimulieren“ (Christoph Kelp). Unverhofft begegnet man hier dem einst an der Berliner Universität der Künste lehrenden Architekten als Literaten, der sich im 21. Jahrhundert keineswegs vom Fantasiepotential der utopiegeleiteten Zukunftserzählung verabschiedet hat, die doch im Diskursmilieu der Postmoderne so eindeutig zu Grabe getragen worden ist. Vielmehr belebt der Verfasser sie noch einmal unter den veränderten Perspektiven des noch jungen 21. Jahrhunderts. Und so begegnen wir in diesen weit ins Futur ausschweifenden Zukunftsgeschichten nicht nur den Heldenfiguren der Zukunftsromane und Filmlegenden wie dem Erfinder der Schwerelosigkeit aus dem 1910 von Thomas A. Edison produzierten Film A Trip to Mars, sondern eben auch der 1983 verstorbenen Architektenlegende Bucky Fuller. Zamps kurze Erzählung über Sylvia im Dome führt uns LeserInnen in die Zukunftswelt des Jahres 2222, wo wir dem realisierten Fullerprojekt des Dome begegnen, der seit „ungefähr 50 Jahre[n]“ einen Großteil der Stadt New York überdeckt. Mit der Kommunikationsmanagerin Sylvia Scanner aus Wisconsin verlassen wir sodann dieses „synthetische“ Klimareservat, um mit ihr den Neubau des 2137 abgerissenen Empire State Buildings, zu besuchen, von wo aus der Blick auf den Fuller-Bau besonders gut ist. Auf dessen Aussichtsterrassen lesen wir mit ihr die „Informationstafeln“ und lernen die bautechnischen Voraussetzungen kennen, die den Dome derweil ermöglicht haben. 

DSCN1882-Kopie450.jpg Mindexpander 2

Schilderungen solcher Reisen in die Zukunft finden sich in den fünf Kapiteln des Buches, um schließlich jene Bauvorhaben vorzustellen, die Zamp Kelp mit jüngeren Mitarbeitern hat realisieren können. Dazu gehört das Neanderthal Museum (mit Julius Krauss/Arno Brandlhuber 1994–96) bei Mettmann, dem er das Prinzip der Zeitreise als Spiralfigur gleichsam eingebaut hat, um sie in einem herausschießenden Keil des Obergeschosses zum Blickpunkt ins Weite abrupt abzubrechen. Auch hier ist die Inszenierung des Sehens, jene Auffächerung des Blickens raumprägend, die Zamp Kelp zur Jahrtausendwende dann in der Aussichtsplattform des Jahrtausendblick – Steinzeichen Steinbergen kunstvoll arrangierte. Bereits 1977 war die Idee der räumlichen Wahrnehmungsschulung zusammen mit den Ortners im Rahmenbau für die Kasseler documenta 6 entworfen worden. Diese Idee der Haus-Rucker, die Architektur als Kunstform zur Sensibilisierung des „Möglichkeitssinns“ (Robert Musil) aufzuweiten, mithin eine Objektkunst zu erfinden, die, wie die Environment Transformer oder der Mindexpander, die sinnliche Erfahrung mit dem umgebenden Raum stimulieren sollte, hat hier im Umfeld der psychedelischen Erlebenswelten der 1960/70er- Jahre ihre eigene spielerische Wirkung entfaltet. In den Zeichnungen Zamp Kelps wirkt dieses Erlebnispotential nach und erscheint in den Raum-Klang-Konzepten wie dem Big Piano (1971) in poetischer Deutung einer wundersamen Himmelsleiter.

Dem erweiterten Architekturbegriff Zamp Kelps und der Haus-Rucker-Co(operative) liegen einige Leitbilder des utopischen Denkens zugrunde. Dass dahinter die Ahnungen des Dystopischen durchschimmern, dokumentieren jene Projekte wie das Stück Natur. Eingeweckt, das zwei Jahre nach dem Big Piano die Gefahren der Naturzerstörung im ironischen Verfremdungseffekt einfing. Schaut man heute (April/Mai 2020) auf Werke wie den Environment Transformer, jene Plastikmaske, die Zamp Kelp mit seinen Haus-Rucker-Kollegen im Wiener Straßenraum 1968 vor dem Gesicht trug und dabei den Blick über das domestizierte Rinnsal des Wienflusses schweifen ließ, so sieht man darin schon die Gesichtsmaske als Virenschutz und damit eine beunruhigend merkwürdige Weitsicht in Hinblick auf ein Gefahrenpotential, das der heutige „Luftschlosser“ kalkulieren muss. Es ist dieses Doppelgesicht unserer Zivilisation zwischen Showdown und „Prinzip Hoffnung“ (Ernst Bloch), dem wir in diesem ungemein anregenden Buch begegnen. Mit seinem Verfasser schweifen wir im Blättern und Lesen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des architektonischen Denkens aufs Ersprießlichste herum (das dérive lässt grüßen) – und treffen auf den eigensinnigen, radikalen Avantgardehabitus, der für die österreichische Künstlerszene in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so typisch gewesen ist.


Karin Wilhelm (* 1947) ist Kunst- und Architekturhistorikerin und war von 1991–2001 Professorin an der TU Graz; 2001 wechselte sie als Professorin für Geschichte und Theorie der Architektur und Stadt an die TU Braunschweig, wo sie bis 2011 am Fachbereich Architektur lehrte. Sie promovierte mit der Arbeit Walter Gropius – Industriearchitekt bei Heinrich Klotz in Marburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Architektur und Urbanisierungsprozesse des 20. Jahrhunderts, Architektur der Moderne, Bauhaus und Utopien. Sie beschäftigt sich mit Raumstrukturen und Mentalitätsprägungen im Internationalisierungsdiskurs nach 1945 und der Ideengeschichte stadträumlicher Friedensmodelle. 

Zamp Kelp: Luftschlosser. Ein Blick auf Haus-Rucker-Co / Post-Haus-Rucker
Lilly Kelp gewidmet
Ludwig Engel (Hg.)
Spector Books, Leipzig 2020
238 Seiten

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