Venice Diaries: Montag, 23.8.2010

Geschrieben am 23.08.2010 von rüb
Kategorie(n): Venice Diaries, News, Event, Architekturbiennale Venedig 2010, Diary

Morgens an den Lido. Nomen est omen: Schmaler Landstreifen, der die Lagune vom offenen Meer trennt.

Milchiges Wasser mit Ölfilm. Körper dicht an dicht, mal braun mal bleich. Ich dann schnell mal eher rot. An der Promenade vom Strand zum Vaporetto neben lokalen Geschäften auch Schlecker und Billa. Der deutsche Schlecker hat Sturmkerzen mit Papst-Motiven. Der österreichische Billa hat alles und Handwaschmittel. Beide haben lange Meter Katzen- und Hundefutter, das Shampoo daneben.

Manche nennen die Vaporettos, die den Canale Grande bedienen, auch Wasserschnecken.

Fehler, besser nicht die Riva nehmen, der Wind täuscht, die Sonne brennt.

Giardini im Aufbaufieber, bei Rem war am Freitag noch nichts zu sehen, er habe sich noch nicht entschieden.

An der Via Garibaldi warten. Im Schatten hinter dem grünen Büdchen mit dem Rücken zur Brücke. Plötzlich eilen Scharen von Handtaschenhändlern links und rechts davon. Dann zwei Polizisten in Schwarz, mit schusssicheren Westen, Pistolen im Halfter, Handschellen an der Hüfte. Bleiben im Schatten stehen, rauchen und telefonieren.

Alle tragen hier flache Schuhe. Madelon Vriesendorp wahrscheinlich wieder die Gestelle ihres Neffen, Zaha Hadid ihre Strukturergüsse. Die tun mir schon jetzt leid.

Termin mit Wolfgang Scheppe, Philosoph und mehr. Intimer Kenner von Venedig spätestens seit seiner Studie "Migropolis". Man könnte das zweibändige Werk auch "Delirious Venice" nennen. Ist dieses Jahr mit einer Ausstellung im britischen Pavillon vertreten, nicht im deutschen. Der Schlüssel wird in den Garten geworfen. Es riecht schon im Treppenhaus nach leckerem Essen.

Er hat eigentlich gar keine Zeit, die Eröffnung ist nah, das druckfrische Exemplar des Katalogs erwartet er heute noch. Schöner Titel: Done.Book. Und dann zwei Stunden Wort an Wort: Der britische Pavillon wird zurückgeführt zu seinen Ursprüngen. Er ist gebaut auf den Trümmern der Kirchen und Klöster, die Napoleon für die Verbindung von der Via Garibaldi zu den Giardini abreißen ließ. Der Pavillon sieht aus wie das hölzerne Ausflugslokal, das dort vorher stand. Er war nicht nur das erste Gebäude auf dem Gelände, sondern auch das einzige in Venedig auf einem Hügel und mit einem Keller. 1909 kauften es die Briten.

Napoleon betrieb Kulturimperialismus, kreierte das Bild des morbiden Venedig lange vor Thomas Mann. Die Via Garibaldi war vor Napoleon ein Kanal, er schrieb sich buchstäblich in die Stadt ein. Und schuf einen zentralen Park am dezentralen Rand. War dementsprechend schlecht besucht. Die Biennale ist dann eingezogen. War für die Nachbarschaft, die Arsenalotti, nur eine andere Form der ausgrenzenden Inbesitznahme.

Alvio Gavagnin ist ein Bewohner des Arbeiterviertels Basso Castello und hat seit den 60er-Jahren Venedig fotografiert, 6000 Negative hat er belichtet. Systematisch. Lange vor ihm hat John Ruskin, Architekturtheoretiker und mehr, Venedig dokumentiert. Um die 1.800 Notizen zu Venedig finden sich in seinem Nachlaß. Nur wenig mehr als Hundert sind mit „done“ gezeichnet, haben den Schritt in die nächste Stufe der Analyse geschafft. Systematisch. Deshalb bringt Scheppe jetzt diese Vertreter obsessiven Dokumentierens und Archivierens des kognitiven Bildes Venedigs in eine Ausstellung zusammen. Um zu zeigen, wie sich Repräsentationsbedürfnisse und gesellschaftliche Situationen im Gebauten ausdrückt. Und wie das Bild Dinge festhält und hervorholt, die dies beschreiben.

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