Lisbon Diaries: Freitag, 19.11.2010

Heute geben wir uns den Schönen Künsten hin. Das passt, denn es regnet. Um 12 Uhr haben wir eine Führung durch die Triennale-Ausstellung "When Art speaks Architecture" von Herrn Chief Curator Delfim Sardo himself.

Als Kunstwissenschaftler gilt sein Interesse der Beziehung von Architektur und Kunst, die er wie folgt beschreibt:

Architektur arbeitet mit der Realität gesellschaftlicher Erfahrungsräume.

Kunst arbeitet mit Mechanismen, wie gesellschaftliche Räume repräsentiert werden können.

Architektur ist eine Sprache, die sich Künstler als gesellschaftliche Ausdrucksform aneignen.

Die Ausstellung hat keinen didaktischen Weg, wir könnten jede Richtung einschlagen. In fast allen Räumen sind unterschiedliche künstlerische Repräsentationsformen von Architektur zu sehen.

Fotografie ist das Mittel, um Räume offenzulegen, zu stilisieren, zu entblößen, festzuschreiben oder herauszulösen. Der formale Kanon ist Straße, Gebäude, Fassade, Innenraum. Natürlich menschenleer. Repräsentanz der Menschen durch das für sie und von ihnen Gebaute oder Bewohnte.

Walid Raad ist Mitglied der Atlas Group, einem 1999 gegründeten Projekt zur Erforschung und Dokumentation der gegenwärtigen Geschichte des Libanon. Seine Fotografie aus der Serie "Sweet Talk: Commission (Beirut)" zeigt einen Fassadenausschnitt modernistischer Architektur mit belebten Balkonen. Der auf weißem Grund geometrisch freigestellte Ausschnitt erinnert dabei an die Umrisse von Beirut, die unbearbeitete fotografische Vorlage ist als Referenz ganz klein rechts davon platziert. Das „Bauen für Viele“ als Grundlage der Stadt.

Catherine Opie thematisiert hingegen das Bauen des Einzelnen, der seinen Geschmack und sein Bild der Gesellschaft am Eingang ausdrückt, anhand von Fotografien aus Bel Air und Beverly Hills, L.A. Thomas Strutts Bilder sind frühe Werke, Straßensituationen von 1991 in Magdeburg und Weimar, und die Kreuzung 2nd Av. East, 1st St. North NYC von 1978. Als Schüler der Bechers, die den dokumentarischen Aspekt der Fotografie betonten, steht er hier für den Blick auf den Gebrauch von Stadträumen. Die großen Meister Ed Ruscha und Dan Graham eröffnen wiederum einen anderen Blick auf den Blick durch die Kamera: Sie lehren uns, das Typische im Beiläufigen zu sehen.

Wenige der ausgestellten Objekte sind nur räumlich im Begehen erfahrbar. Eine dieser Arbeiten ist von José Pedro Croft, eine für "When Art speaks Architecture" beauftragte Arbeit. Von Ferne denkt man, naja, Spiegel mit rotem Plexiglas an Metallrahmenkonstruktion eben. Beim Näherkommen sieht man, dass das, was drinnen erscheint, draußen ist, dass der umgebende Raum mit dem installierten Raum visuell zusammenfällt.

Modelle spielen eine wichtige Rolle in dieser Ausstellung, die Miniaturisierung als Mittel der Erzählung über Raum und Nutzung. Speziell für diese Ausstellung hat Fernanda Fragareiro eine Installation erarbeitet, die im Katalog noch als Modell des Modells abgebildet ist. Der Titel ist "Unbuilt". Die Künstlerin erläutert während der Führung, dass sie so schockiert war, als befreundete Architekten Modelle eines nicht gewonnenen Wettbewerbs einstampften, dass sie sich die Reste mitgeben ließ. Sie fragte sich, warum das Ungebaute weniger Wert sei als das Gebaute. Und entwickelte eine Wandinstallation eines nie zu bewohnenden Modells, die Horizontalen in die Vertikale gedreht. Thomas Schütte ist mit seiner Arbeit "One Man House IV" vertreten. Es erzählt vom Alleinsein, vom perfekten Raum und von Repräsentation durch schicke Möbel. Tom Sachs treibt es in dieser Hinsicht zum Äußersten, er hat die Möblierung des Barcelona Pavillons nachgebaut, in 1:1. Die klassisch gewordene Moderne musealisiert als heutige Repräsentanz des guten Geschmacks?

Diese Arbeit ist im "Wohnzimmer" der Ausstellung gezeigt, dem einzigen Raum mit Holzfußboden. Die Barcelona-Installation führt den menschlichen Maßstab in die Ausstellung ein, an den Wänden ist unter anderem eine Fotografie der geschwungenen, geländerlosen Freitreppe in Niemeyers Außenministerium in Brasilia zu sehen. Sie wirkt völlig maßstablos und ist doch vollkommen gesellschaftlich verankert, wird regelmäßig und alltäglich benutzt, das Gegenteil des Barcelona Pavillons.

Ich könnte noch von Gordon Matta Clark berichten oder von Robert Gober, aber das Schlusswort macht Olafur Eliasson mit seiner Arbeit "Your House". Es ist ein Buch, in das sein Wohnhaus mittels Laserschnitt-Technik auf 454 Seiten eingeschrieben ist. Man kann das Haus so blätternd von Raum zu Raum durchwandern. Hier ist das Buch nicht der Totengräber der Architektur, wie Victor Hugo es herauf beschwor, sondern die Architektur das Eigentliche des Buches.

Es regnet immer noch fein aber beharrlich, als wir herauskommen, es regnet auch nach der U-Bahnfahrt zur Station "Picoas". Hier hat Blu, ein argentinischer Streetart-Künstler, im Frühjahr eine Fassade bemalt, jetzt ist sie fertig. Natürlich auf Häusern, die bald abgerissen werden, an einer stark befahrenen Ausfallstraße. Zweimal jaulen Polizei-Motorräder als Limousinen-Eskorte von NATO-Kongress-Teilnehmern vorbei.

Und passend zu den vorbeirauschenden benzinbetriebenen Personenkraftwagen ist auf der Fassade u.a. ein Ölbaron mit Krone dargestellt, der die Welt leersaugt. Das Gemälde ist nicht bezugslos über die Fassade gelegt; die Zacken der Krone nehmen die Geometrien der Dachgauben und Schmuckvasen auf dem Dachgesims auf, während das schmiedeeiserne Balkongeländer zum Muster der Krawatte wird.

Der Regen hat aufgehört, spazierend geht es weiter zur Fundação Calouste Gulbenkian. Calouste Sarkis Gulbenkian war ein Weltenbürger, geboren 1869 in Istanbul, studierte in Marseille und London, nahm 1902 die britische Staatsbürgerschaft an, lebte von 1915 bis 1942 in Paris, wanderte von dort in das neutrale Portugal aus. 1955 starb der Ölexperte und Kunstsammler in Lissabon. Testamentarisch vermachte er sein Vermögen und seine Sammlung der von ihm gegründeten Stiftung.

Die wirtschaftete gut und machte aus 67 Millionen in zwanzig Jahren 433 Millionen Dollar. Der jetzige Sitz der Stiftung wurde aus fünf in Frage kommenden Grundstücken ausgewählt, er war zuvor Standort eines Zoos, dann eines Rummelplatzes mit sieben Hektar baumbestandenen Landes im ansonsten schon stark bebauten Gewebe der Stadt. 1960 wurde nach zwei Jahren Vorrecherche ein eingeladener Wettbewerb mit drei Teams ausgeschrieben. Im Dialog wurden die Projekte – Museum, Stiftungssitz und Park – entwickelt, wobei die Teams sich am Selbstverständnis des Stifters – Spiritualität, Kreativität und Einfachheit des Lebensstils – orientieren mussten. Alberto Pessoa, Pedro Cid und Rui Athouguia gewannen schließlich den Wettbewerb. Erst wurden Garten und See angelegt, dann die zwei Gebäudekomplexe erbaut und alles 1969 der Öffentlichkeit übergeben.

Heute betrachtet, besitzt das Ensemble mehrere Referenzebenen, Mies spielt mit Frank Lloyd Wright, aber auch Lina Bo Bardi ist zu spüren. Der Garten mutet brasilianisch-japanisch an. Wir verlaufen uns dauernd und bereuen es nicht. Innen lebt der 60er-Jahre-Charme aufs deutlichste, edle Materialien bei körpernahen Bauteilen wie Türgriff und Treppengeländer, damaliger High-Tech an der abgehängten Decke, monoton bepflanzte Blumenvitrinen dazwischen.

Im unteren Stiftungsbau wird heute ein klassisches Konzert gegeben, viele ergraute Gäste warten auf Einlass. Im Museumsshop tummeln sich Studenten und kaufen Schnick-Schnack. Vor der großen Glaswand im Garten sitzen zwei Hippies und rauchen einen Joint. Wir sind angenehm verblüfft ob der vielfältigen Anziehungskraft dieses Stiftungssitzes!

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