Behles & Jochimsen: Univers Condensed

Geschrieben am 15.09.2011 von ngo
Kategorie(n): ARCH+ news, Ausstellung, Rezension, Behles & Jochimsen, Univers Condensed

09.09.–22.10.2011
Architektur Galerie Berlin
Karl-Marx-Allee 96, 10243 Berlin
www.architekturgalerieberlin.de

MARCUS_BREDT_AGB_9426.jpg Behles & Jochimsen: Installation "Univers condensed" in der Architekturgalerie Berlin. Foto: Marcus Bredt

Univers(e) condensed: Ein retroaktives, gebautes Manifest

von Jörg Gleiter

Dieser Raum ist im Moment sicherlich einer interessantesten in Berlin, obwohl hier nichts ist, fast nichts, das heißt zumindest sehr wenig. Zwei Spiegelwände, die sich gegenüber stehen. Sie erweitern virtuell den kleinen Galerieraum in zwei Richtungen. Wir sehen eine endlos sich wiederholende Serie von Spiegelungen, wobei die Figuren immer kleiner werden. Das Eigenartige, ja das Paradox ist, dass der kleine Ausstellungsraum ins Unendliche vergrößert wird, indem er selbst immer kleiner wird, bis er sich in einem Punkt verflüchtigt.

Die Architekten haben diesen Raum mit dem Titel Komprimiertes Universum (Univers condensed) bezeichnet. Damit zeigen sie, dass ihnen das Paradoxe an dieser Raumfigur, die unauflösbaren Gegensätze des Realen und Virtuellen, des Endlichen und Unendlichen eines ihrer Anliegen ist. Mit Univers condensed signalisieren sie auch, welchen Anspruch sie an ihre Arbeit stellen. Sie hängen die Meßlatte sehr hoch: Sie knüpfen damit an nichts weniger als an das Ideal der Renaissance an. Die Renaissance hat die Architektur immer als Abbild und Repräsentation des Kosmos und Modell verstanden: eben als Mikrokosmos, als univers condensed. Architektur war ein in den Harmonien und Proportionen gegründetes Modell des Kosmos, es war ein Manifest der göttlichen Ordnung, ein „manifestus“, also eine handhabbar, eine mit der Hand zu begreifende Sache, mithin eine Reduktion der Unendlichkeit des Kosmos auf den menschlichen Maßstab.

Ich kann mich auf die Autoren von univers condensed berufen, wenn ich behaupte: Wir haben es hier auch mit einem Modell zu tun, einer Reduktion einer Sache auf das Wesentliche. Ich glaube, dass wir den Architekten und ihren Intentionen nur gerecht werden können, nicht dadurch, dass wir von Architektur oder Kunst sprechen, sondern indem wir vom Modellcharakter ausgehen. Natürlich nicht im wörtlichen Sinne der Renaissance, sondern in sehr viel modernerem und das heißt sehr viel weltlicherem Sinne: als Modell, als Manifest einer gebauten Architektur. Ich möchte noch etwas weiter gehen: Als nachgereichtes, retroaktives Manifest einer gebauten Architektur. Das Modell bezieht sich nämlich auf das soeben fertig gestellte Biomedizinische Forschungszentrum der Universität Gießen.

Interessanterweise berufen sich die Architekten mit univers condensed auf die gleichnamige Schrift von Adrian Frutiger. Das ist eine sehr klare, rationale, serifenlose Schrift. Damit verweisen sie auf ein anderes Universum, einen anderen Kosmos, auf die Schrift und damit auf einen anderen architektonischen Raum, nämlich den Raum der Architekturtheorie. Die theoretischen Vorgaben kommen also von den Architekten selbst. Und denen gilt es jetzt zu folgen. Ich bin sowieso der Überzeugung, dass Theorie immer orts- und zeitgebunden ist, sie geht immer vom Objekt aus und schließt die Intentionen der Autoren ein. Sie ist im eigentlichen Sinne pragmatisch – was aber nicht heißt, dass sie nicht „philosophisch“ sein könnte. Der Pragmatismus ist eine wichtige philosophische Richtung der Moderne.

Damit komme ich an den Punkt, an dem ich gerne einen neuen Titel vorschlagen möchte, quasi als Arbeitstitel: Univers(e) condensed: Ein retroaktives, gebautes Manifest

Das bedarf jetzt einiger Ausführungen – in aller Kürze. Zwei Stichpunkte stehen im Zentrum, sie sind schon gefallen: Manifest und Modell. Die Frage ist: Inwiefern besitzt das, was wir hier sehen, Manifestcharakter und Modellcharakter?

Manifest: Überschuss an Rationalität
Ich hatte einleitend gesagt, dass ich meine, dass dieser Raum hier, univers(e) condensed, in seiner Konzeption im Moment einer der interessantesten Räume in Berlin ist. Das hängt wesentlich an seiner kompromisslosen Konzeption. Manifeste zeichnen sich durch Kompromisslosigkeit aus, sie forcieren die Gegensätze und lassen diese aufeinander treffen. Es gibt keine Vermittlung. Das kennen wir von den Manifesten der Protagonisten der Moderne, von Le Corbusier – seine Mahnung „An die Herren Architekten“ – aber auch von Adolf Loos oder Hannes Meyer. Manifeste sind radikal, sie spitzen die Dinge kompromisslos zu.

Wie hier:
- Kompromisslos ist die funktionale Entleerung des Raumes. Es wird nichts ausgestellt – immerhin sind wir in einer Architekturgalerie! Wir wurden alle zu einer „Ausstellung“ eingeladen. Aber hier steht nichts rum, hier hängt nichts, nichts bietet sich irgendeiner spezifischen Benutzung an.
- Kompromisslos ist auch die semantische Entleerung des Raumes. Es gibt keine Zeichen, es gibt keine Hinweise, was man und wie man dies alles verstehen soll. Kein Hinweis auf das, was die Architekten sich gedacht haben mögen. Nur ein kryptischer Titel univers(e) condensed, und der führt auf Nebenwege (insofern es sich auf die Frutiger Schrift bezieht).
- Kompromisslos ist auch die formale Entleerung oder formale Reduktion. Alles ist bündig, flächig, scharfkantig, präzise gearbeitet (so gut wie dies mit den vorhandenen Mitteln ging). Man kann hier nichts mehr wegnehmen, ohne dass alles ins sich zusammenbrechen würde. Es ist alles bis zum Letzten reduziert.

Was wir also haben, ist ein bis zum Maximum entleerter Raum, zwei Spiegel, ein horizontales weißes Band (man wagt gar nicht von Wand zu sprechen), darüber ein horizontales farbiges Band (mit den Farben des Regenbogens) und einen Titel – univers(e) condensed. Sonst nichts. Ich meine, die formale, funktionale, semantische Reduktion und das Farbband rechtfertigen hier einen Bezug zur Konzeptkunst (Donald Judd) und zur sogenannten Farbflächenmalerei (Color field painting).
Sie kennen sicherlich die radikal reduzierten, entgegenständlichten, großflächigen monochromen Bildern. Aber auch die vollkommen reduzierten Objekte von Donald Judd. Dazu gehören die dunkel monochromen Bilder von Ad Reinhardt, die Spaltbilder von Barnett Newman, und natürlich auch die monochrome „Grau-“ Bilder von Gerhard Richter (und viele andere mehr). 

Die Magie der radikalen Reduzierung, gleichzeitig das darin aufscheinende Paradox beschrieb Donald Judd: „Die gleichmäßige Farbe, besonders Ölfarbe, die ein Bild ganz oder größtenteils bedeckt, ist fast immer sowohl flach als auch unendlich räumlich“.[1] Die radikale Reduzierung, das malerische Nichts, wird räumlich, also zu einem Mittel der Illusion, der Fiktion, zum Einstieg in eine andere Welt. Übertragen auf die Architektur können wir sagen: Dass der auf das beinahe Nichts reduzierte, rationale Raum, zum Mittel der Fiktion und mit den wiederholten Spiegelungen erst recht zum Mittel der Illusion wird. Die Kompromisslosigkeit, der Überschuss an Rationalität sind die Quelle für die überwältigende illusionistische, sinnliche Erfahrung.

Wir kennen das von schriftlichen Manifesten. Die gesteigerte Klarheit, die radikale Zuspitzung der Argumente und eine überscharfe Rationalität ist die Grundlage für ihre emotionale Aufladung. Marinettis futuristisches Manifest regt noch heute manche Leser auf. Ein berühmter Musiker hat dies einmal sehr klar für jede Kunst eingefordert: Das Rauhe, Wilde oder „eine leidenschaftliche Phrase muß verwirrend und kann abstoßend wirken, wenn ihr logischer Gehalt unerfaßt bleibt.“[2] Es muss die logische Struktur in den Kompositionen durchscheinen und erfahrbar bleiben, sonst kippt das Emotionale, das Resultat wäre emotionales Chaos, Verwirrung. Der das sagte, war übrigens Richard Wagner.

Dasselbe gilt für die Architektur. Sie muss immer auch ihren rationalen Gehalt sichtbar machen. Das ist die Grundlage für Atmosphäre, Emotion und Expression. Andernfalls haben wir es mit Chaos zu tun. Was aber nicht heißen muss, dass alles deswegen rechtwinklig sein muss, wie hier. Scharouns Philharmonie zeigt uns das. Denn trotz ihrer spitzen Winkel, fluchtenden Linien, vorstehenden Balustraden und überhängenden Podesten, ihr logischer Gehalt bleibt immer erkennbar. Das ist die Grundlage und Geheimnis für die subtile sinnliche Wirkung.

Lassen Sie mich nun zum zweiten Punkt, zum Modellcharakter kommen und damit zum Abschluss.

Modell als retroaktives, gebautes Manifest
Retroaktives, gebautes Manifest bedeutet, dass hier eine Wirklichkeit thematisiert wird, in einem Idealraum, die in der gebauten Architektur in den Hintergrund getreten ist. Mit diesem Idealmodell – univers(e) condensed – machen die Architekten die räumlich-architektonischen Themen sinnlich erfahrbar, die in ihrem Gebäude in Gießen die architektonische Substanz ausmachen, aber aufgrund der Sachzwänge, des langen Bauprozesses wegen, ins Hintertreffen geraten sind. Auch, weil das Gebäude jetzt voll mit Geräten und Möbeln und Ausstattungsgegenständen ist, weil es in der Alltagsroutine gebraucht und weitgehend automatisch rezipiert wird. Univer(e) condensed ist ein nachgereichtes, ideales Modell, ein bis zum äußersten Nichts die Themen zuspitzender Raum.

Im übertragenen Sinne hat dies Gerhard Richter einmal sehr schön für die Farbflächenmalerei formuliert: „Abstrakte Bilder sind fiktive Modelle, weil sie eine Wirklichkeit veranschaulichen, die wir weder sehen noch beschreiben können, auf deren Existenz wir aber schließen können. […] Mit der abstrakten Malerei schufen wir uns eine bessere Möglichkeit, das Unanschauliche, Unverständliche anzugehen […]“. Und dann fügt er noch hinzu: „Das ist kein kunstvolles Spiel, sondern Notwendigkeit“.[3]

Und in diesem Sinne ist auch dieser Raum hier notwendig. Mit diesem Modell vergewissern sich die Architekten ihrer theoretischen, konzeptuellen Prinzipien, im Nachhinein, a posteriori. Das ist nicht Architektur im eigentlichen Sinne, aber auch nicht Kunst. Sie zeigen die Idee hinter ihrer Architekturpraxis – übrigens nicht nur in Bezug auf das Gießener Laborgebäude, sondern im Allgemeinen. Umso mehr kann man vom Manifestcharakter sprechen.

Denn nicht alle Architekten haben das Glück, wie damals Oswalt Matthias Ungers bei der Realisierung des Architekturmuseums in Frankfurt. Entscheidend war für ihn, dass das „Haus im Haus“ als fertiges Gebäude so abstrakt wie das Modell war und wie das Modell aussah. Wichtig war das, weil nur im weitgehenden Erhalt des Modellcharakters, und damit des Manifestcharakters, die metaphysische Dimension seines Entwurfes erhalten bleiben konnte. Für Ungers waren Modelle nicht in erster Linie zur Überprüfung der Entwurfsabsichten da. Das ist eine andere Art von Modellen. Aufgrund der Reduzierung des Materials, des Maßstabs, der Abstraktion und der kompromisslosen Formulierung von architektonischen Ideen, hatten die Modelle das Potenzial, den metaphysischen Gehalt von Architektur, die geistige Dimension zu vermitteln.

Deswegen werden heute oft die neuen Museen im leeren Zustand für das Publikum geöffnet. Das ist ja auch das Faszinierende an Ruinen und deren Rekonstruktion. Sie sind auch abstrakte Modelle, mit deren Hilfe wir uns, im Sinne von Richter, eine nicht zugängliche Wirklichkeit veranschaulichen, in diesem Falle eine vergangene Zeit wie die Antike. Wir brauchen Modelle, wie univers(e) condensed, die im Sinne von retroaktiven Modellen uns ermöglichen, die andere Wirklichkeit der Architektur zu sehen. Um noch einmal Richter zu zitieren: Wir brauchen diese Art von Modellen, „ohne sie wüssten wir nichts von der Wirklichkeit und wären Tiere.“[4]


Anmerkungen:
1 Donald Judd, Spezifische Objekte (1965), in: Gregor Stemmrich (Hg.), Minimal Art. Eine kritische Retrospektive, Dresden u. Basel 1995, S. 62.
2 Richard Wagner, Das Bühnenweihfestspiel in Bayreuth 1882, in: Ders., Parsifal. Vollständiges Opernbuch, Leipzig o. J. (im Weltkriege gedruckt), S. 13.
3 Gerhard Richter, in: Katalog der Documenta 7, Vol. 1, Kassel 1982, S. 84 f.
4 Gerhard Richter, in: Katalog der Documenta 7, Vol. 1, Kassel 1982, S. 84 f.

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