Sorge um den Raum

Geschrieben am 27.09.2011
Kategorie(n): ARCH+ news, Rezension, ARCH+ 203, Großsiedlung, taz, Philipp Goll

Besprechung in der taz vom 22.9.2011 von Philipp Goll: 
Was ist der Ort für ein Ort? Und ist er da, wo seine Erzählung ist? Das fragen "testcard" und "ARCH+" auf ganz unterschiedliche Weise

Die Leitdifferenz Zentrum/Peripherie taugt längst nicht mehr, um gegenwärtige kulturelle Phänomene zu erklären, heißt es in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift testcard. Unter dem Titel „access denied“ handeln die Beiträge von „Ortsverschiebungen in der gegenwärtigen Kultur“. Wie sich der Unterschied nivelliert hat, weist etwa Thomas Burghalter am Beispiel von Popmusik nach: Kulturelle Globalisierung und Digitalisierung der Produktion haben eine polyzentrische Poplogik entstehen lassen, und der Markt für Tonträger ist derart verzweigt, dass man in Mützenich den neuesten Shit aus Baltimore hören kann.

Dass ganz konkrete Orte dennoch nicht an Bedeutung verloren haben, zeigt Michael Liegl und entlarvt die von der digitalen Boheme gepriesene Ortlosigkeit als Phantasma. Es gebe, so Liegl in Anlehnung an Michel Foucaults Figur der Selbstsorge, ein „Bedürfnis nach (Neu)-Verortung, nach ortsgebundener Gemeinschaft“, eine „Sorge um den Raum“. Das leuchtet nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Empörung ein, mit der US-amerikanische digitale Nomaden auf das Bestreben des Konzerns Starbucks reagierten, der seine Cafés zur laptopfreien Zone erklären wollte.

Das heimliche Thema der testcard sind allerdings „linke Orte“. Und um die ist es gar nicht gut bestellt, wie der Stadtforscher Klaus Ronneberger in einem Gespräch konstatiert. So seien einstige soziale Hochburgen linker Radikalität längst geschleift und die Bewegungsmilieus hätten sich „zum Lebensstil transformiert“, was er paradigmatisch an der Entwicklung der Grünen beobachtet. Im Zentrum des Interesses stehe allein ein Kampf um die Erhaltung dieses Stils. So verharrten die Debatten um Gentrifizierungsprozesse häufig in der Reklamation eines Territorialrechts, das alles Fremde ablehne und auf diese Weise neoliberale Territorialstrategien nur reproduziere. „Orte nicht verteidigen, sondern Orte finden“, lautet denn auch – ein wenig wohlfeil – die Empfehlung von Klaus Walter in einem der lesenswerten Roundtablegespräche.

Um einen ganz spezifischen Ort geht es auch im aktuellen Heft der Architekturzeitschrift ARCH+. Unter dem Titel „Planung und Realität“ wird dort die Großsiedlung einer Neubewertung unterzogen. Wenn das Image dieser Siedlungen heute brachliegt und auch die gesellschaftlichen Verhältnisse darin nicht gerade rosig sind, so ist dies auf einen tiefgreifenden historischen Wandel in den 1970er Jahren zurückzuführen, „den postmodernen Umbau der Gesellschaft im Namen des Neoliberalismus“, so die Autorin Sabine Kraft. Mit der Ölkrise 1973 und dem Anfang vom Ende des Wohlfahrtsstaates habe sich der Staat zunehmend aus dem Wohnungssektor zurückgezogen und Kommunalwohnungen verkauft, um die desaströsen städtischen Haushalte aufzubessern – eine Entwicklung, der bis heute kein Einhalt geboten worden ist. Dabei seien Großsiedlungen als „Reservoir an Wohnungen mit billigen Mieten“ ein politisches Instrument, das Auseinanderdriften der Gesellschaft zu stoppen. 

Neben dem Beitrag „Komplizen einer Modernen Gesellschaft“ von Tom Avermaete, der über die Allianzen von Urbanismus und Politik im Nachkriegsfrankreich aufklärt, enthält die Ausgabe eine Vielzahl von Studien zu Großbausiedlungen in Europa; auch die durch den Musiker und Schriftsteller Sven Regener bekannt gewordene Neue Vahr in Bremen fehlt nicht. Eine Beschäftigung mit den konkret produktiven Seiten der als „Schlafstädte“ verschrieenen Großsiedlungen lässt ARCH+ allerdings vermissen. Zwar schmückt sich das Heft mit dem Rapper Sido, der dem Märkischen Viertel in Berlin mit seinem Track „Mein Block“ zu Ruhm verhalf. Mit HipHop wäre man aber auf einer richtigen Fährte, erlebte er seine Geburtsstunde doch häufig in diesen nicht nur stadtplanerischen Randbereichen. Nun kann man einer Architekturzeitschrift nicht vorwerfen, dass sie sich auf architekturinterne Debatten konzentriert. Doch gerade von der thematisch oft überraschend umtriebigen ARCH+ darf man einen erweiterten Fokus erwarten.
PHILIPP GOLL

taz.de

 

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