"Archipel" von Arno Brandlhuber

Geschrieben am 30.07.2012
Kategorie(n): ARCH+ news, Berlin, Ausstellung, brandlhuber+

Einzelausstellung Neuen Berliner Kunstverein,
8. September bis 4. November 2012,
Kurator: Marius Babias.

img_C_201207281709_319_5.jpg Schüttversuch mit Beton, 2012, Photo: Jens Ziehe

english version: see below

Eröffnung: Freitag, 7. September, 19 Uhr   
Pressegespräch: Freitag, 7. September, 17 Uhr

Neuer Berliner Kunstverein
Chausseestr. 128-129
D-10115 Berlin
www.nbk.org

Die Ausstellung Archipel ist die erste Einzelausstellung des Berliner Architekten Arno Brandlhuber (*1964) in einer Kunstinstitution. Neben Beteiligungen an der Architekturbiennale in Venedig (2012, 2008, 2006, 2004), der Gestaltung des deutschen Pavillons zusammen mit Thomas Demand auf der São Paulo Biennale (2004) und weltweiten Präsentationen seiner Entwürfe erhielt Brandlhuber zahlreiche deutsche und internationale Architekturpreise. Sein Projekt für den Neuen Berliner Kunstverein besteht darin, den Ausstellungsraum in eine insulare Stadtlandschaft aus Beton zu verwandeln und dabei vorgefundene Elemente vorgängiger Ausstellungsarchitekturen zu verwenden. Der Titel Archipel ist der Debatte um Oswald M. Ungers’ städtebauliches Konzept Die Stadt in der Stadt. Berlin – Das Grüne Stadtarchipel (1977) entlehnt, sowie den nachfolgenden Diskussionen um die Vision eines „Grünen Archipels“. Die Studie Die Stadt in der Stadt verfasste Ungers während einer Sommerakademie in Berlin zusammen mit Rem Koolhaas, Peter Reimann, Hans Kollhoff und Arthur Ovaska.

 

Für ARCH+ wurde Die Stadt in der Stadt. Berlin – Das Grüne Stadtarchipel zuletzt von Wilfried Kühn in ARCH+ 183: Situativer Urbanismus unter anderem so beschrieben:

Wie Städte in der Stadt treten Stadtinseln, die durch selektiven Abriss der urbanen Zwischenräume entstehen, einander als Konstellation in einer großen Parklandschaft gegenüber. Das Prinzip der Reduktion wird als Schrumpfungsmodell präsentiert, das einer schwindenden Bevölkerung Westberlins durch Abriss überzähliger Bebauung folgt. Hinter der statistischen Begründung tritt mit dem Verweis auf die Havellandschaft Friedrich Wilhelms IV. das tatsächliche Ziel der Reduktion zutage: die Schaffung einer den Prinzipien der Sammlung folgenden Stadt, die sich analog zum preußischen Arkadien als Kulturlandschaft präsentiert.

Wir haben aber auch seine Architekturlehre, die zuerst 2006 als EInzelheft ARCH+ 179: O. M. Ungers – Berliner Vorlesungen 1964-65 erschien und im Nu vergriffen war, als Buch wiederaufgelegt: O. M. Ungers: Architekturlehre – Berliner Vorlesungen 1964–65.

 

Im Rahmen der Ausstellung finden folgende Veranstaltungen statt:

Donnerstag, 13. September 2012, 19 Uhr
Die Stadt in der Stadt – Berlin: ein grünes Archipel heute
Diskussion mit
Arthur Ovaska (Prof. für Architektur, Cornell University, Ithaca/USA;
Ko-Autor Die Stadt in der Stadt. Berlin – Das Grüne Stadtarchipel [1977])
und
Florian Hertweck (Prof. für Architektur, Ecole d’Architecture de Versailles; Architekt, Paris; Ko-Autor Die Stadt in der Stadt – Berlin: ein grünes Stadtarchipel [2012]),
moderiert von Arno Brandlhuber (Prof. Architektur- und Stadtforschung, Akademie der Bildenden Künste Nürnberg; Architekt, Berlin)
In englischer Sprache

 

Dienstag, 2. Oktober 2012, 17 Uhr
Recht auf Stadt - Zur Liegenschaftspolitik Berlins
Stadtspaziergang mit Dr. Frank Schulz (Bezirksbürgermeister Friedrichshain-Kreuzberg), Arno Brandlhuber, Stadtinitiativen Berlin
Begrenzte TeilnehmerInnenanzahl, Information und Anmeldung unter nbk@nbk.org

 

Donnerstag, 25. Oktober 2012, 19 Uhr
Künstlergespräch
mit Arno Brandlhuber (Architekt, Berlin)
und Marius Babias (Direktor n.b.k.)


Sonntag, 4. November 2012, 20 Uhr
Ornament und Verbrechen

Musik-Performance mit Ronald Lippok und Robert Lippok (Musiker und Künstler, Berlin)

 

Parallel zur Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein stellt Arno Brandlhuber in der Galerie KOW vom 8. September bis 20. Oktober 2012 aus.

 

Buchreihe „n.b.k. Ausstellungen“
Zur Ausstellung erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, eine Publikation
mit gesammelten Materialien und Projekten von Arno Brandlhuber, gefördert durch die Stiftung Kunstfonds
Bonn.

 

Hintergrund

In Berlin ist der Architekt Arno Brandlhuber spätestens seit dem Umbau der Brunnenstraße 9 (Galerienhaus KOW) bekannt. Das Haus wurde auf den Fundamenten einer Investitionsruine der 1990er Jahre weitergebaut und zeigt eine schroffe experimentelle Interpretation des brutalistischen Baustils zu Beginn des 21. Jahrhunderts, bei der der Sichtbeton weiter dominiert. Beton als Baumaterial repräsentiert das Versprechen der Moderne auf ein ziviles Leben in der Stadt und ist bis heute einer der Hauptrohstoffe der Architektur.

Als 1977 der deutsche Architekt Oswald M. Ungers seine Utopie des Neuaufbaus West-Berlins verfasste, das von Schrumpfung bedroht war, herrschte in Ost-Berlin akuter Wohnungsmangel. Ganze Plattenbausiedlungen wie Berlin-Marzahn wurden in dieser Zeit gebaut, nach 1989 in großen Teilen rückgebaut und gelten heute als Alternativbezirke mit günstigem Mietpreis.

Nach ähnlichen Wohnbauprojekten im West-Berlin der 1960er und 1970er Jahre – Gropiusstadt, Märkisches Viertel und Falkenhagener Feld – nehmen die Autoren des Manifests Die Stadt in der Stadt. Berlin – Das Grüne Stadtarchipel (erstmals veröffentlicht durch die Cornell University, Ithaca, im Studioverlag für Architektur
L. Ungers Köln, 1977) die Perspektive einer postmodernen Architekturkritik ein, die ganz im Zeichen der Individualisierung der Architektur steht und sich gegen urbane Entfremdungseffekte richtet. Das Konzept einer „Stadt in der Stadt“ beruht auf der Vorstellung von „antithetisch gestalteten Stadteinheiten“, die durch grüne Land- und Nutzflächen miteinander verbunden sind, sowie der „Schaffung eines pluralistischen Systems gegenseitig unaufgelöster Widersprüche im Gegensatz zu einem einheitlich orientierten, zentralistischen System“. Als notwendig werden dafür überschaubare Lebensräume erachtet, die sich am Freizeitverhalten orientieren. Im Zentrum einer solchen Umgestaltung der Stadt steht die „Rekonstruktion des Vorhandenen, die Wiederentdeckung bewährter Prinzipien [sowie] die Umstrukturierung des Alten als Problem der Zukunft“. Ein grundsätzlich neues Natur-Kultur-Verständnis liegt dem „Grünen Archipel“ zugrunde, das die Gegensätze nicht zu vereinen versucht, sondern für eine intensive Erfahrung einer Metropole nutzbar machen möchte.

Im vereinigten Berlin von heute lässt sich die aktuelle Umgestaltung der Stadt mit sozialpolitischen Fragen verbinden, aber auch mit Fragen der Architektur der Berliner Republik sowie internationaler Diskurse um urbane Entwicklungen. Was für eine Stadt als Natur-Kultur-Raum ist heute (überhaupt noch) möglich, ließe sich in Anlehnung an Ungers’ Konzeption Die Stadt in der Stadt fragen.

Den Anfangspunkt für die Beantwortung dieser Frage setzt Arno Brandlhuber mit einer künstlerischen Dystopie aus Beton. Durch Betonschüttungen im Ausstellungsraum erwächst eine begehbare Skulptur, eine abstrakte Stadtlandschaft Berlins, bestehend aus imaginär miteinander verbundenen Einheiten. Der räumliche Effekt des Insularen wird durch verspiegelte Wände noch verstärkt. Indem er im Neuen Berliner Kunstverein vorhandene Elemente der Ausstellungen Karin Sander (2011) und The Future Archive (2012) teilweise umnutzt und überschreibt, entsteht eine Collage aus verschiedenen raumzeitlichen Interventionen. Im Sommer 2013 soll gemeinsam mit der Cornell University, Ithaca / USA, eine Wiederholung der Sommerakademie von 1977 in Berlin stattfinden, um Ungers’ Konzept unter heutigen stadtpolitischen Bedingungen auszuloten: Die seinerzeit erwünschte Individualisierung hat sich in eine erzwungene Homogenisierung gewandelt.

 

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english version


The exhibition Archipel is the first solo show of the Berlin-based architect Arno Brandlhuber (b. 1964) at an institution of visual art. Brandlhuber participated in the Venice Architecture Biennale (2012, 2008, 2006, 2004), designed, with Thomas Demand, the German pavilion at the São Paulo Biennale (2004), and presented his designs all over the world; he has also received numerous German and international architecture awards. For his project at the Neuer Berliner Kunstverein, he transforms the exhibition space into an insular urban landscape of concrete while reusing found elements of earlier exhibition architectures. The title, Archipel (Archipelago), refers to the debate over Oswald M. Ungers’s urban-planning manifesto Die Stadt in der Stadt: Berlin—Das Grüne Stadtarchipel (The City within the City: Berlin—The Green Urban Archipelago, 1977) as well as the subsequent discussion surrounding the vision of a “Green Archipelago.” Collaborating with Rem Koolhaas, Peter Reimann, Hans Kollhoff, and Arthur Ovaska, Ungers penned his study Die Stadt in der Stadt during a summer academy in Berlin.

Berliners have been familiar with the architect Arno Brandlhuber’s work at the latest since his conversion of the building at Brunnenstraße 9 (now home to the gallery KOW). Erected on the foundations of structure from the 1990s that was never completed, the building presents a stark and experimental interpretation of the Brutalist style in the early twenty-first century; exposed concrete is still the dominant element. Concrete as a construction material represents modernity’s promise of a civil life in the city; to this day, it is one of architecture’s most important raw materials.

In 1977, when the German architect Oswald M. Ungers published his utopian vision of the reconstruction of West Berlin, a city threatened by negative growth, East Berlin suffered from an acute housing shortage. Entire neighborhoods of prefabricated high-rises, such as Berlin-Marzahn, went up around this time; a large share of the buildings was taken down after 1989, and now these neighborhoods are regarded as an alternative beckoning with affordable rents.

 

Following similar housing projects in 1960s and 1970s West Berlin—Gropiusstadt, Märkisches Viertel, and Falkenhagener Feld come to mind—the authors of the manifesto Die Stadt in der Stadt: Berlin—Das Grüne Stadtarchipel (first published by Cornell University, Ithaca, as a studio publication for Architektur L. Ungers, Cologne, 1977) adopt the perspective of a postmodernist architecture critique that regards the individualization of architecture as paramount and opposes effects of urban alienation. The concept of a “city within the city” rests on the idea of “antithetically designed urban units” interconnected by green spaces and agricultural areas, as well as the “creation of a pluralistic system of mutually unresolved contradictions, rather than a uniformly oriented and centralist system.” This vision, the authors believe, requires residential environments of manageable size whose structure is designed to accommodate people’s leisure habits. Central to this reorganization of the city are the “reconstruction of what exists, the rediscovery of proven principles, [and] the restructuring of the old as a problem for the future.” Underlying the “Green Archipelago” is a fundamentally novel conception of nature and culture that, rather than trying to unite the opposites, seeks to render them fruitful for an intense experience of the metropolis.

In today’s reunified Berlin, the ongoing transformation of the city may be considered in relation to issues of social policy, but also to questions of the architecture of the Berlin Republic as well as international discourses about urban developments. Ungers’s blueprint for a “city within the city” now inspires us to ask: what sort of city, as a natural-cultural space, is possible (or even possible at all) today?

Arno Brandlhuber marks a point of departure for an attempt to answer this question with an artistic dystopia made of concrete. By pouring concrete in the exhibition space, he creates a walk-in sculpture, an abstract urban landscape of Berlin, consisting of units linked by imaginary connections. Mirrored walls heighten the spatial effect of insularity. By reusing and reinscribing some elements left at the Neuer Berliner Kunstverein from the exhibitions Karin Sander (2011) and The Future Archive (2012), he creates a collage of different interventions into time and space. An event organized in collaboration with Cornell University, Ithaca, and scheduled for the summer of 2013 will revisit the 1977 Berlin summer academy in order to explore Ungers’s conception under the conditions of today’s urban politics: the individualization Ungers had called for has given way to compulsory homogenization.

 

Events

Thursday, September 13, 2012, 7 pm
The City in the City–Berlin as Green Archipelago Today

Discussion with
Arthur Ovaska (Prof. for Architecture, Cornell University, Ithaca / USA; co-author Die Stadt in der Stadt. Berlin – Das Grüne Stadtarchipel [1977])
and
Florian Hertweck (Prof. for Architecture, Ecole d’Architecture de Versailles; architect, Paris; co-author The City in the City–Berlin: A Green Archipelago
[2012]),
moderated by Arno Brandlhuber (Prof. for Architecture and Urban Research, Akademie der Bildenden Künste Nürnberg; architect, Berlin) In German and English language

 

Tuesday, October 2, 2012, 5 pm
Right to the City– Berlin’s Property Politics

City walk with Dr. Frank Schulz (Borough Major Friedrichshain-Kreuzberg), Arno Brandlhuber, Stadtinitiativen Berlin
Limited places, for information and registration: nbk@nbk.org
In German language


Thursday, October 25, 2012, 7 pm

Artist talk with Arno Brandlhuber and Marius Babias (Director n.b.k.), In German language

Sunday, November 4, 2012, 8 pm
Ornament und Verbrechen

Musik-performance with Ronald Lippok and Robert Lippok (musicians and artists, Berlin)

 

In parallel with the exhibition at the Neuer Berliner Kunstverein, Arno Brandlhuber also presents work at gallery KOW from September 8 to October 20, 2012.

 

Book series “n.b.k. Exhibtions”
A collection of materials and projects created by Arno Brandlhuber will be published by Buchhandlung Walter
König, Cologne, in conjunction with the exhibition. The publication is supported by Stiftung Kunstfonds Bonn.
 

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