Effekt und Affekt. Architektur und das Digital-Erhabene

Geschrieben am 18.12.2012
Kategorie(n): ARCH+ news, Konferenz, Produktionsbedingungen, CAD

"Effect and Affect. Architecture and The Digital Sublime" ist eine internationale Tagung am 15. und 16. Januar 2013 am Institut für Architektur der TU Berlin, die Spezialisten einlädt, die Fragen des spezifischen architektonischen Potenzials der digitalen Technologien neu zu stellen und zu beantworten.

Nichts charakterisiert besser das zweite digitale Zeitalter als die Feststellung, dass das computational design seine überwältigende Wirkung auf uns entfaltet, ohne dass man es durchschaut oder gerade: weil man es nicht durchschaut. Überwältigend sind die expressiven Formen wie Zaha Hadids Opernhaus in Guanghzou, Jürgen Mayer H.s Metropol Parasol in Sevilla oder die Experimentalarchitekturen von Gramazio & Kohler, wobei sie umso beeindruckender sind, je rätselhafter und geheimnisvoller die Rationalität und die Prozess dahinter sind.

Die Architektur des computational design existiert in einer eigenartigen Spannung: Sie ist so sehr durch strenge mathematische Regelhaftigkeit geprägt wie durch Verschleierung der zugrundeliegenden, entwerferisch- konstruktiven Logik. Wo heute die Architektur von unsichtbarer Hand geformt aus dem Nichts zu kommen scheint, stellt sich die Frage, ob nicht mit der digitalen Intelligenz eine fast schon vergessene, ästhetische Kategorie in die Architektur zurückkehrt: Das Erhabene, jetzt als Digital-Erhabenes.

Historisch war das Erhabene jene ästhetische Kategorie all jener Phänomene, deren Logik sich dem menschlichen Verständnis entzog haben, die aber umso stärke existentielle Erschütterung und ästhetische Wirkung im Betrachter auslösten, je unergründbarer ihre Ursachen waren. Durch die Geschichte erfuhr das Erhabene Prozess der Transformation, je nach Erkenntnisfähigkeit, erst als Göttlich-Erhabenes (Mittelalter), als Natürlich-Erhabenes (Aufklärung), Technisch-Erhabenes (Maschinenzeitalter) – kehrt es heute als Digital-Erhabenes zurück? Was bedeutet Rückkehr des Erhabenen? Was soll man unter dem Digital-Erhabenen verstehen?

Nach Le Corbusier ist besonders die Architektur zur „Erhabenheit“ fähig, gerade durch ihre „Sachlichkeit“ rühre sie „unsere stärksten Urinstinkte“. Es sei gerade die konstruktiv-rationale Gestalt der Architektur, wie der französische Revolutionsarchitekt Étienne-Louis Boullée feststelle, die den „l’horreur des ténèbres“, den Schrecken der Finsternis, in eine „köstliche Empfindung“ und eine Empfindung des Erhabenen sublimieren könne. Wir müssen uns nun fragen, ob nicht auch im computational design – nicht anders als bei Boullée oder Le Corbusier – eine besondere Verknüpfung besteht zwischen der rätselhaften, digitalen Rationalität und ihrer teils euphorisierenden teils verstörenden Wirkung, zwischen den algorithmischen Rationalität und ihrer Materialisierung im Objekt, zwischen der konstruktiv-rationalen und der wirkungsästhetischen Seite der Architektur?

Unter diesem Blickwinkel der Rückkehr des Erhabenen muss die Frage nach dem spezifisch architektonischen Potenzial der digitalen Technologien neu gestellt werden. Mit der neuen Verschränkung von Entwurf und Materialisierung durch BIM und CAD-CAM haben sich die Voraussetzungen für die Architektur verändert. Mit dem Digital-Erhabenen eröffnet sich für das computational design eine historische Perspektive. Wenn es uns gelingen würde, das computational design in die historische Linie des Erhabenen zu stellen, würde es uns dann weniger fremd sein? Würde es uns näher kommen?

Damit sind einige fundamentale Fragen angeschnitten, wie die nach dem Verhältnis von Oberfläche und Inhalt, von Entwurf und Materialisierung, von Sinnlichkeit und Repräsentation oder Effekt und Affekt. Die Beantwortung dieser Fragen führt unmittelbar auf die weitergehende Frage nach der historischen Verortung der Architektur im zweiten digitalen Zeitalter.

Ein zentraler Teil der Tagung wird die Präsentation von Mario Carpos Buch Alphabet und Algorithmus. Wie das Digitale die Architektur herausfordert sein. Das Buch erscheint im November 2012 in deutscher Übersetzung als Band 6 der Reihe ArchitekturDenken (aus dem Englischen übertragen von Jan Bovelet und Jörg H. Gleiter, Transcript Verlag Bielefeld 2012).

Organisation: Prof. Dr.-Ing. habil. Jörg H. Gleiter und das Fachgebiet Architekturtheorie

Wer: Neun Architekten, Architekturtheoretiker und -historiker aus USA, Schweiz, Frankreich und Deutschland:
Mario Carpo (Paris/New Haven),
Kurt W. Forster (New York),
Susanne Hauser (Berlin),
Matthias Kohler (Zürich),
Mona Mahall (Stuttgart),
Elena Manferdini (Los Angeles),
Jürgen Mayer H. (Berlin),
Matthias Sauerbruch (Berlin),
Philip Ursprung (Zürich)

Wann: 15. und 16. Januar 2013

Wo: Forum, TU Berlin, Architekturgebäude

Sprachen: Englisch und Deutsch 

Eintritt frei / Free admittance

Anmeldung: info@architekturtheorie.tu-berlin.de

 

Programm:

Tuesday, Jan. 15

14:00-14:15 Opening remarks

14:15-14:45 Jörg H. Gleiter Introductory lecture: Architektur und das Digital-Erhabene (auf Deutsch)

14:45-15:30 Philip Ursprung (ETH, Zürich) Design of the (In)human: The Ambivalence of Digital Sublime (in English)

coffee break

16:00-16:45 Kurt W. Forster (Yale University, New Haven) Scale and Chance in Architecture (in English)

16:45-17:30 Matthias Sauerbruch (UdK Berlin) Effect and Affect. The user interface of performance architecture (auf Deutsch/in English)

17:30-18:15 panel discussion with (auf Deutsch) Philip Ursprung, Kurt W. Forster, Matthias Sauerbruch

19:00-21:00 book presentation at Bücherbogen/Savignyplatz (auf Deutsch) Mario Carpo: Alphabet und Algorithmus. Wie das Digitale die Architektur herausfordert, Bd. 6 der Reihe ArchitekturDenken, hrsg. v. Jörg H. Gleiter

Wednesday, Jan. 16

09:30-10:15 Mona Mahall (Universität Stuttgart), Asli Serbest (Universität Stuttgart) Dark Tourism and Black Box: Das Erhabene und Web 2.0 (auf Deutsch)

10:15-11:00 Matthias Kohler (ETH Zürich) Digital Materiality in Architecture (in English) coffee break

11:30-12:15 Susanne Hauser (UdK Berlin) The Promising and the Horrifying Aspects of Universal Machines (auf Deutsch)

12:15-13:00 Elena Manferdini (Sci-arc, Los Angeles) Tableau Vivant (in English)

lunch break

15:00-15:45 Mario Carpo (Yale University, New Haven) Indeterminacy, Irrationalism, and The Supernatural in Contemporary Digital Design Theory (in English)

15:45-16:30 Jürgen Mayer H. (Berlin) pre.text / vor.wand (auf Deutsch)

16:30-17:00 panel discussion/conclusion (auf Deutsch/English)

Effekt und Affekt. Architektur und das Digital-Erhabene. Internationale Tagung am 15. und 16. Januar 2013 am Institut für Architektur der TU Berlin
SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!