Rechte-Räume-Reaktionen. Eine Einleitung

Von Verena Hartbaum, Anh-Linh Ngo und Stephan Trüby

Rund ein halbes Jahr ist es nun her, dass am 24. Mai 2019 die vom Institut für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen (IGmA) der Universität Stuttgart in Kooperation mit der ARCH+ herausgegebene Ausgabe Rechte Räume – Bericht einer Europareise erschienen ist und im Rahmen einer öffentlichen Heftpräsentation an einem frühsommerlichen Freitagabend an der Berliner Volksbühne präsentiert wurde.

Kaum mehr als 24 Stunden nach der Präsentation folgte bereits Niklas Maaks erster enervierter Artikel „Kann Raum rechts sein?“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 26. Mai 2019, und nun, nach Dutzenden von Zeitungs- und Magazinartikeln in deutschsprachigen und internationalen Medien, nach Hunderten von Zuschriften und Tausenden von Online-Kommentaren, ist die Debatte noch immer nicht abgeflaut. So erschien etwa pünktlich zum Redaktionsschluss am 20. Oktober 2019 im Berliner Tagesspiegel ein langer Artikel der Rostocker Historikerin Ulrike von Hirschhausen mit dem Titel „Alle Kultur ist Barbarei“. Wohin führt der Nerv, der mit der Rechte-Räume-Ausgabe ganz offenkundig getroffen wurde?

In mehrere Richtungen. Vor allem entzündete sich die „Rechte-Räume“-Debatte im journalistischen Kontext an Verena Hartbaums Artikel „Rechts in der Mitte – Hans Kollhoffs Casa Pound“. Unter Bezugnahme auf einen älteren Text von Heinz Dieter Kittsteiner aus dem Jahre 2003 wirft sie darin dem Berliner Architekten Hans Kollhoff vor, auf seinem 2001 vollendeten Walter-Benjamin-Platz in Berlin ein Zitat des amerikanischen Dichters und faschistischen Mussolini-Propagandisten Ezra Pound angebracht zu haben: „Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein / die Quadern wohlbehauen, fugenrecht, / dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert.“ Bei Lichte betrachtet, entpuppt sich diese Passage aus den sogenannten Usura Cantos jedoch als antisemitische Flaschenpost. Denn bei Pound steht das Codewort „Usura“ (Wucher) für „die Juden“ beziehungsweise das „zinstreibende Judentum“, denen im Werk des Dichters die Schuld an allem möglichen Übel der Welt zugeschoben wird, nicht zuletzt – wie mit der von Kollhoff verwendeten Passage geschehen – eben auch die Schuld an schlechter Architektur ohne „guten Werkstein“. Doch Maak skandalisierte nicht etwa die Anbringung eines antisemitisch konnotierten Zitats im öffentlichen Raum von Berlin, sondern verteidigte die Architektur des Platzes: Man solle sich „fragen, warum ähnliche großzügige Plätze, gern auch mit anderer Architektur, nicht auch für Menschen mit geringerem Einkommen gebaut werden [...].“01 Wenige Tage später legte Maak in der Frankfurter Allgemeinen Zeitungnach und warf der von ihm namentlich nicht genannten Autorin eine Diffamierung Kollhoffs vor: „[...] es ist unlauter und demagogisch, Kollhoff als Antisemiten zu denunzieren [...].“02 Doch an keiner Stelle im ARCH+-Heft Rechte Räume wird gegen Kollhoff der Vorwurf des Antisemitismus erhoben. Die antisemitische Flaschenpost, die Pound 1936 ins Meer der Literatur warf und die 2001 von Kollhoff auf dem Walter-Benjamin-Platz entrollt und in Stein gemeißelt wurde, macht aus dem Architekten nicht notwendigerweise einen Antisemiten, aber das Pound-Zitat bleibt nicht weniger problematisch.

Aber es kam noch wilder. Am 1. Juli 2019 hob Maak gar einen Artikel Arnold Bartetzkys in die Frankfurter Allgemeine Zeitung, in der dieser konservative Publizist nicht nur den „vernichtenden Verdacht“ gegen Kollhoff beklagt, sondern uns auch noch eine Verletzung „journalistischer Sorgfaltspflicht“ unterstellt, weil Verena Hartbaum Kollhoff nicht um seine Einschätzung gebeten habe. Hat sie aber, und Bartetzky selbst erwähnt sogar die E-Mail-Korrespondenz zwischen Hartbaum und Kollhoff aus dem Jahre 2012, in dem dieser eine mehr als problematische Begründung dafür liefert, weshalb er auf einem Platz, der ausgerechnet dem jüdischen Nazi-Opfer Benjamin gewidmet ist, eine Bühne für den Faschisten und Antisemiten Pound bietet: „[...] das ist ja das Schöne an der Konfrontation von Walter Benjamin und Ezra Pound, die persönlich ja nicht stattgefunden hat, dass man daran hypothetische Behauptungen knüpfen kann, die nicht selten ein grelles Licht werfen auf die fatale Geschichte des vergangenen Jahrhunderts“.03 Das ist Täter-Opfer-Relativierung par excellence, die Kollhoff jüngst auch sinngemäß wiederholte, als er Pounds Faschismus und Benjamins revolutionären Sozialismus mit folgenden Worten parallelisierte: „Beide gescheiterten Hoffnungen muss man vor allem aus ihrer Zeit heraus verstehen. Doch wir dürfen uns fragen, was wir dennoch heute damit anfangen können.“04 Die Kunsthistorikerin Annika Wienert vom Deutschen Historischen Institut Warschau kritisiert in dieser Ausgabe das kollhoffsche Pound-Zitat und die apologetische bartetzkysche FAZ-Berichterstattung mit deutlichen Worten: „Die symbolische Gewalt an Juden und Jüdinnen, welche sowohl die implizite öffentliche Ehrung des Antisemiten und überzeugten Faschisten Ezra Pound darstellt, als auch die schiere Präsenz einer antisemitischen Aussage im öffentlichen Raum, wird nicht zur Kenntnis genommen.“05 In eine ähnliche Richtung argumentiert Ulrike von Hirschhausen im bereits erwähnten Tagesspiegel-Artikel „Alle Kultur ist Barbarei“, in dem sie mit Blick auf Kollhoffs Pound-Zitat schreibt: „Wir müssen in Zeiten, in der rechtsradikale Positionen für manche einen Ausweg aus den Problemen der Globalisierung zu liefern scheinen, antisemitische Übergriffe sich häufen und die Synagoge von Halle zum Ziel eines Anschlags wird, solche Texte erst recht beim Namen nennen – und sie mit unseren Antworten konfrontieren. [...] Hilfreich wäre eine öffentliche Anhörung, zu der das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf einladen könnte. Hilfreich wäre die Kooperation mit dem Architekten des Benjamin-Platzes, Hans Kollhoff, dem das Urheberrecht über die Platzgestaltung zusteht. Doch vor allem brauchen wir den öffentlichen Protest der Stadtgesellschaft, die ein antisemitisches Zitat, so unauffällig es daherkommt, nicht akzeptiert.“06

Während sich die Debatte um die Rechte-Räume-Ausgabe im journalistischen Kontext vor allem auf den Walter-Benjamin-Platz fokussierte, wurden Teile der Fachöffentlichkeit durch einen Satz Stephan Trübys in der Einleitung erregt, in der Hans Stimmann und Harald Bodenschatz vorgeworfen wird, „das populistische und sozial neutralisierte Geschäft identitärer Stadtraumbildung [zu] betreiben (‚Berlinische Architektur“, Projekt einer Rekonstruktion der Berliner Altstadt) – und dabei keine Berührungsängste mit der patriotischen Rechten an den Tag legen“.07 Die Folge waren diverse Repliken, so etwa Kaye Geipels Kritik problematischer „Zuschreibungen“08 in der Bauwelt oder eine öffentliche Stellungnahme der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung (SRL) vom 22. August 2018, in der sich der Verband dagegen verwahrt, „unser Mitglied“ Harald Bodenschatz in den Kontext „rechter Räume“ zu stellen (was gar nicht stimmt), „nur weil er sich für kritische Rekonstruktionen einsetzt“ (was ebenfalls nicht stimmt).

Wahr ist an der Kritik Stephan Trübys an Bodenschatz Folgendes: Gewisse Ansichten des ehemaligen Professors für Planungs- und Architektursoziologie an der TU Berlin, der Autor vieler herausragender Werke wie Platz frei für das neue Berlin! Geschichte der Stadterneuerung in der „größten Mietskasernenstadt der Welt“ seit 1871 (1987) ist, sind von der Analyse der kommunistisch geprägten Stadtpolitik Bolognas um 1970 her zu verstehen, die er in seiner gerade auch heute lesenswerten Dissertation Städtische Bodenreform in Italien09 (1979) untersuchte. Darin wird beschrieben, wie die politische Linke in Gestalt der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) sich in Bologna ab Ende der 1960er radikal von der modernen Architektur abwandte und Pläne etwa für Wohnsiedlungen in Vorstädten und andere Großprojekte in die Schublade beförderte. Stattdessen sollte es künftig um die Erhaltung historischer Innenstädte gehen, und zwar mithilfe eines mutigen politischen Projekts: des Versuchs einer Synthese von Denkmalschutz und sozialem Milieuschutz via Bodenreformen und weiterer begleitender Maßnahmen. Doch das Projekt scheiterte, vor allem aufgrund des Widerstands gegen Enteignungen. Die langfristigen Folgen dieser und ähnlicher Entwicklungen wie in Bologna und anderswo zeigen sich heute in verschiedenen Biografien von Achtundsechzigern, vor allem eben in jener von Bodenschatz: Das Projekt einer Sozialpolitik der (alten) Stadt wurde weitgehend aufgegeben, um sich fortan ganz auf die – deutlich einfacher zu habende – Bildpolitik einer „alten Stadt“ zu konzentrieren. Vor diesem Hintergrund müssen die jüngsten Verlautbarungen Bodenschatz’ zu einer unkritischen Rekonstruktion der Berliner Altstadt nach Frankfurter Vorbild verstanden werden, mit denen er seinen guten Ruf als Wissenschaftler riskiert. So bemühte er vor einiger Zeit in einem umstrittenen Tagesspiegel-Artikel die Argumentation, dass es im großzügigen Freiraum des Marx-Engels-Forums in Berlin einst eine besonders hohe Dichte an Immobilien im Besitz von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern gegeben habe, dort also ein „christlich-jüdisches Symbiose-Experiment ohne Vorbild in der europäischen Geschichte“ geherrscht habe, an das man nun doch mit einer Rekonstruktion anknüpfen solle. Wenngleich Bodenschatz seinen Vorschlag im Bewusstsein einer Geschichte von „Toleranz und Intoleranz, Zerstörung und Aufbau“ formuliert, so verharmlost er damit doch eine lange Diskriminierungs- und Pogromgeschichte von Juden in Preßen zu einer „guten alten Zeit“ der Toleranz, was historisch schlicht nicht belastbar ist.10 Zudem macht er sich unfreiwillig kompatibel mit der patriotischen Rechten, die sich in Gestalt der Berliner AfD eine Rekonstruktion des Schlossumfeldes schon seit Längerem mit auf die Fahnen geschrieben hat.11 Die Entschädigung der Nachkommen ehemaliger jüdischer Eigentümer, deren Immobilienbesitz zwischen 1933 und 1945 „arisiert“ wurde und sich in Verlängerung von Inanspruchnahmen der DDR nach wie vor zu großen Teilen in staatlichem Besitz befindet, ist dringend geboten, aber nicht durch kompensatorische Stadtbildpolitik zu ersetzen.12

Während die journalistische Debatte um „Rechte Räume“ ihren Aufhänger in Kollhoffs Walter-Benjamin-Platz fand und die veröffentliche Fachdebatte mit der Skandalisierung von teils gar nicht vorgenommenen „Zuschreibungen“ bisher unter ihren Möglichkeiten dringend gebotener Kritik an reaktionären Tendenzen in der Städtebautheorie und -praxis geblieben ist, hat sich hinter den Kulissen eine architekturgeschichtliche Diskussion entfaltet, die bisher nur in zahllosen E-Mails geführt wurde und deren zarte Anfänge mit diesem Heft erstmals veröffentlicht seien. Es geht um den langfristig vielleicht explosivsten Text im Rechte-Räume-Heft, nämlich um die deutschsprachige Erstveröffentlichung von Winfried Nerdingers Aufsatz „Hans Poelzig, Paul Bonatz, Paul Schmitthenner – Die allmähliche Aufwertung, Normalisierung und Rehabilitierung der Konservativen, Opportunisten und NS-Mittäter“, der 2011 nur auf Italienisch in Casabella publiziert wurde. Die Erwiderungen der angegriffenen Autoren Wolfgang Pehnt und Wolfgang Voigt sind im Folgenden abgedruckt, ergänzt ihrerseits um eine aktualisierte Kritik von Nerdinger sowie um rahmende Beiträge von Dietrich W. Schmidt, Regine Heß und Ulrich Coenen. Es folgen Texte von Karin Wilhelm, Annika Wienert und Marc Priewe, die (die Debatte um) das Pound-Zitat auf dem Walter-Benjamin-Platz genauer untersuchen. Das Heft schließt mit einem Beitrag von Torsten Hoffmann zum Zusammenhang von rechtem Denken, Literatur und Gender sowie mit Stefan Kuraths Aufruf „Kein Architekt, keine Architektin handelt allein“.

Und es beginnt mit den Zuschriften von Frank R. Werner und Fritz Kestel, wobei Werner den Unterschied zum oft erwähnten Architekturstreit der 1990er-Jahre herausarbeitet und Kestel dringend empfiehlt, den „methodologischen Nationalismus“, der in den deutschen Reaktionen – auch und gerade in den fachlichen Reaktionen – so unangemessen im Vordergrund steht, endlich hinter sich zu lassen: „Es ist zu hoffen, dass weitere aufklärerische Hefte zu ‚Rechten Räumen‘ folgen werden. Die globalen Zeiten erfordern Reisen über Europa hinaus.“ Möge die Debatte also weitergehen, auf hoffentlich höherem Niveau.

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  • 01 Niklas Maak: „Kann Raum rechts sein?“, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (26.5.2019)
  • 02 Niklas Maak: „Antisemitische Flaschenpost?“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (29.5.2019)
  • 03 Zit. nach Verena Hartbaum: Der Walter-Benjamin-Platz (Disko 26), Nürnberg 2013, S. 70
  • 04 Hans Kollhoff, zit. nach Peter von Becker: „Spiel mit der Provokation“, Tagesspiegel (3.6.2019), www.tagesspiegel.de/kultur/berliner-architekturstreit- spiel-mit-der-provokation/24416220.html (Stand: 24.10.2019)
  • 05 Vgl. S. 17
  • 06 Ulrike von Hirschhausen: „Alle Kultur ist Barbarei – Ist der Walter-Benjamin-Platz ein ,rechter Raum‘? Vorschlag zur Befriedung einer Berliner Debatte“, in: Tagesspiegel (20.10.2019)
  • 07 Stephan Trüby: „Rechte Räume – Eine Einführung“, in: ARCH+ 235 Rechte Räume – Bericht einer Europareise (2019), S. 11
  • 08 Kaye Geipel: „Zuschreibungen“, in: Bauwelt 14 (2019), S. 13
  • 09 Harald Bodenschatz: Städtische Bodenreform in Italien – Die Auseinandersetzung um das Bodenrecht und die Bologneser Kommunalplanung, Frankfurt a. M. 1979
  • 10 Erst die Novemberrevolution 1918 und die Gründung der Weimarer Republik brachten für Juden in Deutschland eine völlige Gleichstellung vor dem Gesetz und damit auchim Staatsdienst mit sich. Alle Positionen im öffentlichen Dienst standen ihnen nun offen: Universitätsordinariate, Beamtenstellen, Ministerposten. Allerdings sahen sich Juden nach dem Ende des Ersten Weltkriegs auch mit einer massiven Welle antisemitischer Angriffe konfrontiert. – Vgl. Sebastian Panwitz, in: Stiftung Stadtmuseum Berlin, Franziska Nentwig (Hg.): Geraubte Mitte – Die „Arisierung“ des jüdischen Grundeigentums im Berliner Stadtkern 1933–45, Berlin 2003, S. 17
  • 11 Vgl. afdkompakt.de/2017/05/30/stadtschloss-kuppel-und-umfeld-historisch-passend-rekonstruieren (Stand: 24.10.2019)
  • 12 Vgl. Benedikt Goebel, Lutz Mauersberger, in: Stiftung Stadtmuseum Berlin, Franziska Nentwig 2003 (wie Anm. 10), S. 65

     

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Die Unmöglichkeit einfacher Zuschreibungen
Von Ulrich Coenen

Eine solche Architekturdebatte hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Die Reaktionen auf den Beitrag „Wir haben das Haus am rechten Fleck“ von Stephan Trüby in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) vom 8. April 2018, die nach der Ende Mai 2019 erschienenen ARCH+ 235 Rechte Räume einen weiteren Höhepunkt erreichten, sind in der bundes­deutschen Geschichte einmalig und lassen sich auch nicht mit dem Berliner Architekturstreit der frühen 1990er-Jahre vergleichen.

Der jetzt öffentlich ausgetragene Disput beschränkt sich nicht auf journalistische Meinungsbeiträge, Interviews und Leserbriefe in Zeitungen und Zeitschriften, sondern umfasst erstmals auch das Internet. Zwar ist der Beitrag von Trüby in der FAS online nicht barrierefrei zugänglich (und man darf bezweifeln, dass alle Diskutanten ihn gelesen haben), doch die Kommentare der Journalisten und ihre Interviews mit den Protagonisten beziehungsweise mit anderen Fachleuten in allen überregionalen (und in einigen wenigen regionalen) Zeitungen und Zeitschriften wurden in aller Regel nicht nur in den gedruckten Ausgaben, sondern zusätzlich oft barrierefrei in den Online-Ausgaben veröffentlicht. Der Diskurs wurde dadurch zu einem erheblichen Teil in die sozialen Netzwerke im Internet verlagert. Vor allem auf Facebook gibt es ein knappes Dutzend Gruppen mit zum Teil mehreren Tausend Mitgliedern, die sich ausschließlich oder zumindest teilweise mit Architektur beschäftigen. Jeder neue Beitrag in den Medien zur Neuen Frankfurter Altstadt und zu rechten Räumen wurde seit dem Frühjahr 2018 aufmerksam registriert, geteilt und kontrovers diskutiert. Verunglimpfungen und Beleidigungen von Trüby, der zum Feindbild wurde, waren dabei nicht selten.

Die Rechte-Räume-ARCH+, die den Untertitel Bericht einer Europareise trägt, geht weit über das Thema von Rekon­struktionen in Deutschland (und die Neue Frankfurter Altstadt im Besonderen) hinaus: Drei Dutzend Einzelbeiträge beschäftigen sich nicht ausschließlich mit Neuschöpfungen von im Zweiten Weltkrieg untergegangenen Gebäuden aus dem Nichts, sondern ebenfalls mit historischen Bauten und ihrem zum Teil absolut unstrittigen faschistischen Hintergrund, den vernünftigerweise niemand in Frage stellen kann. Das gilt beispielsweise für das gigantische Franco-Mausoleum Valle de los Caídos bei Madrid. Obwohl die Bandbreite des Heftes ohne Übertreibung gewaltig ist, fokussierten sich die Reaktionen in den deutschen Feuilletons vor allem auf ein Thema. Es ist der Aufsatz „Rechts in der Mitte“ von Verena Hartbaum, der sich kritisch mit Hans Kollhoffs Walter-Benjamin-Platz in Berlin auseinandersetzt. Nun hat die von Hartbaum kritisierte neoklassizistische Architektur Kollhoffs neben anderen zeitgenössischen Architekturströmungen sicher ihre Berechtigung und darf nicht als neo­faschistisch missverstanden werden. Das antisemitische Pound-Zitat an diesem Ort, das das NS-Opfer Walter Benjamin geradezu verhöhnt, ist aber zweifellos ein Skandal.

Es ist schade, dass sich die Debatte in den Medien und der Öffentlichkeit zu sehr auf diesen Beitrag verengt hat – und zu Ungunsten eines anderen Aufsatzes, der mindestens genauso explosiv ist: Winfried Nerdingers erstmalig auf Deutsch erschienener Text „Hans Poelzig, Paul Bonatz, Paul Schmitthenner – Die allmähliche Aufwertung, Normalisierung und Rehabilitierung der Konservativen, Opportunisten und NS-Mittäter“ (2011). Die im Titel genannten Architekten haben aus Opportunismus zweifellos Schuld auf sich geladen,1 und es ist notwendig, dass deren Verflechtungen mit dem Nationalsozialismus weiterhin aufgearbeitet werden. Dies sollte aber für Vertreter der traditionellen Moderne ebenso wie für die Vertreter der (Bauhaus-)Moderne gelten.

Die Beispiele zweier kaum bekannter Karlsruher Architektenbiografien mögen die Unmöglichkeit einfacher Zuschreibungen à la „klassische Moderne = links“ und „traditionelle Moderne = rechts“ verdeutlichen. Hermann Alker war in den 1920er-Jahren der bedeutendste Vertreter der Moderne in der badischen Landeshauptstadt.2 Weil konservative Kräfte ihm im Wege standen, blieb ihm der Lehrstuhl an der Technischen Hochschule verwehrt, seine wirtschaftliche Lage war schwierig. Alkers „Sündenfall“ war der Bau der Thingstätte in Heidelberg, eines riesigen Freilicht­theaters für 20.000 Menschen, das in den Jahren 1934 und 1935 im Auftrag von Joseph Goebbels errichtet wurde. Die Belohnung ließ nicht auf sich warten: 1937 wurde Alker Stadtbaurat in München, 1939 erhielt er den ersehnten Lehrstuhl an der TH Karlsruhe. Wegen seiner Verstrickungen in das NS-System wurde er aber bereits 1945 als Professor entlassen. Seine erfolgreiche Karriere war beendet. Den umgekehrten Weg ging sein Schüler Erich Schelling, der nach dem Diplom an der TH Karlsruhe ab 1933 Mitarbeiter in Alkers Karlsruher Büro war. Als der Chef nach München wechselte, durfte Schelling im Auftrag des Führer-Verlags das ehemalige Gebäude der Badischen Presse, das diese 1934 für das NS-Kampfblatt Der Führer räumen musste, in den Jahren 1937 bis 1939 durch einen Neubau ersetzen. Ingrid Ehrhardt sieht in diesem Bauwerk „auffallende Parallelen zum Reichsluftfahrtministerium in Berlin“ (dem heutigen Bundesfinanzministerium), das Ernst Sagebiel geplant hat.3 Nach dem Krieg wurde Schelling entnazifiziert und prägte fortan mit seinen modernen Bauten wie der Schwarzwaldhalle (1953) oder dem Verwaltungsgebäude der Landes­versicherungsanstalt Baden (1964) das Bild der Stadt nachhaltig.

Ich möchte abschließend ein Beispiel aus meiner Familiengeschichte anführen. Mein Großvater Cornelius Hubert Coenen, ein niederländischer Kaufmann in Deutschland, wurde nach 1933 von den Nazis enteignet.4 Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ er sich in den Jahren 1948 und 1949 im kleinen Dorf Merzenhausen bei Jülich eine Villa (Haus Brühl) nach Plänen von Kreisbaumeister Ernst Walther errichten – und zwar, um sein neu gewonnenes Selbstbewusstsein zu demonstrieren, in der Formensprache der traditionellen Moderne (konkret der Heimatschutzarchitektur). Hätte er diesen Stil mit den vom ihm als „Tiere“ bezeichneten Nazis identifiziert, wäre das Gebäude in dieser Form nicht entstanden.

 

  • 1 Überzeugte Nazis wie Paul Schultze-Naumburg, der sich bereits im Laufe der 1920er-Jahre radikalisierte, waren die Ausnahme. Übrigens haben sich auch Gropius und Mies van der Rohe bei Hitler angebiedert, zu ihrem Glück allerdings erfolglos. Le Corbusiers Verwicklungen in das faschistische Vichy-Regime sind inzwischen hinreichend bekannt.
  • 2 Dorothea Roos: Der Karlsruher Architekt Hermann Reinhard Alker – Bauten und Projekte 1921 bis 1958, Tübingen 2011
  • 3 Ingrid Ehrhardt: Erich A. Schelling (1904–1986) – Ein Architekt zwischen Traditionalismus und Moderne, Frankfurt a. M. 1997
  • 4 Ulrich Coenen: Zwischen den Grenzen – Eine Lebensgeschichte, Aachen/Jülich 1993

    Ulrich Coenen (*1960) ist Architekturhistoriker und Redakteur der Badischen Neuesten Nachrichten.

     

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