ARCH+ 87

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Erschienen in ARCH+ 87,
Seite(n) 31

ARCH+ 87

Zu diesem Heft

Von Kuhnert, Nikolaus

Baukonzept und Detail Auch die High-Tech-Architektur hat wie viele neuere Richtungen ihren Ursprung in den 60er Jahren. Im Unterschied aber etwa zur Venezianischen Schule oder zu Christopher Alexander geht sie weder von einem historischen noch einem zeitlosen, sondern von einem zeitgenössischen Baukonzept aus. Weder Typen noch Patterns bilden das Baukonzept, sondern zirkulierende Systeme: Leitungen, Rohre, Bänder zum Transport von Energien wie Menschen. Zirkulation ist Thema. Die Technisierung des Bauens entwickelte sich ironischerweise unter dem Deckmantel des Brutalismus, jener Richtung also, die eher durch ihren plastischen Umgang mit dem Beton als durch Auseinandersetzung mit der technologischen Basis des Bauens aufgefallen ist. Trotzdem demonstrieren gerade seine Protagonisten wie Alison und Peter Smithson mit der Schule in Hunstanton einen Umgang mit der Haustechnik, mit dem Entwurf für Golden Lane mit der Verkehrstechnik, wie Cedric Price mit dem Entwurf für einen Fun Palace mit der Bautechnik, der, wenn auch noch keimhaft und verborgen unter der Orientierung an den großen Vorbildern Mies van der Rohe (Hunstanton) und Le Corbusier (Golden Lane) alle Momente enthält, die heute im Begriff HighTech zusammenkommen: Die Organisation des Bauens nach den Gesetzen der technischen Infrastruktur, zu der sowohl die Zurschaustellung der Haustechnik (Be- und Entlüftung, Be- und Entwässerung etc.), der Bautechnik (Tragstruktur, Ausbau) und der Verkehrstechnik (Verkehrsläufe) gehören. Die Technisierung des Bauens geht einher mit einem grundsätzlichen Wandel des Grundrisses (Was heißt Raum; was Disposition von Räumen?), des Baukörpers (Nach welchen Kriterien gliedert sich der Baukörper - nach den Regeln der Baukunst oder den Techniken der Montage?) und des Details.

Allzweckraum Der Grundriß verändert sich radikal. Nicht mehr räumliche Begriffe regieren, Typen oder Patterns der Disposition, sondern allein die von allen Untergliederungen befreite Fläche zählt, der ins Extrem gesteigerte freie Grundriß: Der Allzweck-Raum. Zu seinen Gunsten wird alles an Untergliederungen wie Stützen, Naßräume, Energieanschlüsse etc. in eine neue Haut aus Verkehrs-, Bau- und Haustechnik extrovertiert Übrigbleibt der pure Raum und ein mehrfach geschichteter Raumabschluß, der, nach Funktionen spezifiziert und in technischer Form leistet, was einstmals die bloße Wand an Funktionen überhaupt erfüllte: Zu schützen, zu tragen, zu dämmen...

Allzweckraum und Explosionsfassade Auch der Baukörper erlebt einen grundsätzlichen Wandel. Nicht mehr die überkommenen Regeln der Baukunst regieren, Säulenordnungen und zugeordnete Charaktere, sondern die Gesetze der technischen Infrastruktur. Grundsätzlich zerlegt sich der Baukörper nach dem Schema Allzweck-Raum - Aggregate, wobei letztere, an der Peripherie konzentriert, den Raumabschluß bilden: Skelette aus Beton und Stahl, aus Rohren und Gestängen. Sie sind die Fassade, das Gesicht des Gehäuses im ursprünglichen Sinne des Wortes: eine Explosion aus Durchdringungen und Überlagerungen von Tragstruktur und Versorgungsmodulen, von Erschließungstürmen und Rohren. Mögen die Explosionsfassaden auch noch so sehr an Raffinerien und Weltraumstationen erinnern, so sind sie doch nur der bloße Ausdruck einer durchgreifenden Technisierung des Bauens. Denn nicht räumliche Überlegungen, sondern bestimmte Verfahrenstechniken, Modultechnik, De- und Montierbarkeit haben dazu geführt, zwischen Allzweck-Raum und Aggregat zu differenzieren und die Aggregate an der Peripherie zu konzentrieren, um das technische Gerät besser warten und, bei Bedarf, Verschleiß, Veralterung umstandslos austauschen zu können. Die Technik dominiert. Ihren Vorgaben folgen Baukonzept und Baukörper - Allzweck-Raum und Explosionsfassade.

Aggregate Auch das Detail gewinnt eine neue Bedeutung. Es ist nicht mehr eine Frage des räumlichen Zusammenhangs, des Übergangs von einem Raum teil, von einem Material zum anderen. Es ent-räumlicht, ent-materialisiert sich in diesem Sinne. Stattdessen wird es zur Apparatur, zum Aggregat, raumverbrauchend statt raumbildend. Es fordert Platz, mehr noch, es geht in den raumgreifenden Bewegungen der Montage und Demontage auf. Die Explosionszeichnungen führen es vor: Stücke, Verbindungen - gesehen mit den Augen des Monteurs.

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