ARCH+ 85

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Erschienen in ARCH+ 85,
Seite(n) 19

ARCH+ 85

Typologie und Populismus

Von Hoffmann-Axthelm, Dieter

Der typologische Boom ist im Grunde vorüber. Gerade deshalb jetzt dieses Heft: Es will daraufhinweisen, daß in der inzwischen immer deutlicher an ihre Grenzen gelangenden Manier des Entwerfern mittels eines auf Würfelform gebrachten historischen Formensortiments am Kern der Sache erfolgreich vorbeigeredet worden ist. Dem soll hier eine doppelte Fragestellung entgegengesetzt werden: 1. Mit welcher Vergangenheit konfrontiert das Thema Typologie? und 2. Was am typologischen Ansatz ist für die Zukunft und für die konkrete Arbeit auf den unterschiedlichen Ebenen des Planungsfeldes Stadt brauchbar?

Man erwarte also keinen Reader. Statt der Darstellung der Bandbreite alles dessen, was sich unterm Titel Typus/Typologie heute zur Not zusammenbringen ließe, soll es umgekehrt um den Versuch einer Polarisierung gehen, der in dem Nebelfeld des heutigen Sprachgebrauchs die politischen und historischen Linien überhaupt erkennbar werden läßt. Die vielen Berufungen auf den Typus oder die typologische Methode - aufweiche Seite gehören sie: die der Typisierungen, des Denkens in Typenserien und typisierten Abwicklungen und Abwandlungen; oder auf die der historischen Stadtgestalt, der regionalen Typen, der sozialen Gebrauchsform? Und was bedeutet es, wenn heute Kurzschlüsse dominieren: ein Angebot historischer Gestalt, das in einer Technik serieller Typen abgewickelt wird, vor dessen Mechanik es vielleicht sogar die Typisierungsheroen der 20er Jahre (May, Wagner) gegraust hätte? Hier wäre also eine ganze Geschichte des Problems zu rekonstruieren. Das kann aber nicht Sache eines Zeitschriftenschwerpunktes sein. Ausgangspunkt hier ist ein - entscheidender - Teilstrang: die deutsche Typologieforschung von 1933 bis 1945, konzentriert in der Person Werner Lindners (es wäre, um die Fäden zur - in anderen historischen Bedingungen eingebetteten - Fragestellung Muratoris, natürlich auch sinnvoll gewesen, auf den wirtschaftsgeographischen Ansatz Walter Christallers abzuheben, auch da also nur ein Teilstrang). Insofern gehört dieses Heft in eine Reihe mit dem über Steffann und dem anderen über Kückelhaus: Aufarbeitung mörderisch entgleister deutscher Ansätze, um heute einen besseren Gebrauch wenigstens nicht zu blockieren, viel lieber aber noch wieder denkbar werden zu lassen.

Der Hefttitel - Typologie und Populismus - weist darüberhinaus nicht nur auf die Geschichte des Faschismus hin, sondern weit genauer auf ein Stück Klassengeschichte. Typologie ist nichts Neutrales, sondern hat ihren unvermeidlichen sozialen Ort. Zwischen den historischen Polen einer die jeweils Herrschenden beglückenden Gestaltarchitektur und einer konkurrierenden Geschichte staatlicher, aufklärerischer Typisierungen, die die moderne Unterschiedslosigkeit und Unsichtbarkeit des Gebauten zu ihrem Endergebnis hatte, war und ist die Typologie eine Theorie „kleiner Architektur", (architettura minore) für kleine Leute der kleinen Unterschiede, des Selbstgemachten, der unmöglichen Vermischungen. Das ist von vornherein eine Verliererpartei, und deshalb gehört der „mittelständische Sozialismus" innerhalb des NS ebenso hierher wie der „zentrische" Populismus im Nachkriegsitalien. Viel Gegenwart hat diese Position nicht, und deswegen haben alle Kritiker der (wirklichen) Typologie immer schon im vornherein recht.

Aber es ist sicherlich auch nicht der einzige Gesichtspunkt, die Dinge darauf zu befragen, ob sie hier und heute als neue Entwurfsästhetik brauchbar sind. Nachdem die Typologie allenthalben historisch verloren hat: in Deutschland aufgrund von Beteiligung am Morden bis zum bitteren Ende und darüber hinaus, in Italien durch kapitalistische Zerstörung der Volkskultur, auf der die Typologie aufbauen wollte, in England und Dänemark politisch, als Teil der immer weiter in die Defensive geratenen Arbeiterbewegung, wird es inzwischen höchste Zeit, die in ihr enthaltenen gesellschaftlichen Potenzen zu retten.

Der Ansatzpunkt dazu ist die endgültige Fragmentierung der Auftraggeber, Arbeitsfelder und Abnehmerästhetiken von Architektur. Der Bereich, in dem typologische Methoden sich überhaupt erst heute als unverzichtbar aufdrängen, läßt sich in zwei unterschiedliche Richtungen präzisieren. Die eine ist der Umgang mit der historischen Bausubstanz. Hier wird allgemeiner Einschätzung nach auf lange Sicht wieder der Schwerpunkt baulicher Investitionen liegen. Diese Bausubstanz, insbesondere die der Industriezentren des 19. Jahrhunderts, ist aber mit den vorhandenen Instrumentarien nicht zu greifen: man guckt an ihm gleicherweise ignorant vorbei, wenn man ihn sozialdemokratisch nur als mietpolitische Masse behandelt und wahlweise abreißen oder erhalten will, oder wenn man ihn neokonservativ als Gesamtkunstwerk begreift und mit denkmalpflegerischen Mitteln als städtisches oder dörfliches make-up wiederherstellen will. Die methodische Ebene, um mit guter architektonischer Massenware ohne Individualitätsanspruch als den, den das alltägliche Leben im Laufe der Jahrzehnte so mit sich bringt, umzugehen, fehlt. Aber eben das ist das Thema der Typologie. Der Widerstand gegen dieses Thema in Sanierungs- wie Denkmalpflegekreisen ist allerdings erbittert, und das legt wiederum nahe, nach den Ursachen in der jüngeren deutschen Geschichte zu fragen. Vielleicht ist dann auch einiges an der ungeheuren Begriffsstutzigkeit von Altbauarchitekten ihrem eigenen Gegenstand gegenüber erklärbar und vielleicht sogar aufhebbar.

Die andere Richtung ist der neue Siedlungsbau: genossenschaftlich errichtete Kleinsiedlungen mit wechselhaft politischem, ästhetischem oder ökologischem Anspruch, auf der Suche nach einer Hausform. Hier hat sich eine Art „Genossenschaftsstil" herausgebildet, der, weitgehend an skandinavische Vorbilder und gestalterische Sehnsüchte der deutschen zwanziger Jahre gerade kleinbürgersozialistischer Herkunft angelehnt, ziemlich genau seinen Zweck zur Anschauung bringt und deshalb durch keine Staatsbauästhetik oder Ideologiekritik aus der Welt zu drängen sein dürfte. Hier ist die Typologie also bereits tätig geworden, und sie müsste noch viel energischer als Methode in Tätigkeit gesetzt werden, wenn es nicht einfach mehr um Wohnen in Stadtrandlagen oder Dörfern geht, sondern um großstädtische Dimensionen und um Themen jenseits des bloßen Wohnens, z. B. der Mischung von Wohnung und Gewerbe: auch ein überkommenes und auf die Verliererseite geratenes Kleinbürgerthema, dem der gewisse Zukunftsgeruch nicht ganz abzusprechen ist.

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