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Seite(n) 90-99

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Selbstorganisiertes Wohnen

Von Kläser, Simone

Das selbstorganisierte Wohnen wird heutzutage mit dem Begriff der Baugruppe gekennzeichnet. Er fungiert als Sammelbezeichnung für alle Bautätigkeiten, die weder von einem einzelnen privaten Bauherrn noch auf Initiative eines öffentlichen oder privaten Bauträgers durchgeführt werden. Diese trockene Definition klingt, als wäre sie aus einer staatlichen Richtlinie oder Durchführungsverordnung entlehnt, der Eindruck täuscht jedoch. Der Begriff birgt Heterogenes, eine ganze Welt an Initiativen – das Bauen ist nur ihr kleinster gemeinsamer Nenner. Auch die Wurzeln der Baugruppen sind heterogen: Sie reichen von den historischen Genossenschaften als Teil der Wohnungsreformbewegung der 20/30er Jahre, den Kommunen und Wohngemeinschaften der 68er Zeit bis zu den sozialen und ökologischen Alternativmodellen der grünen Bewegung in den 80er Jahren.x Die sogenannten Bauherrenmodelle, die seit den 70er Jahren von Investorenseite aus als Kapitalanlage aufgelegt wurden, gehören nicht dazu.

Der Blick auf die Wurzeln ist insofern hilfreich, als er mit den Unterschieden auch die aktuellen Spezifika hervortreten läßt. Während in der Zeit zwischen den Weltkriegen der Schwerpunkt auf dem ökonomischen Problem der Wohnungsversorgung lag und die Genossenschaftskultur sich als eine Art Spin-Off der Gegenökonomie bildete, war die Triebkraft der 68er und 80er Jahre politisch-kultureller Natur und auf eine “Gegengesellschaft" gerichtet, die ihre ökonomischen Modelle finden mußte – unter Rückgriff auf die Historie. Beides trifft für die heutigen Baugruppen nicht mehr zu:

• Natürlich geht es im Wohnungsbau noch immer um Finanzierungsfragen und Rechtsformen, aber die Baugruppen haben nicht mehr den Stellenwert einer Gegenökonomie. Mit ihren Alternativen zu den herkömmlichen Wohnungsangeboten erweitern sie das Spektrum des Marktes und sind insofern marktkonform. Das bestätigt sich auch durch das neuere Interesse, das Investoren, Developer und Kommunen ihnen entgegenbringen.

• Und natürlich stehen auch die kulturellen Modelle, nach denen das Wohnen sich organisiert, weiterhin im Zentrum der Gruppenbildung. Aber es geht nicht mehr um eine “Gegengesellschaft". Die Initiativen aus den 68er und 80er Jahren haben ihr Selbstverständnis in der konfliktreichen Abgrenzung gegenüber den herrschenden Werten und Normen gewonnen, in den heutigen Baugruppen werden die ideologischen Auseinandersetzungen von einem Pragmatismus des Machbaren abgelöst.

• Das erklärt sich nicht zuletzt daraus, daß es ein erweiterter Personenkreis ist, der sich für Baugruppen engagiert. War es damals überwiegend die jüngere Generation, die auf der Suche nach neuen Wohn- und Lebensformen aus dem Korsett bürgerlicher Domestikation ausbrach, so sind heute bei der Bildung von Baugruppen alle Altersklassen vertreten und eine generationenübergreifende Gruppenstruktur wird geradezu erwünscht. War es damals überwiegend die alternative Szene, die ihre gesellschaftliche Randstellung noch im Wohnen befestigen wollte, so finden sich heute Menschen aus allen Schichten in Baugruppen zusammen, wobei nicht mehr die Abschottung von, sondern die Vernetzung mit dem Umfeld angestrebt wird. Auch die Integration sozialer Randgruppen gehört vielfach zu den Zielen.

Gemeinschaftsprojekte haben heute den Charakter der Normalität. Darin spiegelt sich natürlich die Liberalisierung und der Wertewandel der letzten 35 Jahre wider, aber es steckt mehr dahinter: Selbstorganisation ist die neue Tugend einer Gesellschaft, die weder ihren Standard an sozialstaatlicher Versorgungsleistung aufrechterhalten, noch die Defizite auf die Kleinfamilie abwälzen kann. Das wiegt um so schwerer, wenn die Folgeprobleme des demographischen Wandels der Selbsthilfe überlassen bleiben. Baugruppen stellen die Kleinfamilie nicht in Frage, aber sie bauen Auffangstrukturen – emotionale wie materielle. Diese Auffangstrukturen sind dazu angetan, die engen Grenzen des Wohnens zu sprengen, nicht nur, was den circulus vitiosus der Privatisierung betrifft, sondern sie erstrecken sich auch in den Bereich der Daseinsfürsorge, der für die Kommunen immer schwieriger aufrecht zu erhalten ist. Baugruppen organisieren zum Teil bereits heute Alten- und Kinderbetreuung, Pflegedienste, aber auch Freizeit- und Kulturangebote.

Viele der Gemeinschaftsprojekte der 80er Jahre sind an ihren eigenen Ansprüchen gescheitert, daran daß sie Kollektivität als Wert für sich gesetzt haben. Hier setzt der Pragmatismus der heutigen Baugruppen ein. Sowohl das Maß an persönlichem Engagement, d.h. wieviel Leistung jemand für die Gruppe erbringt, ist frei wählbar, als auch wieviel Gemeinschaftlichkeit jemand für sich realisieren will. Sollen jedoch gleichzeitig in der Gruppe Dienstleistungen angeboten werden, muß diese interne Kontingenz zu einer Professionalisierung führen, d.h. die Ergänzung von freiwilliger Hilfe mit bezahltem Service – und das ist teilweise bereits der Fall. Damit ein solches Modell tragfähig wird, bedarf es einer bestimmten Gruppengröße bzw. des Angebots dieser Leistungen in einem größeren Umfeld. Auch das ist in groben Umrissen bereits erkennbar. Solche Initiativen sind kein vorübergehendes Phänomen; sie werden sich schlicht und einfach deswegen vermehren, weil die Gesellschaft sie zu ihrem internen Funktionieren braucht. So betrachtet sind Baugrüppler die besseren Bürger.

Um einen Einblick in die Breite des Felds zu geben, das die Baugruppen abstecken, wurde eine Gruppensystematik entwickelt. Da es sich um einen Prozeß in progress handelt, kann sie nur vorläufig sein. Jede Gruppe ist mit einem für sie konstitutiven Merkmal charakterisiert. Dieses Merkmal kann auch in den anderen Gruppen auftauchen, ist dann aber nicht konstitutiv. Die Übergänge zwischen den einzelnen Gruppen sind nicht trennscharf, sondern gleitend.

A Professionell initiierte Baugruppen weisen den geringsten Grad an Selbstorganisation auf. Es geht primär darum, die Kosten des Planens und Bauens zu reduzieren und sich in der Gruppe mehr leisten zu können, als dem Einzelnen möglich ist. Initiatoren sind häufig externe Dienstleister, die nicht nur die Bauherren zusammenführen, sondern darüber hinaus Beratung, Moderation und Projektsteuerung anbieten. Diese neue Form der Projektentwicklung wird zunehmend auch von Architekten wahrgenommen.

B Special Interest Gruppen sind vor allem im Kontext der grünen Bewegung mit dem Anliegen von Umweltschutz, Nachhaltigkeit, ökologischem und energiesparendem Bauen entstanden. Die Wohnvorstellungen werden in diese Anliegen eingebettet. Neuerdings finden sich auch Gruppen zusammen, denen es vor allem um die Verwirklichung eines bestimmten Lebensstils in entsprechendem Ambiente geht.

C Lebenssituationsgruppen vereinen Menschen in ähnlicher, meist schwieriger Lebenslage, die sie sozial ausgrenzt oder finanziell benachteiligt. Das trifft z.B. für alleinerziehende Mütter, Schwule/ Lesben und viele ältere Menschen zu. Die Organisation in der Gruppe erlaubt eine ökonomischere Lebensführung und bietet sozialen Rückhalt. In dem Maße, wie der Einzelne auf die Gruppe angewiesen ist, wird die Erhaltung der individuellen Autonomie bedeutsam.

D Mehrgenerationengruppen lassen mit ihren gemischten Gemeinschaften die Großfamilie neu aufleben, allerdings ohne deren soziale Zwänge. Die Kompetenzen der Generationen werden zu einem symbiotischen Miteinander gebündelt. Es entsteht eine Art Generationenvertrag, der die gegenseitige Hilfe regelt.

E Gemeinwesengruppen haben ihren Ursprung vielfach bereits in den 80er Jahren. Sie sind in ihren eigenen Ansprüchen entsprechend sozial und politisch motiviert und schaffen ein Umfeld, das mehr beinhaltet als die reine Wohnfunktion. Die Organisation des Zusammenlebens erfolgt nach selbstgesetzten Regeln. Gemeinwesengruppen funktionieren erst ab einer bestimmten Größe, die ein zwangloses soziales Leben erlaubt, das Kontakt wie Distanz frei wählbar macht. (vgl. dazu den Artikel von G. Uhlig in dieser Ausgabe) A Professionell initiierte Baugruppen

Die eher pragmatisch orientierten Baugruppen erfahren gegenwärtig einen regelrechten Boom. Immer mehr Dienstleister erkennen die steigende Nachfrage, wie z.B. die Berliner Wasserstadt GmbH. Sie unterstützt künftige Bauherren bei der Planung und vermittelt Moderatoren, Berater und Architekten. Letztgenannte präsentieren für gewöhnlich einen fertigen Entwurf wie bei den Atelierhäusern von Beyer+Schubert Architekten, der überwiegend in Einzelgesprächen individuell angepaßt wird. Aktiver an der Planung beteiligt sind Baugruppenmitglieder in der Regel bei den von Architekten initiierten Modellen. Oft selbst auf der Suche nach Wohneigentum, wie roedig.schop und Gwinner Köhl, ergreifen diese die Chance mit offenen, interessierten Bauherren eigene Ideen umzusetzen. Unterstützung erfahren Baugruppen jedoch auch von Seiten der Kommunen, die allmählich die Bedeutung der bürgerlichen Eigeninitiative für die Stadtplanung erfassen. So wurden in Tübingen für die Bebauung der Südstadt u.a. regelmäßige Bauherrenbörsen veranstaltet, auf denen Interessierte sich kennenlernen, Gruppen bilden und Architekten finden können. Auch in anderen Kommunen beginnt man Wohngruppenbelange zu berücksichtigen, z.B. bei der Vergabe städtischer Grundstücke und der Auslegung vorhandener Förderbestimmungen. MAGAZIN, Tübingen, Loretto-Areal, Baugruppe mit 6 WE. Baisch + Fritz Architekten, Rechtsform WEG. Das alte Lagerhaus eines ehemaligen Militärgeländes wurde von einer privaten Bauherrengemeinschaft gekauft und umgebaut. Im Obergeschoß entstanden 6 Maisonettewohnungen, die jeweils über eine kleine private Dachterrasse verfügen. Im Erdgeschoß befinden sich Ladenflächen, Ateliers und Büros. Trotz Niedrigenergiebauweise ist es gelungen, den Ursprungszustand der Außenhaut durch eine Kombination von Innendämmung, Kastenfenstern und Lüftungsanlage zu bewahren.

STRELITZER STR 53, Berlin, Baugruppe mit 10 WE, Gwinner Köhl Architekten, Rechtsform WEG. Um trotz Bauvorschrift den außergewöhnlichen Blick über die Stadt zu nutzen, entwickeln die Architekten ausklappbare Balkone für ihr Wohnhaus auf dem ehemaligen Mauerstreifen.

ARTISTS VILLAGE, Berlin, Baugruppe mit 16 WE, Beyer+Schubert Architekten, Rechtsform WEG, Reihenhäuser mit 4-6 m hohen Atelierräumen und Dachterrasse im Entwicklungsgebiet Rummelsburger Bucht

HAUS AM PLATZ, Tübingen, Französ. Viertel, 7 WE und 2 Läden, LEHEN drei Architekten, Rechtsform WEG. An Gebäudekubatur ablesbare Gliederung der Grundrisse in Schlaf- und offenen Wohnbereich

WOHNETAGEN STEINSTRASSE, Berlin, Baugruppe mit 22 WE und 6 Gewerbeeinheiten Carpaneto Schöningh GmbH & Co. KG. Großzügige Wohneinheiten und gemeinsamer Garten als eine “kleine Insel für familiengerechtes Wohnen in der Stadt”.

TEN IN ONE, Berlin, Baugruppe mit 10 WE, roedig.schop architekten, Rechtsform WEG. Die beiden Architekten suchten mit Freunden und Bekannten eine Möglichkeit, Wohneigentum in der Stadt zu realisieren. Die Gruppe konnte neben den zehn individuellen Wohneinheiten Gemeinschaftsflächen in Form von Dachterrasse, Gästewohnung und Garten schaffen. Die Wohnungen sind stützenfrei und untereinander koppelbar, wodurch die Grundrisse in mehreren Stufen verändert werden können.

B Special Interest Gruppen

Interessengemeinschaften, die eine bestimmte Vorstellung vom Bauen oder Wohnen praktisch umsetzen wollen, bilden sich immer noch vorrangig innerhalb des Komplexes des ökologischen Bauens, das mittlerweile durch die steigenden Energiekosten auf einen breiten Konsens in der Bevölkerung trifft. Ähnliches gilt auch für das Umweltbewußtsein und für Gruppenprojekte, die ihr Selbstverständnis aus entsprechenden Vorgaben für den Wohnungsund Siedlungsbau herleiten. Im Freiburger Stadtteil Vauban lieferten diese Zielsetzungen die Richtlinien für die Stadtplanung. Es wurde ein nachhaltiger Umgang mit Ressourcen durch Niedrigenergiebauweise verwirklicht, sowie die vorrangige Nutzung von Fahrrädern und öffentlichen Verkehrsmitteln vorgesehen. Die kleinparzellierte Siedlungsstruktur wurde vor allem von Baugruppen bebaut, wobei für einen Teil des Gebietes sich sogar Gruppen, meist Familien mit kleinen Kindern, für ein autofreies Wohnen fanden. Dadurch konnte die Stadt die Stellplatzverpflichtung zum Teil aufheben und die Bauherren Kosten sparen. Ein ganz anders geartetes Modell, das die Bandbreite der Special Interest Gruppen zeigt, ist das Wohnen im Schloß, wo die feudale Atmosphäre das Surplus liefert, das die Gruppe zusammenführt. Grundlage solcher Gruppen ist eine ähnliche Haltung gegenüber dem Leben, die das Spektrum von hedonistisch bis altruistisch umfassen kann. Der Übergang zwischen den professionell initiierten Baugruppen und den Special Interest Gruppen ist gleitend. PASSIVHAUS WOHNEN UND ARBEITEN, Freiburg-Vauban, Common & Gies Architekten, Eigentum und Miete. Für das Wohn- und Bürogebäude mit 20 WE und mehreren Gewerbeeinheiten fanden sich schnell Interessenten. Das alternative Energie-, Abfall- und Sanitärkonzept wurde zusammen mit dem ISEund ISI-Fraunhofer-Institut realisiert.

AUTOFREI WOHNEN I, München, Claus Hofmann, Stephan Philipp Architekten, Rechtsform WEG. Auf dem durchgangsverkehrsfreien Gelände der Messestadt Riem entstanden 14 WE mit privaten Gärten. Die Anbindung an den ÖPNV, Carsharing und viele Fahrräder garantieren die erforderliche Mobilität. Mittlerweile sind zwei weitere autofreie Wohnprojekte entstanden.

SCHLOSS WIESENBURG, Wiesenburg bei Berlin, Planungsgruppe Wiesenburg, Eigentum und Miete. Die 22 Wohneinheiten werden als Erst- und Zweitwohnung, Wochenenddomizil und Büro überwiegend von Freiberuflern genutzt. Die großzügigen Gemeinschaftsbereiche wie Schloßküche, Gartensaal und Schloßpark werden von den Bewohnern selbst verwaltet. GemeinschaftsorienTIERtes WOHNEN, Karlsruhe, archis, Grünenwald + Heyl. Modellvorhaben der Initiative “bed & roses” / BWK mit Gemeinschaftsräumen, einem Gesundheitszentrum sowie betreuten Wohngruppen für Demente und behinderte Jugendliche. Die gemeinschaftlich versorgten Tiere sollen die Kommunikation fördern und dienen für tiergestützte Therapien.

 

C Lebenssituationsgruppen

Lebenssituationsgruppen haben ihre Wurzeln vielfach in den 80er Jahren in der Frauenbewegung und der Lesben- und Schwulenszene. Ein neueres Phänomen ist, daß immer mehr ältere Menschen Gruppenprojekte als Möglichkeit betrachten, ein unabhängiges Leben aufrechtzuerhalten. Neben der gegenseitigen Hilfe geht es dabei vor allem auch um gemeinschaftlich genutzte Dienste. Das Berliner Projekt Village e.V. ist unter den Seniorenprojekten insofern besonders, als es sich um die erste öffentlich bekennende Generation Homosexueller handelt, die ins Rentenalter eintritt. Es wird hier mit dem sozialen Umfeld eine Möglichkeit geschaffen, das gewohnte Leben fortzuführen. Bei “Wohnen gegen Hilfe” ist in Ansätzen ein

Modell erkennbar, das den gezielte Austausch von Hilfsleistungen zwischen alten und jungen Menschen wie z.B. Studenten vorsieht. Hierbei geht es vor allem um organisatorische und weniger um bauliche Fragen. Auch die Projekte von Frauen und Alleinerziehenden sind im Zunehmen begriffen. Diese Entwicklung ist vor allem vor dem Hintergrund der zahlenmäßig ansteigenden Singlehaushalte zu sehen. Für solche Gruppen geht es häufig erst einmal um erschwinglichen Wohnraum. Doch fast immer prägt diese Projekte ein gemeinsamer Geist wie im Fall der Beginen. Von ihren historischen Namensgeberinnen übernehmen sie vor allem auch einen Rechteund Wertekanon.

GEMEINSAM WOHNEN IM ALTER e.V., Tübingen, Ikarus Architektur, WEG. Private Initiative für “Betreutes Wohnen” mit 9 WE, Gemeinschaftsraum, und -terrasse, 2 Gästeappartements und Pflegebad. Gegenseitige Hilfe soll, falls erforderlich, mit ambulanter Pflege ergänzt werden.

VILLAGE e.V., Berlin, Christian Hamm, Eigentum und Miete. Gemeinschaftliches Wohnprojekt für Schwule und Lesben, ca. 25 WE, Gemeinschaftsräume. Die Raumorganisation vermittelt zwischen den Kommunikations- und Rückzugsbedürfnissen der Bewohner.

BREMER BEGINENHOF, Czerner Göttsch Architekten, ursprünglich Genossenschaft, derzeit in Verwaltung der Stadtsparkasse. Modellprojekt für alleinstehende Frauen mit 85 WE, 20 Gewerbeeinheiten, Kindergarten, Aufenthaltsräumen. Das soziale Netzwerk erleichtert die Verbindung von Berufstätigkeit und Kindererziehung. WOHNEN FÜR HILFE Freiburg, Köln, München, Münster. Ältere Menschen vermieten ein Zimmer an Studenten. Als Faustregel gilt: Eine Stunde Hilfe im Haushalt pro Monat und Quadratmeter. In Freiburg existiert eine Kooperation mit der Seniorenresidenz Erlenhof, in der die Studenten das Kultur- und Freizeitprogramm mitgestalten.

 

D Mehrgenerationengruppen

Das Leben in der Gemeinschaft, in einem selbst geschaffenen sozialen Umfeld, ist das zentrale Anliegen der Mehrgenerationengruppen. Entsprechend werden in der Regel eine größere Gemeinschaftsfläche und intensivere gemeinsame Aktivitäten vorgesehen, die einigen Organisations- und Verwaltungsaufwand mit sich bringen. Bei den meisten Gruppen existiert ein schriftliches Regelwerk für den Konfliktfall, das aber im Alltag kaum gebraucht wird. Hausinterne Aufgaben wie Gartenarbeit oder die Organisation von Festen werden oft in Arbeitsgruppen erledigt. Für Grundsatzfragen gibt es regelmäßige Plena. Ein wichtiger Punkt ist die gegenseitige Hilfe. “Es ist momentan so, daß die Älteren, die hier allerdings erst zwischen 60 und 70 sind, eigentlich mehr uns Jüngeren unter die Arme greifen, denn sie haben einfach mehr Zeit zur Verfügung”, sagt eine Bewohnerin des WohnreWIR Tremonia. Für sie ist selbstverständlich, daß den Älteren die rege Aktivität für die Gemeinschaft später vergolten wird, “wenn sie nicht mehr so fit sind”. Schriftliche Festlegungen für Hilfestellungen im Alter gibt es jedoch in den meisten Projekten nicht. Einig ist man sich jedoch darüber, betroffene Personen im Pflegefall zu unterstützen. Denkbar sind hier Tätigkeiten, die einen ambulanten Pflegedienst ergänzen.

WohnreWIR TREMONIA, Dortmund, Post u. Welters Architekten, Rechtsform WEG. 21 WE um einen Innenhof gruppiert, Gemeinschaftshaus mit Veranstaltungssaal und Gästewohnung. Für die sozial und demographisch gemischte Bewohnerstruktur sind verschiedene Wohnungsgrößen und -typen vorgesehen. Die extrabreiten Laubengänge bieten zusätzlichen Aufenthaltsraum.

WOHNSINN, Darmstadt, Faktor 10, Genossenschaft. Wohnanlage mit 39 WE, Gemeinschaftsräumen, Werkstatt, Gästeappartements, Dachterrasse etc., Passivhausstandard. Neben der altersmäßigen Mischung wurde großen Wert auf die soziale Integration von Randgruppen und Behinderten gelegt.

NACHBARSCHAFTLICHES WOHNEN, Bremerhaven, von Bewohnergruppe initiiertes Mieterprojekt, Träger STÄWOG Bremerhaven. Umbau eines Gründerzeithauses mit 10 WE, Werkstatt und Gemeinschaftsraum, der auch vermietet wird. Ihre Erfahrung mit dem Trägermodell will die Gruppe künftig in einem Seminar weitervermitteln.

GEMEINSCHAFTLICHES WOHNEN KARMELKLOSTER, Bonn-Pützchen, Fischer-von-Kietzell, Eigentum und Miete. Umbau mit ergänzenden Neubauten, 66 WE, 2 Büroräume, Gemeinschaftsraum, Gästeappartement, Café, Gartenpark. Nachbarschaftshilfe wird über einen Bewohnerverein organisiert.

 

E Gemeinwesengruppen

Die Gemeinwesengruppen begreifen sich als eigene Kultur, doch nicht als isolierten Kosmos. Sie bezwecken, im Gegenteil, ein Stück Stadt zu werden, indem sie gezielt auch Funktionen übernehmen, die über die eigene Versorgung mit Wohnraum hinaus Lücken der sozialen oder kulturellen Versorgung durch die Kommunen füllen. So hat das Selbsthilfeprojekt SUSI in Freiburg nicht nur dringend benötigten sozialen und studentischen Wohnraum geschaffen. Arbeitspolitische Maßnahmen wirken auch noch über die Bauphase hinaus, z.B. als Qualifizierung der Mitwirkenden (Bautrupps aus Arbeitslosen, Studierenden, Handwerkern und künftigen Mietern), Wiedereingliederungsmaßnahmen, Unterstützung selbstverwalteter Betriebe oder Aufbau von kleineren Betrieben, die sich aus den Bautrupps entwickeln können. Eines der Ziele der Sargfabrik galt von Anfang an dem integrativen Wohnen. Die Initiativgruppe reservierte einige Wohneinheiten für Menschen mit Behinderung und Flüchtlinge. In der MISS Sargfabrik, der “kleinen Schwester” des Projektes, wurde eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft aufgenommen und damit auf den konkreten Bedarf der Stadt Wien reagiert, die hierfür Fördergelder bereitstellte. Gemeinwesengruppen sind grundsätzlich basisdemokratisch organisiert, ihre Verwaltung erfordert jedoch allein wegen der Gruppengröße, die um die 250 Personen umfassen kann, ein gewisses Maß an Professionalisierung. Das gilt auch für den Betrieb der ständigen kulturellen und sozialen Einrichtungen und Angebote.

MIKA – MieterInneninitiative Karlsruhe, Rechtsform: Genossenschaft, Gründung: 1997. Umwandlung ehemaliger Wehrmachtskasernen, 86 WE, Kulturhaus mit Veranstaltungsräumen und Gaststätte, ca. 250 Bewohner, 30 % davon Ausländer. Die vorhandene Raumstruktur wurde weitestgehend beibehalten, wo nötig Durch- bzw. Abbrüche vorgenommen. Die Selbstverwaltung erfolgt über die Hausgemeinschaften, die Delegierte in den zentralen “Aufsichtsrat” schicken.

SUSI, Freiburg-Vauban, eingetragener Verein, Gründung: 1990. Umbau von 4 Kasernen auf Konversionsgelände, 260 Bewohner, Startkapital: “Muskelhypothek” von 105 Stunden. In Selbsthilfe entstanden 1- bis 10-ZimmerWohnungen, zwischen den Gebäuden siedelte sich ein Bauwagendorf an. “Viel Eigeninitiative war gefragt, und man kann schon sagen, daß eine Art Euphorie oder Hausbesetzerfeeling herrschte. Die Bewohnerzahl stieg stetig an, die Hausgemeinschaft war sehr bunt und bot Raum für Randgruppen jedweder Couleur, Hauptsache links und benachteiligt.” Der Umbau wurde von sogenannten “Baugruppen“ ausgeführt, zuständig für verschiedene handwerkliche Bereiche. Selbsthilfewerkstätten wie z.B. die Schreinerei bilden damals wie heute die Basis der Renovierungsarbeiten. AEGIDIENHOF, Lübeck, smf architekten, WEG. Umbau einer historischen Anlage in der Lübecker Altstadt, 62 WE, Gemeinschaftsraum, Werkstatt, Sauna, Pflegebad, Gästezimmer, 12 Gewerbeeinheiten, ca. 120 Bewohner. Die Initiatoren wollen an die wechselvolle Sozialgeschichte des Ensembles anknüpfen und das Potential nutzen, das in der Mischung der Generationen liegt. Eine zentrale Beratungsstelle koordiniert Hilfsangebote und -gesuche und arrangiert z.B. Botenund Einkaufsgänge, Hilfe im Haushalt oder Babysitten. Sie vermittelt Serviceleistungen von außen und ambulante Pflegedienste. Für zunehmende Hilfsbedürftigkeit und wachsende Pflegeansprüche werden weitere Betreuungsangebote und ganzheitliche Pflegekonzepte entwickelt. Die 12 Häuser aus unterschiedlichen Epochen – die Baustile variieren von der Spätgotik über Renaissance bis zum Historismus – sind um einen ruhigen Innenhof gruppiert. Die teilweise barrierefreien Wohnungen sind für verschiedene Haushaltsformen ausgelegt. In den 12 Gewerbeeinheiten sind u.a. eine Buchbinderwerkstatt, ein Atelier, das Architektenbüro sowie verschiedene Praxen untergebracht. Mit den gewerblichen Einrichtungen, dem Kulturund Stadtteilcafé sowie Ausstellungen, Konzerten und Lesungen richtet sich der Aegidienhof auch an das städtische Umfeld. Veranstaltungen werden über den gemeinnützigen Aegidienhof e.V. organisiert.  

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
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