ARCH+ 19

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Erschienen in ARCH+ 19,
Seite(n) 9-15

ARCH+ 19

Über das Verhältnis der allgemeinen Theorie der dynamischen Systeme zum dialektischen Materialismus

Von Stoffl, Heinrich

Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Artikel von P. Gang über „Funktion und Nutzen der Anwendung kybernetischer, informationstheoretischer und verwandter Methoden in der Planungstheorie"

1. Grundsätzliche Bemerkungen

2. Die philosophische Bedeutung der Systemtheorie

3. Die methodologische Bedeutung der Systemtheorie

4. Systemtheorie und Realwissenschaft

5. Systemtheorie als Produktivkraft

6. Systemtheorie und Stabilitätspolitik

7. Zum Artikel P. Gangs

 

1. Grundsätzliche Bemerkungen

Anlaß für die Abfassung der folgenden Ausführungen war die kritische Auseinandersetzung mit dem von P. Gang verfaßten Artikel: „Funktion und Nutzen der Anwendung kybernetischer und informationstheoretischer Methoden in der Planungstheorie", die von einem Teil der (ARCH +) - Redaktion als gleichermaßen wesentlich wie schwierig erachtet wurde. Sieht man nämlich davon ab, daß Gang nicht von Planungstheorie, sondern von Planungspraxis spricht und damit die engere Problematik des Planungstheoretikers überhaupt nicht erfaßt und im Zusammenhang seiner Erörterungen eine Anzahl nicht gerade belangloser Fehler macht, so spricht er jedenfalls einen Tatbestand an, der von grundsätzlicher Bedeutung ist: die Fetischisierung von Planungsmethoden zu einem Allheilmittel.

Ein großer Teil der marxistisch „anpolitisierten" Planerarchitekten, Soziologen und Ökonomen in der BRD verfällt mehr und mehr der Tendenz, den Gegenstand seiner „politischen" bzw. „marxistischen" Auseinandersetzungen auf die Entwicklung der technisch-wissenschaftlichen Produktivkräfte zu reduzieren, und jede Auseinandersetzung mit den Produktionsverhätlnissen, dem wissenschaftlichen Sozialismus – insbesondere den Problemen des Klassenkampfes - zu ignorieren bzw. beruflichen Karriereinteressen unterzuordnen.

Dessen ungeachtet ist es aber auf der anderen Seite für den wissenschaftlichen Sozialismus und die Ergebnisse polit-ökonomischer Analysen nicht gerade förderlich, die Bedeutung der Produktivkräfte herabzuspielen oder deren Charakter zu verkennen. Insbesondere entspricht es linksradikaler Naivität, sämtliche Errungenschaften der sogenannten „bürgerlichen Wissenschaften" zu ignorieren oder leichtfertig abzutun, ohne sie zuvor einer Analyse nach den Kategorien der marxistischen Erkenntnislehre unterzogen und auf ihre Tragfähigkeit geprüft zu haben.

Eine derartige Analyse von Systemtheorie bzw. Kybernetik wie etwa G. Klaus, wenn auch – wie R. Damus zeigt (1) – aufgrund vulgären Umgangs mit sowohl den Kategorien des dialektischen Materialismus als auch jenen der Systemtheorie/Kybernetik mit wenig zufriedenstellender Intention versucht, unterläßt P. Gang leider völlig, wodurch ihm eine Anzahl von Fehlern unterläuft, die insgesamt ein ziemlich verzerrtes Bild der von ihm im Titel angesprochenen Problematik geben. Der von Gäng begangene Fehler grundsätzlicher Art, auf den die meisten Mängel seiner Darlegungen zurückzuführen sind, beruht auf seinem falschen bzw. eigentlich völlig Undefinierten methodischen Ansatz. Obwohl der Autor – insbesondere im 3. Teil seiner Arbeit – betont, daß die einzige vertretbare, weil objektiv richtige Methode der Analyse der Bedingungen sowie des realensAblaufes von Planungsprozessen und deren Ergebnissen die diajektisch-materialistische ist, verzichtet er bei der Analyse seines Gegenstandes - nämlich der Planungstheorie – auf die Anwendung dialektischer Kategorien vollständig, so daß die Ergebnisse seiner Darlegungen eigentlich jeder fundierten Grundlage entbehren und dementsprechend eine völlig falsche Einschätzung des Charakters sowie des Wertes kybernetischer, systemtheoretischer u. dgl. Methoden und Modelle darstellen, wodurch sich die ohnedies bestehende gewaltige Verwirrung auf diesem Gebiet - wie sie sich etwa in Brunn, Görg, Voß (2) dokumentiert - wohl nur noch erhöht.

Aus diesem Grund soll, bevor auf die fraglichen Stellen im Text näher eingegangen wird, zunächst einmal wenn auch nur in einigen Punkten - eine auf dem dialektischen Materialismus basierende Einschätzung von Kybernetik bzw. Systemtheorie, ihren Ergebnissen bei der Anwendung auf spezielle Objekttheorien, den auf ihnen beruhenden Methoden etc. gegeben werden. Die Kritik an P. Gäng's Aufsatz steht somit nicht im Mittelpunkt folgender Ausführungen, sondern weicht einer mehr umfassenden Auseinandersetzung und Stellungnahme zugunsten eines weiteren Interessentenkreises.

2. Die philosophische Bedeutung der Systemtheorie

Als allgemeine Theorie der Dynamik materieller Systeme stellt die Systemtheorie eine neue und zwar die bisher konkreteste Ausformulierung der Kernsätze der Theorie der objektiven Dialektik (3) dar. Sie formuliert die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten des Verhaltens und der Entwicklung materieller Systeme in mathematischer Form und führt in Verbindung mit spezielleren seinsspezifischen Erfahrungen zur Formulierung und dem Verständnis der Besonderheiten der Bewegungsformen der Materie auf den verschiedenen Seinsstufen. Sie legt ihre Gesetze sowohl in abstrakt-allgemeiner wie auch konkret-allgemeiner Form dar und bietet aufgrund der hochoperationalen Deduktionsstruktur der ihr zugrunde liegenden matehmatischen Sprache die Möglichkeit der umfassenden symbolischen Manipulation jedweden mit ihren Mitteln konstruierten Systemmodells und damit die der kognitiven Antizipation des Ergebnisses sowie der Nebenerscheinungen jeder der jeweiligen Modellmanipulation in der Praxis entsprechenden Maßnahme.

Wie die Theorie der objektiven Dialektik überhaupt ist die Systemtheorie materialistische Ontologie (was R. Damus beispielsweise nicht versteht, wenn sie G. Klaus „Ontologisierung" der Systemtheorie vorwirft.) (4) Als solche findet die Systemtheorie ihre Begründung nicht wie die idealistischen Ontologien (Metaphysiken) über einen apriorisch-spekulativen, sondern den aposteriorisch-historischen Weg: Sie ist das Resultat der Gesamtheit der im Laufe ihrer Geschichte gesammelten Erkenntnisse der dem materialistischen Abbildungsprinzip genügenden Realwissenschaften. Als solches ist sie selbstverständlich ein historisches, der Weiterentwicklung bedürftiges System.

Ihre erste umfassende, bis heute gültige mathematische Ausformulierung findet die Svstemtheorie im Jahre 1927 durch G. Birkhoff in: Dynamical Systems. Wesentliche Weiterentwicklungen gehen auf v. Bertalanffy, Kolmogorov, Wiener, Ljapunov, Bellman, Pontrjagin, Kaiman, Bucy und Mesarovich zurück. In dieser Formulierung bildet sie, aufgefaßt als materialistische Ontologie, heute eines der stärksten Wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Argumente gegen die positivistische Wissenschaftsauffassung, die mit einer auf die Postulate der Existenz, Eindeutigkeit und Geordnetheit einer realen Objektwelt reduzierten Ontologie auszukommen meint. (In diesem Zusammenhang ist zu betonen, daß es eines der Verdienste des logischen Positivismus war, die idealistische Ontologie innerhalb des Rahmens der „bürgerlichen Wissenschaften" überwunden zu haben, sein Irrtum und seine Schwäche lagen wohl darin, die Theorie der objektiven Dialektik, die damals zwar noch.nicht explizit ausformuliert war, in die Reihe der idealistischen Ontologien eingeordnet und sie mit diesen verworfen zu haben, weshalb es ihm auch nicht mehr gelingen konnte, eine materialistische Ontologie zu begründen).

Es wäre wohl die gleiche Dummheit, die Systemtheorie zu verwerfen, weil sie in ihrer ersten Formulierung Resultat der „bürgerlichen Wissenschaften" ist, wie es gewesen wäre, die früheren Ansätze zu einer Theorie der objektiven Dialektik zu verwerfen, nur weil sie vom deutschen Idealismus adaptiert bzw. weiterführend entwickelt wurden. Ein ähnlicher Fehler unterlief dem dogmatischen Diamat der vierziger und fünfziger Jahre , als im Zusammenhang mit der erneuten Auseinandersetzung mit dem philosophischen Positivismus und dem Kampf gegen die positivistische Ideologie auch die Errungenschaften des logischen Positivismus verworfen wurden, die im wesentlichen darin bestanden, die wissenschaftslogische Abbildungstheorie begründet zu haben.

3. Die methodologische Bedeutung der Systemtheorie

Als allgemeine Theorie der materiellen Systeme liefert sie, indem sie die allgemeinen und seinsspezifischen Gesetzmäßigkeiten systematisch zur Anwendung bringt, die fundamentalen Kategorien der objektwissenschaftlichen Erkenntnis bzw. Theorienbildung. Insofern bilden die systemtheoretischen Erkenntnisse, die in Form von allgemeinen Sätzen und Theoremen formuliert sind, auch einen wesentlichen Bestandteil der Theorie der subjektiven Dialektik. Eines jener Theoreme, dessen Inhalt zwar - wenn auch nur in spekulativ-philosophischer Form — zumindest seit Hegel bekannt ist, das aber aufgrund seiner mathematischen , d.h. wesentlich höheren qualitativen, quantitativen und insbesondere modalen Aussagekraft wesentliche neue Implikationen für die realwissenschaftliche Analyse sowie Theorienbildung liefert, besteht in der Formulierung des stochastischen sowie des deterministischen Kausalprinzips in Form von Differentialgleichungen (5). In vulgärer Auslegung reduziert sich seine Aussagekraft auf die Feststellung, daß jeder Zustand eines Systems nur aus seiner Geschichte erfaßbar und erklärbar ist. So wie die Systemtheorie die Basis ihrer Begründung und Weiterentwicklung in der realwissenschaftlichen Erkenntnis findet, bildet sie als Bestandteil der materialistischen Dialektik ihrerseits eine der fundamentalsten Voraussetzungen für die Weiterentwicklung jener methodologisch begründeten Realwissenschaft. Sie ist also gleichzeitig Ergebnis und Voraussetzung realwissenschaftlicher Erkenntnis.

4. Systemtheorie und Realwissenschaft

Aus den letzten Punkten folgt unmittelbar die Bedeutung der Systemtheorie für die Realwissenschaften. Obwohl in Physik und Chemie bereits seit langem, wenn auch nicht immer bewußt zur Awendung gekommen, bildet sie - aufgefaßt als Bestandteil der Theorie der objektiven Dialektik - eine neue Basis für die Fundierung einer Vielfalt von SpezialWissenschaften, wie etwa der Elektrotechnik, der Biologie oder der Ökonomie und bedingt damit (soweit nicht schon vorhanden) den Eingang wesentlicher Aspekte der dialektischen Methode in jene Disziplinen. Man denke hierbei etwa an die umwälzenden Arbeiten von v. Neumann, v. Bertalanffy und Kalecki.

Die Tatsache, daß ein fortgeschrittener Stand der Erkenntnisse und der Methodologie einen wesentlich höheren Grad der Handlungsfähigkeit ermöglicht, bildet wohl überhaupt das Wesen jeder Erkenntnis mit optimalem objektivem Gehalt. Anders ausgedrückt bildet die objektive Erkenntnis die subjektive Voraussetzung jeder wie immerauch intendierten Praxis, d.h. jeden zielgerichteten Handelns. Daß dies nicht nur auf technischem Gebiet, sondern auch im ökonomischen und politischen Bereich und da nicht nur für das Proletariat, sondern auch für den Kapitalisten gilt, ist wohl selbstverständlich; daß man durch die Anwendung objektiver Erkenntnisse Prozesse je nach Manipulation ihrer Voraussetzungen und Bedingungen innerhalb des Spielraumes zwischen den im jeweiligen Objektbereich herrschenden Gesetzmäßigkeiten und Widersprüchlichkeiten in diese oder jene Richtung lenken kann, ist wohl genauso trivial wie die Tatsache, daß ein Hammer sowohl zum Einschlagen von Nägeln wie auch als Mordinstrument benutzbar ist. Tatsache ist ferner, daß die für eine erfolgreiche Praxis erforderliche Kenntnis dieser Spielräume, d.h. der sie konstituierenden Gesetzmäßigkeiten und Widersprüchlichkeiten eine umso dringlichere und umfassendere sein muß, je kleiner jene Spielräume, d.h. je grundlegender und durchdringender die Widersprüche der betreffenden in unmittelbarem Handlungszusammenhang stehenden Systeme werden.

Dies hat beispielsweise Marx erkannt, als er als Theoretiker der Arbeiterbewegung die Struktur des Kapitals und die Grundgesetze und die aus ihnen resultierenden Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise einer so umfassenden Analyse unterworfen hat. Im Bereich der Ökonomie wurden ähnliche – ob zwar weniger umfassende – dafür aber der sowohl im methologischer als auch politischer und ökonomischer Hinsicht neuen historischen Situation adäquatere Versuche seither nahezu ausschließlich von Theoretikern der bürgerlichen politischen Ökonomie, wie etwa Marshall, Keynes und Samuelson unternommen.

In Anbetracht der gegenwärtigen Struktur der kapitalistischen Wirtschaftssysteme und der neuen geschichtlichen Bedeutung des planenden und regulierenden Staates ist es von unbedingter Notwendigkeit, die im Zuge des Widerstandes gegen das zum Durchbruch drängende ökonomische Gesetz von der unbedingten Übereinstimmung der Produktionsverhältnisse mit den Produktivkräften und gegen die sich zunehmend organisierenden fortschrittlichen gesellschaftlichen Kräfte herausgebildeten Organisationsformen, Mechanismen und Strukturen des nationalen und internationalen Kapitals laufend umfassenden und grundsätzlichen Analysen zu unterziehen. Die Analyse dieser Organisationsformen, die von der Bildung der ersten Trusts, Syndikate und Kartelle bis zur Aufteilung der Welt durch die monopolistischen Kapitalverbände und über Marshall, Keynes und „New Deal" zur heutigen Form des Staatsinterventionismus führen, muß jedoch mit Mitteln bestritten werden, die in jeder Hinsicht und in jedem Aspekt jenen Mitteln überlegen oder mindestens ebenbürtig sind, auf welchen diese zu analysierenden kapitalistischen Organisationsformen und Mechanismen beruhen. Daß die genetisch-analytischen und Struktur-analytischen Verfahren, die die wirtschaftlichen Beziehungen und deren Gesetzmäßigkeiten rein qualitativ abbilden, dieser Forderung keineswegs entsprechen, ist unmittelbar evident, da sie die analytische Form dieser Beziehungen, die dialektischer, in der Mehrzahl insbesondere kausaler oder finaler Natur sind, nicht erfassen bzw. darstellen können.

Dieser Mangel der heutigen marxistischen politischen Ökonomie ist jedoch kein formaler, sondern ein historischer, der auf einer rein intuitiven Anwendung der dialektisch-materialistischen Methode beruht, deren Stand obendrein nicht über den der Ausführungen von Marx und Engels hinausgeht. Obwohl Marx in beeindruckender Weise demonstriert, wie die Methode parallel der Analyse des wissenschaftlichen Gegenstandes laufend weiter zu entwickeln ist, ist heute davon nichts mehr zu bemerken. Gang bezeichnet die Auseinandersetzung mit den wissenschaftlichen Methoden sogar als rein akademische, die ihm „den Aufwand des Fragens kaum lohnt."

Wegen dieses hohen Standes des Repertoires methodologischer wissenschaftstheoretischer und philosophischer Kategorien ist eine derartige historische Verarmung in der Anwendung dialektisch-materialistischer Methoden und Begriffe in der wissenschaftlichen Analyse sowohl naturhafter als auch gesellschaftlicher Sachverhalte heute nicht mehr tragbar. Aus dem gleichen Grund scheint mir z.B. die gesamte Sanierungsproblematik – polemisch überspitzt ausgedrückt – durch die diversen Standorttheorien, insbesondere in ihrer programmatischen, die Profitmarxierung offen anstrebenden Anwendung durch Industrie und tertiären Sektor wesentlich adäquater und treffender erfaßt zu sein als durch einen Großteil der meistens an der Oberfläche ansetzenden vulgären polit-ökonomischen Analysen. Ansätze zur Fundierung und weiteren Entwicklung der politischen Ökonomie auf der Basis der durch die Entwicklung der allgemeinen Theorie der dynamischen Systeme auf einen neuen Stand gekommenen Theorie der objektiven und der subjektiven Dialektik sind vorerst noch äußerst spärlich. Unbedingt hinzuweisen ist jedoch auf die ersten, wenn auch teilweise noch sehr dürftigen oder gar mangelhaften Versuche eines Kalecki, Brody oder Laski. (6)

Am Rande hinzuweisen ist noch auf den weit verbreiteten Irrtum, die rein ideologischen und völlig unwissenschaftlichen Ausführungen etwa eines K.W. Deutsch („Nerves of Government") bzw. N. Luhmann als Resultate systemtheoretischer Untersuchungen aufzufassen. Luhmann als Systemtheoretiker oder Dialektiker hinzustellen, entspricht wohl der gleichen wissenschaftlichen Naivität, die einen Habermas oder Marcuse als Marxisten bezeichnet. Aus all den angeführten Gründen erachten wir die Aneignung der Systemtheorie und deren geschlossene Integration in den dialektischen Materialismus als unabdingbare Voraussetzung für jeden, der wissenschaftliche Erkenntnis als nützlich anerkennt oder gar wissenschaftliche Arbeit, ganz gleich ob mit der Intention, polit-ökonomische Analysen oder ingenieurwissenschaftliche Planung und ähnliches durchzuführen, leisten will.

5. Systemtheorie als Produktivkraft

Die Bedeutung der Systemtheorie als Produktivkraft ist wohl unbestreitbar. Man denke etwa an die Rechentechnik, Regelungs- und Nachrichtentechnik, die Energietechnik, Simulations-'und Planungstechnik. Obwohl heute in den kapitalistischen Ländern ausschließlich zum Zweck der für die Profitmaximierung der besitzenden Klasse unentbehrliche Steigerung der Arbeitsproduktivität sowie die Kontrolle der arbeitenden Massen mißbraucht, bilden Rechentechnik und Automation einen wesentlichen Faktor für die Entlastung der menschlichen Arbeitskraft. Da die Systemtheorie wesentlicher Faktor des heutigen Systems der Produktivkräfte ist, bedeutet die Verweigerung ihrer Aneignung tendenziell das gleiche wie Maschinenstürmerei. Wollen wir den Klassenkampf mit dem primären Ziel der Vergesellschaftung des Produktionsmittel ideologisch und wissenschaftlich unterstützen, so wäre es heller Wahnsinn, a) ihn mit opportunistischen Mitteln zu führen und b) die Bedeutung der technisch-wissenschaftlichen Produktivkräfte für die schrittweise Überwindung der Warenproduktion zu ignorieren. Erst ein entsprechend hoher Stand der Produktionstechnoiogie gestattet den allmählichen Übergang vom Individual- zum Soziallohn, d.h. die Vergesellschaftung der Kosten für die Verteilung der Gebrauchswerte nach den Bedürfnissen. (7)

6. Systemtheorie und Stabilitätspolitik

„Zum Unterschied von den Gesetzen der Naturwissenschaft, in der die Entdeckung und Anwendung eines neuen Gesetzes mehr oder weniger reibungslos vor sich geht, stößt auf ökonomischem Gebiet die Entdeckung und Anwendung eines neuen Gesetzes, das die Interessen der überlebten Kräfte der Gesellschaft beeinträchtigt, auf den stärksten Widerstand dieser Kräfte." (8) Angewandt auf den fortgeschrittenen Kapitalismus bedeutet dies, daß „das ökonomische Gesetz der unbedingten Übereinstimmung der Produktionsverhältnisse mit dem Charakter der Produktivkräfte . . . in den kapitalistischen Ländern", obwohl es auch da schon „seit langem zum Durchbruch drängt", sich deshalb noch keine „freie Bahn" verschafft hat, „weil es auf den stärksten Widerstand der überlebten Kräfte der Gesellschaft stößt". Der Widerstand dieser Kräfte, deren Stärke im wesentlichen auf dem Instrument des Staates fußt, ist jedoch, will er erfolgreich sein, sowohl in funktioneller wie auch struktureller Hinsicht gezwungen, sich an die je weiligen ökonomischen Bedingungen anzupassen. Um diesen Bedingungen genügen zu können, besteht für die herrschende Klasse die Notwendigkeit, sich sowohl ein präzises Abbild von diesen ökonomischen Bedingungen zu verschaffen als auch ein operationales Instrument zu erarbeiten, welche es in kombinierter Anwendung gestatten, die Spielräume zwischen den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten und den jeweiligen konkreten ökonomischen Widersprüchen des Systems strategisch, d Ji. wirtschaftlich sowie politisch optimal zu nutzen.

Als Faktor der Produktionstechnologie steht die Systemtheorie damit im zentralen Interessenfeld des fortgeschrittenen Kapitals. Insbesondere benutzt natürlich auch die Lehre des Staatsinterventionismus die Systemtheorie zu ihrer theoretischen und instrumenteilen Fundierung. Wenn nun deshalb die Bedeutung der Systemtheorie für die Stabilitätspolitik der kapitalistischen Länder hervorgehoben wird, so muß hierbei beachtet werden, daß sich hieraus keinerlei Schluß über den Wert oder Unwert der Systemtheorie ableiten läßt. Vielmehr provoziert der Satz „daß die Praxis stets nur funktioniert, wenn die Theorie stimmt" die Folgerung der besonderen theoretischen und methodologischen Tauglichkeit der Systemtheorie aus ihrer guten Eignung für die Ermittlung stabilitätspolitischer Maßnahmen. In einem Atemzug möchte ich aber betonen, daß die Analyse der kapitalistischen Wirtschaftssysteme am deutlichsten und unwiderlegbarsten die inneren — auch durch staatsinterventionistische Maßnahmen letztlich nicht aufhebbaren - Widersprüche aufgedeckt und widergegeben hat. (9) Daß es trotz der Anwendung der Systemtheorie z.B. möglich ist, den Klassencharakter und die Ausbeutungsverhältnisse des Kapitalismus zu vertuschen, soll hier auch nicht geleugnet werden. Es ist dies aber kein Mangel der system-wissenschaftlichen Theorie, sondern einer der in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen verankerten Wissenschaftspraxis. Nicht zuletzt werden ja entsprechende Erfolge, wie etwa die Samuelson's, mit dem Nobelpreis honoriert.

Von besonderer wissenschaftlicher Naivität oder linksradikalem Gehabe zeugen jedoch Aussagen, die systemtheoretische Analysen als „system-stabilisierend wirkende idealistische Verkürzungen" (10) bezeichnen. Provozierend möchte man zurückfragen, wer denn nun Stabilitätspolitik betreibt, die Systemtheorie oder das Kapital? Oder: Wer bedient sich wessen, das Kapital der Theorie, oder die Theorie des Kapitals?

7. Zum Artikel P. Gangs

Abgesehen von diversen Kleinigkeiten, ist das erste, was beim Lesen des Artikels auffällt, eine völlig dogmatische, in keiner Weise haltbare, vielleicht irgendwelchen bürgerlichen Ideologen abgeschaute Verwendung des Regelkreisschemas zur Darstellung von Planungsprozessen. Ähnlich wie R. Damus reduziert P. Gang das feed-back zwischen zwei Systemen, d.i. hier das feed-back des beplanten Systems zum planenden System auf eine rein informationelle Kategorie, wodurch er automatisch sämtliche materielle Interdependenzen zwischen diesen Systemen, die ökonomischen Abhängigkeiten eingeschlossen, eliminiert. Auf der Basis eines derartigen Modells, welches sämtliche Warenbeziehungen, Kapitalbewegungen etc. auch zwischen den Subsystemen ausschließt, ist Planung in jedem Fall völlig unmöglich. Hiermit würde sich eigentlich schon jede weitere Debatte erübrigen.

Überhaupt bleibt es bei Gang durch den ganzen Aufsatz hindurch völlig unbestimmt, auf welchem Niveau der Abstraktion sich der Autor Planungstheorie im jeweiligen Zusammenhang seiner Argumentation jeweils vorstellt, was nur auf den Mangel eines Bildes des im Planungsprozeß ablaufenden Überganges vom Abstrakten zum Konkreten und dessen Realisation in der Praxis zurückzuführen ist. Ebenfalls hierauf zurückzuführen ist offensichtlich der Eindruck, daß durch den ganzen Aufsatz hindurch nicht von Planungstheorie, sondern eigentlich von Planungspraxis die Rede sei.

Ein hiermit eng zusammenhängender Fehler unterläuft Gang in der Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang zwischen Methode und Standpunkt des Planers. Hierzu ist folgendes zu sagen: Nachdem die Begriffe der Systemtheorie wie die der Theorie der objektiven Dialektik allgemein-abstrakter Natur sind, können sie den Planungstheoretiker nur dann zur Klarlegung seines Klassenstandpunktes zwingen, wenn er sie so auf die Totalität der Planungspraxis anwendet, wie es die Theorie der subjektiven Dialektik erfordert, d.h. wenn er diese Totalität durch ihre Gesetzmäßigkeit zu erfassen versucht und die allgemeinen Begriffe (wie Regler, feed-back etc.) zunehmend mit konkreten Inhalten füllt. Die konsequente Einhaltung dieser erkenntnistheoretischen Forderung durch den Planungstheoretiker setzt jedoch die Vertraut heit mit den Begriffen und Ergebnissen der marxistischen politischen Ökonomie und des historischen Materialismus, also gewissermaßen auch den Klassenstandpunkt bereits voraus, da er diese in ihrer vollen notwendigen Gesamtheit ansonsten erst selbst nachvollziehen müßte, will er die Dialektik seiner Planungspraxis bzw. eines speziellen Planungsproblems, die ja von wesentlich höherer Konkretheit ist als die der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur in ihrer jeweils besonderen Form, tatsächlich erfassen. Die Klarlegung des Klassenstandpunktes wird also in der konkreten Planungspraxis weniger durch eine Methode als vielmehr ausschließlich durch die aus der jeweiligen Stellung des Planers in den Produktionsverhältnissen resultierenden Widersprüchlichkeiten seiner Praxis erzwungen werden. Eine dieser Widersprüchlichkeiten bildet in Anbetracht der Systemtheorie als Produktivkraft und Methode die aus dieser Stellung des Planers in der Produktion (als Lohnabhängiger und Auftragsempfänger) resultierende Unmöglichkeit, den Gebrauchswert seines Produktes mit dem Potential dieser Methode zur Deckung zu bringen. Die Widersprüchlichkeiten zwischen einem etwaigen proletarischen Klassenstandpunkt und den an ihn delegierten Planungsaufgaben kann der Planer natürlich nicht in seiner beruflichen Praxis und zwar weder mit Hilfe der Systemtheorie noch des sie umfassenden dialektischen Materialismus, sondern nur durch eine auf ihnen beiden fußende revolutionäre politische Praxis lösen.

 

Verweise:

(1) Damus, R.: Kybernetische Systemtheorie und marxistische Philosophie, in: Fehl, Fester, Kuhnert: Planung und Information, Güteistoh 1972.

(2) Brunn, Görg, Voß: Systemtheorie, Systemanalyse, Systemtechnik. Unveröffentliche Diskussionsfassung. Dortmund 1972.

(3) Vgl. etwa: Rapp, F.: Gesetz und Determination in der Sowjetphilosophie. Dordrecht—Holland 1968; Stichwort „Dialektik", in: Buhr, Klaus: Philosophisches Wörterbuch, Leipzig 1970. (4) Vgl. Damus, R., a.a.O.

(5) Vgl. Stoffl, H.: Systemsimulation, in: Maser, Schulte, Stoffl: Prognose und Simulation. Stuttgart 1973.

(6) Vgl. Brody, A.: Proportions, prices and planning. North-Holland 1970; Laski: The Rate of Growth and the Rate of Interest in Socialist Economies. Wien-N.Y. 1972; Kalecki, M.: Theory of Business Cycles. Warschau 1966; ders.: Theoiy of Economic Dynamics. N-Y.-London 1965.

(7) Vgl. etwa: Mandel, E.: Marxistische Wirtschaftstheorie. Frankfurt/Main 1972.

(8) Stalin, J.W.: Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR. Verlag Neuer Weg. Tübingen 1972, S. 8.

(9) Vgl. etwa Kalecki, M.: Theory of Business Cycles, a.a.O.

(10) Brake, Fassbinder, Frank: Ankündigung der Reihe: Analysen zum Planen und Bauen im Kapitalismus, in: ARCH + 17, S. 62.

 

 

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