ARCH+ 186/187


Erschienen in ARCH+ 186/187,
Seite(n) 152-153

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Interview-Marathon: Ingo Niermann

Von Niermann, Ingo /  Koolhaas, Rem /  Obrist, Hans Ulrich

Ingo Niermann im Gespräch mit Rem Koolhaas und Hans Ulrich Obrist
Rem Koolhaas: Deine Arbeit umfasst sowohl Reportagen als auch Interviews, aber ich habe den Eindruck, dass es dir dabei weniger um die exakte Beobachtung geht, als vielmehr darum, die Masse der Beobachtungen zusammenzufassen, um ihnen die Aussagekraft eines Manifests zu verleihen. Deine China-Protokolle, die demnächst mit Abbildungen von Antje Majewski unter dem Titel „China ruft dich“ erscheinen, werden vermutlich genauso ein Manifest sein, wie auch schon deine „Minusvisionen“. Sie sind zwar peinlich genau, an ihrem Ende steht jedoch eine kumulative Wirkung, die deinen Ausführungen die Kraft einer fast politischen Aussage gibt. Ist das eine Erscheinung deiner Generation oder dein persönlicher Ehrgeiz?Ingo Niermann: Alles kommt aus der Beobachtung. Ich möchte erst einmal – das gefällt mir auch an Karl Schlögel – sehr genau beobachten. Ich habe gar nicht vorhergesehen, mir war nicht bewusst, dass sich meine Arbeit in die Richtung von Manifesten oder Szenarien entwickelt. Das war bei den „Minusvisionen“ so, aber auch als ich nach China gegangen bin – ich wollte das Land erst einmal überhaupt nur verstehen. Die Schärfe eines Manifests entsteht erst, wenn ich merke, wie sehr meine Beobachtungen dem widersprechen, wie normalerweise abstrakt über das Thema gesprochen wird. Das ist so eklatant, dass das Manifest nahe liegt. Aber das geschieht eher passiv, als Reaktion.RK: Das „passive Manifest“ als neue Kategorie?IN: Ja, ich hätte nie gedacht, dass ich einmal wie im Falle von „Umbauland“ ein Buch mit dem Untertitel „Zehn deutsche Visionen“ schreiben würde. Ich lebe schon so lange in diesem Land und erlebe, wie klar die Spielräume abgesteckt sind. Es herrscht große Einigkeit: Die Spielräume werden immer geringer, und wenn überhaupt, geht es nur darum, wie man tendenziell immer weniger Geld entweder nach da oder nach da umschichtet. Vor diesem Hintergrund habe ich, auch mit Freunden, angefangen, Ideen zu entwickeln, die das viele Geld gar nicht brauchen und trotzdem funktionieren.Hans Ulrich Obrist: Das Buch „Umbauland“ fasziniert Rem und mich aus vielen Gründen. Ein Grund ist der, dass es mit kaum 70 Seiten im Gegensatz steht zu den zuletzt angesagten umfangreichen Recherchebüchern und für sich keine Archivfunktion reklamiert, sondern vielmehr in die Zukunft projiziert. Es hat sehr viel mit der Produktion von Realität zu tun. Wie kam es zu den zehn Visionen? Wie verhält es sich mit der Autorenschaft? Können die Visionen von jedermann frei umgesetzt werden oder willst du sie umsetzen?IN: Ich wusste ganz lange nicht, wohin sich meine Karriere entwickeln würde. Aber ich habe mich immer als Beobachter verstanden und als jemand, der versucht, zu analysieren. Ich war mir sehr sicher, dass ich nie aktiv und politisch werden wollte. Ich habe „Umbauland“ zu schreiben begonnen, als ich in China war. China verändert sich sehr radikal und schnell, und das hat mich darauf gebracht, eigene und auch Ideen von Freunden, wie man Deutschland verändern könnte, zu sammeln und weiterzuentwickeln. Auf diesen Ideen liegt kein Patent, jeder kann sie nehmen und realisieren. Ich selbst versuche es momentan nur mit einer, das ist die Große Pyramide. Die Idee ist mir im Gespräch mit Jens Thiel gekommen, den ich schon in „Minusvisionen“ als gescheiterten Unternehmer portraitiert hatte. Wir wollen einmal keine Shopping Mall und auch kein Sportstadion in Form einer Pyramide bauen, wie das heute häufiger passiert. Sondern die Große Pyramide soll wieder eine Grabstätte sein, allerdings eine kollektive Grabstätte, nicht für einen einzelnen Menschen. Sie soll aus Betonsteinen gebaut werden, in die jeweils die Asche eines Verstorbenen eingelassen wird. Mit jedem Stein wächst die Pyramide, es gibt keine definitive Größe. Sie kann viele hundert Meter hoch werden, Millionen von Menschen aus aller Welt können dort begraben werden. Das Interessante an der Idee ist, dass, abgesehen vom Fundament, die Anfangsinvestitionen extrem niedrig sind, man könnte theoretisch mit einem einzigen Stein beginnen, und dennoch ist die mögliche Dynamik gewaltig
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