ARCH+ 191/192

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Erschienen in ARCH+ 191/192,
Seite(n) 14

ARCH+ 191/192

Untergründig

Von Murrenhoff, Martin

Das Stachusbauwerk in München

Nahezu unbemerkt wird mit dem Stachusbauwerk derzeit eines der wichtigsten „Gebäude“ Münchens modernisiert. Es ist als solches nur mittelbar zu erkennen und nur wenigen bewusst, da es verborgen unter der historischen Oberfläche des Karlsplatzes liegt. Es existiert auch keine Darstellung, die das Ende der 1960er Jahre realisierte Infrastrukturbauwerk in seiner Gesamtheit zeigt. Die einzigen Hinweise auf die Existenz des unterirdischen Bauwerks sind die zahlreichen Perforationen der Oberfläche des Platzes, wo die Ein- und Ausgänge angeordnet sind. Den geladenen Wettbewerb für den Umbau gewann 2007 das Münchner Büro Allmann Sattler Wappner (ASW). Vor allem die von Paolo Nestler gestalteten weitläufigen öffentlichen Bereiche des ersten Untergeschosses werden einer großflächigen Neustrukturierung unterzogen.

Nestlers moderne Unterwelt bildet einen deutlichen Kontrast zu ihrer städtebaulichen Umgebung, die ein idealisiertes Altstadtbild anstrebt. Aus heutiger Sicht scheint das verwunderlich, doch die Errichtung dieses großen unterirdischen Gebäudekomplexes war Voraussetzung für die Erhaltung der Altstadt. Erst dadurch konnten die sich ausschließenden ästhetischen und programmatischen Zielvorgaben vereint werden: der notwendige Ausbau dieses heute größten Verkehrsknotenpunktes Münchens und die Beibehaltung des Altstadtbildes. Während man 1966 nach dem Zuschlag für die Ausrichtung der Olympischen Spiele für 1972 oberirdisch – in bewusster Abgrenzung zur nationalsozialistischen Vergangenheit Münchens – an der Idee einer antimonumentalen „Stadt der heiteren Spiele“ arbeitete, wurde bei den Tiefbauten der U- und S-Bahn gleichzeitig die atomare Bedrohung, die im Kalten Krieg über Europa lag, verarbeitet. Diese ambivalente Stimmung zwischen Weltoffenheit und Vergangenheitsbewältigung, Utopie und Dystopie wird in der mit technisch-futuristischen Elementen vor einem pragmatisch rohen Hintergrund kontrastreich inszenierten Atmosphäre der Innenräume des Stachusbauwerkes offenkundig.

Während gewöhnliche Gebäude eine Trennung zwischen repräsentativen und funktionalen Aspekten ermöglichen, ist das Stachusbauwerk in Ermangelung einer Fassade als pures Volumen gezwungen, zur Repräsentation seiner Modernität die räumliche und programmatische Konfiguration seiner Innenräume zu nutzen. Der Bruch mit der Umgebung resultiert in einer Verinnerlichung der repräsentativen Vorstellungen, wodurch die Aufgabe der Innenraumgestaltung an Komplexität gewinnt.

1970/2007

Ein Vergleich Anhand der aktuellen Umbaupläne des Shoppingareals mit Aufenthaltsbereichen im ersten Untergeschoss lässt sich ein Bewusstseinswandel in der Konzeption und der Kontrolle des öffentlichen Raums seit seiner ursprünglichen Gestaltung beobachten. Von hier werden über zwei Treppenanlagen die tiefer liegenden Verteilergeschosse der U- und SBahn erschlossen; zugleich ist das erste Untergeschoss Unterführung für den vielbefahrenen Karlsplatz und Zugang zu den umliegenden Kaufhäusern und Kinos. Die räumliche Umsetzung von 1970 resultierte in einem strukturalistischen „Inselprinzip“ – ähnlich einem Marktplatz – das durch eine kleinteilige „Showcase“-Architektur als offenes Feld soziale Situationen, Austausch und Bewegung implizierte und eine Vielzahl an Blickbezügen herstellte. 2007 konzipieren die Architekten dagegen einen großen Kreisverteiler – gebildet durch einen zylindrischen Zentralkörper – für optimierte Prozessabläufe und eine Trennung der Funktionen. Im besonderen Fall dieses öffentlichen Gebäudes mit einer hochfrequenten Nutzung (160.000 Passanten pro Tag) und einer Vielzahl von möglichen Durchquerungen, von Innen nach Außen, von Oben nach Unten und umgekehrt, entstehen überall dort Schwellen, wo der Raum verengt wird. Die Vervielfältigung der Passagen im Falle des Marktplatzprinzips durch die Verknüpfung von Verkehrsflächen mit Shoppingaktivitäten erhöht folglich die Anzahl solcher Schwellensituationen, während sie umgekehrt im Fall des funktionstrennenden Kreisverkehrs reduziert werden.

Wurden dem Besucher früher Orientierungsleistungen und Entscheidungen abverlangt, die zu einem breiten Spektrum an auch unerwartetem Verhalten führten, wird künftig die Wahrscheinlichkeit für nicht intendierte Ereignisse reduziert. So wird eine Diversifizierung der Aktivitäten, die zweifellos auch zu einer gewissen Unübersichtlichkeit geführt hat, dem Mobilitäts-Imperativ „Ordnung zu schaffen“ geopfert, was wiederum eine Verhaltensnormierung bewirkt. Diese scheint zunächst ökonomisch widersprüchlich zu sein (Kreisverkehr vs. Konsum) – ist im Sinne einer Prävention von unvorhersehbaren Situationen jedoch höchst rational.

Dass das Reglementieren des öffentlichen Raums nicht neu ist, zeigt die noch vor den Olympischen Spielen 1972 verabschiedete und in den 1980er Jahren auf die benachbarte Fußgängerzone ausgeweitete Stachusbauwerk-Satzung, die u.a. durch das Untersagen von Musizieren und Sitzen die Nutzung der Fußgängerzone regelte. Doch durch die neue Gestaltung wird es auch räumlich manifest. Im Umgang mit Schwellentechnologien und den damit verbundenen Bestrebungen zur Kontrolle des öffentlichen Raums spiegelt sich der jeweilige Zeitgeist. In der Aufbruchstimmung der 1960er Jahre war er von Offenheit und Experimentierfreude geprägt. Heute scheint es dem Zeitgeist weniger um die Ausschöpfung gegebener Spielräume zu gehen, vielmehr erschöpft er sich in programmatischer Effizienz.

 

Der Text basiert in Teilen auf dem Vortrag „The Invention of Invisibility: Munich’s Stachusbauwerk“, der im August 2008 auf der Konferenz für Europäische Stadtgeschichte in Lyon zum Thema „Big Buildings – Concepts of Competition and Order“ von Stephan Becker und Martin Murrenhoff, TU Berlin, gehalten wurde.

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