ARCH+ 191/192


Erschienen in ARCH+ 191/192,
Seite(n) 94-95

ARCH+ 191/192

Schwelle (1)

Von Braun, Christina von /  Beyer, Elke /  Stalder, Laurent

Christina von Braun im Gespräch mit Elke Beyer und Laurent Stalder

Welche Bedeutung hat der Begriff der Schwelle in den Kulturwissenschaften?

CvB: Die Schwelle wird in erster Linie historisch gedacht. Schwellenzeiten, Übergangszeiten und Umbruchzeiten – das ist eine ganz andere Dimension als in der Architektur. Weiterhin spricht man von „interkulturellen Schwellen“, also Schwellen zwischen verschiedenen Kulturen, die auch räumlich gesehen werden können. Sie beeinflussen die Bewegungen zwischen Kulturen, die Art und Weise, wie sich Übergänge verschließen oder öffnen, und schließlich, wie intermingling (Vermischung) stattfinden kann.

In der Anthropologie betrachtet man die Schwelle am Beginn des 20. Jahrhunderts in engem Bezug zu den Ritualen des Übergangs, so zum Beispiel Arnold Van Gennep in seinem Buch Les rites de passage (1909).

CvB: Das erweitert den Schwellenbegriff noch um eine zusätzliche, biografische Dimension. Die Schwelle ist der Moment oder der Ritus, durch den ein Individuum entweder in die Gemeinschaft integriert oder aus ihr ausgeschlossen wird. Die Schwelle spielt also in der Beziehung von Individuum und Gesellschaft oder Gemeinschaft eine wichtige Rolle. Sie ist dabei nicht unbedingt räumlich, sondern vor allem psychologisch zu sehen. Ein junger Mann oder eine junge Frau werden hinübergeführt in ein neues Lebenszeitalter, in eine andere Form der Integration in die Gemeinschaft.

Diese Schwellen und die damit verbundenen Rituale werden ja materialisiert, sei es in Form von Prozessionen oder konkreten Bauelementen. Gibt es einen Moment, an dem diese Handlung ...

CvB: ... geografisch festgemacht wird? Nicht unbedingt. Es gibt durchaus kulturelle und soziale Schwellenphänomene, die nicht an einen bestimmten Ort oder einen geografischen Raum gebunden sind. Das Verhältnis zwischen Materialisierung und Handlung oder Ritual ist wechselseitig und kann sich in einer historischen oder kulturellen Situation auch sehr stark verändern. Dazu ein Beispiel: Charlotte Beradt hat in ihrem wunderbaren Buch Das Dritte Reich des Traums (1962) untersucht, wie die Leute während des Nationalsozialismus geträumt haben. Ein Arzt erzählte ihr, wie er beim Nachmittagsschlaf träumte, dass plötzlich alle Wände weg sind – dass er sich in einem wandlosen Haus befindet, und dass auch die anderen Häuser keine Wände haben. Er erklärte sich den Traum im Nachhinein damit, dass der Blockwart gekommen war und ihn gefragt hatte, warum er bei einer Parade nicht die Fahne herausgehängt habe. Und er versuchte, ihn zu beschwichtigen, und sagte sich dabei innerlich, in meinen vier Wänden kann ich tun und lassen, was ich will. Doch im Traum waren plötzlich diese vier schützenden Wände weg. Es gibt also historische Situationen wie eine totalitäre Herrschaft, wo materielle Wände nicht mehr als schützend erfahren werden, sozusagen die Umkehrung einer Dematerialisierung der architektonischen Wände.

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