ARCH+ 194


Erschienen in ARCH+ 194,
Seite(n) 132-145

ARCH+ 194

Kapitel 6: Qualität

Von Taut, Bruno

Zu Beginn des zweiten Abschnitts wurde die Proportion, soweit dieses Wort mit der Kunst und speziell der Architektur zu tun hat, als die Teilung in schönen Verhältnissen, das heißt als Ebenmaß, definiert. Nun entsteht die große Frage, was denn überhaupt diese Proportion ist. Im ersten Abschnitt wurde doch sogar die Architektur als die Kunst der Proportion definiert. Infolgedessen müßte die Haupteigenschaft dieser Kunst, zu der die schöne Proportion, die Harmonie der Teilung, das Ebenmaß gemacht wurde, in einfachen Worten umrissen werden können. Wie lässt sich künstlerische Qualität definieren? Bei allen unseren Deduktionen in den Gebieten der Technik, Konstruktion und Funktion haben wir gesehen, daß es schließlich die Proportion ist, die etwas Schönes daraus macht. Wir haben zugleich auch festgestellt, daß diese Proportion außerhalb des rationalen Denkens und Argumentierens steht und ganz und gar dem Bereich des Gefühls angehört. Irgendein Beweis im Sinne der rationalen Logik sollte damit nicht geführt werden – außer etwa dem einzigen, daß die Architektur ebenso eine Kunst ist wie die Malerei, Plastik, Musik, Dichtung usw. Es wäre schon damit allein viel erreicht, um so mehr, als nach der landläufigen heutigen Meinung der Bau von Häusern sich ausschließlich aus sogenannten praktischen und realen, das heißt logisch erfaßbaren und rationalen Elementen zusammensetzt. Im Gegensatz zu dieser Meinung ergab sich aus der Untersuchung der rationalen Grundelemente des Bauens, daß sie, sobald sie zur schönen Form werden, in sich selber aufhören, rein rational zu sein. Ihre Rationalität wird durchaus relativ; sie werden zu schweigsamen und willenlosen Dienern, die auf einen höheren Befehl warten und dann sehr gute Dienste leisten, wenn dieser Befehl in der richtigen Linie liegt...
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