ARCH+ 200

Kostenloser Download


Erschienen in ARCH+ 200,
Seite(n) 8-9

ARCH+ 200

Die ac revue

Von Krause, Jan R.

Ein Zeitdokument der Nachkriegsmoderne 1956–84

Die Zeitschrift ac revue, die im Auftrag verschiedener Faserzementhersteller in Europa und Südamerika – hauptsächlich Eternit Deutschland und Eternit Schweiz – von 1956 bis 1984 vierteljährlich in deutscher, englischer, französischer und spanischer Ausgabe mit einer Auflage von bis zu 100.000 Exemplaren erschien, war die erste von der Industrie getragene Publikation ihrer Art. Von den renommierten Züricher Verlagen Girsberger und Krämer herausgegeben, genoss die ac bei Architekten weltweit das gleiche Ansehen wie unabhängige Architekturzeitschriften. Die Redaktion um den langjährigen Chefredakteur Florian Adler und Olinde Riege konnte auf ein dichtes Netzwerk von Korrespondenten auf allen Kontinenten zurückgreifen. Einmal jährlich trafen sich Abgesandte der Eternitgesellschaften und externe Referenten als internationaler Redaktionsbeirat zu zwei- bis dreitägigen Workshops.

Es erschienen Themenhefte zu vorgefertigten Wohnbauten, Satellitenstädten, zur „Interbau“ 1957 in Berlin und zu den Bauten der Olympiade 1972. Dabei wurden in der Regel Vergleiche zwischen gleichen Gebäudetypen in verschiedenen Ländern gezogen. Auf diese Weise beförderte die ac neben dem Baustoff Faserzement auch die Architekten, die diesen Baustoff präferierten – wie beispielsweise Behnisch und Eiermann – und machte manchen deutschen Architekten international bekannt. Es entwickelten sich langjährige, enge Wechselbeziehungen zwischen den publizierten Architekten und der Redaktion. Über die Jahre bot die ac so einen hervorragenden Überblick über das internationale Baugeschehen. Besonders deutlich wird dies durch die veröffentlichten Namens- und Projektregister. Vorgestellt wurden Bauten wie Le Corbusiers Haus in Les Mathes mit seinem charakteristischen Wellplattendach oder die Unité d’habitation in Berlin, die mit 13 Einsatzgebieten die gesamte Anwendungsbreite von Faserzement dokumentiert: von Treppenbrüstungen über Fensterbänke und Sonnenblenden bis zur Badewannenverkleidung und Müllschlucker. Ein Kindergarten von Otto Steidle als Prototyp einer Systementwicklung, Egon Eiermanns Wohn- und Atelierhaus in Baden-Baden, verschiedene Bauten von Paul Baumgarten, das Berghaus in Wengen von Richard Neutra, das Wohnhaus des Architekten Kenzo Tange in Tokio und die von Hans Scharoun geplante Hauptverwaltung der AOK Berlin stehen beispielhaft für die Auswahl der publizierten Projekte. Sie machen die ac zu einem Dokument der Nachkriegsmoderne, wie sie bis heute kein Fachbuch widerspiegelt.

Neben den vorgestellten Bauten fanden sich in der ac auch technische Beiträge zu Produktentwicklung, Konstruktion und Materialeigenschaften von Asbestzement. Spezielle Anwendungsfelder wurden in Beiträgen wie „Sonnenblenden in Südafrika“, „Wirtschaftliche Dächer für Wohnbauten in Mittelamerika“ oder „Skulpturale Fassaden in Frankreich“ thematisch zusammengefasst. Nicht zuletzt werden den Architekten, deren berufliche Laufbahn die ac oft bereits von Studienzeiten an begleitete, auch die aus heutiger Sicht etwas skurril anmutenden Anwendungsbeispiele mit Asbestzement in Erinnerung sein, die die ac regelmäßig präsentierte: „Bullaugen“-Fenster aus verglasten Rohrabschnitten, Reklamesäulen aus Formstücken, Urinalanlagen, Außenraum-Möblierungen und Falt-Bastelbögen als Kinder-Beilage. Ganze Themenhefte widmete die ac revue der Verwendung von Asbestzement in der Kunst. Berühmte Beispiele sind Skulpturen von Le Corbusier und Friedrich Gräsel, Bilder von Fernand Léger und Pablo Picasso sowie Bernhard Heiligers künstlerische Plastiken für die Biennale in Venedig 1956. Damit gelang es der Redaktion ein Gefühl für die richtige Anwendung des Materials zu entwickeln und zu vermitteln.

Doch der Anspruch der Herausgeber ging weit über das Thema Asbestzement hinaus. Beiträge von allgemeiner architektonischer und kultureller Relevanz sollten in der ac einen angemessenen Platz einnehmen und zum Architekturdiskurs beigetragen. So erschienen Artikel internationaler Korrespondenten wie Claude Parent, der 1957 aus Paris über die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Zeitschrift Architecture d’aujourd’hui berichtete. Helmut Spieker schrieb über „Qualität im Detail“, Ernst Neufert über die Gestaltung von Bandbrücken. Richard Neutra beschäftigte sich in seinem Beitrag „Asbestzement im Wohnungsbau – heute und morgen“ eingehend mit der Verwendung von Faserzement-Platten bei der Vorfabrikation von Wohnbauten. Er plädierte dafür, dass „gleichzeitig mit der Planung des Hauses gewisse Änderungen im Produktionsverfahren ausgearbeitet werden sollten“, so dass jeder Baustoff entsprechend seinen Eigenschaften eingesetzt werde.

Diese Autorenbeiträge kamen über die gute Vernetzung der beiden Verlage der ac zu wichtigen Persönlichkeiten des Architekturgeschehens zustande. Nach ihrer Gründung 1955 lag die ac zunächst 16 Jahre in den verlegerischen Händen von Dr. Hans Girsberger, dessen reiche Erfahrungen und vielfältige Beziehungen zu Architekten und Autoren in aller Welt von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der Zeitschrift waren. Seit 1929 gab er das Gesamtwerk von Le Corbusier in acht Bänden heraus, der letzte Band erschien wenige Tage nach dem Tod des Architekten. Zu diesem Anlass blickte Girsberger auch in der ac auf die Persönlichkeit Le Corbusiers zurück, wie er sie im Laufe der jahrzehntelangen Zusammenarbeit erfahren hatte. Auch das Gesamtwerk Richard Neutras gehörte ins Programm des Architekturverlags, dem es schließlich mit der Publikation des Werks von Alvar Aalto gelang, die drei wichtigsten Protagonisten der Nachkriegsmoderne unter seinem Dach zu vereinen. 1972 ging die ac an den neu gegründeten Züricher Verlag Karl Krämer über, der über sein Stuttgarter Verlagshaus ein beachtliches Programm an Architekturpublikationen aufweisen konnte – kurz darauf sollte auch die ARCH+ zwei Jahre lang dazugehören. Der Krämer Verlag führte die ac mit derselben Redaktion weiter. Die Zeitschrift blieb ihrem pragmatischen Ansatz der gebauten Architektur und dem Streben nach „Qualität im Detail“ treu. Was nicht bedeutet, dass sie sich nicht genau damit ausgesprochen kritisch auseinandergesetzt hätte.

Durch ihre Fokussierung auf Faserzement übte die ac einen prägenden Einfluss auf das Architekturgeschehen ihrer Zeit aus. Um sie in die Landschaft der damaligen Architekturmedien einordnen zu können, ist insbesondere ihre selbst gewählte Rolle als Bindeglied und unabhängiger Mittler zwischen Baustoffindustrie und Architekten hervorzuheben. Wie auch bei anderen industriell hergestellten Baustoffen sind bei Asbestzement viele interessante Neuanwendungen auf die Anregungen von Architekten zurückzuführen. So verfolgte die ac das zentrale Anliegen des Zusammenwirkens von Architekten und Herstellern. Eindringlich mahnte dazu Sigfried Giedion in seinem Vorwort zur ersten Ausgabe der ac. Er warnte die Architekten davor, sich von der mechanisierten Bauindustrie ausschalten zu lassen und berief sich auf Walter Gropius, der seit 1910 als einer der ersten für die Zusammenarbeit von Industrie und Architekt eingetreten war. Giedion skizzierte ein Szenario, bei dem sich die notwendige und unvermeidlich zunehmende Standardisierung von Bauelementen „chaotisch und ohne inneren Zusammenhang“ vollzöge, falls man die Industrie allein sich selbst überließe: „Der Architekt wird am Ende nicht mehr fähig sein, die so notwendige Koordination der Einzelelemente eines Baues miteinander in Einklang zu bringen, um aus ihnen und mit ihrer Hilfe ein neues individuelles Ganzes zu zaubern“. Gerade Architekten aber seien prädestiniert für diese Koordinatorenrolle: „Denn wer ist mehr berufen, in einem amorphen Material – was immer es sei, Stahl, Plastik oder Asbestzement – die in ihm schlummernden Möglichkeiten aufzuspüren und sie in Form und Konstruktion zu verwandeln.“ Ohne eingeschliffene Traditionen in der Anwendung und gestalterisch „unverbraucht“ erwies sich der erst 1900 erfundene Werkstoff als das angemessene Material für den Neubeginn der Moderne in den 1950er Jahren. Für viele Architekten dieser Zeit wurde Asbestzement sogar zum Inbegriff des modernen Bauens.

Neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen über die gesundheitsgefährdende Wirkung von Asbestfeinstaub im Jahr 1976 folgte einige Jahre später das Ende der ac revue. So betrieb die Redaktion in den letzten Ausgaben ernsthafte, unwerbliche Aufklärungsarbeit zur Versachlichung der emotional aufgeladenen Debatte über Asbest und stellte die Zeitschrift nach der erfolgreichen Umstellung auf eine asbestfreie Faserzementtechnologie mit der 112. Ausgabe 1984 ein. Erst knapp zehn Jahre später setzt der Krämer Verlag auf Initiative von Eternit Belgien und Eternit Deutschland die Arbeit mit der neuen Architekturzeitschrift A+D Architektur und Detail fort. Die Zeitschrift erscheint zweimal jährlich und stellt in der Tradition der ac in Fotos, Plänen, Texten und einheitlichen Detailzeichnungen internationale Bauten vor, die mit Fassaden oder Dächern aus Faserzement ausgeführt wurden. Ein international besetzter Redaktionsbeirat u. a. mit Shane O’Toole, Architekturredakteur der Irish Times, und die Redaktion unter Ursula Henn gewährleisten bis heute die Unabhängigkeit der Publikation.

Jan R. Krause ist Professor für Architektur und Media Management AMM an der Hochschule Bochum. In dem gleichnamigen Master­studiengang lehrt er seit 2003 Metho­den und Strategien der Öffentlichkeitsarbeit für Architekten.

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!