ARCH+ 168

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Erschienen in ARCH+ 168,
Seite(n) 24-25

ARCH+ 168

Der Maoanzug

Von Kögel, Eduard

In Fragen der Kleiderordnung entschied sich der erste Präsident der Republik (1911), SUN Yatsen, für eine Kombination unterschiedlicher Vorbilder. Er beauftragte den Schneider HUANG Longsheng mit der Schaffung einer Synthese aus japanischer Schuluniform, traditio neller bäuerlicher Kleidung und deutscher Militäruniform. Das Ergebnis war der Zhongshan-Anzug (genannt nach SUN Yatsen, der im Chinesischen ausschließlich als SUN Yixian oder SUN Zhongshan bekannt ist).

Vor allem die formalen Elemente der Jacke blieben trotz aller Änderungen erhalten: Zwei symmetrisch aufgenähte Brust- und Seitentaschen, die mit einer Klappe und einem Knopf verschließbar sind. Der Kragen, ein kurzer umgeklappter Falz, liegt eng am Hals an. Die Jacke wird mit fünf Knöpfen bis zum Kragen hoch geschlossen. Balance und Symmetrie gelten als adäquater nationaler Ausdruck. Die Verschmelzung unterschiedlicher Einflüsse führte zu einer hybriden Form, die das Fremde benutzt – aber nicht kopiert. Nachdem SUN Yatsen diesen Anzug bei wichtigen Anlässen in der Öffentlichkeit trug, wurde er schnell zu einem Symbol des neuen China. In den 1920er Jahren war der Zhongshan-Anzug die Arbeitskleidung der Beamten. Bis heute ist er unter diesem Namen in China geläufig.

Mit (chinesischen) Kleidern ist es dasselbe wie mit den Häusern: Es gab keine Veränderung über Tausende von Jahren. *1 A.F. Legendre, Paris 1926

Im ausgehenden 19. Jahrhundert meinten westliche Gelehrte und Forscher in der Entwicklung der chinesischen Kultur einen Stillstand zu erkennen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wandelte sich die Wahrnehmung, die traditionelle Kultur wurde jetzt unter dem Aspekt der Kontinuität interpretiert. In den Publikationen jener Zeit leiden Mode wie auch Architektur unter dieser verkürzten Sichtweise. Die Reformen in den letzten Jahren des chinesischen Kaiserreichs fanden auch in der Kleidung ihren Niederschlag. Dazu gehörte eine neue Uniform des Militärs, da die alten Gewänder für die neuen Waffensysteme schlicht unpraktisch geworden waren. Mit Hilfe deutscher Militärberater wurde die sogenannte New Army nach preußischem Vorbild ausgestattet. Gleichzeitig wurde die klassische Gelehrtenausbildung durch ein westliches Bildungsmodell ersetzt – die Gewänder der Gelehrten verschwanden, Schuluniformen und militärischer Drill hielten Einzug in die Ausbildungsstätten. Japan, das sich seit dem 19. Jahrhundert durch die westlichen Einflüsse stark verändert hatte, war das große Vorbild dieser Reformen.

SUN Yatsen wurde im Westen ausgebildet und lebte vor 1911 lange Zeit im Ausland. Seine Reformansätze lassen sich verkürzt mit den drei Prinzipien ‘Nationale Eigenständigkeit’, ‘Republikanische Verfassung’ und ‘Soziale Gerechtigkeit’ benennen. In Abgrenzung zum Kaiserreich, aber ebenso in Abgrenzung zu den kolonialen Mächten, suchte er einen eigenen Weg.

Der Ablösungsprozeß von der heruntergewirtschafteten feudalen Struktur hin zu einer neuen Definition der eigenen Kultur wurde in den Kreisen der Führung intensiv diskutiert. Die ‘neue Kulturbewegung’ von 1917 und die ‘4. Mai Bewegung’ *2 von 1919 kann als Ausgangspunkt der Modernisierung der chinesischen Gesellschaft gelten. MAO Zedong sah die Gründung der kommunistischen Partei 1921 als logische Folge dieser Entwicklungen.

In Intellektuellenkreisen war die Frage der Essenz (ti) und der Form (yong) die treibende Kraft dieser Auseinandersetzungen. Dieser Diskurs über modernen Inhalt und chinesische Form ist bis heute nicht abgeschlossen und flammt in regelmäßigen Intervallen neu auf. Seit 1927 trug MAO Zedong den Zhongshan-Anzug, der im Westen später als Mao-Anzug bekannt wurde. Mit ihm konnte er zweierlei verknüpfen: zum einen die Abgrenzung gegen die überkommene Kleiderordnung, zum anderen die Vernebelung des Übergangs zwischen Reform und Revolution. In diesem Anzug verkündete er 1949 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking den Sieg der Kommunisten und wurde damit Vorbild für die gesamte Nation. Als nationales und revolutionäres Symbol transportierte der Anzug die politische Gesinnung der Partei, die ihn nun für sich vereinnahmte.

Der sowjetische Einfluß zu Anfang der 1950er Jahre brachte ein kurzes Intermezzo des sogenannten Lenin- Anzugs, der schnell wieder verschwand. Mao selbst hat sich nie zu einer offiziellen Kleiderordnung geäußert. Die Neuordnung der Gesellschaft in Arbeitseinheiten, die Auflösung der Individualität im Kollektiv wurde jedoch durch den Mao- Anzug formal unterstützt. Er ist das Symbol für die Gleichschaltung der Bevölkerung und die Aufhebung der Geschlechtsunterschiede.

Das Material des Mao-Anzugs war Baumwolle oder ein Mix aus Baumwolle und Synthetik, die Farbe meist blau, seltener grau oder braun. Die kollektive Identität der ‘blauen Massen’ stärkte nach 1949 ein neues Nationalgefühl und den Aufbruch nach dem Niedergang des Kaiserreiches und den Wirren von Krieg und Bürgerkrieg. In den 1950er Jahren entstand eine kurze Diskussion über Mode im Sozialismus; vor allem Frauen versuchten durch kleine Änderungen am Kragen oder am Schnitt der Uniformität zu entkommen. In einem Akt der Solidarität unterstützten Schneider aus der DDR die chinesischen Kollegen 1956 bei der Anpassung an die Modetrends der Zeit.

Die Kulturrevolution, in der Mao die Jugend gegen seine innerparteilichen Kritiker zur permanenten Revolution aufrief, richtete sich offiziell gegen die vier alten Werte (alte Kultur, alte Gewohnheiten, alte Sitten und das alte Denken). Bei der ersten großen Demonstration 1966 in Peking trug Mao eine grüne Militäruniform. Die Roten Garden kopierten in Eigenregie die grüne Uniform und entwickelten daraus ihr Bekleidungsideal für die nächsten Jahre. Kleidung wurde in dieser Zeit ideologisch überhöht: Westliche Anzüge, Krawatten und modische Frauenkleider wurden konfisziert, die Besitzer für ihre “bürgerliche” Ausdrucksform bestraft. Die Roten Garden trugen stets ein rotes Armband sowie die Mao-Bibel in der Brusttasche mit sich.

In den 1970er Jahren setzte sich der Mao-Anzug bei den Intellektuellen durch. Offiziell endete die Kulturrevolution 1976. Fünf Jahre später bezeichnet die Kommunistische Partei diese Periode als großen Fehler. Seitdem verschwindet der Mao-Anzug langsam aus dem öffentlichen Leben in den großen Städten, ersetzt durch schlecht sitzende westliche Anzüge. Auf dem Lande ist er weiterhin populär und wird von den Bauern als alltägliches Kleidungsstück getragen.

Postscriptum: Zur Militärparade beim 50. Jahrestag der Revolution (1999) trug der damalige Präsident JIANG Zemin als einziges Mitglied des Politbüros den Mao-Anzug.

Anmerkungen 1 Zitiert nach: Steele, Valerie; John S. Mayor: Introduction and Acknowledgement, S.1 in: Steele, Valerie; John S. Major (ed): China Chic. East Meets West; Yale University Press, New Haven and London 1999

2 Die ‘4. Mai Bewegung’ begann mit Studentenunruhen in Peking. Inhaltlich richteten sich die Proteste gegen die Verträge von Versailles nach dem ersten Weltkrieg. In ihnen wurde Japan die ehemals deutsche Kolonie Tsingtao und Teile der Provinz Shantung zugesprochen.  

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