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Erschienen in ARCH+ 151,
Seite(n) 13

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Ein Komposthaufen für Compostela — Der amerikanische Architekt Peter Eisenman philosophiert über sich selbst

Von ARCH+

Zeitgenössische Architekturentwürfe kommen ohne Stift aufs Papier. Mit Computerdesign-Programmen werden Gebäude geschaffen, die nur so aussehen wie Architektur. Wie neue Instrumente den Klang des Orchesters verändern, so beeinflussen die neuen Entwurfswerkzeuge die Morphogenese der Architektur.

Aufgeschlitzte Landschaften, wie sie der New Yorker Architekt Peter Eisenman für das neue Kulturzentrum von Santiago de Compostela vorsieht, entziehen sich der Ansicht und versuchen hartnäckig, sich von der modernen Kontextlosigkeit zu lösen. Die galizische Provinzregierung versucht mit diesem ambitionierten Projekt, den Erfolg des Guggenheim-Museums in Bilbao zu kopieren. Wie in einem neuen Jugendstil sucht diese Architektur die Verschmelzung mit den Formen der Natur. Das Wort “Dekonstruktivismus" nimmt Eisenman nicht mehr in den Mund.

Zur Spitze der “anti-avantgardistischen Avantgarde" zählt er sich dennoch. Er sprach im Rahmen der Helmholtz-Vorlesungsreihe in der Humboldt-Universität über “Autonomy and the will to the critical". Eisenman predigt seine Architekturtheorie genußvoll und beredt. Seine Architekturen, die wirken, als würden sie die Erdbebenschäden schon im Entwurf vorwegnehmen, leiden um so eher unter mangelnder Sinnlichkeit. Wie in der Musik, die Eisenman als “zweite mathematische Kunst" begeistert, sei das Dirigieren heute auch in der Architektur die größere Kunst als das Komponieren.

Die im Stadtgrundriß sedimentierte Geschichte gibt immer Anstöße zur spielerischen Rekombination und zu “produktiven Zerstörungen" von vorhandenen Architekturfragmenten, so Eisenman. Das “Bedachen” ist der Architektur zwar nicht als Funktion, aber als Legitimation abhanden gekommen. Vom Zeitgeist und Kunstwollen will Eisenman nichts hören. Wenn nach Hegel “der Zeitgeist einem Maulwurf ähnelt", ist es kein Wunder, daß Eisenmans jüngere Entwürfe für Manhattan, Brügge, Staten Island, Paris und eben Santiago eines gemein haben: Sie wirken wie Maulwurfshügel, die der unterirdisch wirkende Zeitgeist unvermittelt an der Oberfläche aufwirft. Das Ethnologische Museum, das Eisenman für Paris entworfen hat, ist ganz auf die Wirkung des Daches ausgelegt. Weil es am Fuße des Eiffelturms liegt, wird es hauptsächlich aus der Vogelperspektive betrachtet. Diese “fünfte Fassade" ist mit ihrer Schmelzkäse-Ästhetik typisch für Eisenmans Formensprache. Ein Architekt, der stolz reklamiert, daß seine Entwürfe (zeit-)geistlos sind, hätte Hegel dennoch sicher überrascht.

Peter Eisenman ist einer der rhetorisch versiertesten Architekten unserer Tage. Um so schmeichelhafter wirkte sein Kompliment an die Berliner Debatte: “Der Diskurs über Architektur in dieser Stadt schlägt die Architektur bei weitem!" Ob das auch auf sein Werk zutrifft, muß jeder selbst entscheiden. Fragen zu seinem Entwurf für das Berliner Holocaust-Mahnmal waren nicht zugelassen. Dazu werde noch Gelegenheit sein. Er sei schließlich “noch ganz am Anfang seiner Karriere", befand Peter Eisenman.

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