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Erschienen in ARCH+ 139/140,
Seite(n) 21

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3. Internationale Biennale film+arc.graz

Von Kröger, Susanne Isabel

Zum dritten Mal fand im November 1997 im üblichen Zweijahres-Turnus das internationale Architekturfilmfestival “film+arc.graz" statt. Vor zwei Jahren kündigten die Organisatoren mit ihrem Wettbewerb eine außergewöhnliche Gelegenheit an, “Architektur zur Kenntnis zu nehmen, um jenseits der Bilder nach den Strukturen der Wahrnehmung zu fragen...". Damit wurde von den Grazer Initiatoren der unkonventionelle Versuch bekräftigt, sich mit Hilfe der Sprache des Films den Phänomenen von Architektur zu nähern. Diesmal allerdings entfernte sich das Festival weit vom eigentlichen Gegenstand seiner Betrachtung – der Architektur. Die Auseinandersetzung mit dem gebauten Raum wich auf eine metaphorische Ebene aus, in der hauptsächlich über den Verlust von Orten erzählt wurde. Wie ein roter Faden durchzog dieses Motiv die Mehrheit der dreißig Wettbewerbsbeiträge.

So auch in dem britischen Video ‘Blight'. Statisch ruhig und kühl verfolgt die Kamera, wie ein Haus demontiert wird. Zurückgelassene Blümchentapeten lösen sich schwerfällig von erschütterten Hauswänden, um auf einen Toilettendeckel zu fallen. Dazu erklingen fast fröhliche Stimmen aus dem Off, die sich erst nach konzentriertem Hinhören als Erinnerungsfetzen entschlüsseln. Ehemalige Bewohner schildern Episoden aus ihrem Leben in diesen Häusern. Regisseur John Smith hatte Heimvorteil, als er in seiner Doppelrolle als Filmemacher und Ex-Bewohner den Abriß jenes Wohnviertels dokumentierte, das in East London einer neuen Verbindungsstraße weichen mußte. Obwohl man sein Thema – die Demontage einer Stadtlandschaft – schon oft genug im Fernsehen verfolgen konnte, vermag sein Film aufgrund der verblüffenden künstlerischen Umsetzung stärker zu fesseln als viele der anderen Wettbewerbsfilme. Zu Recht ging an Smiths Dokumentation einer von fünf Preisen: der ‘Special Critics Award', verliehen von der Jury der Internationalen Architekturkritik.

In ‘Archives' von dem Japaner Takayuki Ikegawa nutzt der junge Künstler visuell ansprechend neueste Schnittechniken, um eine japanische Stadt zu porträtieren. Ikegawa beobachtet den städtischen Alltag, als “seien Architektur, Menschen und Dinge auf einem Tablett zusammengedrängt". Zurück bleibt beim Zuschauer ein Gefühl, das er schon lange kennt: die urbane Welt ist unruhig und feindlich.

Jene Feindlichkeit der Welt begegnet uns lakonisch verpackt in Patrick Keillers ‘Robinson in Space'. Der auf 35 mm gedrehte Film ist ein Krimi, befindet sich als solcher auf der Suche nach so etwas Ähnlichem wie der Vergangenheit. Ganz genau kann der Zuschauer den Gegenstand der Suche auch am Filmende nicht fassen, er wird vielmehr mit einem Gefühl melancholischer Unruhe entlassen. Regisseur Keiller geht es nicht um die Auflösung des Rätsels, sondern um die traumhaft schön gefilmten und inszenierten Ansichten eines Landes namens England, mit denen er “das charakteristische Bild von Armut und Verfall nicht als Ergebnis wirtschaftlichen Niedergangs, sondern als Ausübung politischer Macht" entlarvt. Dafür erhielt der Regisseur den ‘Grand Award film+arc.graz'.

Dieses Mal mußte man eher Filmenthusiast sein als Architekt oder Landschaftsarchitekt, um auf dem Festival auf seine Kosten zu kommen. Bezüglich des Stichworts “Raum” wurde wohl faszinierend der Zustand unserer Städte reflektiert. Aber der Status quo ist nur zu bekannt. Wer als Planer außerdem nach Inspirationen für Lösungen suchte, nach neuen Visionen gar, war diesmal vergeblich hier. Es fehlten schlichte Architekturdokumentationen.

Die Organisatoren dachten zu facettenreich, als sie das Wettbewerbsprogramm auch noch um ein ausgefeiltes Rahmenprogramm erweiterten, beispielsweise unter den Stichworten “Images from the East" oder “Remembrances – Visible Cities". Vom Konzept her inhaltlich gut und logisch gedacht, war die Reihe als “historischer Rückblick und kinematographischer Gegenentwurf" angekündigt. Innerhalb dieser Biennale überfrachtete allerdings die Auswahl das Programm. Die Filme konnten leider nur als Lieferanten weiterer, fast beliebig anmutender Wahrnehmungen registriert werden. Sowohl Wettbewerb wie Sonderprogramm erfüllten – ähnlich wie die Redebeiträge des begleitenden Symposions ‘In search of dialog spaces' – nur den fragenden Teil der selbstgestellten Aufgabe. Dabei wollten die Organisatoren neben Fragen auch “Positionen aufzeigen, die sich aus der fortschreitenden Vernetzung der Welt, den Änderungen in den Kommunikationsformen und dem strukturellen Wandel der Formen und Funktionen des Urbanen ergeben".

Trotz aller Kritik, Respekt für Charlotte Pöchhacker und ihre Mitstreiter, die dieses weltweit einmalige Festival in Graz etablierten und diesmal – als Novum – den Wettbewerb auch um Internet- und CD-Rom-Projekte erweiterten. Wenn die Architekturfilm-Biennale in zwei Jahren zum vierten Mal stattfindet, sollte man hinfahren. Die Biennale wird weiterhin ein reibungsvolles Forum bieten, auf dem sich Film, Neue Medien und Architektur begegnen. Außerdem gibt es vermutlich wieder ein ungeplantes Bonbon zu entdecken, wie diesmal die Videoarbeiten und Videoinstallationen von Architekturstudenten der Grazer Hochschule, die am Rande des offiziellen Programms präsentiert wurden.

Eine Auswahl des Programms zeigt das DAZ in Berlin im März 1998. Der Festivalkatalog kann bezogen werden bei:

artimage Hallerschloßstraße 21 A – 8010 Graz Fax: 0043-316-356 156 für ÖS 300  

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