ARCH+ 210


Erschienen in ARCH+ 210,
Seite(n) 219-231

ARCH+ 210

Das Problem des Stils im 19. Jahrhundert

Von Posener, Julius

In der vorigen Vorlesung haben wir Bilder von zwei Gebäuden gesehen, die zu Bahnhöfen in London gehören: das eine, ein Eingangsportal der Euston Station in dorischem Stil, das andere ein Treppenhaus im St Pancras Station Hotel, gotisch. Die Daten sind: Euston 1837, St Pancras 1873; aber ich habe Ihnen ja erzählt, daß Sir George Gilbert Scott den Entwurf bereits zehn Jahre vorher gemacht hatte, und zwar für das Foreign Offi ce in Whitehall. Es liegen also nicht mehr als 15 Jahre zwischen dem dorischen Eingangsbau für Euston und dem gotischen Hotel für St Pancras. Und in diesem Zeitraum fand nicht etwa ein plötzlicher Umschwung vom Dorischen zum Gotischen statt. Gebäude in dem einen, dem anderen und noch einigen anderen Stilen wurden vorher und nachher entworfen. Man darf das nicht mit dem Eklektizismus eines Karl Friedrich Schinkel verwechseln. Eklektizisten gab es um die Mitte des Jahrhunderts auch. Aber Scott war so wenig ein Eklektizist, daß er nur mit größtem Widerstreben dem Diktat des Premierministers Henry John Temple, 3. Viscount Palmerston, nachgegeben hatte, das Foreign Office nicht in gotischen Formen zu bauen. Er gehörte vielmehr einer Bewegung an, dem Gothic Revival, und zu gleicher Zeit gab es eine andere Bewegung, the Greek Revival. Es bestanden im 19. Jahrhundert nebeneinander mehrere Bewegungen, welche bestimmte Stile der Vergangenheit wiederbeleben wollten, da ihre Vertreter überzeugt waren, daß eben sie für das Bauen in ihrer Gegenwart geeignet waren oder auch, daß eben sie Tugenden besaßen, die das Zeitalter der Industrie verloren habe, die man aber durch ein Bauen im alten Stil wiedergewinnen könne. Es gab neben diesen Bewegungen auch den Eklektizismus, in welchem seine Anhänger einen Fortschritt sahen; denn durch den freien Gebrauch mehrerer Stile befreite man die Architektur von den Fesseln des einen, konventionellen Stils, man hob sie über jeden strengen Formalismus empor und meinte zu den ewigen Gesetzen der Architektur vorzudringen, indem man die äußere Form als ein Kleid behandelte, welches man nach Belieben wechseln könne. Endlich gab es diejenigen, welche für ein Zeitalter, das sich so stark von allen vorhergehenden unterschied, einen eigenen Stil verlangten. Wir werden uns mit diesen verschiedenen Richtungen beschäftigen müssen, weil sich in ihnen allen der Geist des 19. Jahrhunderts widerspiegelt. ...

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