ARCH+ 211/212

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Erschienen in ARCH+ 211/212,
Seite(n) 186-187

ARCH+ 211/212

Die eingehegte Moderne

Von Scheper, Moritz

Der Aufbruch gen Westen, die Flucht vor den europäisierten, verkrusteten Strukturen und Umgangsformen der Ostküstenstädte New York und Boston, ihrem Regen und Schnee ist trotz aller Abgegriffenheit ein noch immer lebendiges Mythologem der großen amerikanischen Erzählung. Durchs ganze weite Land bis zur final frontier Pazifik, wo Los Angeles, diese funkelnde städtische Agglomeration mit soviel Exotik im Namen, mit 300 Sonnentagen lockt, wo Träume Wirklichkeit und in den Studios fabrikmäßig produziert werden. Obwohl tief im Selbstverständnis der US-Amerikaner verankert und von Projektmachern („Boosters“), Immobilienentwicklern und nicht zuletzt Hollywood beständig genährt, ist das Go West spätestens seit dem L.A. Noir auch in seiner Dekonstruktion amerikanisches Kulturgut. Mit seinem Buch Sunset Boulevard. Vom Filmen, Bauen und Sterben in Los Angeles beleuchtet der aus dem Ruhrgebiet stammende Autor Kevin Vennemann diesen kalifornischen Kulturkampf.  

Ausgangspunkt für sein außergewöhnliches Stück experimenteller Literatur, das Essayistik und Prosa in eins setzt, ist der Film Noir. Spätestens mit They Drive by Night (1941; R: Raoul Walsh) ist dieser in der südkalifornischen Metropole zuhause und zeigt die Stadt ohne die sowieso dort nicht heimischen Palmen, ohne die sonnigen Strände, in ewiger Nacht und Dauerregen. Eine versumpfte, schwarze Stadt fernab jeglicher moralischer Schranken und uneingelöster Paradiesversprechen aus den Boosterprospekten. Kurz: eine realitätstreuere Antithese zu den Traumfabrikaten Hollywoods.  

Äußerst versiert in Kino-, Stadt und Architekturgeschichte interpretiert Vennemann die in diesen Filmen gezeigten Häuser als Allegorien auf ihre (fiktiven) Bewohner, aber auch auf ein Los Angeles, um das zu jener Zeit ein erbitterter Deutungskampf tobt, der genau entlang des Sunset Boulevards verläuft. An dessen einem Ende, in Pacific Palisades, baut die rechtskonservative Los Angeles Times ab 1927 ein Modellhaus für ihre neue Immobilienseite. Dieses Times Demonstration House ist jedoch nicht nur eine Marketingstrategie für die eng mit der Times verflochtene Miramar Sales Corporation, sondern die exklusive Mustervilla soll auch den Spanish Colonial Revival als autochthonen Baustil verkaufen. Mit seinen zusammengeklaubten mediterranen Stilelementen und opulentem Stuck ist Spanish Colonial für den Autor „die eklektizistische Ersatzfiktion einer Geschichte, die eine originäre, eigene Geschichte nie gewesen ist, und einer weißen, angelsächsischen Vergangenheit, die Kalifornien nie gehabt hat.“ Ganz bei Vennemann ist der zitierte britische Architekturhistoriker Reyner Banham, der nicht sicher ist, „ob es sich dabei um einen richtigen Stil handelt oder nur um einen Gemütszustand oder um eine dieser ganz besonderen Fantasien, die in Los Angeles in Massen produziert werden, damit die Menschen in ihnen leben können. Träume, häusliche Träume, die man mit Geld kaufen kann, aber Träume wie jene, die man von Hollywood träumt.“ Dennoch ist das Times Demonstration House mehr als ein dem Weltbild des rassistisch-regressiven Production Code Hollywoods entsprechendes Werbeobjekt für den einträglichen Mythos Südkalifornien, sondern eine Kampfansage an eine heraufdämmernde Moderne südkalifornischer Provenienz, die sich am entgegengesetzten Ende des Sunset Blvd. in Stellung bringt.  

Dort baut Richard Neutra das erste Einfamilienhaus der USA in Stahlrahmenbauweise in die Hollywood Hills. Verzicht auf jeglichen Zierrat, Aufhebung des Gegensatzes von innen und außen, funktionalistische Eleganz gepaart mit ökonomischer Effizienz, hell, leicht und klar, zügig zusammengesetzt aus vorgefertigten Teilen, aus Stahl, Beton und viel Glas. Die Times erwähnt das bahnbrechende Lovell Health House mit keiner Silbe. Vennemann sieht in diesem historischen Augenblick einen seltenen Fall, „in dem Herrschaft so etwas wie Angst verspürte“. Zwar stellt er nicht in Abrede, dass hinter den Stahlrahmenhäusern von Neutra und Rudolf Schindler ausschließlich wohlhabende Bauherren standen. Dennoch spricht er den Architekten zu, mit minimalsten Mitteln auf spezifische Lebensprobleme zu reagieren, preiswerte und zeitgemäße Materialen zu verwenden, was langfristig auch den weniger solventen Bewohnern L.A.s und der Welt zugute kommen könnte: „Die sonnigen Tage der Booster, die ewig verregnete Nacht des L.A. Noir. California Modern hingegen versucht […] zu zeigen, dass es Nacht ist für die meisten, aber Tag sein könnte und sollte für alle.“ Diese egalitäre Architektur mit der Andeutung einer soziografischen Liberalisierung muss nach Vennemann ein Albtraum für das Netzwerk aus Projektmachern um die Times gewesen sein, deren exklusives Paradies nicht für jeden und erst recht nicht für kleines Geld zu haben sein sollte. Dass er recht haben könnte, belegen eindrucksvolle Auflistungen von Hollywoodfilmen, die moderne Häuser für ihre Bösewichter casteten, wenn sie sie nicht gleich in die Luft jagten, wie nahezu jeden Bau von John Lautner.  

In einer Schlüsselszene besucht Vennemann mit dem Co-Star dieses Buches, der Kunstkritikerin Chris Kraus, jene Wiese, die Raymond Chandlers berühmter Privatermittler Marlowe gleich dreimal zu nächtlicher Stunde besucht: im Roman Farewell, my Lovely (Chandler, 1940) sowie in dessen Verfilmungen Murder, My Sweet (1944, R: Edward Dmytryk) und Farewell, My Lovely (1975, R: Dick Richards). Die Zeitschrift Arts & Architecture erwirbt Mitte der 1940er Jahre eben diese Wiese und errichtet darauf mit dem Eames House (Charles und Ray Eames, 1949) und dem Entenza House (Charles Eames, Eero Saarinen, 1949) die ersten Ikonen des von der Zeitschrift vorangetriebenen Case Study House Program. Arts & Architecture selbst hatte in den Jahren davor einen Seitenwechsel vollzogen, nachdem 1938 John Entenza den Architekten des Times Demonstration House, Mark Daniels, als Chefredakteur ablöste und die südkalifornische Moderne mit wohlwollender Berichterstattung flankierte. Anforderungen an die Architekten der Case Studies waren die Verwendung von Materialien des Maschinenzeitalters, der Verzicht auf Korridore und überdimensionierte Räume, die sichtbare Verarbeitung soziologischer, psychologischer und physiologischer Erkenntnisse sowie der Einbezug des Außen in den Wohnraum. Doch trotz dieser idealen Rahmenbedingungen konstatiert Vennemann das totale Scheitern der sozialpolitischen Dimension der California Modern Architecture. Wie die fiktive Figur Marlowe wird die baupolitische Progressivität noch auf besagter Wiese niedergeschlagen. Der Bösewicht und Antiheld in Sunset Boulevard heißt Julius Shulman, der wahrscheinlich bekannteste Architekturfotograf überhaupt, dessen Aufnahmen der Case Study Häuser längst ikonisch sind. Genau das macht Vennemann ihm zum Vorwurf: Er habe die Bauten der südkalifornischen Moderne „entschärft“, mit seiner Kamera „ästhetisierende Verharmlosung“ und „Ablenkungsmanöver“ betrieben. Aus Häusern habe er Kunstwerke gemacht, die durch ihre Kunstautonomie jeder Zweckhaftigkeit entzogen sind. Vor allem Shulmans berühmtes Foto von Pierre Koenigs Case Study House #22 treibt Vennemann die Zornesröte ins Gesicht. Denn obwohl das Haus mit spottbilliger Funktionalität trumpft und daher über Rassen- und Klassengrenzen hinweg, also auch unterhalb der Hollywood Hills, hätte adaptiert werden können, zeigt Shulmans Aufnahme aus der Außenperspektive einen über den nächtlichen urban sprawl thronenden Ausschnitt, in dem zwei Luxusfrauen ihre Zeit verquatschen – einen Werbertraum.  

Auch wenn vereinzelte Argumente der Philippika gegen Shulman zu weit gehen, geht die These der eingehegten kalifornischen Moderne nicht an den Tatsachen vorbei. Nichtsdestotrotz mag man einwenden, dass, so sehr sich die verschiedenen Modernen auch unterscheiden, ihr Ende immer multikausal begründet war und nicht einer einzelnen historischen Figur angekreidet werden kann, selbst wenn sie die mediale Vermittlung der Architektur entscheidend geprägt hat. Zudem scheint der Autor hin und wieder zu vergessen, dass die Architekten des California Modern Shulman höchstselbst mit der Dokumentation ihres Schaffens betrauten. Dennoch schließt dieses fundiert-meinungsfreudige Büchlein in seiner mäandernden narrativen Struktur heterogenste Gegenstände wie den Hollywood Production Code, Fotografie aus dem Schtetl, Film Noir, Architektur und Stadtgeschichte so intelligent miteinander kurz, dass man es mit Gewinn liest.

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