ARCH+ 168


Erschienen in ARCH+ 168,
Seite(n) 52-55

ARCH+ 168

Informeller Urbanismus

Von Kögel, Eduard

Die Produktion urbaner Struktur

Von der Masse zum Individuum In der vorindustriellen chinesischen Stadt lebten vier Generationen unter einem Dach. Die weit verzweigten Familien hatten bis zu 1.000 Mitglieder.1 In komplex verwobenen Hofhausanlagen er-schloß sich ein hierarchisches System innenliegender Höfe, die über Gänge miteinander verbunden waren. Zur Straße war der Komplex bis auf das Eingangstor mit einer geschlossenen Mauer abgegrenzt. Die Dekoration der Häuser und die Verwendung bestimmter Farben richtete sich nach dem sozialen Status und nicht dem persönlichen Geschmack der Bewohner. Das Verhältnis zum Kaiser einerseits und anderseits die Verbindung zu den eigenen Vorfahren, die in Ahnenhallen verehrt wurden, waren die Richtwerte der sozialen Ordnung der Gesellschaft und damit auch der Stadt. Die Familie war das Zentrum für das Individuum und die wichtigste Bezugsgröße innerhalb der Gesellschaft. Mit der Auflösung der feudalen Struktur zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde dieses Prinzip in Frage gestellt. Nach 1949 hat die kommunistische Partei, die in den 50er Jahren damit begann, die Bevölkerung in Arbeitseinheiten (danwei) zu organisieren, die Veränderungen vorangetrieben. So wie vormals das Verhältnis des Einzelnen zu seiner Familie sollte nun die Integration in die Arbeitseinheit eine sinnstiftende Funktion übernehmen.2 Die Zugehörigkeit zu ihr regelte alle Belange des persönlichen Lebens von der Geburt bis zum Tod. Über die Arbeitseinheit wurde die Wohnraumzuteilung organisiert, genauso wie die Rationierung der Lebensmittel, der Zugang zu Bildung oder die Arbeitsstelle. Die Entwicklung einer eigenverantwortlich auf sich selbst gestellten Persönlichkeit wurde erst in Folge der wirtschaft- lichen Liberalisierung ab den 1980er Jahren möglich. Gleichzeitig begann die Auflösung der Arbeitseinheiten. Neben der Arbeitseinheit wurde der Einzelne durch ein Registrierungssystem (hokou) der Stadt- oder Landbevölkerung zugeordnet. Da die Registrierung in der Stadt eine bessere materielle und soziale Versorgung bot und der Staat in der Entwicklung des Hinterlandes seine wichtigste Aufgabe sah, wurde die Freizügigkeit drastisch eingeschränkt. Das Registrierungssystem war zusammen mit der Arbeitseinheit eine der Grundlagen der geplanten Entwicklung aller Lebensbereiche.

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