ARCH+ 221


Erschienen in ARCH+ 221,
Seite(n) 33-39

ARCH+ 221

Bekleidungstheorie

Von Gnehm, Michael

Im Anfang war die Bekleidung. Nichts anderes besagt das „Prinzip der Bekleidung“, das der Architekt Gottfried Semper im 19. Jahrhundert definierte. Was Semper im Sinn hatte, war die Suche nach dem Ursprung der Architektur. Seine Antwort war die Bekleidungstheorie, die sich treffender mit Theorie des Bekleidungsprinzips als Ausgangspunkt des architektonischen Schaffens beschreiben lässt. Sie betrifft das Verhältnis von architektonischem Kern und Hülle, von Ornament und Struktur. Semper wird gemeinhin das Verdienst zugesprochen, dieses Verhältnis umgewertet zu haben. Die Bedeutung der umhüllenden Oberfläche liegt für ihn nicht länger nur in der architektonischen Formfindung, sondern vor allem in der Raumkonstitution. Die Hülle hat Vorrang vor dem konstruktiven Kern, so dass die Mauer zum textilen Derivat wird. Semper schließt in diesem Sinne seine Ausführungen zum Thema im Jahr 1849 mit den Worten: „Bekleidung der Mauern war also das Ursprüngliche, seiner räumlichen, architectonischen Bedeutung nach das Wesentliche; die Mauer selbst das Sekundäre.“ Es sei „gewiss, dass die Anfänge des Bauens mit den Anfängen der Textrin zusammenfallen“.

Sempers Bekleidungsprinzip ist in einen dynamischen architekturtheoretischen Ansatz eingebettet, der die Architektur als Resultat eines konfliktbeladenen historischen und gesellschaftlichen Wandels darlegen will. Im Gegensatz zu diesem kritischen Ansatz dienen heutige Interpretationen der Bekleidungstheorie lediglich dazu, die unserer Zeit abhandengekommene Geschichts- und Gesellschaftsteleologie durch Hüllen- und Ursprungsideen zu kompensieren. ...

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