ARCH+ 224


Erschienen in ARCH+ 224,
Seite(n) 32-51

ARCH+ 224

Versuchsanordnungen einer Incidental Architecture

Von Adam, Hubertus

Christian Kerez’ Beitrag für den Schweizer Pavillon auf der Architekturbiennale 2016 mag diejenigen, die mit seinem Werk vertraut sind, vordergründig zunächst verwirren. Es ist ein rätselhaftes Ding, das keine Funktion hat jenseits der Tatsache, dass es sich um ein Ausstellungsobjekt handelt, das zum Ansehen, zum Drumherumgehen oder zum Betreten bestimmt ist. Da es sich den gängigen Kategorien der Architektur entzieht, sich prosaischen Nutzungen geradezu verweigert, könnte man es versuchsweise auch der Kunst zurechnen. Denn es sind aus dem Bereich der Kunst vertraute Herstellungsverfahren und Überlegungen, die maßgeblich zu seinem Entstehen beigetragen haben. Gipsabgüsse oder das Prinzip der „verlorenen Form“ kennt man aus der Bildhauerei, und auch dort stellt sich die Frage, wieviel Verkleinerung oder Vergrößerung ein Objekt verträgt, ohne zu verzwergen oder monströs zu wirken. Zudem kennt man in jenem Bereich zwei gegensätzliche Vorgehensweisen: die plastische und additive mit Hilfe von Ton und Gips, die zur eigentlichen Plastik führt, oder die skulpturale und subtraktive, bei der die Form aus einer bestehenden Masse herausgearbeitet wird, wie es ein Bildhauer praktiziert.

Für die Herstellung der Gussformen vermischt Kerez beide Strategien: die CNC-Fräse ist die moderne und automatisierte Variante eines bildhauerischen Vorgehens, der 3D-Drucker die moderne und automatisierte Variante eines plastischen Verfahrens. Aber er vermischt auch avancierte mit archaischen Techniken: den traditionellen Gipsabguss mit den neuesten Scan-, Plot- und Frästechniken. Dabei geht es ihm nicht primär darum, verschiedene gegenläufige Verfahren zwecks Optimierung des Prozesses zusammenzubringen, sondern die Potentiale bis zu dem Punkt auszureizen, der heute möglich ist. Das Ergebnis ist das Resultat einer radikalisierten Versuchsanordnung. ...

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