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ARCH+ 224


Erschienen in ARCH+ 224,
Seite(n) 126-140

ARCH+ 224

Jardim Colombo: Eine selektive Chronologie

Von Kerez, Christian

Ich muss gestehen, dass ich von dem Moment, in dem ich zum ersten Mal die Favela Jardim Colombo in São Paulo betreten habe, von ihrer schieren Schönheit ergriffen war; es war eine Offenbarung von Dichte und Komplexität, wie ich sie niemals zuvor erlebt hatte. Das physische Erlebnis des architektonischen Raums übte eine Wirkung auf mich aus, die stärker war als jegliches abstrakte statistische Wissen, das ich aus Büchern bezogen, oder jeglicher Eindruck, den ich aus Filmen über Kriminalität, Armut und Elend gewonnen hätte. Egal, wie viel ich vorher wusste, nichts hätte mich auf das Erlebnis dieser bestimmten Art von Raum vorbereiten können, die ich vorfand und die ich später atomisierten Raum genannt habe – einen Raum, der auf die kleinsten Elemente der Architektur reduziert ist, auf die kleinsten Ordnungen von Zimmern, die alle, so scheint es, leicht unterschiedlich angeordnet sind. Zwischen den Häusern gab es eine unvorhersehbare Vielfalt an Räumen; manchmal wurden die Wege so eng, dass man seitwärts laufen musste. Daraus entstand ein Raumerlebnis, das allen etablierten Bauvorschriften zuwiderläuft.

Viele der Gassen schienen so eng und so sehr mit auskragenden Obergeschossen, Treppen und zum Trocknen aufgehängter Wäsche vollgepackt, dass sie viel eher wie Innen- denn wie Straßenräume wirkten. Versprünge in der Höhe und hinzugefügte Elemente wie Trittsteine und Treppen erzeugen kühne plastische Eindrücke. Durch einige Fenstern der kleinen Häuschen – manche mit Lamellen, andere mit Klappläden, wieder andere völlig ungeschützt – konnte der flüchtige Blick aus unmittelbarer Nähe direkt in die einzelnen kompakten Wohneinheiten fallen. Dadurch wurde uns bewusst, dass die Ziegelwände – zum Teil freiliegend, zum Teil bunt bemalt – keine klare Trennung zwischen Straßen- und privatem Leben, zwischen innen und außen markierten. Vielmehr formten sie mit einfachsten Mitteln Waschplätze, Höfe, Lagerräume oder private Wege, die manchmal durch die Straßenfront hindurch dahinterliegende Häuser erschlossen. Das räumliche System erzeugte eine labyrinthische Qualität, indem es innerhalb eines klar begrenzten Raums den Eindruck von Unendlichkeit erweckte. Dieses Gefühl wird durch den uneindeutigen, offenen Rahmen der Mauern noch verstärkt.

Bereits an meinem ersten Tag hatte ich die Gelegenheit, das Innere von einigen der Häuser zu betreten. Wobei ich wiederholen muss, dass es manchmal schwierig festzustellen war, ob man gerade in einem Haus stand oder eher draußen. ...

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