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ARCH+ 139/140

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Erschienen in ARCH+ 139/140,
Seite(n) 148-155

ARCH+ 139/140

30 Jahre - und kein bißchen weise?

Von Meyer, Ulf

“ARCH , das ist die Zeitschrift, bei der Sie immer meinen, Sie hätten das letzte Heft verpaßt”, hieß es noch 1979 in ARCH+ in Anspielung auf die unregelmäßige Erscheinungsweise, elf Jahre nach der Gründung. ARCH+ verdankt seine Existenz dem wichtigsten Umbruch in der deutschen Gesellschaft zwischen Kriegsende und Wiedervereinigung. Mitte 1967 gründeten zunächst sieben Studenten und Assistenten der Universität Stuttgart (Ulrich Bäte, Peter Dietze, Dieter Hezel, Wolfram Koblin, Peter Lammert, Gernot Minke, Ayla Neusel, Stephan Waldraff) aus dem Umkreis von Max Bense die “Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung”; das erste Heft erschien im Januar 1968. Zwei Hände voll Korrespondenten meldete das Impressum damals stolz. Seitdem sind weit über hundert Hefte erschienen, Verlag, Herausgeber, Erscheinungsort und natürlich die Redaktion sind alle mindestens einmal ausgewechselt worden. Nur der Name und die Erscheinungsweise von vier Heften pro Jahr sind konstant geblieben. Über 60 Namen sind durch das Impressum gegangen. Das täuscht jedoch: Wichtige Mentoren wie Dieter HoffmannAxthelm, Julius Posener, Otl Aicher, Bruno Schindler, Joachim Krausse und Vilém Flusser waren nie Redaktionsmitglieder im strengen Sinne. Ihr Einfluß auf die Entwicklung der Zeitschrift ist dennoch nicht zu unterschätzen.

70 Seiten ARCH+ gab es 1968 zum Preis von 5 DM und heute, dreißig Jahre später, etwa 30 Seiten mehr für 26 DM. Die Geschichte der Zeitung läßt sich grob in fünf Phasen einteilen, die Parallelen zum Zeitgeschehen, aber auch Ungleichzeitigkeiten zeigen. Anhand von Gesprächen über die Erinnerungen der (ehemaligen) Redakteure soll die Geschichte der ARCH+ in drei Jahrzehnten gezeigt werden. Denn zwischen relevant und redundant hat ARCH+ einige Mutationen durchgemacht, die in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der “tragenden Personen” stehen.

Die Gründungsphase 1968-1972

Verwissenschaftlichung der Architektur und des Entwurfs Die ersten ARCH+ Hefte sind wahrlich historische Dokumente. Unvorstellbar wäre es in der heutigen Welt der bunten Bilder, mit einer solchen knochentrocke148 nen, akademischen, zweispaltigen Bleiwüste um Leser zu werben, die überwiegend visuell denken. Obwohl die Zeitschrift während der Studentenunruhen gegründet wurde, waren die Themen zunächst nicht primär politisch. ARCH+ beschäftigte sich in seiner ersten Phase mit “technokratischen” Themen wie Planungstheorie, Semiotik, Mathematik und Kybernetik, Entwerfen mit Algorithmen und Mengenlehre. Auch “Operations Research”, im Vietnamkrieg entwickelt, fand über den Umweg der Wirtschaftswissenschaften Einzug in die Planungstheorie. Wissenschaft wurde als Medium der Subversion empfunden, um “die Welt zu erfinden, wie sie nicht ist” (Uhlig). Die Verwissenschaftlichung, als “Versachlichung” der Architektur verstanden, sollte ein Gegengewicht zum “Entwerfen aus dem Bauch heraus” darstellen. Für “Architektur plus X” stand der Titel ARCH+. Über dieses X gab es in dreißig Jahren unterschiedliche Anschauungen.

Neben den wissenschaftlichen Themen nach dem Vorbild des American Journal of Planners (AJP) war auch die Diskussion um die Studienreform ein besonderes Anliegen von ARCH+. Nicht zuletzt die mangelnden Mitsprachemöglichkeiten der Studenten bei der Studienreform motivierte die Redakteure, eine institutsunabhängige Zeitung herauszugeben und darüber auch prominente Referenten für Diskussionen zu gewinnen. In den späten 60er Jahren “fingen die Kopierer an zu funktionieren" (Dietze), und ARCH+ gab zusätzlich zur Zeitung alle 14 Tage ein Spontanblatt heraus, das als regelmäßiges Flugblatt in der Uni verteilt wurde.

ARCH+ verstand sich als Diskussionsforum, das der Verwissenschaftlichung der Architektur dient – eine Quadratur des Kreises. Die Aussage, daß Architektur selbst keine Wissenschaft sei, tauchte bereits im ersten Heft auf. “ARCH+ ist keine Fachzeitschrift, sondern eine Problemzeitschrift", hieß es deshalb im Editorial. Das Thema der ersten Ausgabe war denkbar klassisch: ARCH+ begann mit der grundsätzlichsten aller Fachfragen: “Was ist Architektur?”

Daß ARCH+ (bis heute) kein Werk von Journalisten ist, sondern akademische Ansprüche verfolgte, schlug sich auch in den zweisprachigen Texten und langen Anmerkungs- und Fußnotenapparaten nieder. In der Redaktion “herrschte große Übereinstimmung über die Aufgabe der Zeitschrift” (Dietze). Das erste Heft war schnell vergriffen.

1967 hielt Oswald Mathias Ungers an der TU Berlin ein Symposium zur Architekturtheorie ab, über das ARCH+ interessiert berichtete. Die späten 60er Jahre waren nicht zufällig auch die Zeit, in der erstmals an mehreren Universitäten Lehrstühle für Architekturtheorie eingerichtet wurden. “Wo noch keine Methode zur Verarbeitung bestimmter Theorien vorhanden ist, fällt jede Theorie zunächst auf fruchtbaren Boden – nur weil es überhaupt eine ist; natürlich nur, um von der nächsten, gegensätzlichen wieder verdrängt zu werden”, stand im ersten ARCH+ Heft zu lesen, und in mancherlei Hinsicht ist das bis heute wahrer geblieben, als manchem lieb ist. Mit mathematischen Formeln war der Architektur zwar nicht beizukommen. Dennoch ist im Rückblick erstaunlich, was in Heft 1 bereits angelegt war: Das Thema “Biologie und Bauen” tauchte bereits ebenso in der Diskussion auf wie Jürgen Joedickes “Grundlagen der modernen Architektur” oder der Verweis auf Reyner Banham. Die ersten Ausgaben kamen fast vollständig ohne Abbildungen aus: Lediglich ganzseitige Naturfotos eines Wettbewerbs an Frei Ottos Institut für Leichte Flächentragwerke, Stuttgart, illustrierten das erste Heft (Günter Behnischs Entwurf für den Olympiapark in München, für den Otto als Berater tätig war, stammt aus dem gleichen Jahr).

Inhaltlich waren die 15 Hefte, die in den fünf Jahren der ersten Phase erschienen, bunt gemischt: “Die ursprüngliche Absicht, Themenhefte herauszugeben, wurde während der Vorbereitungszeit fallengelassen, weil die Geschlossenheit eines Themenheftes der Offenheit der Probleme nicht entspricht. Erst innerhalb einer Serie von Heften werden sich einzelne Problemfelder abzeichnen", las man im Editorial von Heft 2. Die Zusammenhänge konnte der Leser selbst herstellen, denn “ARCH+ ist zum Verbrauch bestimmt. Es ist leicht zerlegbar, die Beiträge können einzeln herausgenommen werden". Diese Aussage war symptomatisch, denn tatsächlich war ARCH+ zu diesem Zeitpunkt so etwas wie eine gebundene Loseblattsammlung. Um ein Hauptthema herum rankten sich Beiträge über unterschiedlichste Themen. Erst mit Heft 34 kehrte sich das Verfahren um: Dann wurden Themen bestimmt, zu denen Autoren gesucht wurden oder die Redakteure recherchierten.

ARCH+ begann seine Geschichte als reines Goodwill-Projekt. Autoren und Redakteure arbeiteten ohne Honorar, aber mit einer guten Portion Idealismus. ARCH+ wurde damals von der Sekretärin eines Lehrstuhls “auf einer IBM Executive” getippt, wie sich Jörg Pampe erinnert. Was Manfred Sack in der “ZEIT” in einem Artikel zum 90. Heft als “betont asketisches” Layout beschrieben hat, war weniger einem visuellen Minimalismus oder gar Bilderverbot geschuldet als der bloßen Schwierigkeit, Bilder zu reproduzieren. Aber um Ästhetik ging es ARCH+ ja auch gar nicht. ARCH+ folgte in seiner Graphik den akademischen Regeln wissenschaftlicher Publikationen. Das “Schülerzeitungslayout” entstand erst später mit der Einführung von Abbildungen.

Gestaltung und Druck der Zeitschrift waren Uni-intern organisiert. Nur für den Vertrieb griff man auf die Karl Krämer Fachbuchhandlung in Stuttgart zurück. Weil die Idee der Zeitung darin bestand, die neuesten Gedanken zu präsentieren, ohne unmittelbare Umsetzungsmöglichkeit in der Architektur (eine gewisse zeitweise noble, zeitweise weniger noble Distanz zum architektonischen Tagesgeschehen hat sich ARCH+ in der weiteren Geschichte bewahrt), fand man ARCH+ später in manchen Bibliotheken nicht im Fachgebiet Architektur, sondern bei den Gesellschaftswissenschaften. Schon 1969 löste sich der SDS auf, die Verbindung der Studentenunruhen mit der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften war gescheitert. Die Frauenbewegung und zahlreich aufkommende (lokale) Bürgerinitiativen begannen, eine wichtigere Rolle zu spielen.

Vier Jahre nach dem Debüt war die Stuttgarter Zeitschrift heruntergewirtschaftet und ihre Existenz gefährdet. “Selbst die Redakteure verstanden manche wissenschaftlichen Texte im eigenen Heft nicht” (Ehrlinger). Die komplette Einstellung der ARCH+ wurde diskutiert, und es erschienen einige Nothefte. Erst eine Leserumfrage ergab den Rat, “ARCH+ nicht einzustellen”. Die Verkaufszahlen waren speziell in Aachen und Berlin gut, und weil die Kraft der Stuttgarter Mannschaft offensichtlich nicht zum Überleben genügte, lag es nahe, sich in anderen Städten und Universitäten nach neuen Mitarbeitern umzusehen.

Die Phase der Umorientierung und Politisierung 1972-76

Mit dem 16. Heft wurden die Karten in der ARCH+ Redaktion neu gemischt: Schon vier Jahre nach der Gründung der Zeitschrift war keines der Gründungsmitglieder mehr in der Redaktion. Aus Stuttgart waren nur noch vier Redakteure (Christoph Feldtkeller, Wolfgang Ehrlinger, Heinrich Stoffl und Jörg Pampe) dabei. Neben Stuttgart gab es nun noch Aachen und (West-) Berlin als Redaktionsstandorte, und damit trat auch eine neue Führungsmannschaft an: Aus Aachen kamen Marc Fester und Nikolaus Kuhnert, etwas später Adalbert Evers und Sabine Kraft und aus Berlin Helga Fassbinder, Klaus Brake und Renate Petzinger dazu. Diese Umstrukturierung bedeutete nicht nur eine Öffnung zu neuen Personen, Themen und Orten, sondern de facto eine erste 180Grad-Wendung. Die neuen Mitarbeiter “kamen nicht hinzu, sondern sie übernahmen”. Die Redaktionskonferenzen machten fortan Reisen nötig, fanden aber meist in Berlin statt. Danach bildete sich der Schwerpunkt der Redaktion in Aachen heraus. Etwas irritierend wirkte sich dabei aus, daß auch “die Aachener” überwiegend aus Berlin stammten.

“Die Berliner” brachten verstärkt Politik und Ökonomie in die Debatte. Das linke Selbstverständnis äußerte sich damals in endlosen ideologischen Grabenkämpfen. Weil die Redakteure Kämpfernaturen waren und darüber hinaus in unterschiedliche Fraktionen zersplittert, verloren sich die Redaktionskonferenzen häufig in Abstimmungsk(r)ämpfen. Die politischen Debatten, in denen sich die Redakteure verzettelten, fanden nicht immer ihren vollen Niederschlag im Heft. “Die Berliner hielten sich für undogmatisch, waren es aber nicht. Die Stuttgarter ‘Macher’ gingen weg, und die Dogmatiker blieben übrig”, erinnert sich Ehrlinger etwa. Die Stuttgarter zogen sich angesichts des ewigen “Gerangels und der Blockaden” früher aus der Redaktion zurück, als das Impressum widerspiegelt. ARCH+ sollte nach dem Willen mancher Redakteure zu einem “Bulletin für Manifeste”, einer “Bewegungszeitschrift” werden.

Die Stuttgarter müssen damals das Gefühl gehabt haben, daß ihnen ein Kuckucksei ins Nest gelegt worden war. Die Berliner und Aachener machten aus ARCH+ eine Kampfschrift des universitären Milieus, in dem die 68er-Gefechte nachgeholt wurden. Wie viele andere Bereiche des Lebens auch, wurde die Architektur in den frühen 70er Jahren gnadenlos “soziologisiert”. Unterschiedliche Gruppen wie die “Rote Zelle Bauwesen” und die “MLH Bau” (MarxistischLeninistische Hochschulgruppe) hatten weite Teile der Architekturstudentenschaft politisiert. Der Vertrieb der Zeitung wechselte vom Karl-Krämer-Verlag zu VSA (Verlag für das Studium der Arbeiterbewegung) in Berlin; die Nähe zum Verlag stärkte die Berliner Position.

Inhaltlich wurde angestrebt, neben der kapitalismuskritischen Analyse der Wohn- und Lebensverhältnisse die Berufspraxis verstärkt in den Mittelpunkt der Hefte zu stellen. Um Entwerfer-Individuen oder gar den “Künstler-Architekten” ging es dabei aber nicht, sondern um die Rolle des lohnabhängigen Architekten. Aus dem “verrohten Spätfunktionalismus” wollte man nicht aussteigen, sondern gar nicht erst einsteigen. Als Variante des langen Marschs durch die Institutionen galt das Fälschen von Maßketten in “bürgerlichen” Architekturbüros manchen Architekten damals als legitimer Weg. Wie sehr es um die Organisation des Berufsstandes vs. Inhalt der Architektur ging, läßt sich an dem “entschuldigenden” Nachwort von Klaus Brake für einen der ersten PosenerTexte in Heft 25 ansehen, einen Artikel, der sich wirklich mit Architektur beschäftigte.

In ARCH+ waren zu dieser Zeit mehr Abbildungen von Graffiti und DemoTransparenten als Architektur zu sehen. Um Mieter- und Bürgerinitiativen kreisten die Diskussionen, die konkrete Architektur interessierte nicht. Die Auflagenhöhe lag damals bei 1.000 Exemplaren. Mit Heft 28 tauchte erstmals ein Motiv auf dem zuvor nur mit Inhaltsangaben versehenen Titelblatt auf. Dieter Masuhr, ein Berliner Künstler, prägte in den folgenden Jahren mit seinen Federzeichnungen nicht nur den ersten Eindruck des Erscheinungsbildes von ARCH+, von ihm stammte auch die Idee, das “+" im Titel hochzustellen. Die Wahl der Motive für das Titelblatt löste häufig kontroverse Diskussionen aus.

Um Heft 34 entbrannte eine heftige Debatte. Bei klassenübergreifenden Themen wie der Stadtsanierung griffen die traditionellen Kategorien von “Lohnarbeit und Kapital” nicht mehr. Teile der Redaktion sahen in der Stadterneuerung, den Stadtteilgruppen und Bürgerinitiativen “Reform statt Revolte” am Werk. Der Konflikt “basisdemokratisch vs. gewerkschaftlich” hat ARCH+ damals fast zerstört. “Die Auseinandersetzungen waren erbitterter und grundsätzlicher als heute” (Evers). Es entstanden Artikel, die, wie Bruno Schindler heute bissig bemerkt, “keiner verstehen kann, will oder soll”.

Die Gründung des gemeinnützigen “ARCH+ Verein zur Erforschung des Verhältnisses von gebauter Umwelt und gesellschaftlicher Entwicklung” diente dem Ringen um Macht und Einfluß innerhalb der Redaktion. Nachdem zunächst eine “Achse Aachen-Berlin” entstanden war, bildete sich eine neue Allianz zwischen Aachen und Stuttgart gegen die “mächtigen und linientreuen Berliner”. Bereits 1975 hatte sich die Berliner Fraktion vorausschauend einen “Minderheitenschutz” in die Satzung des Vereins schreiben lassen. Die Konflikte kochten so hoch, daß die drei Berliner in Heft 33 überhaupt nicht mehr namentlich im Impressum geführt wurden. Die Phase endete mit einer fulminanten, 16seitigen Austrittserklärung von Brake, Fassbinder und Petzinger 1977, dem Jahr des “Deutschen Herbstes”, in dem der Terror der RAF (mit der SchleyerEntführung) seinen Höhe- und Wendepunkt erreichte.

Ihre Motivation auszutreten lag, um es in einem Satz zu sagen, in dem Bedauern, daß ARCH+ nicht anstrebte, die Zeitung zu sein, die den Kampf in den Stadtteilen mit der sozialistischen Arbeiterbewegung verbindet. Selbst um die Austrittserklärung gab es noch lange Diskussionen, ob sie im Heft abgedruckt werden solle oder mit der neuen ARCH+ schon nichts mehr zu tun habe. Sie erschien schließlich als Beilage, die die Austretenden selbst bezahlen mußten. Viele ehemalige Redakteure denken heute, daß diese Trennung ARCH+ das Überleben ermöglicht hat. Die verbliebenen Mitarbeiter waren “froh, daß sie die Berliner los waren” (Evers). Dem Schicksal vieler anderer linker Zeitschriften, von der DKP aufgekauft oder unterwandert zu werden (teils sogar von der DDR unterstützt), entging ARCH+ auf diese Weise. Alle Alt-68er sind sich im Rückblick darin einig, daß die kräftezehrenden Gefechte müßig waren.

Im letzten Heft dieser heißen, ideologischen Phase erschien ein Auszug aus Robert Venturis “Learning from Las Vegas”, fünf Jahre nach der amerikanischen Erstveröffentlichung. Ein erster Fingerzeig der Postmoderne war in Deutschland angekommen. In der Theorie zumindest. Stirlings Entwurf für die Stuttgarter Staatsgalerie von 1978 trat eine Flut los, in deren Folge viele postmoderne Papierarchitekturen den Sprung in die Realität schafften. Zugleich erhielten Denkmalpflege und auch die Rekonstruktion historischer Gebäude neue Aktualität.

Die Phase der Ästhetik und Postmoderne 1977-1986 – Der Weg zur Profession

Nach 1977 fand die weitere Zersplitterung in Post-68er-Grüppchen ein Ende, aber der Konflikt zwischen Sozialwissenschaftlern und Architekten schwelte. Das Problem der ewigen Richtungsdiskussionen erledigte sich dann aber von allein, weil man von der kollektiven zur Einzel-Verantwortung für jeweils ein Heft überging.

Der Weg führte vom Arbeiter über den Mieter zum Bürger und dabei weg vom Dogma. Jetzt standen Stadtteil- und Mieterbewegungen, Architektur von unten, die “Grass Root”-Bewegung, die Hausbesetzer und Bürgerbeteiligung im Mittelpunkt des Interesses.

Nach dem Austritt verblieben von der alten Mannschaft neben den Stuttgartern Evers, Fester, Kraft und Kuhnert in der ARCH+ Redaktion. Neu hinzu kamen Werner Durth, Günther Uhlig und Friedemann Gschwind. Ein personelles Gleichgewicht der unterschiedlichen Pole wurde stets angestrebt. Ab Heft 37 wurde ARCH+ nur noch in Aachen erarbeitet, nach Berlin fiel auch Stuttgart als Redaktionsstandort weg. Druck und Vertrieb wechselten vom VSA-Verlag zur alternativen Druckerei Klenkes in Aachen, die dort eine Stadtzeitung gleichen Namens herausgab. Sowohl bei dem organisatorischen wie inhaltlichen Umstrukturierungsprozeß der Zeitschrift wurde Marc Fester zur tragenden Kraft von ARCH+.

Erst in dieser Phase wurden ARCH+ Hefte zu Themenheften. Mit den “Strategien für Kreuzberg” tauchte in Heft 34 ein erkennbares Leitthema auf der Titelseite auf. Dieses Heft war aber auch in anderer Hinsicht ein Wendepunkt. In ARCH+ war die Debatte der späten 70er und frühen 80er Jahre durch Wohnungspolitik und Ökologie geprägt. Spätestens die Ölkrise von 1973/74 hatte die Endlichkeit der Ressourcen und die Grenzen des Wachstums deutlich gemacht. Zweimal wurde ökologisches Planen und Bauen thematisiert (Heft 51/52 und Heft 62), Mieten und Wohnungsmarkt wurden in Heft 36, 42 und 54 zum Thema. Klaus Novy bearbeitete das Thema genossenschaftliches Wohnen und Siedlungsbau für ARCH+, obwohl die Pleite der Neuen Heimat (1982) dem gemeinnützigen Wohnungsbau schweren Schaden zugefügt hatte. Diese Arbeit floß später in die Gründung des “Wohnbunds” in Frankfurt ein.

1980 wurde die Partei der “Grünen” gegründet. Die ehemals zum Teil außerparlamentarische Opposition war schon drei Jahre später zum ersten Mal im Bundestag vertreten und hatte mit dem Beginn der rot-grünen Koalition in Hessen 1985 erstmals (Landes-) Regierungsverantwortung übernommen. Damit existierte eine neue politische Kraft, die diejenigen Interessen und Personen sammelte, die sich bisher auch durch ARCH+ vertreten sahen. Die Debatte um Aneignung (Heft 34 und 40/41) war der erste Schritt auf dem Weg zurück zur Architektur. Heft 57/58 über “Neuen Realismus”, in dem Leon Krier zu Wort kam, brach ein Tabu: In ARCH+ erschienen zum ersten Mal Werkberichte. Das wäre früher undenkbar gewesen. ARCH+ war auf dem Weg zur Architekturfachzeitschrift. Dieses Heft wurde von Felix Zwoch bearbeitet, der zunächst als Layouter der einzige bezahlte Mitarbeiter der ARCH+ war. Zwoch ist heute Herausgeber der StadtBauwelt, für die später auch einige Redakteure der ARCH+, wie Durth und Kuhnert, schrieben. Durth gehörte sogar zeitweise dem Herausgeberkreis der StadtBauwelt an.

Zum 75. Geburtstag von Julius Posener wurde nach der Überwindung einiger Widerstände in der Redaktion der erste Zyklus einer seiner Vorlesungen veröffentlicht (Heft 48). Was zunächst nach einem “Luftballon” aussah, entwickelte sich zu einem großen Erfolg: Die Auflage, die bis in die späten 70er Jahre unter 2.000 Exemplaren dahindümpelte, schnellte empor, und die Vorlesungsreihe wurde in den folgenden vier Jahren (Hefte 53, 59, 63/64 und 69/70) fortgesetzt.

Die beiden europäischen Pole der Postmoderne waren Italien und (über Umwege) Großbritannien, die deutsche Provinz war nicht zuletzt durch die NSGeschichte abgekoppelt (“Warum es keine deutsche Architektur gibt” Heft 56). Zahlreiche Ausstellungen zu Beginn der 70er Jahre versuchten, die versprengten Teile der Postmoderne unter einem gemeinsamen Label darzustellen. 1978 wurden in Heft 37 über “Typologie" Manfredo Tafuri, Aldo Rossi und Carlo Aymonino vorgestellt. “Die Architektur der Stadt” und damit die Rückbesinnung auf die “Autonomie” der Architektur erschien bereits 12 Jahre zuvor. Weil Rossi KP-Mitglied war und seine “anti-flüssigen” Theorien der Besinnung auf die Geschichte nicht zuletzt auch antikapitalistisch waren, mußten die ARCH+ Redakteure nicht allzu viele politische Schatten ihrer eigenen Biographien überspringen, um sich für die einsetzende Erneuerung der Architektur zu begeistern. Fast zehn Jahre nach der Rückbesinnung vieler Architekten auf ihre Profession war für ARCH+ klar, daß sie ihr Selbstverständnis als “kritische Architekturfachzeitschrift” definiert. Rossis Texte wurden neu übersetzt und wörtlich abgedruckt. Bilder und Projekte traten zunehmend an die Stelle von ausschließlichen Textbeiträgen.

Beide Stränge der frühen 80er Jahre, die Debatten um die Stadt und die postmoderne Ästhetik, tauchten wie in Sequenzen immer wieder auf und kulminierten in der Internationalen Bauausstellung in Berlin. Die Diskussionen um das Wohnumfeld (Heft 43/44), Selbsthilfe (Heft 55), Verkehrsberuhigung (Heft 47) etc. fanden sich in der “IBA alt” und die PoMo-Debatte in der “IBA neu” wieder. Damals waren einige Redakteure noch dafür verhaftet worden, daß sie nachts Radspuren auf die Straßen gepinselt hatten. Der IBA, die der Postmoderne in Deutschland (nach den ersten Museumsbauten) zum Durchbruch verhalf, wurden zwei Hefte gewidmet (Heft 61 und 66). 1979 war die “IBA GmbH” gegründet worden und bemühte sich darum, sowohl die alten Quartiere behutsam zu sanieren, als auch mit Hilfe postmoderner Architekturen “die zerfranste urbane Textur wieder zuzunähen” (Vittorio Magnago Lampugnani).

Für ARCH+ begann in den frühen 80er Jahren eine Phase der Professionalisierung bei gleichzeitiger personeller Minimierung. 1984 (mit Heft 77) wurde ein eigener Verlag gegründet, der ARCH+ herausgab. Die Anteilseigner waren Fester, Kraft, Kuhnert, Uhlig und zunächst der besagte Verein. Es war geplant, alle Leser zu Mitgliedern zu machen. Weil sich das als unpraktikabel herausstellte, tauchte der Verein später nicht mehr als Anteilseigner der Gesellschaft auf und ging ein. Mit Gründung der “Firma” wurde Nikolaus Kuhnert ab 1983 der erste bezahlte Redakteur von ARCH+. Manfred Sack sprach deshalb in seinem Rückblick stets von “Kuhnert, dem Redakteur”, der sich am stärksten mit der Zeitschrift identifizierte. Kuhnert nahm “das Heft in die Hand”, im wahrsten Sinne des Wortes. 1988 wurden mit Sabine Kraft Verlag und Redaktion auf zwei Beine gestellt.

Mit der ökonomischen Eigengründung entstand die kuriose Situation, daß die Mitarbeiter “Verleger und Redakteur in einer Person” wurden. Die GmbH wirtschaftete jedoch ohne Gewinn, Überschüsse wurden in die Verbesserung der Qualität des Blattes investiert. Die Redaktion bekam damit die Möglichkeit, sich “Hefte zu gönnen, die nicht laufen” oder nicht “politically correct” sind. Erfolg und Mißerfolg einzelner Hefte überraschen die Redaktion bis heute in gleichem Maße. Ihrer Lernfähigkeit ist zu verdanken, daß ein gesunder Opportunismus zum Kalkül wurde. Der Verkaufserlös stellt bis heute die Haupteinnahmequelle dar. Für die Eigenwerbung von ARCH+ sind Anzeigen in anderen Zeitschriften und vor allem Mundpropaganda die wichtigsten Wege geblieben. Für ARCH+ zu schreiben, hatte sich “von einem Hobby zur Selbstausbeutung” gewandelt.

1985/86 gab ARCH+ drei Materialhefte (Lehm, Holz, Stein) heraus. Am Thema vernakuläre Architektur und Regionales Bauen (“Baufibel”) schieden sich die Geister. Über Christopher Alexanders Pattern Language, über die Baufibel für Lothringen von Emil Steffann und über Hugo Kükelhaus (Heft 73, 78 und 81) erschienen eigene Hefte. Die von der Industrialisierung des Bauens verschüttete Handwerklichkeit kam einerseits zu neuen Ehren, war andererseits stets dem Verdacht der “Nostalgie” ausgesetzt. ARCH+ leistete aber auch Schützenhilfe für die großen linken Themen der frühen 80er Jahre: Heft 60 widmete sich “Frauenräumen” und der Feminismusdebatte (das “+" von ARCH+ mutiert zum Symbol für Weiblichkeit), die Friedensbewegung folgt mit Heft 71. Die Anti-AKW-Bewegung hatte 1979 einen Höhepunkt erreicht, der der Friedensbewegung fiel mit dem Beginn der Ära Kohl 1982 zusammen. Im Jahr zuvor war Greenpeace gegründet worden.

In der zweiten Hälfte der 80er Jahre wurden “die Grünen” zunehmend kritischer gesehen. Der Wertkonservativismus der Grünen wurde für ARCH+ zum Problem.

Die Phase der Erneuerung 1986-1992

Die Abkehr vom grünen Wertkonservativismus war zwar ein Einschnitt, der Übergang zwischen der dritten und vierten Phase aber dennoch fließend. Mit Walter Benjamin besann man sich darauf, “lieber das schlechte Neue, als das gute Alte” zu wollen.

Die Postmoderne begann, sich totzulaufen. “Der verbreitete Kulturpessimismus war verlogen und politisch reaktionär, die Postmoderne wurde schnell lächerlich” (Schindler). ARCH+ verabschiedete sich von der Postmoderne vor einem Großteil ihrer Leser. Damit einher ging eine Rückbesinnung auf die Moderne – nicht als Stil, sondern im Sinne der Fortsetzung eines philosophischen Projekts – keine Neo-Moderne, kein Revival der “heroischen Moderne”, sondern die “zweite”, unvollendete Moderne, deren Beginn ARCH+ in den späten 20er Jahren ausmachte. 1986, in dem Jahr, in dem ARCH+ achtzehn und damit volljährig wurde, begann man auch langsam, die übersehenen Potentiale der Moderne wieder auszugraben. Die “endogene Erschöpfung der Avantgarde” (Uhlig) und ihre verschüttete Selbstkritik sind bis heute interessante Fragestellungen geblieben.

Entsprechend der inhaltlichen Neuorientierung wandelte ARCH+ sich auch äußerlich. Auf Anregung von Schindler wurden die “Schwarzen Seiten” mit historischen Beiträgen in der ARCH+ eingeführt, die er als hausinterne Opposition verstand, solange er sie ausführte. Sie arbeiteten häufig mit vergleichender Bildanalyse (“Sinnlichkeit vs. Vernunft” etwa). Zu Heft 68 erschien erstmals die Rubrik “Zeitung”, in Heft 78 die Rubrik “Baumarkt”. Daraus entwickelte sich der Dreiklang der späteren Hefte: ein thematischer Schwerpunkt, eingefaßt von aktueller und praktischer Berichterstattung. Besonders der Baumarkt war eine wichtige Neuerung. Spätestens jetzt war klar: Man durfte wieder bauen. Die “Rhetorik des Machens” war wiederentdeckt worden. Der Baumarkt dokumentiert, daß die Leser verstärkt entwerfende Architekten waren und keine Oppositionellen. Die Diskussion über technische Innovationen wanderte später in den Baumarkt ab, der mundgerecht und ursprünglich häufig auf das Thema des Heftes bezogen, zu informieren versucht.

Ab Heft 94 wurde ARCH+ nicht mehr geheftet, sondern geleimt, und in Heft 81 erschien zum ersten Mal das CAD-Journal. Überhaupt wurde CAD ein immer wichtigeres Thema (Heft 75/76, 77, 83 und 128). Hart am Plagiat vorbei tauchte wenig später das CAD-Programm “ARC+”(!) auf. Dabei ist es ein schwacher Trost, daß es mit dem Slogan “Die anspruchsvolle Software für anspruchsvolle Gestaltung” beworben wird.

Auch organisatorisch änderte sich einiges in der Redaktion: 1987 wurde Berlin zum zweiten Redaktionsstandort und ein Jahr später die Redaktion dreiköpfig. Philipp Oswalt (1988-93) und Angelika Schnell (ab 1990) als Vertreter einer jüngeren Generation wurden jeweils zur dritten Kraft in der Redaktion. Damit änderte sich der Arbeitsstil grundsätzlich. Nicht nur, daß sich die jungen Redakteure mit der Abkehr vom Wertekonservativismus und mit der zunehmenden Professionalisierung der Zeitschrift identifizierten, auch die Zeit der Einzelkämpfer war vorbei. An ihre Stelle traten “Arbeitsgruppen ohne hierarchische Strukturen”, für die zusätzlich Studenten als Mitarbeiter gewonnen werden konnten, darunter Wolfgang Wagener (1986-88), der das Berlinmodell mitgestaltete, Florian Böhm (1990-96) als Fachmann für Architektur und Computer, Wolf Loebel (1990-97) und Andreas Bittis (ab 1990), die sich in Aachen für den Ausbau und die ständige Verbesserung des Baumarkts engagierten. Dennoch ging die Zahl der Redakteure, die für die Hefte verantwortlich zeichnen, nie über drei hinaus.

Das kleine Redaktionsteam, das heute aus Sabine Kraft, Nikolaus Kuhnert und Angelika Schnell besteht, besitzt Vorund Nachteile zugleich. Einerseits erlaubt das Team eine einmalige Konzentration, andererseits klafft eine Generationslücke: Der Mittelbau fehlt, sei es, weil sich die Paten mit dem Delegieren schwertun, sei es, weil lange Zeit kein Gehalt gezahlt werden konnte, das jungen Leuten eine Lebensperspektive bei der ARCH+ ermöglicht hätte. Der Generationskonflikt zwischen 68ern und Post-68ern ist deshalb in der Redaktion weitgehend ausgeblieben. Parallel zu diesen organisatorischen Umstrukturierungen gestalteten sich auch die Themen: Nachdem die großen Schlachten um die Postmoderne geschlagen waren, schien die Zeit reif für eine Neuorientierung der Zeitschrift. Mit Rem Koolhaas, dem 1986 zusammen mit Zaha Hadid, Daniel Libeskind und Bernard Tschumi ein ganzes Heft (86) gewidmet wurde, kam die Vision eines fortschrittlichen und modernen Europa zurück. Koolhaas ist einer der wenigen Europäer, die praktizierende Architekten und Intellektuelle zugleich sind. Die Beschäftigung mit seinen Arbeiten muß wie eine Befreiung gewirkt haben, wie frische Luft in einem von ermüdenden Diskussionen verqualmten Raum. Begriffe wie Ereignis und Programm, Abenteuer des Denkens, Neugier und Leichtigkeit tauchten wieder auf. Mit dem zweiten Typologieheft (85), das Dieter Hoffmann-Axthelm zusammen mit Ludovica Scarpa konzipierte, im gleichen Jahr und nur ein Heft zuvor, war für ARCH+ die Postmoderne gelaufen. ARCH+ schüttelte die eigene Geschichte ab. Die “Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen”, wie sie bis 1986 hieß, wurde sodann schlicht zur “Zeitschrift für Architektur und Städtebau”.

Bruno Schindler, die “graue Eminenz der ARCH+” zwischen 1983 und 1988, brachte einen zweiten wichtigen Anstoß: In Heft 89 (“Indoor City, Outside Service, Sandwich Space”) – aus den schwarzen Seiten wurde ein ganzes Heft – stellt er mit dem Paradebeispiel der Hongkong-Shanghai-Bank die britische High-Tech-Architektur (“ein dummes Wort”, so Schindler) erstmals im Heft vor. Die Kooperation zwischen Architekten und kreativen Ingenieuren wie Peter Rice wurde zu einem wichtigen Thema. Doch der Erfolg stellte sich erst nach der Verknüpfung der High-TechArchitektur mit der Ökologie ein. ARCH+ gelang seit 1990 die richtungweisende Propagierung des “Öko-Tech", welches gleich in mehreren Heften thematisiert wurde (104, 113, 126). Das bisher letzte Heft zu diesem Thema war die Erstveröffentlichung der Reith-Lectures von Richard Rogers in Heft 127, die im BBC Radio ausgestrahlt worden waren, mit denen ARCH+ zugleich noch einmal an die Tradition der gedruckten Vorlesungen von Posener anknüpfte. Es dauerte fast zehn Jahre, bis zum gleichen Thema eine Zeitschrift namens “Intelligente Architektur" gegründet wurde, die versucht, dieses Thema allein auszuschlachten.

Die Rückbesinnung auf den Beginn des Jahrhunderts fand auch in der dekonstruktivistischen Bewegung ihren Ausdruck. Das DeCon-Heft besprach auf witzige Art den Dekonstruktivismus bis 1900 mit einem Layout, das das genaue Gegenteil von Dekonstruktivismus war, und untersuchte kritisch die aktuelle  Bewegung als neuesten Ausläufer des Post-Modernismus.

In den darauffolgenden Heften wurden Begriffe wie Intelligent Building, Performance eines Gebäudes, Neue Medien und veränderliche Fassaden in ARCH+ diskutiert. Den Beginn dieser Diskussion markierten die Texte von Reyner Banham und Hassan Fathy zur klimatischen Architektur (Heft 88 und 93), mit denen ARCH+ zwei deutsche Erstveröffentlichungen gelangen.

Einen weiteren Höhepunkt bildete das Heft 111, mit dem Vilém Flusser, Philosoph des elektronischen Zeitalters, in Deutschland bekannt wurde. Er definierte auch, was zur Richtschnur von ARCH+ werden sollte: “Man sollte die Gegenwart an ihrer Zukunft messen, nicht an ihrer Vergangenheit”.

Infolge der politischen Wende in der DDR und der späteren Wiedervereinigung gab es ganz neue Leser in den neuen Bundesländern zu gewinnen. In ARCH+ erschien in Heft 103 ein lapidarer Coupon: “Hiermit spende ich ein Geschenkabo für einen DDR-Bürger”. Mit Wolfgang Kil und Bruno Flierl wurden allerdings vorübergehend zwei Autoren aus der ehemaligen DDR für ARCH+ gewonnen. Kil hatte bereits vor dem Fall der Mauer unter Pseudonym für ARCH+ geschrieben. Die Lesernachfrage im Osten blieb jedoch (wie auch bei allen anderen westlichen Architekturzeitschriften) aus. Heft 103 “Architektur ohne Architekten” widmete sich im Rückblick dem Massenwohnungsbau in der DDR. Über Stadtsanierung im Sozialismus wurde eine Beilage produziert. Das legendäre Berlinheft ist bis dato die einzige unmittelbare Reaktion auf die neue Situation im wiedervereinigten Deutschland geblieben.

Nicht nur die Homebase der Zeitschrift wandelte sich, sondern auch ihr Erscheinungsbild. ARCH+ erhielt durch Otl Aicher neue Impulse. Die Bekanntschaft geht auf die Zusammenarbeit am “Berlinmodell Industriekultur" zurück. In der klösterlichen Abgeschiedenheit von Rotis wurde das neue ARCH+ Layout entwickelt. Neben Architektur und Städtebau sollte auch Design in der Zeitschrift vertreten sein, entweder als ein Design-Heft pro Jahr oder als feste Rubrik. Nach dem tragischen Tod Aichers 1991 mußten diese Pläne jedoch wieder fallengelassen werden.

Von Otl Aicher (Heft 98) wurde nicht nur das Layout vereinheitlicht, sondern zugleich die Rotis-Schrift eingeführt, in der später auch das Logo geschrieben wurde. Das Streamlining stieß zunächst auf Widerstand in der Redaktion. Die neue Corporate Identity setzte sich in Zusammenarbeit mit der Graphikfirma K/PLEX jedoch im zweiten Anlauf durch (seit Heft 112). Über die Zusammenarbeit mit K/PLEX gelang ARCH+ der Einstieg in das Internet. Seit 1996 ist sie im BauNetz online verfügbar.

Die jüngste Geschichte seit 1992

Der zunehmenden Professionalisierung von ARCH+ entsprach auch eine Internationalisierung des Blicks. Die USA rückten seit Beginn der 90er Jahre verstärkt ins Blickfeld, nicht zuletzt aufgrund der intellektuellen Stagnation in Europa. Der grundsätzliche Dissens zwischen den USA und Europa begann bereits in den 80er Jahren. Während sich in Europa die Postmoderne als reine “Stadtreparatur" und als Historismus auf breiter Front durchsetzte und dadurch ein anti-intellektuelles Klima begünstigt wurde, entwickelte sich in den USA, zumindest an den Universitäten, ein neues Bedürfnis nach theoretischer Fundierung und nach Experiment. Insbesondere die Ideen der wichtigsten Vertreter des französischen Poststrukturalismus, wie Michel Foucault, Jacques Derrida, Gilles Deleuze etc., aber auch der Paradigmenwechsel in den Naturwissenschaften (Chaos-, Komplexitätstheorie, Selbstorganisation etc.) flossen in die amerikanische Architekturlehre an der Ostküste, später auch in Kalifornien ein. In der Folge wurden Architekten wie Peter Eisenman zu zentralen Figuren, um die sich eine ganze Generation von jungen Intellektuellen gruppierte: Sanford Kwinter, Greg Lynn, John Rajchman, Jeffrey Kipnis etc. Nach dem Ausruf des “Amerikanischen Zeitalters” (Heft 114/115) wurden nacheinander ihre Texte und Arbeiten vorgestellt (Heft 119/120, 121, 124/125, 128, 131, 139). Aber vor allem Rem Koolhaas rückte wieder ins Visier der ARCH+, weil seine Arbeiten einen Brückenkopf zur amerikanischen Debatte darstellten (Heft 117, 132). Spötter nannten ARCH+ zeitweise REM+.

Die Hefte, die seit 1993 die amerikanische Debatte nach Europa brachten, enthielten allesamt Texte in deutscher Erstveröffentlichung, welche z.T. von anderen europäischen Architekturzeitschriften wie “de Architect" und “Casabella" nachgedruckt wurden. Das entscheidende Merkmal dieser Hefte war, daß sie zwar die amerikanischen Themen fokussierten – Ereignis, Komplexität, Faltung –, aber mit europäischen Projekten illustriert wurden. Dazu zählten nicht nur Arbeiten von offenkundig ebenfalls von den USA inspirierten Architekten wie Bernard Tschumi, Daniel Libeskind und Ben van Berkel, sondern auch das Werk von Frei Otto, dessen Sonderforschungsbereich sich schon früh mit Fragen der Morphogenese beschäftigt hat (Heft 122), oder es wurde der Versuch unternommen, auf der Basis von neueren philosophischen Texten zum Thema Leichtigkeit, verschiedene Arbeiten europäischer Ingenieure und Architekten neu zu interpretieren (Heft 124/125).

Damit unterschied sich ARCH+ nicht nur von einschlägigen amerikanischen Sprachrohren wie “ANY" oder “assemblage", sondern suchte sich selber in der Rolle einer Brücke zwischen den USA und Europa zu etablieren. Jedoch beinhaltet diese Situation ein Dilemma. Der Versuch, die Verknüpfung zwischen der französischen Philosophie und dem Paradigmenwechsel in den Naturwissenschaften nachzuvollziehen, brachte ARCH+ zwar sehr weit nach vorne, jedoch sind zeitgenössische Themen, die den Übergang “vom Maschinenmodell zum Modell des Organismus, von der Energie zur Information und vom Zeitalter der Mimesis zum Zeitalter der Performance" (Kwinter) beschreiben, für viele zu theoretisch und damit auch zu praxisfern. “Viecher und Pflanzen” tauchten in der ARCH+ auf, wie ein Leserbrief süffisant konstatierte.

Im Rahmen dieser Entwicklung begann sich mit dem monographischen Heft über Jacques Herzog & Pierre de Meuron (129/130) eine Schwerpunktverlagerung abzuzeichnen. Der in Europa zunehmend reaktionär besetzte Begriff der “Einfachheit" wurde erneut überprüft. Statt Herzog & de Meuron auf die immer gleichen Themen der Handwerklichkeit, Materialgerechtigkeit und der geometrischen Grundformen zu reduzieren, rückte das Heft ihre Beziehung zur Pop-Art in den Mittelpunkt (“Minimalismus und Ornament"). Im Jahr darauf beschäftigten sich gleich drei Hefte wieder mit aktuellen, europäischen Fragestellungen, allerdings mit amerikanischem Zungenschlag. Heft 132 behandelte augenscheinlich das jüngere Werk von Rem Koolhaas, brachte aber auch zum ersten Mal den Begriff des “Genericism" als Frage nach den Auswirkungen der Globalisierung auf die Stadt nach Deutschland, Heft 133 stellte anhand des EUROPAN-Wettbewerbes vor allem den rigorosen Städtebau der “Generation X" vor, und Heft 134 widmete sich sogar dem klassischsten aller europäischen Themen, dem Wohnungsbau der 90er Jahre, der sich nach Moderne und Postmoderne auf viel komplexere Weise mit der Bestimmtheit und Unbestimmtheit von Grundrißdispositionen auseinandersetzt.

ARCH+ kolportierte die amerikanische Debatte nach Deutschland, aber nicht umgekehrt. Wenn heute etwa Hans Kollhoff in den USA rezipiert wird, dann wohl kaum durch ARCH+. Die Zeitschrift gehört schon allein wegen der Sprache nicht wirklich dazu und wurde zur Berichterstatterin, zum Medium im wahrsten Sinne des Wortes. Seit Heft 107 (1991) waren zwar “english summaries” eingeführt worden und seit Heft 129/130 (1994) ist ARCH+ komplett zweisprachig, jedoch ist der Erfolg zweifelhaft. Die Rückkehr nach Europa war wohl unvermeidlich, dennoch blieb die Distanz zur deutschen Debatte. Sie ist Stärke und Schwäche zugleich. Bezeichnenderweise war das Heft 122 “Von Berlin nach Neuteutonia”, das die Kritik an den Entwicklungen in Deutschland am schärfsten formulierte, das erfolgreichste in der Geschichte der Zeitschrift. Es blieb aber auch mit seiner vorwiegend politischen Stoßrichtung eine Ausnahme in den 90er Jahren.

Am fin de siècle geht erneut eine Ära der ARCH+ zu Ende. “Die Linke ist verlogen, die Postmoderne lächerlich, und High-Tech oft zu einem frechen Ästhetizismus” geworden, wie es Schindler in einem Rundumschlag formuliert. Kritiker der ARCH+ wie Schindler mahnen deshalb einen erneuten Richtungswechsel an. “Das ist hinter den Kulissen nicht umstritten, aber der Blick ist nicht frei”, so Schindler. “Das ständige Auflösen der eigenen Position hat der ARCH+ den Vorwurf eingetragen, keine Linie zu haben und ein Opportunistenblatt zu sein”, hält Günther Uhlig etwa dagegen.

Zu bestimmten Themen hat sich ARCH+ tatsächlich in den letzten Jahren ausgeschwiegen: Das asiatische Städtewunder (außerhalb Japans), Umbrüche im Berufsbild, der globale Blick auf die Welt, Osteuropa, Migration und Überbevölkerung sind nur einige der Themen, die manche Kritiker in der ARCH+ vermissen. Auch die regionalen Debatten in Deutschland zu verknüpfen und wieder eine Verbindung zwischen den unterschiedlichen Universitäten herzustellen, könnte eine neue Aufgabe für die Zeitschrift sein. Andere sehen sie darin, “die Kluft zwischen Entwurf und Theorie zu besetzen, die in den USA noch ungleich größer ist” (Oswalt). Daß “ARCH+ ein Heft für den Nachttisch ist” (Uhlig) und “sich nie darum geschert hat, was Architekten angeht” (Fester), obwohl die überwältigende Mehrheit der Leser Architekten sind, ist dabei noch das geringste Problem. Eine Auflage von etwa 10.000 Exemplaren (davon heute etwa 7.500 Abonnenten) ist immerhin ein großer Erfolg. Und ARCH+ ist nunmal dazu “verurteilt, das zu können, was man nirgendwo lernen kann, und ist zuständig für etwas, worauf man nicht vorbereitet sein kann” (Uhlig).

Dabei spielt Timing eine große Rolle. Schindlers Meinung, daß “die meisten Hefte erst nach zehn Jahren verständlich sind”, wird von der Tatsache, daß sich die Hefte als Back Issues noch über Jahre gut verkaufen lassen, gestützt. Offenbar scheint diese Tatsache inzwischen auch honoriert zu werden. 1996 wurde Nikolaus Kuhnert der Erich-SchellingPreis für Architekturtheorie verliehen.

In gewisser Weise schließt sich nach dreißig Jahren der Kreis: Der Weg zum entwerfenden Architekten ist heute aus anderen Gründen für viele genauso versperrt wie damals. Vielen Architekten geht es mittlerweile wirtschaftlich so schlecht, daß sie empfänglich werden für politische Themen. Nach der Entpolitisierung in Zeiten des Neoliberalismus ist die Zeit wieder reif für eine neue Architekturdebatte.

30 Jahre alt – und kein bißchen weise also? Und alles auf Anfang? Vielleicht wäre das ARCH+ zu wünschen: Weisheit kann den Blick auf das Neue ja durchaus verstellen. Ein Trost: Hinterher ist man immer schlauer. Im Idealfall gilt das auch für die Leser der ARCH+. Ihnen immer voraus zu sein, bleibt der Ehrgeiz der ARCH+. Für die einzige progressive deutsche Theoriezeitschrift bleibt deshalb Spielraum.

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