ARCH+ 226


Erschienen in ARCH+ 226,
Seite(n) 24-29

ARCH+ 226

Die Geschichte der modernen Architektur in Vietnam

Von Trương, Ngọc Lân

In Vietnam war der Prozess dieser Integration nie einfach, da er eng mit der Kolonialisierung und den daraus erwachsenden ideologischen Konflikten verbunden war. Daher hat sich die moderne Architektur in Vietnam nicht harmonisch entwickelt, und die Berufs­praxis vietnamesischer Architekten war das gesamte vergangene Jahrhundert hindurch von politischen und ideologischen Kämpfen sowie und von der Suche nach einer nationalen Identität geprägt.

DIE KOLONIALE VERGANGENHEIT

Mit der Landung französischer Truppen in Đà Nẵng 1858 und der Eroberung von Saigon 1859 begann die Kolonialisierung Indochinas. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab die etablierte intellektuelle Elite des Landes die traditionelle konfuzianische Bildung allmählich zugunsten der Werte des Westens auf. Sie hoffte auf diese Weise einen Weg zu finden, die Geschicke des Landes mitbestimmen und vor der Ausbeutung retten zu können. Für die Kolonisatoren wiederum bestand die Notwendigkeit, innerhalb der einheimischen Bevölkerung eine Schicht zu schaffen, die sich für die Arbeit im Verwaltungsapparat eignet. Daher gründeten die Franzosen Bildungseinrichtungen, von Grund- bis zu Hochschulen, um eine neue intellektuelle Elite heranzubilden, die auch den Berufsstand der Architekten umfasste. Der Unterricht fand in französischer Sprache statt, war eurozentrisch ausgerichtet und hatte die zunehmende Verbreitung der westlichen Kultur in Vietnam zur Folge.

Die Geburtsstunde der modernen Architektur in Vietnam schlägt um das Jahr 1925 mit der Gründung der École supérieure des beaux-arts de l‘Indochine (EBAI) in Hanoi, der heutigen Universität der Schönen Künste Vietnams. Ein Jahr später entstand die Fakultät für Architektur. Zur gleichen Zeit setzte die Verwaltung ihr zweites koloniales Erschließungsprogramm für Indochina um, aus dem heraus viele zusätzliche Einrichtungen, Büros und Gebäude für den Handel sowie Wohnhäuser für Franzosen entstanden. Zudem fanden neue Materialien wie Beton und Stahl und mit ihnen auch neue Architekturströmungen Verbreitung. Die beliebtesten Stilrichtungen waren Art nouveau und Art déco. Der Art nouveau erreichte Vietnam schon sehr früh, allerdings gab es kein Bauwerk, das komplett in diesem Stil errichtet wurde. Er fand sich zunächst nur in Details und einzelnen Gebäudeteilen, sollte aber dennoch prototypisch für spätere Entwicklungen der Architektur in Vietnam werden. 

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