ARCH+ 228


Erschienen in ARCH+ 228,
Seite(n) 174-175

ARCH+ 228

Prinzipien des Selbsterhalts im Zeitalter des Populismus

Von Anders, Kenneth

Als 2016 ein beunruhigendes Wahlergebnis dem anderen folgte, waren schnell die Menschen außerhalb der Ballungsräume als Problemgruppe identifiziert. Man sah sie geradezu vor sich: frustrierte, abgehängte, vergessene Globalisierungsverlierer, die bockig auf dem Land und in den heruntergekommenen Industrieprovinzen der USA oder Englands festsaßen und sich nun durch ein hässliches Votum in Erinnerung brachten. Das politische Rezept gegen diese Entwicklung war auch schnell gefunden: Man müsse diese Menschen mitnehmen, ihnen klarmachen, dass es kein Zurück hinter die Globalisierung gibt und, falls doch, dass man es teuer bezahlen würde. In einer Phase politikmächtiger Demografiediskurse mag zudem mancher gedacht haben: Wenn diese Leute da draußen erst abgewandert oder ausgestorben sind, wird sich das Problem von selbst erledigen. Weder in New York noch in London oder Berlin fallen so viele Menschen auf Populisten herein. Also: weiter so!

Ganz gleich, ob diese Wahlstatistiken und die sich anschließenden Deutungen nun zutreffen oder nicht, die Fortschrittsrhetorik der politischen Globalisierungsgestalter offenbart dennoch ein strukturelles Problem im Umgang mit der Provinz. Aus der Perspektive des vitalen Ballungsraums tritt sie als Zeugin der Vergangenheit auf die Bühne. Sie entwickelt sich nicht im Takt der Zeit, erscheint langsam und zurückgeblieben, also langweilig, bemitleidenswert und aufklärungsbedürftig. Wer so einfallslos in den Wald hineinruft, darf sich über die dumpfe Reaktion nicht wundern. Besser wäre es, zunächst in den Wald hineinzuhören und zu fragen, ob dort Mitteilungen gemacht werden, die etwas mit einem selbst zu tun haben. Mit Demokratie im landläufigen Sinne – wie es gern behauptet wird – haben diese Mitteilungen meiner Überzeugung nach recht wenig zu tun, denn die Menschen in der Provinz haben meistens auch keine besseren Ideen als andere.

Es geht ihnen weniger um Mitbestimmung als um ihre alltäglichen gesellschaftlichen Sorgen. Sobald sie den Eindruck haben, dass diese nicht im Mittelpunkt des politischen Bemühens stehen, wenden sie sich ab. Wer ihre Aufmerksamkeit behalten will, muss sich also kümmern.

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