ARCH+ 231

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Erschienen in ARCH+ 231,
Seite(n) 1-4

ARCH+ 231

Editorial

Von Brandlhuber, Arno /  Grawert, Olaf /  Ngo, Anh-Linh

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ So lautet bekanntermaßen die elfte Feuerbachthese von Karl Marx, dessen 200. Geburtstages die Welt in diesem Jahr gedenkt. Ihre scheinbare Klarheit – hier die kraftlose Abstraktion, dort die revolutionäre Tatkraft – traf denn auch den Nerv der Achtundsechziger, die vor 50 Jahren endlich ans Verändern gehen wollten.

Es war jedoch Friedrich Engels, der nachträglich das ‚aber‘ in die Formel schmuggelte und damit das Verändern gegen das Interpretieren und Reflektieren erst richtig in Stellung brachte. Das Beispiel zeigt, wie trügerisch der Gegensatz zwischen Theorie und Praxis ist. War nicht schließlich der „lange Sommer der Theorie“ (Philipp Felsch), der untrennbar mit 1968 verbunden ist, wirkungsvoller als ihre revolutionäre Performance?

Vielleicht hatte Bruno Taut, als Siedlungsbauer ein Mann der Tat, dessen 80. Todestages wir ebenfalls in diesem Jahr gedenken, so etwas im Sinn, als er die Feuerbachthese kurzerhand umkehrte: „Die Welt interpretieren heißt, sie zu verändern“. Im Klartext: Erst, wenn wir unsere Vorstellungswelt verändern, können wir die Welt verändern. Eine revolutionäre Idee in einer Profession, die so viel auf ihre Macher-Qualitäten gibt. Damit ist die Kernidee dieses Heftes umschrieben, das die Bodenfrage im Fokus hat. Welche Handlungsmacht hat die Architektur in Zeiten, in denen so mancher einen Anarchokapitalismus herbeisehnt?  

Vorstellungsorientierung

Die Frage „Wem gehört der Boden?“ ist für alle Gesellschaften und ihr Zusammenleben von entscheidender Bedeutung. Denn Zugang zu Grund und Boden steuert die Raumproduktion und die gesellschaftliche Ordnung. Und doch wird die Bodenfrage von Architektinnen und Architekten selten explizit behandelt. Liegt es daran, wie Florian Hertweck im ARCH+ features schreibt, dass sie „in erster Linie eine Illusion des Politischen produzieren, nicht zuletzt, weil sie ihre Projekte realisiert sehen möchten“?

Die Tatsache, dass Grund und Boden so lebensnotwendig sind wie Luft und Wasser, verbietet es, ihre Nutzung dem unübersehbaren Spiel der freien Kräfte und dem Belieben des Einzelnen auszusetzen. In der Politik hat es zahlreiche Anläufe gegeben, nach einer Lösung dieser Problematik zu suchen: von Henry Georges Vorstoß einer single-tax über die Reformbestrebungen von Adolf Damaschke und Silvio Gesell in der Weimarer Republik, die im Grundgesetz festgeschriebene Sozialbindung – ­„Eigentum verpflichtet“ –, bis hin zum legislativen Engagement des SPD-Politikers Hans-Jochen Vogel für eine Abschöpfung leistungsloser Bodengewinne, um nur einige zu nennen (für eine umfassende Übersicht siehe die Chronik zur Geschichte der Bodenfrage im Innencover).

In diesem Kontext muss man auch die ‚Recht auf Stadt‘-Bewegung als Auseinandersetzung mit den Prozessen der enclosures of commons unserer Zeit betrachten – der Einhegung gemeinschaftlicher Ressourcen nämlich, die an die historischen enclosures in England erinnern, bei denen vom 17. bis 19. Jahrhundert ein Großteil des zuvor gemeinschaftlich bewirtschafteten Grund und Bodens „eingehegt“, d. h. privatisiert wurde. Kleinbauern wurden enteignet und verloren dadurch ihre Lebensgrundlage, während Groß­­grundbesitzer immer mehr Land unter ihre Kontrolle brachten. Für Karl Marx war diese „ursprüngliche Akkumulation“ das historische Momentum, das den Motor des Kapitalismus zum Laufen brachte. Die gewaltsame Enteignung großer Massen der Landbevölkerung führte auch dazu, dass diese fortan als Proletariat ihre Arbeitskraft verkaufen mussten – eine wichtige Voraussetzung für die Industrielle Revolution in England.

„Die kapitalistische Akkumulation basierte also auf der Produktion von Raum, sprich auf der Änderung der Verfügungsgewalt über die Nutzung des Bodens und auf dem im weitesten Sinne architektonischen Akt der Einschließung durch Hecken und Zäune“, wie Harald Trapp in dieser Ausgabe schreibt. Es gilt, den genuin gewaltsamen Zusammenhang zwischen Kapitalverwertung und Raumproduktion, die nicht nur mit der Privatisierung von Gemeingütern, sondern auch mit der Vernichtung der Behausungen vieler Menschen und deren Verdrängung einherging, angesichts der fortschreitenden Finanzialisierung der Städte und des Wohnraums ins Bewusstsein zu rücken. Der Prozess der Einhegung ist nie abgeschlossen und hat sich unter den Bedingungen des Finanzkapitalismus noch verschärft. Die ­Vorgänge im Zusammenhang mit der Finanzkrise, von der direkten Form der foreclosures bis hin zur Vergesellschaftung der Verluste des Big Capital, finden ihre Parallelen in den historischen enclosures: Wie jene den Motor des Kapitalismus befeuerten, so bildete das Privatisierungsmantra seit den 1970er-Jahren das Momentum für die Entfesselung des Neoliberalismus.

Die Verflechtung von Grundbesitz und Geldwirtschaft ist jedoch keine Erfindung des Neoliberalismus. Vielmehr ist sie, dies wird in dem Grundlagenbeitrag des Philosophen Wolfgang Scheppe zur Grundrente mehr als deutlich, seit jeher hässliche Realität der Stadt. Scheppes umfassende historische Perspektive räumt somit am Beispiel Venedigs mit der These auf, dass die Finanzialisierung der Stadt ein Übel der jüngsten Zeit sei. Er verweist dabei auf die Arbeit von Werner Sombart, welcher nicht zufällig in seinem Hauptwerk Der moderne Kapitalismus (1902) eine Theorie der Stadt entwickelt habe, und schreibt: „Weil die beschränkte Fläche der Überbauung eines Stadtgebiets mit einer ungeheuren und vordem unbekannten Zusammenballung von Konsumenten die Monopolstellung der geringen Zahl von Adelsfamilien, denen es gelungen war, grundherrliche Verhältnisse in die urbs zu pflanzen, eine ebenso unbekannte Wertsteigerung ihres Grundbesitzes bescherte, sieht Sombart in der Grundrente, ‚die Mutter der Stadt‘. […] In den urbanen Großgrundbesitzern, die die Stadt unter sich aufteilten, identifiziert er die genuinen Städtebildner.“

Doch das heute für die Normalbürgerin faktisch unbewohnbar gewordene Venedig macht Scheppe zufolge klar, dass sich trotz der historischen Kontinuität dennoch etwas radikal geändert hat: Während die Grundbesitzer früher zur Erzielung der Grundrente auf die Bevölkerung angewiesen waren, gilt heute in den touristisch attraktiven Zentren der umgekehrte Fall: Die Ortsansässigen sind den Verwertern des Grundes im Weg. Das unproduktive, weil raumgreifende Wohnen kann mit dem Ertrag, den die Kunstszene und der Tourismus ermöglichen, nicht mithalten. Die Folge: Im Zuge der Vermarktung von Stadt muss der bisherige Stadtbewohner verschwinden, weil er im globalen Wettbewerb um die Ressource Raum underperformt.

Praxis

Was tun? Wenig, weil es keine andere Alternative gibt als den Boden zu politisieren. Viel, weil bisher noch jeder daran gescheitert ist. Doch es führt kein Weg an einer umfassenden Reform vorbei, wenn wir die Stadt als Gemeingut für alle definieren wollen. Das fängt damit an, dass wir unsere Vorstellungsorientierung verändern, indem wir Grund und Boden mithilfe einer Philosophie des Bodens denaturalisieren, sprich das Verständnis dafür stärken, dass Land immer ein kulturelles, soziales und somit politisches Produkt ist (siehe hierzu den Beitrag von Milica Topalović). Und wir müssen uns gegen die Argumente der Gegenseite wappnen, die das Dogma der Privatisierung propagieren!

So bietet die naturrechtliche Begründung des Grundeigentums durch John Locke, auf den sich viele Apologeten des Privateigentums beziehen, indem sie es als investierte Arbeitsleistung rechtfertigen, einen Angriffspunkt: Indem Locke den Besitzanspruch mit Arbeit verknüpft, verknüpft er zugleich ökonomische und politische Theorie. Hier lässt sich ansetzen, um eine politische Ökonomie der Stadt zu entwickeln und aufzuzeigen, dass der Ist-Zustand bezüglich Eigentum und Zugang, wie das erste Kapitel heißt, alles andere als ‚natürlich‘ ist.

Ein Bereich, dessen Ordnung seit jeher als naturgegeben dargestellt wurde, ist die häusliche Sphäre. Zwar lieferte Karl Marx mit seiner Kritik der politischen Ökonomie eine profunde Theorie der kapitalistischen, industriellen Produktionsweise. Doch blendete er die Reproduktionsarbeit aus – also alle Tätigkeiten im häuslichen Bereich wie Kindererziehung, Pflege, Kochen, Putzen und Haushaltsführung, die bis heute aus der ökonomischen Gleichung herausfallen und noch immer überwiegend zu Lasten von Frauen gehen. Diesen blinden Fleck deckt das zweite Kapitel zu den Themen Produktion und Reproduktion mithilfe der feministischen Theorie auf und widmet sich dem häuslichen Bereich als genuin politischem Ort, an dem sich gesellschaftliche Konventionen und Geschlechterhierarchien in ihrem Wandel materialisieren. Der häusliche Bereich bildet daher einen Möglichkeitsraum für die Entwicklung neuer Formen von Gemeinschaft und des Gemeinschaffens, um das traditionelle Heim zu überwinden. Schließlich kann man die Bodenfrage nicht diskutieren, ohne die Wohnungsfrage zu berühren. Beide sind auf das Engste miteinander verwoben.

In diesem Sinne will diese Ausgabe von ARCH+ zu einer Reform der Bodenpolitik anregen – es gilt, die bodenpolitische Handlungsfähigkeit der Kommunen wiederherzustellen, um eine sozial gerechte Ordnung zu erreichen. Die Vielzahl an Beiträgen zur Politik und Wirtschaft zeigen die vorherrschenden Konfliktlinien, aber auch mögliche Potentiale einer Neudefinition, die als Fernziel den Boden, und damit die Stadt als Gemeingut formuliert.

Es gibt Alternativen zur eigentumsrechtlichen Regelung der Verhältnisse zwischen Menschen und dem Boden, auf dem sie leben. Dies wird in Naomi Kleins Essay über den Kampf der nordamerikanischen Ureinwohner um ihre angestammten Landnutzungsrechte deutlich. Im Zentrum steht die Ermächtigung der Menschen, die in neuen Solidaritätsnetzwerken die Durchsetzung bestehender Rechte einfordern und zugleich neue Grundrechte aushandeln. Das dritte Kapitel nimmt daher die Begriffe Recht und Solidarität in den Blick. Dabei müssen wir die Perspektive um den Kontext des globalen Kapitalismus erweitern. Denn die territoriale Unterwerfung des Globus im Zuge des Kolonialismus setzt sich aktuell unter dem Stichwort land grabbing als Mittel der kapitalistischen Akkumulation fort (siehe hierzu den Beitrag von Oana Bogdan). Dabei zeigt sich, dass unser Rechtssystem zugunsten des Finanzkapitals angelegt ist, welches das Konzept der Nationalstaatlichkeit längst hinter sich gelassen hat und eine Mobilität genießt, von der Menschen nur träumen können.

Doch trotz Finanzialisierung, Digitalisierung und Virtualisierung verschwindet der Raum nicht aus der Gleichung. Längst geben sich globale Technologieunternehmen wie Google, Microsoft, Airbnb oder Uber nicht mehr mit der Kommerzialisierung aller sozialen Handlungen zufrieden. Sie investieren ihre Börsengewinne in Immobilien und Land. Ihrer jeweiligen Unternehmenslogik folgend, beginnen sie zudem damit, selbst Städte der Zukunft zu planen. In Projekten wie Sidewalk Toronto des Alphabet-Google-Start-Ups Sidewalk Labs werden die Bewohnerinnen als Datenquelle erschlossen, welche mittels künstlicher Intelligenz die Verteilung von Raum regulieren soll. Lassen sich die Instrumente des Plattform-Kapitalismus auch positiv wenden, wie es Trebor Scholz mit seinem Konzept des Plattform-Kooperativismus vorschlägt?

Ausblick auf eine Praxis der Commons

Welche Instrumente gibt es, Grund und Boden als Gemeingut zu nutzen und zu bewirtschaften? Im ersten Schritt können Gewinne aus Baulandverkäufen und Immobilienspekulationen begrenzt beziehungsweise die Profite für die Allgemeinheit abgeschöpft werden, etwa auf der Basis neuer Steuerinstrumente. Weiterhin bieten sich etablierte Modelle wie Bodenfonds, Bodenstiftungen, Community Land Trusts und Erbbaurecht an. Auf lange Sicht müssen Prinzipien der Gemeinwirtschaft zur Grundlage der städtischen Ökonomie werden. Wie die Praxis der Commons, auch Commoning oder Gemeinschaffen genannt, aussehen kann, werden wir in der kommenden Ausgabe im Rahmen des Projekts An Atlas of Commoning: Orte des Gemeinschaffens gemeinsam mit dem ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) untersuchen. Die Instrumente der Veränderung sind vorhanden, doch geht es zunächst, wie Manuel Shvartzberg Carrió betont, „um eine radikale Umdeutung dessen, was Veränderung heißt, und um die radikale Demokratisierung jener Prozesse, mit denen Veränderung umgesetzt wird“. Kurz: Es kommt darauf an, die Vorstellungsorientierung zu verändern.

Die Ausgabe entstand zusammen mit den Gastredakteuren Arno Brandlhuber und Olaf Grawert (station+, DARCH, ETH Zürich) und knüpft inhaltlich an den Film Legislating Architecture – The Property Drama (D 2017) an, der gemeinsam mit dem Regisseur Christopher Roth realisiert wurde. Legislating Architecture beschreibt ein Denk- und Handlungsmodell, welches die Regeln und Gesetzmäßigkeiten der Architektur thematisiert. Architektur wird nicht nur als gebaute Umwelt, sondern als gesellschaftliches Feld verstanden. In diesem Nebeneinander materieller – gebauter, räumlicher – und immaterieller – 
politischer, wirtschaftlicher – Aspekte entstehen Handlungsräume, die Architektinnen und Architekten imaginieren und besetzen können. The Property Drama ist der zweite Film einer Serie und widmet sich den Fragen nach Grund und Boden und deren Zugänglichkeit und Nutzung: Wer gestaltet Gesetze? Was gestaltet Architektur? Wem gehört der Boden? Und warum?

Die Publikation ist zudem hervorgegangen aus der Forschungsarbeit für das Projekt An Atlas of Commoning: Orte des Gemeinschaffens, einer Ausstellung des ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) in Zusammenarbeit mit ARCH+. Sie bildet die theoretische Hinführung zur Ausgabe ARCH 232 An Atlas of Commoning: Orte des Gemeinschaffens, die sich explizit mit der Praxis der Commons und den Ausstellungsinhalten auseinandersetzt.

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