ARCH+ 232

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Erschienen in ARCH+ 232,
Seite(n) 4-5

ARCH+ 232

Editorial

Von Gruber, Stefan /  Ngo, Anh-Linh

Der Begriff commoning und seine deutsche Entsprechung gemeinschaffen als Verb bezeichnet die Prozesse um die (Re)Produktion materieller wie immaterieller Gemeingüter. Gemeinschaffen steht dabei ideell für die Suche nach der Alternative eines selbstbestimmten Lebens jenseits von Markt und Staat. Wie nicht anders zu erwarten, gestaltet sich die Emanzipation von bestehenden Machtstrukturen in der Praxis selten reibungslos. Entsprechend spielt sich Gemeinschaffen in umkämpften Feldern ab, die von unterschiedlichsten Ideologien vereinnahmt werden. Das Spektrum reicht vom deutschen Mietshäuser Syndikat, das Wohnraum dauerhaft dem Immobilienmarkt entzieht (S. 76), bis zum von AirBnB initiierten Yoshino Cedar House, bei dem die „Sorgearbeit“ einer Dorfgemeinschaft in die Logik des Plattformkapitalismus überführt wird (S. 84). Diesen Kontroversen gegenüber versucht sich der Atlas of Commoning, der für die gleichnamige Tourneeausstellung des ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) von ARCH+ und der School of  Architecture der Carnegie Mellon University entwickelt wurde, nicht an einer einheitlichen Definition des Gemeinschaffens, sondern zeichnet vielmehr eben dieses Ringen nach. Es geht dabei darum, die Spannung zwischen den deklarierten Zielen und dem Aushandlungsprozess einer jeden situierten kollektiven Alltagspraxis herauszuarbeiten. Nur so lässt sich das Gemeinschaffen in seinem eigentlichen Wesen erschließen.

Der Atlas of Commoning versammelt dementsprechend Projekte des Gemeinschaffens in Hinblick auf ihre Regelwerke sowie ihren architektonischen und räumlichen Ausdruck. Den Ausgangspunkt der Konzeption bildet ein Atlas im Sinne des berühmten Kulturwissenschaftlers Aby Warburg (1866–1929): ein visuelles Archiv mit vielfältigen Fallbeispielen aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Durch die visuelle Gegenüberstellung unterschiedlicher Projekte arbeitet der Atlas Differenzen heraus und hebt Gemeinsamkeiten hervor. Diese Zusammenstellung geht in eine vertiefte Untersuchung dreier thematischer Spannungsfelder über, in denen sich die Konflikte des Gemeinschaffens abspielen: Eigentum – Zugang, ProduktionReproduktion und RechtSolidarität.

Eigentum – Zugang beschäftigt sich mit den klassischen Fragen, die sich im Zusammenhang des Gemeinguts stellen, und hinterfragt unser Verständnis von Eigentum. Heute eröffnet der rasche Zugriff auf Ideen, Güter und Dienstleistungen im Gegensatz zum dauerhaften Besitz neue Möglichkeiten des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Dabei ist das Teilen nicht mehr zwingend mit persönlichem Verzicht verbunden, wie das Beispiel des Prinzessinnengartens zeigt (S. 88). Hinzu kommt, dass die neuen Formen des Teilens eine vielversprechende Perspektive für ein ressourcenschonenderes Dasein bieten.

Allerdings birgt die derzeitige Umwandlung des Teilens in eine Sharing Economy zugleich die Gefahr, prekäre Arbeitsverhältnisse und soziale Ausgrenzung zu verschärfen. Der neue Plattformkapitalismus und die Hyperkommerzialisierung sämtlicher Lebensbereiche versperren einer wachsenden marginalisierten Bevölkerungsschicht den Zugang zu Ressourcen, die für das Leben und seine kulturelle Entfaltung essentiell notwendig sind. Neben Luft, Wasser und Nahrung zählen auch Grund und Boden zu diesen umkämpften Ressourcen. Für Architekt*innen und Planer*innen ergibt sich daraus eine Verantwortung, im Ringen um ein kollektives Recht auf Stadt Stellung zu beziehen. Jedoch muss es das Ziel von Prozessen des Gemeinschaffens sein, eine Öffnung der Commons, weg von ihrer Vorstellung als „befreite Enklaven“, zu ermöglichen. Es gilt dabei, urban commons jenseits von alternativen Inseln des Widerstands zu denken und Fragen des Maßstabs, der Dauer und des systemischen Wandels einzubeziehen.

Stavros Stavrides sieht den gemeinsamen Raum – common space – als unabgeschlossenen Schwellenraum, der wiederum Schwelleninstitutionen benötigt, um das Gemeinschaffen als offenen Prozess zu erhalten (S. 14). Für Stavrides nutzen die Menschen in dem Raum, der als Gemeingut geschaffen und belebt wird, nicht einfach nur einen Ort, der von einer Autorität – der Gemeinde, dem Staat, der öffentlichen Institution et cetera – zur Verfügung gestellt wird, sondern sie formen diesen entsprechend ihrer kollektiven Anforderungen und Wünsche. Jenseits der Kontrolle durch öffentliche oder private Autoritäten entstehen gemeinschaftliche Räume aus dem gemeinsamen Handeln einer selbstbestimmten Gemeinschaft. Während öffentlicher Raum zwangsläufig als Identität wahrgenommen wird – er ist, das heißt, er gehört zur Autorität –, wird der gemeinschaftliche Raum meist immer wieder neu definiert: Gemeinschaftlicher Raum geschieht und wird durch das Handeln des Kollektivs geformt. Eine Aufgabe des Commons-Diskurses wird sein, das Dilemma der Institutionalisierung zu lösen. Denn nur durch einen kontinuierlichen Aushandlungsprozess lässt sich laut Stavrides der Akkumulation und Konsolidierung von Macht und Ausschließungsmechanismen vorbeugen. Entsprechend tritt der Atlas für ein Verständnis von Commoning ein, welches jenseits des reinen Teilens materieller und natürlicher Ressourcen die anhaltende soziale Praxis und die aktive Handlung betont: Commoning ist ein Verb (siehe das Interview mit Massimo De Angelis, S. 26).

Produktion – Reproduktion widmet sich der Auflösung jener Funktionstrennung, die die Moderne etabliert hat, von Wohnen und Arbeiten oder von öffentlich und privat. Das Kapitel blickt auf neue, kollektive Formen der Lebensgestaltung jenseits der Paradigmen des 20. Jahrhunderts, deren Grundlage die Genderpolitik der häuslichen Arbeit bildete. Nach wie vor werden unbezahlte Sorgearbeit und soziale Reproduktion weltweit überwiegend von Frauen geleistet. Die kritische feministische Auseinandersetzung mit der marxistischen Ökonomie legt Hausarbeit als eine verschleierte Form produktiver Arbeit offen. Unbezahlte Reproduktionsarbeit unsichtbar zu machen, ist aber nur eine von vielen Strategien, mit denen im Kapitalismus Kosten externalisiert werden. Sehr häufig werden Probleme einfach geografisch ausgelagert, um den übermäßigen Verbrauch von Ressourcen, Umweltzerstörung und die Ausbeutung von Menschen zu verschleiern und unser eigenes Handeln auf bequeme Weise von der Verantwortung zu entkoppeln.

Dem setzt die Commons-Debatte ein erweitertes Wirtschaftsverständnis entgegen, in dem alle Formen der Arbeit, bezahlte und unbezahlte, Produktions- und Reproduktionsarbeit als wertschöpfend anerkannt werden. Zudem weist Kim Trogal in ihrem Beitrag darauf hin, dass die Sorgearbeit selbst eine Form der Raumproduktion ist. So hatten die Experimente mit der Vergemeinschaftung der Hausarbeit im 19. und frühen 20. Jahrhundert zur Folge, „dass der häusliche Arbeitsplatz neu organisiert wurde sowie sich genossenschaftliche Organisationsformen und neue Architekturen entwickelten“ (S. 122). Ähnlich hat Silvia Federici in ARCH+ 231 The Property Issue argumentiert: Die Emanzipation müsse sich zuallererst gegen die gender-hierarchische Arbeitsteilung und die Abhängigkeit marktwirtschaftlicher Produktionsverhältnisse von der Küche richten. Erst wenn die häusliche Sphäre zur Arena kollektiven politischen Lebens wird, und kollektive Formen reproduktiver Arbeit die Basis sozialer Reproduktion werden, können alternative, auf Solidarität, Commons und Suffizienz basierende Formen des Wirtschaftens nachhaltig greifen. Für die Architektur bedeutet dies, das Denken in Dichotomien von Öffentlichkeit versus Privatheit zu überwinden. Räumliche Grenzen müssen neu verhandelt werden, häusliche Tätigkeiten in die Öffentlichkeit ausgreifen und vice versa Räume kollektiver und kooperativer Sorge auch zu neuen Typologien der Gemeinschaft führen. So führt in der Züricher Wohngenossenschaft Kalkbreite die gestaffelte Vervielfältigung von Küchen, von der privaten Teeküche über die gemeinschaftliche Cluster-Wohnungs-Küche hin zur zentralen, buchbaren Profiküche zu einem Überangebot an Kochgelegenheiten, die dazu anregen, die alltägliche reproduktive Arbeit des Kochens zwanglos zu kollektivieren (S. 140).

Recht – Solidarität erforscht schließlich den Begriff der universellen Rechte im Kontext des globalen Kapitalismus. Es werden neue Modelle der Governance diskutiert, die über die Grenzen der Nationalstaaten hinausreichen. Zentral für viele Konzepte der Commons ist die spezifische Gemeinschaft, die ein Gemeingut herstellt, erhält, besitzt, pflegt oder teilt. Das wirft unmittelbar die Frage nach der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft von Commonern auf. Damit steht das Commoning in einer problematischen Tradition: Im Unterschied zum Konzept der Gesellschaft verweist der Begriff der Gemeinschaft traditionell auf Gruppen, die durch eine kollektive Identität geeint sind und sich durch Ausschluss und Abgrenzung konstituieren. Aber der Begriff hat nicht nur eine exkludierende Dimension, sondern ist antimodern: Zygmunt Bauman hat darauf hingewiesen, dass ihm das Narrativ des Gemeinschaftsverlusts anhaftet, die Vorstellung eines Verfalls von Gemeinschaftlichkeit durch gesellschaftlichen Wandel. Demzufolge waren schon die Schriften des frühen deutschen Soziologen Ferdinand Tönnies zum Verhältnis von Gemeinschaft und Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anschlussfähig für identitäre Strömungen, die in der Volksgemeinschaftsschimäre des Nationalsozialismus gipfelten. Heute berufen sich Rechtskonservative und Neue Rechte wieder auf den Begriff der Gemeinschaft. Auf der anderen Seite beklagen Vertreter des linken Spektrums die zunehmende Individualisierung und Entsolidarisierung der Gesellschaft und entwickeln deshalb alternative Konzepte des Commonings. Auf dieses prekäre Verständnis von Gemeinschaft, das zwischen identitärer und emanzipativer Aneignung changiert, geht Juliane Spitta in ihrem Grundsatzbeitrag ein. Ihr zufolge kann ein Rückbezug auf die Fiktion der Gemeinschaft nur emanzipativ wirken, wenn wir dabei die engen Grenzen identitärer Zugehörigkeit überwinden und nicht nur solidarisch, sondern auch global denken (S. 20).

Es geht dabei um den „Zugewinn von Freiheit und Handlungsfähigkeit“ für die, die noch nicht dazu gehören, wie etwa beim Projekt des City Plaza Hotels in Athen (S. 218). Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise besetzten Aktivist*innen der Flüchtlingshilfe ein verlassenes Hotel in der griechischen Hauptstadt und machten aus dem Gebäude, das wie viele andere leer stehende Gebäude zu einem Symbol für die Krise in Griechenland geworden war, ein leuchtendes Beispiel der Solidarität. Grundlage des Projekts, das ohne staatliche Finanzierung auskommen muss, ist eine kollektive Organisation der Reproduktionsarbeit. Das City Plaza Hotel ist mittlerweile mehr geworden als eine Unterkunft für Geflüchtete, nämlich die gelebte Antithese zur Festung Europa. Im Gegensatz zum Projekt Western Sahara, bei dem die Geflüchteten über Jahrzehnte in einem Commoning-Prozess quasistaatliche Institutionen aufgebaut haben und nun eine Autonomie für sich beanspruchen (S. 210), ist das City Plaza Hotel ein Beispiel für die vorstaatliche Institutionalisierung.

An Atlas of Commoning

Zwischen den verschiedenen Ländern auf der Welt gibt es große kulturelle Unterschiede, was das Verhältnis von Individuum, Gemeinschaft und Gesellschaft anbetrifft. Das westliche Modell, bei dem das Individuum im Vordergrund steht, ist global betrachtet in der Minderheit. Während 
Commoning in westlichen Gesellschaften derzeit für großes Interesse sorgt, sind seine Logiken in anderen Regionen eine Selbstverständlichkeit. Doch die Folgen des kapitalistischen Systems mit seiner Praxis der Kommodifizierung und Privatisierung haben globale Auswirkungen. Die gravierendsten Folgen sind der menschgemachte Klimawandel und die Verknappung von Rohstoffen, die drängende Fragen nach dem Eigentum an globalen Gemeingütern und der Verantwortung für weltweite Ressourcen aufwerfen.

Inwieweit kann Commoning vor diesem Hintergrund als Schnittstelle oder Anknüpfungspunkt für interkulturelle Verständigung dienen? Um diesem Ziel näherzukommen, haben wir den Atlas selbst als physische Plattform des Austausches und als Ausgangspunkt für gemeinschaftliche Handlungskonzepte angelegt. Die zunächst 25 ausgewählten Kernprojekte des Atlas of Commoning werden im Zuge der Ausstellungstournee an den verschiedenen Orten unter Mitwirkung lokaler Akteur*innen ergänzt und erweitert. Der Atlas ist somit als ständig wachsendes Wissensarchiv angelegt, dem immer neue lokalspezifische Fälle hinzugefügt werden können, wenn die Ausstellung an verschiedenen Orten gezeigt wird. Dadurch kann sich der Schwerpunkt der Aussagen im Atlas verschieben. Der hier präsentierte Atlas ist also nur einer von vielen, die noch entstehen werden. Er ist eine Momentaufnahme in einem offenen, fortlaufenden Prozess der Ko-Produktionen und dem Verhandeln von Architektur und dem Gemeinschaffen von Orten, Räumen und Strukturen.

 

Wir danken unseren Kolleg*innen vom kuratorischen Team für die bereichernde Zusammenarbeit: Elke aus dem Moore, Mirko Gatti, Christian Hiller, Max Kaldenhoff, Christine Rüb.

Großer Dank geht speziell an Elke aus dem Moore für den Mut und die Weitsicht, dieses Ausstellungsprojekt in Form eines Commoning-Prozesses initiiert und ermöglicht zu haben.

Ein besonderer Dank gilt Sabina Klemm für die umsichtige und kollegiale Projektleitung seitens des ifa; Stadelmann Schmutz Wössner Architekten (Ausstellungsarchitektur) sowie Heimann + Schwantes (Ausstellungsgrafik) für die kongeniale Umsetzung des Konzepts; Rainer Hehl für die erfolgreiche Kooperation im Rahmen des Modellbauseminars.

Meiré und Meiré sind wir für die Unterstützung bei der Realisierung der Publikation zu besonderem Dank verpflichtet.

Und nicht zuletzt danken wir allen Studierenden der School of 
Architecture der Carnegie Mellon University und der TU Berlin für die fruchtbare Zusammenarbeit.

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