ARCH+ 232


Erschienen in ARCH+ 232,
Seite(n) 32-43

ARCH+ 232

Die Konstruktion von Gemeingütern – Ausblick auf eine andere Architekturtheorie der Stadt

Von Avermaete, Tom

Ausgangspunkt dieses Textes ist ein gewisses Unbehagen. In den letzten Jahren gewann eine Fülle von innovativen aktivistischen Initiativen, Forschungsarbeiten und Projekten an Dynamik, die sich mit den „Commons“, den Gemeingütern, beschäftigt. 
In vielen Bereichen der Theorie und Praxis – von Ökologie und Geografie bis hin zu den Medienwissenschaften – ist das Thema Gemeingüter zu einem wichtigen Bezugspunkt geworden. Dieser rasanten Entwicklung liegt ein neuer Denkansatz in den Wirtschafts-, Politik- und Gesellschaftswissenschaften zugrunde, der unsere Gesellschaftsstrukturen radikal neu zu organisieren versucht. Inspiriert von der wegweisenden Publikation Governing the Commons (1990) der Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom fokussieren diese Theorien auf 
so genannte „Allmende­ressourcen“ oder „Gemeinressourcen“,   um unsere Alltagsgüter jenseits der vorherrschenden Diskurse von Marktwirtschaft und staatlichen Interventionen zu betrachten. In ihrem Buch Die Welt der Commons (2015) führen Silke Helfrich und David 
Bollier aus, dass dafür eine neue „Praxis des Commoning“ erforderlich ist, die unser herkömmliches Verständnis von Politik, Wirtschaft und Kultur infrage stellt.

Dem Wert der Stadt als gemeinschaftliche Ressource und als eine der wichtigsten direkt erfahrbaren Erscheinungsformen eines Gemeinguts der Gesellschaft wird in diesen allgemeinen Theorien allerdings wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Architektur- und Stadttheoretikerinnen haben begonnen, sich mit der Frage der städtischen Commons zu beschäftigen, fassen diese jedoch hauptsächlich als kollektive Praktiken in der gebauten Umwelt auf. Die Ansätze beziehen sich wahlweise auf Partizipationsprozesse, gemeinsame Bauvorhaben oder kollektive Verwaltung. Dies sind natürlich wichtige Aspekte, aber sie betreffen in erster Linie das, was Richard Sennett als „Rituale, Freuden und Politik der Kooperation“ bezeichnet,3 und lassen alle anderen Aspekte der städtischen Gemeingüter außen vor. Folglich wurde das Potential, das die Idee der Commons für eine neue Sicht auf die Architektur der Stadt hat, bisher nicht ausgeschöpft; es blieb ein unscharfer theoretischer Begriff.

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