ARCH+ 233


Erschienen in ARCH+ 233,
Seite(n) 26-29

ARCH+ 233

Gesellschaft der Norm

Von Muhle, Maria

Im 1976 erschienenen ersten Band seiner Histoire de la sexualité mit dem Titel La volonté de savoir (Der Wille zum Wissen) spricht Michel Foucault von der „biologischen Modernitätsschwelle“, die die Gesellschaft in jenem Augenblick überschreitet, in dem die Existenz der Gattung in den Fokus der Machtmechanismen rückt: „Jahrtausende hindurch ist der Mensch das geblieben, was er für Aristoteles war: ein lebendes Tier, das auch einer politischen Existenz fähig ist. Der moderne Mensch ist ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht.“

Dies bedeutet, dass die Macht sich fortan nicht mehr vornehmlich auf den Tod als zentrales Mittel einer souveränen, repressiven Politik bezieht, sondern im Gegenteil das Leben sich als Zielscheibe einer biopolitisch geprägten Macht etabliert, das es zu unterstützen, zu regulieren und zu führen gilt. In einem solchen Machtregime werden mithin auch die starren Dispositive der repressiven Macht durch produktive, veränderbare ersetzt, deren zentralstes dasjenige der Norm ist: Die biopolitische oder gouvernementale Norm, deren Ziel es ist, das Leben zu erhalten und zu implementieren, greift nicht von außen als reiner Zwangsmechanismus auf die Subjekte zu, wie dies beim souveränen Gesetz der Fall ist, sondern reg(ul)iert diese quasi von innen, indem sie fremd- und selbstregulierende Techniken miteinander verschaltet beziehungsweise weitestgehend ununterscheidbar macht.

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