ARCH+ 234


Erschienen in ARCH+ 234,
Seite(n) 72-81

ARCH+ 234

Die Geheimnisse der Macht: 
Über die Entwicklung 
westlicher Rechennormen

Von Pasquinelli, Matteo

„Die Statistik ist etymologisch die Kenntnis des Staates, die Kenntnis der Kräfte und der Ressourcen, die einen Staat in einem gegebenen Moment charakterisieren. […] Das ist es, was man damals die arcana imperii [die Geheimnisse der Macht] nannte und was eindeutig ein Bestandteil der Staatsräson war, und insbesondere die Statistiken sind lange Zeit als Geheimnisse der Macht, die nicht veröffentlicht werden dürfen, betrachtet worden.“

Michel Foucault: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung – Geschichte der Gouvernementalität, 1978

 „Im Nichtraum der Matrix besaß das Innere jedweden Datenkonstrukts eine unendlich große subjektive Dimension.“

William Gibson: Neuromancer, 1984

 

Die Statistik als arcanum imperii

Macht hatte schon immer damit zu tun, Körper und Populationen zu vermessen. Sie hing von der möglichst geschickten Auslegung der erhobenen Zahlen für die Zwecke politischer Entscheidungen und Strategien ab. Die ersten uns bekannten Volkszählungen fanden vor fünf Jahrtausenden in Ägypten und Mesopotamien statt, und man kann sich leicht eine Vorstellung von ihrer Bedeutung für die landwirtschaftliche Planung und Nahrungszuteilung machen. In seiner berühmten Vorlesungsreihe am Collège de France Sicherheit, Territorium, Bevölkerung (1978) zeigt Michel Foucault, dass sich das Wissen des Staates vor allem in der Neuzeit eher als „Kenntnis der Dinge“ denn als „Kenntnis der Gesetze“ entwickelte und dass diese Staatswissenschaft beziehungsweise Statistik wesentlich auf Zahlen gründete. In der Statistik suchte Foucault nach einer Mathematik des Staates im Unterschied zur Mathematik des Kapitals, dem traditionellen Gegenstand der politischen Ökonomie (wenngleich die beiden oft insgeheim miteinander verbunden sind). Laut seinen Quellen entstand diese Disziplin aus der harten Konkurrenz der deutschen Kleinstaaten des 18. Jahrhunderts, und auch das Wort Statistik soll der Jurist und Ökonom Gottfried Achenwall 1749 erfunden haben. Die Notwendigkeit, Kenntnisse über Territorium und Bevölkerung zu sammeln, brachte eine neue Generation von Verwaltungsapparaten hervor, die sich bald auch als militärisch vorteilhaft erwiesen. Da die gesammelten Kenntnisse über die Zivilbevölkerung, Volkswirtschaft und Infrastruktur leicht zum Ziel geheimdienstlicher Tätigkeit des Gegners werden konnten, war es nötig, diese Daten über das Gemeinwesen als arcana imperii unter Verschluss zu halten – so pflegten die Römer die „Geheimnisse der Macht“ zu nennen, die einen strategischen Vorteil über den Feind beinhalteten.

Interessanterweise wurde der Polizei eine Schlüsselrolle bei der Wissensproduktion über den Staat zugewiesen, schließlich hatte die deutsche Polizei als Institution ursprünglich eher eine Verwaltungs- als eine Disziplinaraufgabe. Während Foucaults Geschichtsschreibung allgemein das Spiel der Macht in den Insti­tutionen des Wissens, der Wissenschaft und der Medizin, weniger in denen von Recht und Ordnung betonte, kehrte sich im Fall seiner Untersuchungen zum deutschen Kameralismus und der Polizeiwissenschaft dieses Verhältnis geradezu um.

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!