ARCH+ 234


Erschienen in ARCH+ 234,
Seite(n) 92-103

ARCH+ 234

Sind wir noch Menschen? 
Anmerkungen zur Archäologie des Designs

Von Colomina, Beatriz /  Wigley, Mark

Seit der Einführung des Mobiltelefons im Jahr 1983 erfahren die Biologie und das Wesen des Menschen tiefgreifende Veränderungen. Das kleine, flimmernde, summende und piepsende Objekt in unserer Hand könnte das prothetische Gerät sein, das den Menschen gravierender transformiert als alle anderen zuvor.

 Heute gibt es auf der Erde mehr aktivierte Mobiltelefone als Menschen. Zwei Drittel der Weltbevölkerung besitzen mindestens ein eigenes, und mehr als 80 Prozent aller Menschen haben zumindest Zugang zu einem Mobiltelefon. Damit haben mehr Menschen Zugang zu Mobiltelefonen als zu WCs oder zur Elektrizität. Den größten Zuwachs erleben wir derzeit in Asien und Afrika, wo bereits mehr als 40 Prozent der Menschen ein Mobiltelefon besitzen. In naher Zukunft wird man kaum noch einen Menschen ohne ein solches Gerät finden. Längst ist das Objekt zu einem integralen Bestandteil unseres Körpers und unseres Gehirns geworden. Eine wie auch immer geartete Diskussion über Gestaltung kann eine Auseinandersetzung mit diesem Neuentwurf des Menschen nicht vermeiden. Wahrnehmung, soziale Interaktion, Erinnerung und sogar das Denken selbst sind zunehmend an das Mobiltelefon geknüpft. Das Gerät ist nicht mehr bloß ein Accessoire des menschlichen Lebens, sondern die Grundlage einer ganz neuen Spezies.

Das Mobiltelefon ist häufig der erste und der letzte Gegenstand des Tages, den die Menschen berühren – mit einer Zärtlichkeit, wie sie normalerweise einem Baby zuteilwird. Die meisten schlafen mit ihrem Telefon in unmittelbarer Reichweite, und immer mehr Menschen nehmen es sogar mit zu sich ins Bett. Ohne ihr Telefon fühlen sie sich nackt, unzulänglich und schutzlos. Es ist ein primärer Kanal nicht nur ihres persönlichen und sozialen Lebens, sondern auch ihres Arbeitslebens, und es verwischt ständig die Grenzen zwischen beiden Sphären. Die Zeit, die Menschen damit verbringen, aufs Telefon zu schauen, nimmt unaufhörlich zu. In Ländern wie den USA, deren Bewohner keineswegs zu den exzessivsten Usern gehören, checken die Leute ihr Telefon mehr als hundert Mal täglich, und sie benutzen es knapp fünf Stunden. Die meisten von ihnen unterschätzen die Zeit, die sie am Telefon verbringen, um etwa die Hälfte. Eine vor Kurzem veröffentlichte Studie zum Gebrauch von Smartphones zeigte, dass der Durchschnittsuser sein Telefon eine Million Mal jährlich wischt, tippt oder drückt. Gut ein Viertel der schulpflichtigen Kinder in Südkorea benutzt das Smartphone mehr als sieben Stunden am Tag. Und diese Mittelwerte steigen.

Das mobile Gerät ist an jedem erdenklichen Ort, zu jeder erdenklichen Stunde im Gebrauch, und es spielt sogar dann eine integrale Rolle in unserem physischen und geistigen Leben, wenn wir es nicht benutzen.

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